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Oberhessische ZeitunM
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Zeitung mit Kreisblatt durch bk Expedition (floch'sch« Buchdruckerei) bezogen 22; Ggr., durch die Postämter 27 Sgr. fi Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für Sos Ausland excl- Stempel 22 ®gr. — IntertionSgebühr für di« gespaltene Zeile 1 Egr. Slimmtliche Annoncen-BüreauS nehinen Inserate an. > 1 .
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Der zweite September.
Mit Recht rüsten wir uns zur Feier eines Gedenktages, der an jene welterschütternden Ereignisse uns mahnt, zu bencn rin gleiches Beispiel wir vergeblich in der Geschichte aller Völker suchen. Mit frevelndem Uebermuth hatten am 19. Juli Frankreichs Herrscher und Volk den Fehdehandschuh uns hingeworfen, der zweite September war die Antwort darauf! Vergegenwärtigen wir unS zunächst die Bedeutung dieses Er eignisses durch jene Depeschen, mit denen unser König uns Kunde gab -bon diesem großen weltgrschicht ljchen Act.
Der Königin Augusta tu Berlin. '
Sedan, 2. Sept., 2'/z Uhr Nachm. Die Capi- tulation, wodurch die ganze Armee in Sedail kriegsgefangen ist, soeben mit dem General Wimpffen geschlossen, der an Stelle des verwundeten Marschalls Mac Mahon das Commando führte. Der Kaiser Hat sich nur mir selbst ergeben, da er daS Commando nicht Aeführt und Alles der Regentschaft in Paris überlätzt. Seinen Aufenthalt werde ich bestimmen, nachdem ich ihn gesprochen habe in einem Rendezvous, das sofort stattfindet. Welch eine Wendung durch GotteS Führung 1 Wilhelm.
Telegramm an Jhre vtaj- die Königin Augusta in Berlin
Larennes, 4. Sept., Vorm. 8 Uhr. Welch ein ergreifender Augenblick, der der Begegnung mit Napoleon! Er war gebeugt aber würdig in seiner Haltung und ergeben. Ich habe ihm Wilhelmshöhe bei Kassel zum Aufenthalt gegeben. Unsere Begegnung fand in einem kleine» Schlößchen vor dem westlichen Glacis vor Sedan statt. Von dort beritt ich die Armee um Seoan. Den Empfang durch die Truppen kannst Du Dir denken! Unbeschreiblich! Beim Einbrechen der Dunkelheit, halb 8 Uhr, hatte ich den fünfstündigen Ritt beendigt, kehrt« aber erst um 1 Uhr hierher zurück. Golt helfe weiter l Wilhelm.
Ja der Tag von Sedan war der sittliche Höhepunkt dieses Krieges. An jene Stunde, in welcher unter den hneinbrechenden Schatten deS Abends der Oberfeld-
Herr der deutschen Heere auS den Händen des Generals Reille das Ergebungsschreiben deS französischen Kaisers enipfing, ringsum die deutschen Schaaren zum letzten gewaltigen Stoß bereit, unten im Thalgrunde des Feindes Macht eng zusammengedrängt und der Vernichtung preisgegeben, dahinter Sedan in Rauch und Flammen gehüllt, in welchen das zweite Empire versank — an jene Stunden knüpfen sich die mächtigsten Erinnerungen dieses an Thate» und Ehre» so reichen FeldzugS. Blickten doch selbst die Sieger stau -nend auf den ungeheueren Erfolg, der sich gleich einem Gottesgericht an ihnen vollzog. Man fühlte es, es war nicht nur die Entscheidung einer Schlacht, eö war ein Wendepunkt der Weltgeschichte, vor welchem man stand.
So wöge denn auch mit Recht der zweite September dem deutschen Volke sein nationaler Festtag sein, zum treuen Gedächtniß Derer, die daS große Ergebniß mit ihrem Leben erkauften, zur Anerkennung für die Lebenden, zur Mahnung den kommenden Geschlechtern! Wie Gott in den Donnern dieses Tages zu seinem ganzen Volke sprach, so möge dieser-Tag auch fortan in jeder Stadt, in jedem Ort des neucrstandenen oeutscheii Reiches ein hehrer Dank- und Festtag sein Alljährlich mögen am 2. September die Flammen von allen deutschen Bergen herniederleuchten und*die Glocken von allen deutschen Thürwen hallen Und alles Volk einen zu wiederholtem Danke für Gottes gnädigen Beistand, den er in schwerer Zeit dem deutschen Volke erwiesen hat. Ja, er möge Alle einen, auf daß ihre Fürbitte sei immerdar:
Gott schütze Kaiser und Reich!
P-tttische W-chnl-Uebersicht.
Kaiser Wilhelm hat Gastein verlassen und sich nach Berlin zurückbegeben; der beabsichtigte Besuch bei dem kaiserlich österreichischen Hofe in Ischl unterblieb in Folge eines Faßleidens unseres Kaisers. Kaiserin Augusta ist von ihrem Aufenthalt in Süddeutschland nach Berlin zurückgekehrt, und der Kronprinz des deutschen Reiche« hat nach Beendigung der Jnspek- .ZJv.-ii»--- -------,t-i . — ■ui-.Tr.;.'. at= m
tionen in Baiern sich nach Darmstadt begeben, wo er seitens des Hofes — der Großherzog war von Friedberg nach Darmstadt gekommen — wie von den städtischen Behörden am Bahnhofe festlich und herzlich empfangen wurde, wird sich von da ebenfalls nach Berlin zurückbegeben. ebenso treffen die Minister von ihr^n Sommerausflügen in Berlin wieder ein, Fürst Bismarck wird am 1. Sept, eintreffen und nicht nur den Festen der Kaiserbegegirung beiwohnen- sondern auch den Kaiser bei der Jubelfeier in. Westpreußen begleiten. — Bischof Ketteler in Mainz Hal den Versuch gemacht, die bundesräthliche Anweisung vom 5. Juli dahin auözulegen, daß mit dem Verbote der Ordensthäiigkeit der Jesuiten nicht die Untersagung der Seelsorge ausgesprochen sei. Die neueste Nummer der „Prov.-Corresp." brachte einen ausführlichen, dies« Ansicht gründlich widerlegenden Artikel. — In München und Darmstadt sind die beiden erledigte« Minister- Posten noch nicht wiederbesetzt.
Den ungarischen Reichstag wird der Kaiser von Oesterreich am 1. Sept in Pest eröffnen und am 5. die Reise über Dresden nach Berlin antreten. — In dem in Wien am 24. gehaltenen Ministerrathe wurde der vom ungarischen Ministerpräsidenten auS« geaebeitete Text der Thronrede festgestellt, mit dem Lonyay am 26. wieder in Pest eintraf, um denselben Deal mitzutheilen. Die Thronrede wird in erster Linie das bereits im Entwürfe fertige neue ungarische Strafgesetz, die Reform des Oberhauses und das neue Wahlgesetz, als unbedingt im nächsten Legislatur-Cyklu- durchzuführen, erwähnen. Die Gerüchte über Vertagung der Delegationen wurden officiel widerlegt: der 16. September bleibt als Termin der Einberufung fest. * ;
Der schweizerische Bundesrath hat einen über den Bau deS Gotthardtunnels mit dem Unternehmer L. Favre abgeschlossenen Vertrag genehmigt, sich jedoch Verhandlungen über die Betheiligung des technischen Personals rc. vom Mont CeniS-Tunnelbau Vorbehalten. — Die brasilianische Regierung hat den mit der Schweiz abgeschlossenen Conjular Vertrag von 1861
Ei« böses Gewiss««.
Bon Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Unb weshalb?" fragte Gottfried erstaunt.
„Sie fragen noch?" — Reden wir offen mit einander. „Weshalb haben Sie den Bürgermeister Zhres Ortes gemordet?"" e
Gottfried stand sprachlos vor Erstaunen vor dem Fragenden, der in diesem Schweigen und Erblaffen nur die Angst des bösen GewiffenS sah.
„Sagen Sie ehrlich, war cs überlegter Plan oder nur Nothwehr, waö Sie zu diesem Verbrechen trieb?"
„Keines von beiden", entgegnete Gottfried mit bebender Stimme, entrüstet, daß man auf ihn diesen Andacht werfen könnte.
„Bevor ich Ihnen aber über die Ereigniffe der vrrwichenen Nacht, die unS manches Räthsel enthüllen >vird, Bericht erstatte, sagen Sie mir, ob man mich wirklich in Verdacht hat und worauf sich dieser Ver dacht stützt."
„Die Sache ist einfach", entgegnete der Advokat. „Eine Frau au« Ihrem Dorfe hat Sie hntte Morgen in aller Frühe gesehen, und zwar gerade in dem Augen blick, in welchem Sie das Haus des Bürgermeisters verließen. Neugierig, was zu so früher Stunde Sie zu Wetterau führen könnte, nähnte sie sich dem Hause. Sie fand die Thür offen, ging hinauf, sah den Bürgermeister erdrosselt im Bette liegen und behauptete, ®U auf ihr Geschrei die Leute herbeieilten, Sie seien der Mörder. An Gründen, welche diese Behauptung wahrscheinlich machen, fehlt es nicht" —
„Schon gut", fiel Gottfried ihm ins Wott. „Sie werden diesen Verdacht unbegründet finden, sobald Sie angehört habe« "
Er berichtete jetzt sein Zusammentteffen mit dem pagabunben, wiederholte die Worte deffelben, wie sie ihm im Gedächtniß geblieben waren, und erklärte hinaus den Grund seiner Anwesenheit in dem Hause hkS Bürgermeisters.
Der Advokat hatte, während Gottfried sprach, einige Notizen gemacht.
„Würden Sie jenen Menschen wieder erkennen?" fragte ersetzt. '
„Ganz gewiß.* • n .-
„Auch wenn er die Kleider gewechselt hat?"
„Auch daun. Seine Züge, wie der Ton seiner Stimme haben sich meinem Gedächtniß so tief eingeprägt, daß ich sie sobald nicht wieder vcrgeffen werde."
„So lassen Sie uns ungesäumt ans Werk schrei ten", fuhr Schacht fort, indem er die Schelle zog. „ES unterliegt keinem Zweifel, daß jener Vagabund heute Morgen in die Stadt zurückgekehrt ist, um dem Rentier Bericht abzustatteit, wir müffen suchen, ihn ausfindig zu machen. Rufen Sie augenblicklich den Polizeikommissar", wandte er sich zu dem eintretenden Schreiber, „sagen'Sie ihm, ich müsse in einer wich tigen und dringenden Angelegenheit mit ihm reden. — Er kennt die Kneipen und Schlupfwinkel jener Schurken", fuhr er fort, als der Schreiber sich entfernt hatte, „wenn er uns begleitet, dürfe» wir fast mit Gewißheit darauf rechnen, daß wir unfern Mann finden."
So gerne Gottfried vorher »och seinen Vater be sucht hätte, blieb ihm doch nicht die Zeit dazu, er sah wohl ein, daß kein Augenblick zu verlieren war, wenn die Verfolgung des Vagabunden zu dem gewünschten Resultat führen sollte.
Der Commiffar ließ nicht lange auf sich warten, Schacht weihte ihn mit wenigen Worten in die Sachlage ein, verschwieg aber dabei, daß der Mörder Wet- teraus auch im Verdacht stehe, Krämer gemordet zu haben.
Der Beamte kannte den Menschen nicht, er erinnerte sich wohl, ihm vor Wochen einmal begegnet zu fein, wußte aber über seinen Namen und Aufenthalt nichts Näheres anzugeben.
Der Commiffar vertauschte seine Uniform gegen einen Civilanzug, und die Drei traten ihre Wanderung an.
Der Zufall wollte, daß Ernst ihnen begegnete, als dieser ihr Vorhaben und die näheren Details erfuhr, schloß er sich dem Kleeblatt an.--
Schmelzer wat, nachdem er seine Gefangene verlassen hatte, in die Stadl zurückgekehrt. Die Landstraße vermeidend, weil er befürchtete, der Rentier könne durch irgend einen Zufall die Entführung seiner Tochter gleich nach seiner Rückkehr in den Gasthof entdecken und dem Entführer nachsetzen, schlug er einen Fußpfad ein, der auf einem ziemlich beträchtlichen Uinlpegc durch das entgegengesetzte Thor in die Stadt führte.
In der Stadt angelangt, eilte er unverzüglich in daS Viertel, welches ausschließlich von der ärmeren Bevölkerung bewohnt wat. Hier, in einer engen Gasse trat er in das finstere Gewölbe eines Trödlers, wo er einen ziemlich abgenutzten Rock eines Spießbürgers: kaufte, den er sofort in dem Gewölbe gegen seine bisherigen Kleiber umtauschte.
Der Anzug bestand nur auö Rock, Hose unb Mühe; um die unsaubere Weste und den nichts weniger als frisch gewaschenen Heindkragen zu verbergen, knöpfte bet Vagabund den Rock bis u ters Kinn zu, rückte die Mütze tief ins Gesicht und schlug, in seinem Aeu- ßeren einem unverschuldeten in Armuth unb Elend gerochenen Familienvater nicht unähnlich, den Weg zum Rathhause ein. Hier trat er in daS Paßbureau, in welchem ein noch ziemlich junger, schmächtiger Mann emsig arbeitete.
„Eure Papiere sind fertig, Ihr könnt sie nachher holen", rief bet Beamte dem Eintretenden entgegen, während er sich demselben näherte; „sie liegen dem Bürgermeister zur Unterschrift vor, Ihr müßt Euch so lange gedulden. — Geht in den goldenen Schwan und erwartet mich", fuhr er leise fort, indem er seine Lippe dem Ohr de« Amerikaners näherte, „ich bin in längstens einer halben Stunde bei Euch."
(Fortsetzung felgt) Z 'Z