Einzelbild herunterladen
 

Marburg, Sonnabend, den 31. August.

Nr. 2 OS

tä)ha>i'J

tA v,i 1872

. ■;!;> *$ $j5 .nzz.b.t.^ .

Af • < "V »M A / ■ .."'Zx f J r w *

OderhMche Zeit««!,.'

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal de, Oberhesfischen »eituug mit «reittlatt durch die Expedition (Slo&lÄi Buchdrucker«») bezogen 82, -®6t., durch dre Postämter 27 ®gt. 6 ffg. (ejd. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 22 «ar —

JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate ap. ® *

Er fand den Akt zwischen den Werthpapieren. Heldau hielt unschlüsfig das Papier lange in der Hand. Sollte er es wieder in die Schatulle legen, oder es dem rechtmäßigen Eigenthümcr übergeben? Auf der einen Seite machte er sich des Diebstahls schuldig, auf der andern verhinderte er einen Betrug.

Krämer hatte sich ebenfalls auf ungesetzlichem Wege dieses Aktes bemächtigt, mußte er eö nicht alS eine Vergeltung deS Schicksals betrachten, wenn ihm daS Papier geraubt wurde? Abgesehen hiervon', ließ er das Document in der Schatulle, welche Folgen konnten daraus entstehen? Ernst war vielleicht seines recht mäßigen Eigenthums beraubt, selbst das Gesetz konnte ihn gegen den Schurken nicht schützen; — nein, nein, er thal gewiß nicht unrecht, wenn er den Akt behielt und dadurch dem jungen Manne zu seinem Rechte verhalf. Rasch steckte Heldau daS Papier in seine Tasche.

Um jeder Aenderung seines Entschlusses, zu der ihn vielleicht aufkeimende Reue oder Gewissensangst bewegen konnte, vorzubeugen, warf er den Schlüssel der Schatulle durch bas Fenster weit hinaus in die Gärten, fand Krämer ihn bei seiner Rückkehr nicht, so mußte er annehmcn, daß er ihn verloren habe.

Entdeckte er dann auch, daß man ihm das Do cument geraubt hatte, so war eS noch immer zweifel­haft, ob sein Verdacht auf Heldau stel, da jener das unbegrenzte Vertrauen seines Herrn genoß, vielmehr mußte sein Argwohn den Entführer Mathildens treffen. — Heldau kannte jenen Menschen; in welchem Verhältniß derselbe zu dem Rentier stand, wußte er nicht, er glaubte aber bemerkt zu haben, daß jenes Verhältniß ein sehr vertrauliches war, und schloß daraus, daß der Vagabund das Werkzeug zur Herbei schaffung des Dokuments gewesen sei.

Der Buchhalter schloß jetzt die Thür sorgfältig zu, übergab dem Wirth den Schlüffe! uiib ging dann nach Hause, um den Akt bet Wittwe einzuhändigen.

Frau Heller bezeigte eine lebhafte Freube, als sie bas Papier empfing unb es gelang ihr, die Gewisse»-- skrupel deS Buchhalters zu beseitigen.

7. ' * '*.?■

Gottfried schlug, nachdem er da- Haus des Bürger­meisters verlasien hatte, unverzüglich den Weg zur Stadt ein. Er wollte zuerst mit dem Advokaten reden und dann dem Vater den Tod der Mutter mittheilen.

Für seinen Schmerz um den Verlust, den er er­litten, wahr es sehr gut, daß die Ermordung WetterauS und die Hoffnung den Vagabunden in der Stadt wiederzufinden, seine Gedanken beschäftigten; rascher als die Zeit linderte die GeisteSthätigkeit den Gram, der seinem Herzen tiefe Wunden schlug.

Wohl war eS eine harte Aufgabe für Gottfried, dem Vater diese Trauerbo^chsft zu bringen, er wußte, mit welcher Liebe der alte Mann an seiner Gattin hing, er ahnte die Verzweiflung, welche sich der Seele des Vaters bemächtigen würde. ‘ '

Aber Schulz war auch ein Mann, der den Schlägen des Schicksals eine eiserne Stirne bot, der fich dem Willen der Vorsehung ohne Murren fügte und auf diese Festigkeit, auf diese fromme Ergebenheit baute Gottfried.

Wie drängte eS ihn, am Herzen des Vaters Trost zu suchen und dafür wieder Trost zu geben! — Gewiß, oer Schmerz um eine geliebte Toote verliert viel von seinem Stachel, wenn ein geliebtes Herz ihn theilt.

Als Gottfried im Hause des Advokaten anlangte, war dieser schon .ausgegangen und der junge Mann beschloß, die Rückkehr deffelben abzuwarten. Aber Stunde auf Stunde verann, Schacht kehrte noch immer nicht heim. Die Schreiber zuckten die Achseln; Der Doctor habe hinterlassen, er gehe ins Eefängniß zu einem Klienten, von dort werde er zurückkehren, sagten fie, wahrscheinlich ziehe sich die Eousultation so sehr m die Länge. . '

Gottfried konnte endlich seine Ungeduld nicht mehr

für de» Monat September werden aus die „Oberhesfische Zeitung" von allen Postanstalten und auf dem Lande von den Landpostboten angenommen. ' j

Deutsches «-ich. X

•» Berten, 29. Aug. Die „Germania" ist sehr erbittert über den Leitartikel der gestrigen „Prov.- Corresp." und namentlich darüber, daß in diesem Ar. Ukel nachgewiesen wird, daß es unzweifelhaft sei, wie das Reichsgesetz auch auf die Seelsorge jedes einzelnen Jesuiten Anwendung finde. DaS katholische Blatt findet eS befremdend, daß die „Prov.-Corresp." das Änschreiten gegen die Jesuiten auf die Stimme der Nation zurückführt. Es ist jedenfalls mit vollem Rechte geschehen, daß das halbamtliche Blatt gerade diesen Punkt besonders hervorgehobe» hat, denn es entspricht diese« durchaus der Geschichte deS Gesches, welche zeigte, daß die Abfichte« der Reichsregierung im Volke den günstigsten Wiederhall sanden; wenn die preu­ßische Regierung jetzt bei der Ausführung des fog. Jesuitengesetzes mit ganzer Strenge vorgeht, so ist da« nur ein Beweis, daß man in Preuße» mit den Intentionen der Reichsregierung vollkommen einver standen ist. Gegenüber der Bemerkung der „Prov.- Corresp." daß Papst Clemens XIV. bereits die Ge­fährlichkeit des Jesuitenordens erkannt und in Folge dessen den Orden aufgehoben habe, weiß die „Ger­mania" nur die Ausflucht, daß dies eine rein admi nistrative Maßregel gewesen sei und kein Substract der Lehre von der Jnfallibilität gebildet habe. Auf diese Aeußerung der „Germania" ist nur zu erwidern, daß eS jedenfalls von der höchsten Bedeutung ist, daß die höchste Autorität der katholischen Kirche br reit« damals über die Schädlichkeit des Jesuitenordens so geurtheilt habe, al« heute in Deutschland die Re gierung. — In einzelnen Blättern wird angeführt, da« jetzige Fußleiden deS Kaisers sei nur eine Fort­setzung deS Leidens, welche« Allerhöchstdmselben im Monat April befallen haste. Diese Angabe ist durch »US unrichtig; das jetzige Leiden befindet sich an dem linken Fuße. — Dem Bundesrath ist ein Gesetzen,-

r 1 1 ' ~

Ein böseS Gewissen.

Von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Die Angst und Unruhe Krämers wuchs mit jeder Ainute; endlich schellte er, um sich bei dem Kellner zu erkundigen, wann seine Tochter ausgegangen sei.

Der Kellner zuckte die Achseln und erwiederte, daS Fräulein sei in Begleitung eines verdächtig aussehen den Menschen gleich nach dem Frühstück davongefahren, wohin, wisse er nicht, wenn er nicht irre, habe er ge­hört , jener Mensch wolle sie in die neue Wohnung ihre« Vaters bringen.

Krämer erkundigte fich nach dem Aeußern dieses Menschen und sank, alS der Kellner ihm den Anzug deffelben beschrieben hatte, stöhnend in seinen Seffel. Er wußte jetzt, daß Mathilde fich in der Gewalt des Amerikaners befand unb dieser sich deS Mädchens be- wächtigt hatte, um den Vater zur Zahlung einer wei- tern Summe zu zwingen.

Er eilte hinaus, um die Spur, auf welche der Bericht des Kellners ihn führte, zu verfolgen. Er schlug dieselbe Richtung ein, welche der Wagen ge­nommen hatte, und unterließ nicht, hier und da in einem Hause nachzufragen, ob jener Wagen gesehen worden fei.

So gelangte er an« Thor unb als auch der Thor Wächter sich jenes Wagens erinnerte, wanderte er auf der Landstraße weiter. Hier aber war seinen Rach forschungen ein Ziel gesetzt, kein Hans stand an der Landstraße, in welchem er sich erkundigen konnte, und dir Spuren der Räder hatte der Staub verwischt. Nichts destowtniger schlitt er rüstig weiter, ohne zu tyien, daß er mit jedem Schritt sich von seinem Ziele entfernte. —

Inzwischen war der Buchhalter nicht müßig. In der Eile hatte Krämer vergeffen, den Schlüffel seiner Schatulle abzuziehen Heldau konnte um so leichter frine Nachforschungen nach dem Document anstellen.

wurf vorgelegt worden, betreffend die Ermächtigung der Stadt Colmar zur Aufnahme einer vom Jahre 1876 in 15 Jahren zu amortisirenden Anleihe von 500,000 Frcs. und die Ermächtigung außerordentlicher Steuerzuschläge. — Nach einer Verfügung des Fi nanzministers soll die Postbehörde, nachdem es ge­stattet ist, ein und zweimonatliche Abonnements aus auswärtige Zeitungen zu distribuiren, die Stempel­steuer für diese Zeitungen, also nicht mehr für das ganze Vierteljahr, sondern auf die Zeit deS Abonne­ments berechnen und erheben.

— Eine gestern Abend staltgehabte Versammlung von etwa 120 hiesigen Maschinenfabrikanten erklärte nach der Berichterstattung der eingesetzt gewesenen Untersuchungs-Commission einstimmig den Strike bei Pflug'schcn Maschinen - Arbeiter für ungerechtfertigt und die Bewilligung der Forderungen derselben für unmöglich. Die Versammlung beschloß ferner, alle die Sinkenden unterstützenden Maschinen-Arbeiter zur Strafe zu entlassen und genehmigte das Statut eines Vereins zu gemeinsamem Handeln bei ausgebrochenem Strike. Die Pflug'sche Fabrik wurde heute gänzlich geschlossen und der Director derselben, Hr. Unruh, verläßt noch heute Berlin. Die Aussicht auf einen Ausgleich ist demtt völlig geschwunden.

Frankfurt a. M., 29. August. Nach Con- stituirung des Bureaus des deuschen Juristentages, Pro­fessor Gneist wurde durch einstimmige Akklamation zum Präsidenten und zu Vice-Präfidenten Nestle, Mumm (Frankfurt), Drechsler (Leipzig) und Behr (Berlin) ge­wählt, ergriff Prof. Dr. Gneist das Wort und führte auö, wie das Ziel und Streben der Versammlung jetzt, nachdem das Vaterland die politische Einigung erlangt, die Herstellung des deutschen gemeinen Rechts fein müsse. Als einen unglücklichen Versuch bezeichnete er die Absicht, ein Gesetz über das Obligationenrecht zu gebe», das sonstige Privatrecht vorläufig ausschließen und auf den Boden der Competenz-Erweiterung bringen zu wollen. Diese Halbheit sei für das deutsche RechtS- leben unerträglich. Diese Unerträglichkeit zu beseitigen, sei aber der Juristentag an erster Stelle berufen. Selbst in der Landesgesetzgebung habe diese Trennung

sich nicht halten können; man könne Obligations- und Sachrecht nicht trennen, ebensowenig wie das Soll und Haben im Geschäftsleben. Diese brüchige Stelle müsse überwunden werden, und zwar mit der vollen Ausdauer, mit der das deutsche Einheitswerk bisher gediehen sei. Unter lautem Beifall bezeichnete er als die Hauptfront des großen Rechtsgebäudes, welches aufgeführt werden soll, ein allgemeine« Gesetzbuch. Hierauf erfolgte die Verkheilung der verschiedenen Be- rathungsgegenstände in die Abtheilmigen und die Er­nennung der Referenten und (Sotreferettten und schließ­lich erstattete Obertribunalrath Köstlin aus Stuttgart, den Bericht Über die deutsche Rechtsentwicklung. Nach dem Schluß der Plenarsitzung vertheilten fich die Mit- glieder des Juristentags in die Sektionen. Die dritte Abtheilung nahm, weil die Presse und ihr Verhältniß zu Polizei und Richter auf der Tagesordnung stand, das meiste Interesse in Anspruch. Die Debatte, welche durch ein Referat von Dr. Jaques eingeleitet wurde, war mitunter recht lebhaft. Die Anträge, welche von Seiten dcö Referenten gestellt und von der Versamm­lung mit theilweise großer Majorität- angenommen wurde», lauteten: „Die Hervorbringung unb der Ver­kauf von Erzeugnisse» der Presse, die Colportage und das Anheften von Plakaten hat ausschließlich den Be­stimmungen der Reichsgewerbeordnung zu unterliegen; ein Entziehen der Befugniß zum selbständigen Betriebe eine« Gewerbes durch richterliches Erkenntniß im Falle einer durch die Presse begangenen Zuwiderhandlung darf nicht stattfinden. Alle weiteren auö dem Grund­sätze des PräventivsystemS abgeleiteten Beschränkungen, alS insbesondere die Coneessionen, die Cautions- und Stempelpflicht, die zeitweilige oder dauernde Einste!» lung des Erscheinen« bei periodischen Druckschriften, die Ueberreichunz von Pflichtexemplaren, die Entziehung de« Postdebits, haben zu entfaUen. Die vorläufige Beschlagnahme von Druckschriften aus dem Admini- strativ-Wege ist unzulässig, eben so ist die vorläufige Beschlagnahme auf richterlichem Wege unzulässig." Die Annahme des letztgenannten Beschlusses erfolgte nur durch itio in partes. Wegen vorgerückter Zeit mußten die Debatten abgebrochen und auf morgen ver-