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Oderhessische Leitung

Politische Wochen-Uebrrstchl.

Unter den wichtigsten Kundgebungen unserer Re ziemng ist aus der vergangenen Woche die reformi lende Absicht des Cultusministers in Betreff der Volksschule zu verzeichnen, die iheilweise auch schon vor dem Erlaß eines allgemeinen Unterrichtsgesetzes Aenderungcn Hervorrufen wird. Im Finanzministerium hat die Aufstellung des Budgets für 1873 begonnen und soll hierbei auf eine Gehaltserhöhung der ge­ringeren StaaiSdiener, denen die dies,ährigen Erhö Hungen nicht zu Thcil wurden, Rücksicht genommen neiden. Die Befürchtungen, daß in München ein particularistisches Ministerium an die Spitze treten würde, sind vorüber, das gegenwärtige Ministerium bleibt und wird dessen Ergänzung erst nach der Rück kehr sämmtlicher Minister nach München stattsinden. Der herzliche Empfang, den der deutsche Kron­prinz gelegentlich der Znspicirung der würtember- gischen Truppen fand, muß auch in nordveutschen Kreisen ein freudiges Echo wecken; er eröffnet eine trostreiche Perspective in die Zukunft des deutschen Reiches. DaS Werk der Einigung, an dem noch vor wenigen Jahrzehnten gar manches deutsche Herz ver­zweifeln mochte, naht setzt mit raschen Schritte» seiner Vollendung; wir sehen Stein an Stein diesem stolzen Gebäude hinzugesügt, und die alten Schlagworte von einerMainlinie", welche Norden und Süden trenne, von einer Divergenz der politischen und volkswiith- schastlichen Interessen, welche das Weik der Einigung hemme, sind mit dem glorreichen Kriege, der sie begrub, gn den Staub der Archive gewandert. Möge die warme Zuneigung, die man in 'Stuttgart in der Person h,s Kronprinzen dem nationalen Gedanken entgegen bringt, glückverheißend für die Entwicklung des poli tischen Lebens im Süden überhaupt sein. In Darm­stadt starb der Minister des Innern, Bechtold; sein Verlust wird im Lande vielseitig beklagt.

In den österreichischen Regicrungskreisen herrscht noch volle Sommerruhe, da die Mehrzahl der Minister auf Reisen oder in den Bädern weilt. Der Kaiser ist von seiner Reise zur Truppeninfpiri- rung in Olmütz, wo er von der Bevölkerung aufs Herzlichste begrüßt wurde, am 9. wieder in Laxenburg migetroffen. Der österreichische Botschafter in London, Graf Beust, weilt noch immer auf seinem Gute Alten- berg hei Wien; Eonjecturen, welche an diesen ver­

längerten Aufenthalt knüpfen und die denselben wieder auf den Posten eines Reichskanzlers führen sollten, dürften sich nicht bewahrheiten.

Der BundeSrath der Schweiz genehmigte.am 9. das in Bern abgeschlossene Uebereinkommen be- tr>ffs der Vollziehung des schweizerisch österreichisch- ungarischen Staatsvertrags vom 27. Ang. 1870 über die Herstellung einer Eisenbahn von Lindau über Bre­genz nach St. Margarethen, sowie von Feldkirch nach Bucher, und der Errichtung gemeinsamer Zollämter. In der Streitfrage wegen Errichtung eineS Bischofs­sitzes in Genf beruft sich Bischof Marilley von Frei­burg auf einleitende Acte deS Staatsraths von Gens vom Jahre 1865.

In Frankreich ist der Groll gegen Deutschland noch immer der rothe Faden, der durch Alles durch­läuft was gedacht, geredet, geschrieben und gethan wirb. Inzwischen hassen und beschuldigen sich die Parteien untereinander nicht minder leidenschaftlich. Politik und Phrase gehen in Frankreich nun einmal Hand in Hand, ein Musterbild hievon war die Rede Fules Simons in dec Sorbonne gelegentlich der Preisverlheilung, ein anderes Muster »ar der offene Brief Marc Girardins über die Stellung deS rechten Eentrnms zu Thiers. Ein ebenso lächerliches Secten- stück bildet die Abhandlung Rochets über den Ursprung der Preußen, in der er schreibt: der Preuße nähert sich mehr dem mongolischen Typus, als dem euro­päischen, sein Gesicht vcrrälh brutale Jnftincte und rohe Begierden." Herr ThierS selbst pflegt sich tu seiner Sommer ruhe in Troueille, was ihn indessen nicht achält, Schießexperimente im Geiste der Napoleou's 1 und III zu machen, nach Paris hinüber zu rutschen, um die Requetenmeister (Berichterstatter der Generalräthe über die Petitionen) selbst zu ernennen, officiöse Roten über innere und äußere Angelegenheiten zu entwerfen und dabei noch historischen Schrinstellereien obzuliegen. Der diesjährige reiche Erudtcsegen läßt die Ruhe im Lande selbst mehr und mehr zunehmen unv lägt Bielen auch die neu votirten Steuerlasten leichter alS- sie sind, erscheinen. . . ; .

König Amadeus von Spanien hat seine Reise in die Provinzen noch nicht beendet. Gegen die Rebellen, welche sich des Widerstandes entfchlagen, wird viel Milde geübt. Dabei bleiben die Nachrichten

von den Rebellen monoton dieselben Zersprengungen Erpressungen und Unterwerfungen.

Der portugiesische Hof hat sich nach Cintra begeben, ein Beweis, daß der Zustand der Dinge in der Hauptstadt keine Befürchtungen mehr einflößt.

Die Königin von England ist am 13. nach Edinburgh abgereist, wo sie vom 15. bis 17. ver­weilen und dann nach ihrem Sommersitze Balmorak in Hochschottland weiter reisen wird. Die Ministet sind bis auf den Kriegs Minister Cardwell, der noch in London verweilt, sämmtlich auf das Land gegangen, Lord Halifax wird das Ministerium bei der Königin vertreten. Die Prinzessin Helene, Gemahlin de» Prinzen Christian von Schleswig-Holstein, ist am 13. von einer Prinzessin entbunden worden. Die ja­panische Gesandtschaft ist in London angekommen und von dem Minister deS Auswärtigen, Lord Granville, empfangen worden. Die üblichen organistifchen Demon­strationen des Derrytages sind in Irland überall ohne Ruhestörungen vorübergegangen. Am 10. fairh durch den Prinzen von Wales die feierliche Schluß­steinlegung an dem großen Wellenbrecher von Port­land statt, wobei der Prinz zugleich der dort ver- lammelten Panzerflotte bc6. Kanals einen Besuch ab- statlete. Aus Genf wurde bezüglich der Alabamafrage gemeldet: Die Ankunft des Rechtsgelehrten Cohen auS London hat hier zu mancherlei Muthmäßungen Anlaß gegeben, aber eS ist nichts Bestimmtes in die Oeffent- lichkeit gedrungen. Es wird im Allgemeinen zugegeben, daß das Schiedsgericht die Principiensrage, ob England zur Zeit der Rebellion Alles Ihat, was in seiner Macht st end, um daS Auslaufen der Rebellenkreuzer zu verhindern, noch Nicht erledigt hat, und, wie man glaubt, erwägt das Gericht die Frage im Allgemeinen, intern es der Reihenfolge nach mehrere spccielle Fälle prüft, wozu die Anwesenheit des Herrn Cohen höchst nützlich ist. Verwickelungen sind nicht entstanden. Lord Tenderden, Sir R. Palmer und Mr. Caleb Cmhing wurden erwartet, da eine längere und interes­sante Sitzung in nächster Aussicht stand.

Der König von Schweden befindet sich in Aachen. Sein Bruder Oscar, Herzog von Ostgoth^ land, der für ihn oie Regentschaft führt, hat durchs Norwegen eine Reife gemacht, die einem förmlichen Lciumphzuge glich und der republikaniichen Doctrin Jaabäko fast alle Aussichten auf Erfolg benahm.

Post- 31. e. it, ist . M, en.

Ei« böses Gewisse«.

Bon Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Vater-, unterbrach der junge Mann ihn schmerz­lich,glaubst Tu wirklich, daß sie Dich freisprechen?"

Glaubst Du eS nicht?" fuhr der Alte mit hei >«rer Ruhe fort.Zeugt nicht Alles für meine Un­schuld?"

O Gott, dass ich ihm die Ruhe rauben muß!" «urmelte Gottfried leise vor sich hin.Aber kann ich anders? Darf ich ihn bei seinem Glauben lassen, brr ihn ganz davon abhält, an feine Verthcidigung zu denken?"

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Na, so sprich doch, wenn Du etwas auf dem Herzen hast", nahm der Ackerer unwillig das Wort .Steht'S etwa schlimmer mit mir, atS ich glaube?"

Ja, das thut'S", versetzte Gottfried.Der Bür­germeister ist unser Feind, er wird Dich verderben."

Pah, welche Beweise könnte er gegen mich vor bringen?" warf Schulz verächtlich hin.

Welche?" fuhr Gottfried fort.Wüßte ichS, ich wollte sie schon zu Schanden machen, aber daß er gegen Dich operiren wird, daß er dies muß, um leine säubern Pläne ins Werk setzen zu können, unterliegt hhtent Zweifel." Er erzählte jetzt dem Vater den Hrund feiner Verhaftung und verichwieg ihm nicht daß das Dokument sich in Wetterans Händen befinde.

Schulz fuhr von seinem Sitze auf. Gleich einem Wahnsinnigen stürzte er sich auf seinen Sohn und saßte ihn an den Schultern.Schaff mir das Do­kument zurück!" ries er mit heiserer Stimme.Ich !°ge Dir, Junge, schaff' mirs zurück! Dir habe ich d»S Papier anoerhaut, wenn Du nicht willst, daß ich $ir fluchen soll.

Vater, um Gotteswillen halte ein!" fiel Gott­fried entsetzt dem alten Manne ins Wort.Ich schwöre Dir bei Älliin, was mir heilig ist, daß ich mein Leben daran setzen will, den Akt diesem Schurken zu entreißen!" ' " ; ' ''*

Der Alte hatte seine Fassung wieder gefunden, er ging mir großen Schritten im Zimmer auf und ab und blieb endlich vor feinem Sohne stehen.Und wie willst Du es Dir wieder verschaffen?" fragte er.

Noch weiß ich es nicht", antwortete Gottfried, ich werde List und Gewalt gebrauchen müssen."

Gut, ich überlasse es Deinem Verstände, das Mittel zu ersinnen", fuhr Schulz fort.Ehe Du die etatt verläßt, wirst Du Dich erkundigen, ob Jacob Krämer mit dem Bürgermeister verkehrt, ob dieser in dem Hause gesehen wordeu ist. Dann sende mir Ernst hierher, ich muß mit ihm reden "

Dem Befehle gehorchend, schlug Gottfried, sobald er das Gefängniß verlassen hatte, den Weg zum Hause des Rentiers ein, nur durch einen Diener Krämer» konnte er die gewünschte Auskunft erhalten. Unschlüssig biieb er vor dem halbgeöffneien Thore stehen, er kannte Niemand in dem Hause. Entschlossen zu warten, bis einer der Diener herauskommen werde, diesem alsdann zu folgen und ein Gespräch mit demselben anzu nüpfen, drückie er sich in eine Ecke des ThorwegS, den Blick bald auf die Straße, bald auf die Thür, welche inS Innere des Hauses führte, gerichtet.

ES dämmerte bereits, als er von der Straße her Schritte vernahm, welche sich der Thür rasch näherten, jetzt wurde diese geöffnet, und in der nächsten Se- cuitbe schritt Wetterau an dem jungen Mann vorbei. Gottfried wußte jetzt genug, der Umstand aber, daß Pie Entdeckung ihm so leicht geworden war, bewog

ihn zu weitern Nachforschungen. Kaum war Sßitterau hinter der Thür verschwunden, als der junge fDiann-' tiefe öffnete. Er sah den Bürgermeister die Treppe" hinauffietgen, leise, von der Dunkelheit, welche im Hause herijchte, begünstigt, schlich er ihm nach.-'"j .' Gottfried kam eben auf dem Corribör an, ÄS, Wetterau eine Thür öffnete, die er hinter sich ver­riegelte. Gottfried legte das Ohr ans Schlüsselloch, er vernahm Stimmen, ohne die Worte zu verstehen. Hier durfte er nicht stehen bleiben, entdeckte ihn ein Diener, wie er in gebückter^Haltung an der Thüre lauschte, so durfte er darauf rechnen, daß er ergriffen unv des Diebstahls verdächtig der Polizeibehörde über- geben werde. Und doch mußte er wissen, was bie Beiden.miteinander verhanbelten. Ohne sich eines be= stimmten Planes bewußt zu sein, öffnete er behutsam die Thüre zum Nebenzimmer. "

Es war ein kleines, trauliches Gemach und, wie ®ott|rieb beim elften Blick entdeckte, nur durch einen schweren Damastvorhang vom Äabinet, in welchem die Beiden sich befanden, getrennt. Jetzt Hörle er auch deutlich die Beiden mit einander reden, deutlicher als zuvor, keine Silbe ihrer Unterhaltung entging ihm. Rafch entschlossen trat der junge Mann ein, er schloß die Thüre leise zu und legte sich dicht am Vorhänge ' auf den Fußboden. Bei der Dunkelheit, welche in bett Räumen herrschte, war eine Entdeckung nicht so leicht, zu befürchten, selbst für den Fall, daß der Rentier^ ins Gemach trat.

Nur noch eine Sorge bleibt uns übrig", hörte er jetzt Wetterau sagen,wir müssen dem Menschsn oie Mittel zur Flucht in die Hand geben und jhst . darrch einen Dritten bestimmen, von diesem Mittel Ge- i »auch zu machen. Flieht er, so ist bie» in den Augen "