Marburg, Montag, dm 2.
1872
Nr. 207
V
Olnrhessische Zeitirng
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Mittheilung erfolge, dies erst nach der Begegnung der Monarchen geschehe und daß diese Mittheilung von den leitenden Ministern der drei Großstaaten in Berlin gewissermaßen vorberathen und daö betreffende Acten- stück in möglichst homogener Form abgefasst werden solle.
Prag, 30. Aug. Die „Bohemia" schreibt: In Betreff des Ausgleichs mit dem Exkönige von Hannover habe man in Berlin ausgedehnte persönliche Zuge- ständnisse (m Sachen der Gütersequestration) gemacht, die Möglichkeit staatsrechtlicher Concessionen jedoch in Abrede gestellt. — Daffelbe Blatt will von Zerwürfnissen zwischen dem König von Baier» und dessen Mutter wissen. Als Ursache wird die Zurückhaltung des Königs dem deutschen Kronprinzen gegenüber angegeben.
Pest, 31. August. Die feierliche Eröffnung deS Reichstages findet den 3. Sept, statt. Der serbische Patriarchats-Verweser Stockovits ist seiner Functionen enthoben und Bischof Gruics an dessen Stelle zum Patriarchats-Verweser ernannt.
Paris, 31. Aug. Der Belagerungszustand scheint, wie aus einer Erklärung des Unterrichts-Ministers Dufaure hervorgeht, noch auf unbestimmte Zeit fortdauern zu sollen. Dieser Minister widersprach nämlich im Generalrath der unteren Charente, als dieser den Wunsch ausdrückte, daß in diesem Departement der Kriegszustand aufgehoben werde. Nach den Worten des Ministers zu urtheilen, wird also der Ausnahmezustand in einem Drittheile Frankreichs vor der Hand noch aufrecht erhalten werden. Thiers selbst ist übrigens vollständig dagegen, daß man den Belagerungszustand aufhebt. Er ist jedoch keineswegs für denselben, weil er die Radicalen fürchtet, sondern er hält denselben für nothwendig, um die Bonapartisten im Zaum zu halten, die, wie er weiß, auf die Aufhebung desselben warten, um mit aller Energie ihre Umtriebe aufzunehmen. — Der offiziöse National bespricht die in der letzten Zeit in Paris vorgenommenen Verhaftungen. Derselbe will aus bester Quelle wissen, daß die Verhaftungen, welche seit einem Jahre wegen com- munistischer Angelegenheiten vorgenommen wurden, nicht über 35 betragen. — ThierS wird nächsten Montag in Paris erwartet, um mit den Ministern Rath zu halten. In Lyon herrscht eine gewisse Erregung, da der neue Präfect sich mit Gewalt in Besitz der Gemeindeschulen, welche den Congregationen zurückgcgeben werden sollen, gesetzt und die von der Stadt in denselben angeftellten Lehrer vertrieben hat. — Don Carlos soll sich in der Nähe der Grenze befinden und nach Spanien übertreten wollen. — Die französische Polizei fahndet auf ihn. Die offiziösen Blätter stellen in Abrede, daß der Papst eine die eventuelle Vornahme eines Conclaves in Frankreich betreffende Note an die Versailler Regierung gerichtet habe. — General Da- voust ist mit seinen Offizieren zu den Manövern nach England abgereist. — Das kommunistische Blatt
dies nochwendige Zusammenwirken aller dieser drei Factoren so entsetzliches Mißtrauen hegen könne, als ob diese Gesammtheit den Herren Partikularisten als ein Feind gegenüber stünde. In den Befugnissen, die dem Kaiser zuständen, sei keine Gefahr zu erblicken; auch in denen des Bundesraths und des Reichstags liege keine Gefahr, wenn man bedenke, daß ein einheitliches Zusammenwirken nothwendig sei. Er könne sich die Bitte nicht versagen, daß Diejenigen, welche die Thaten Derer, die nach der Einheit streben, wie er, mit Mißtrauen ansehen, doch auch einmal einen Theil dieses Mißtrauens ihrer eigenen Landesgesetzgebung zuwenden und sich fragen möchten, ob die Landesgesetze mit den Ministerien die Garantie dar- bielen, etwas Besseres und Unbefangeres zu leisten, als der respektabel zusammengesetzte Reichstag. Was der Juristentag beschlossen, dürfe nicht nach den Buchstaben der Resolutionen beurtheilt werden, sondern nur im Zusammenhang mit den Verhandlungen in den Abtheilungen. Schließlich dankte er Frankfurt und sprach den Wunsch aus, das Oberreichsgericht möge hier seinen Sitz haben.
Braunschweig, 29. Aug. Die Nachricht der „Braunschw. Ztg.", hinsichtlich der braunschweigischen Erbfolgefrage bestehe bereits eine von dem Landes- versammlungsausschuß genehmigte vertragsmäßige Regelung, wird jetzt von dem „Braunschw. Tageblatt" entschieden in Abrede gestellt. Darauf antwortet jedoch die „Braunschw. Ztg." heute: „Trotz des Dementis, mit welchem das „Braunschw. Tageblatt" unserer Behauptung entgegentritt, sind wir in der Lage, dieselbe nicht nur vollständig aufrecht zu erhalten, sondern wir können noch hinzufügen, daß der betreffende Vertrag über die Thronfolge in Braunschweig im Jahre 1870 nicht lange vor dem Ausbruche des Krieges abgeschlossen ist, und zwar unter Zustimmung bezw. Mitwirkung der Krone Preußen". '
München, 31. Aug. Das „Süddeutsche Corre spondenzbüreau" meldet: Mit aller Bestimmtheit verlautet, daß der Cultusminister v. Lutz die Entlassung erbeten und erhalten habe. Der Rücktrit des ganzen bisherigen Ministeriums und die Berufung eines Ca- binets Gasser - Lerchenfeld - Bomhard - Lobkowitz dürfte unmittelbar folgen.
ämSIiwIi.
Wie«, 31.Aug. Die „Neue freie Presse" erklärt gegenüber den neuesten circulirenden Andeutungen, Graf Andrassy habe anläßlich der Drei-Kaiser Begeg- nung an die Vertreter Oesterreichs im Auslande eine namentlich Frankreich und Italien beruhigende Circulardepesche gerichtet, daß eine derartige Circulardepesche bislang nicht existire und überhaupt vor der staltfin- denden Begegnung der Monarchen in Berlin keinerlei diplomatische Mittheilung seitens der bethciligten Mächte ergehen dürfte. Man scheine in dieser Beziehung einig zu sein, daß, wenn überhaupt eine diplomatische
„als Vormund. Als solcher bin ich berechtigt, Gewalt anzuwenden, wenn mein Mündel in Güte nicht folgen will, der Gedanke ist gut. Jetzt zählt Euer Geld."
Der Beamte zählte die Goldstücke und schob sie in die Tasche.
„Vergeßt nicht, Vorsicht!" warnte er, „unter den Dorfbürgermeistern gibt eS Manche, die in Jedem, der ihnen einen Paß vorzeigt, gleich einen Betrüger, einen Verbrecher wittern."
„Seid unbesorgt," unterbrach Schmelzer ihn ge- lassen, „ich möchte einem solchen Bürgermeister nicht ralhen, in mir etwas anderes, als einen wirklichen Gendarmen zu wittern, meine Klinge möchte mit seinem Schädel sonst in etwas unsanfte Berührung kommen. Gehabt Euch wohl, sobald ich drüben bin, schreibe ich Euch, damit Ihr nicht länger in Sorge und Un- gewißheit schwebt."
Als der Amerikaner das Weinhaus verließ, blieb er einen Augenblick zögernd auf der Schwelle stehen. Zu seiner Gefangenen mochte er noch nicht zurück- gchen, vor ihm lag eine mehrwöchenlliche Wanderschaft, reich an Strapatzen und Entbehrung, darum wollte er noch einmal den heutigen Tag genießen. In der Kleidung, welche er augenblicklich trug, kannte ihn
Ei« böses Gewissen.
Von Ewald August König.
(Fottsetzung.)
Schmelzer ging, ohne ein Wort zu erroiebern, wieder hinaus, und wartete in dem bezeichneten Wein- Hause auf den Beamten, der seinem Worte getreu, noch vor Ablauf einer halben Stunde erschien.
„Gehen wir in das Cabinet," flüsterte der Beamte, indem er einen Blick über die Gäste warf, „wir können dort unser Geschäft ungestört abmachen."
»Habt Ihr die Papiere mitgebracht?" fragte der Amerikaner, als die beiden hinter der Flasche in dem Stübchen saßen, dessen Thür sie hinter sich verriegelt hatten.
„Alles in bester Ordnung, unterschrieben und mit dem Amtssiegel versehen," erwiderte der Beamte, „nur bitte ich Euch, geht vorsichtig damit um, Ihr wißt, daß meine Ehre, mein Amt davon abhänzen."
„Narrenspossen! Glaubt Ihr, ich werde Mißbrauch damit treiben?" versetzte Schmelzer. „Gebt her, ich habe Eile."
„Erst das Geld, dann die Papiere!"
Der Amerikaner legte die Rolle auf den Tisch. „Hier sind zwanzig Louisd'orS, die Summe, um welche wir mit einander einig wurden."
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Aug. Die Ankunft Sr. Majestät deS Kaisers, welche gestern Abend erfolgte, hatte sich durch den Aufenthalt unterwegs fast um eine Stunde über den vorher bestimmten Termin verzögert. Es war fast 10 Uhr geworden, bis der Kaiser eintras. Officieller Empfang auf dem Bahnhose fand in Folge Allerhöchster Anordnung nicht Statt. Schon lange vor 9 Uhr hatte sich eine beträchtliche Menschenmenge auf dem ganzen Wege von dem neuen Potsdamer Bahnhofe bis zum Palais aufgestellt und den Kaiser mit lautem Jubelruf empfangen und begleitet. Der Kaiser saß im offenen Wagen neben seinem Adjutanten und ewiderte huldvoll den Zuruf der Menge. Heute fanden im königlichen Palais viele Audienzen Statt, die Minister, eine Anzahl hoher Militärs und später die Mitglieder der königlichen Familie, so weit sie zur Zeit hier anwesend sind und der Großfürst Nikolaus von Rußland erschien im königlichen Palais, wo nunmehr auch Ihre Mäjestät die Kaiserin eingetroffen ist und der Großherzog und die Großherzogin von Baden bis spätestens zum Dienstag erwartet werden. UebrigenS ist man im Hofmarschallamt noch dauernd mit Vorkehrungen beschäftigt, welche sich auf den Empfang der hohen Gäste des Hofes beziehen. Für das große Gefolge, welches die fürstlichen Gäste mit sich führen, ist Seitens des Hofmarschallamts Wohnung in den ersten Hotels gemiethet worden. Auch der große Wagenpark und Pferdereichthum des königlichen Mar stalls erweist sich in keiner Weise als ausreichend für den Bedarf zu den bevorstehenden Festtagen. Man hat sich daher zur Entnahme von Wagen und Pferden bei den hervorragendsten Fuhrwerksbesitzern entschließen und denselben horrende Preisforderungen bewilligen müssen. — Neueren Bestimmungen zufolge wird der Kaiser von Oesterreich seinen hiesigen Aufenthalt bis nach dem Namenstage des Kaisers von Rußland ausdehnen.
Frankfurt a. M., 31. August. Juristentag. Die zweite Plenarversammlung bot nur den Reflex der in den einzelnen Abtheilungen gepflogenen Bera- thungen und der bereits mitgetheilten Beschlüsse. Hierauf folgte die Wahl der ständigen Deputation. Professor Dr. Gneist schloß alsdann den 10. Juristentag mit einer Ansprache, in welcher er hervorhob, daß ein billig Denkender, welcher die Lage der deutschen Verhältnisse übersehe, noch lange nicht werde schelten dürfen, daß der Juristentag centralisire. Welche Nation sei in Europa noch in der Lage gewesen, absolut einheitliche Elemente einer einheitlichen Gesetzgebung zu entbehren, als die deutsche. Er begreife wohl das Mißtrauen, das man hege gegen die Einheit der Centralgewalt in Deutschland, gegen die Gefahr einer übermächtigen Centralisation im BundeSrath, gegen die Gefahr einer Centralisation durch eine große Volksvertretung auf einer so weiten Basis, aber schwer fei eS ihm, zu begreifen, wie man gegen
„Und hier ist Euer Paß, wonach Ihr als Gendarm den Auftrag habt, die irrsinnige Giftmischerin nach Bremen zu bringen," sagte der Beamte, indem er ein Papier entfaltete, welches er dem Vagabunden überreichte. „Euer Signalement ist genau, ob das Eurer Gefangenen ebenfalls zutrifft, müßt Ihr selbst wissen, Ihr hattet es mir so angegeben."
Der Amerikaner warf einen flüchtigen Blick auf daS Papier. „Es genügt'" entgegnete er, „keine Behörde wird es wagen, die Richtigkeit dieses Papiers anzugreifen."
„Jedenfalls thut Ihr wohl, die größeren Städte zu vermeiden —"
„Natürlich," fuhr Schmelzer fort, „ich werde so viel wie möglich auf der Landstraße bleiben und, wenn es angeht, im Freien übernachten. Und nun das zweite Papier!"
„Hier ist es," entgegnete der Beamte. „Sobald Ihr die Rolle deS Gendarmen fallen lassen wollt, oder gezwungen werdet, sie fallen zu lassen, bedient Ihr Euch dieses Passes, laut welchem Ihr als Vormund Eurer Begleiterin nach Amerika zurückreist."
Ein Lächeln triumphirenden Hohnes umspielte die Lippen des Schurken. „Ah, das ist gut," sagte er,
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