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Mr. 190. ' , : Marburg, Mittwoch, bat 14. August. ...V 1872.

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Oberhessische ZeitunM

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Deutsches Reich.

Berlin, 12 Aug. Die Dreikaiserzusammenkunft scheint sich zu einem Fürsten-Congreß erweitern zu wollen. Mit den Kaisern von Oesterreich und Ruß lanv werden gleichzeitig der König von Würlemberg, die Großherzoge von Baden, Hessen, Mecklenburg und Oldenburg in Berlin erwartet; der König von Sachsen wird sich wahrscheinlich durch den Kron­prinzen Albert vertreten lassen. Zweifelhaft ist nur noch das Erscheinen des Königs Ludwig von Baiern. Doch lassen die Gerüchte über eine der Reichseinheit günstige Wendung der Ministerkrisis in München, sowie der in Aussicht gestellte Besuch des deutschen Kaisers in der baierischen Residenz hoffen, daß der junge König durch seine Reise nach Berlin eine Demonstration zu Gunsten des geeinten Deut­schen Reiches machen wird, zu dessen Gründung er ja auch die Initiative ergriffen hat. — Die „Schle­sische Zeitung" enthält folgendes Telegramm, welches der Kaiser an den commandirenden General des VI. Armeecorps v. Tümpling gerichtet hat: „Im Verfolge Ihres Telegramms bestimme ich, daß Sie Mich bei dem Leichenbegängniß des Grafen Stolberg am Mon tag vertreten sollen, um -einen öffentlichen Beweis Meiner großen Theilnahme an diesem ebenso uner­warteten als tiesbctraucrtcn Todesfälle zu geben. Wil. Helm." — Um dem am 8. d. M. verstorbenen Wirk­lichen Geheimen Legations Rath Heinrich Abcken das letzte Geleit zu geben, halte sich am Sonnabend Abend um 6 Uhr im Trauerhause, Behrenstraße Nr. 71, eine zahlreiche Versammlung aus den amtlichen, wissen­schaftlichen und Kunstkreisen der Hauptstadt einge­funden: der Staalsminister Graf zu Eulenburg, der mit der derzeitigen Leitung des Auswärtigen Amtes beauftragte Wirkliche Geheime Rath v. Balan, ferner die Gesandten der Vereinigten Staaten Nordamerikas und Dänemarks, Bancroft und v. Quaadc, die Ge­schäftsträger der übrigen Gesandtschaften, Räche und Beamte des Reichskanzleramtes, des auswärtigen Amtes und der Königlichen Ministerien, Mitglieder der Uni­versität und der Akademie der Wissenschaften, sowie hervortagende Persönlichkeiten, welche dem Verstorbenen näher gestanden hatten. Den Gefühlen aufrichtiger und schmerzlicher Theilnahme, welche die Anwesenden bewegten, gab die Rede, die der Hof- und Domprediger Ober Consistorial-Rarh Dr. Kögel an dem mit Palmen und Kränzen geschmückten Sarge hielt, in ebenso ein fachen als ergreifenden Worten einen würdigen Aus­druck. Der Redner wies namentlich auf den großen Verlust hin, den das Vaterland erlitten habe. — Se. Majestät der Kaiser haben der Witwe des Ver­storbenen von Gastein folgendes Telegramm über­sandt: „Einer Meiner bewährtesten Rachgeber stand er Mir in den entscheidungsreichsten Augenblicken zur Seile; sein Verlust ist Mir unersetzlich; in ihm hat das Vaterland einen seiner edelsten und treuesten Menschen und Beamten verloren." Wie deS Kaisers Majestät so hatte» auch Ihre Majestät die Kaiserin und Königin und Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin Karl den Empfindungen der Theilnahme telegraphisch Ausdruck gegeben.

— Am 10. Vormittags fand, von der Witterung überaus begünstigt, in der Hasenhaide zu Berlin die Enthüllung des Jahn-Denkmuls statt. Die „K. Z." berichtet darüber: Es hatten sich zur Theilnahme an dem Feste Tausende von Turnern auS allen Gaurn Deutschlands eingesunden und in der Markthalle von 7 Uhr früh zu einem imposanten Zuge aufgestellt. Dieser begab sich, in vier Grup'pen getheilt, mit Musik und Tambours und von einem Fahnenwalde begleitet die Friedrichsstraße hinab und zum Halle'schen Thor hinaus nach dem Festplatzr in der Hasenhaide. Am Eingänge derselben war aus Laubgewinven und Fahnen eine Ehrenpforte errichtet und der Weg bis zum Denkmal in eine Feststraße umgewandelt. Der weite Festplatz selbst war in sinniger Weise gleichfalls durch Fahnen und Laubgewinve abgeschlossen. Dicht am Eingänge war rin zeltartiger Pavilldn aufgeschlagen, m welchem die Ehrengäste, Ausschußmitglicder, die Verfertiger deS Denkmals und die dabei betheiligten Künstler Platz fanden. Nm dieses Zelt herum grup-

pirten sich in weitem Bogen die Theilnehmer deS Fest­zuges mit ihren Fahnen und Emblemen. Dicht vor dem Denkmal befand sich die roth und weiß drapirte Rednerbühne; über dem verhüllten Denkmal erhob sich ein Turnbanner, auf welchem mit großen goldenen Schriftzeichen zu lesen war: „Deutschlands Einheit war der Traum meines erwachten Lebens, das Morgen- roth meiner Jugend, der Sonnenschein meiner Man­neskraft und ist jetzt der Abendstern, der mir zur ewigen Ruhe winkt. Friedrich Ludwig Jahn. Frank­furt a. M., den 18. September 1848." In dem Pa­villon versammelten sich der Minister des Inner», Graf zu Eulenburg, der Geh. Regierungsrath Wiese und andere Rälhe des Cultusministeriums, eine De­putation des Magistrats und der Stadtverordneten in AmtStracht, die Directoren der Gymnasien-, Privat- und Communalschulen; an ihrer Spitze bemerkte man den greisen ehemaligen Schulvorsteher Margraf, einen Freund und Gesinnungsgenossen Jahn's, und von der Familie des Letzteren einen pensionirten Beamten aus Potsdam und die in Berlin lebenden Verwandten des Gefeierten. Musik und der Gesang des Bundesliedes: „Sind wir vereint zur guten Stunde", von C. M. Arndt, eröffnete die Feier, darauf betrat der Geh. Reg.- Ralh Kerst, früher Mitglied des Abgeordnetenhauses, die Rednerbühne, um sich über die Bedeutung des Festes und die Verdienste Jahn's um die körperliche Ausbildung der Jugend durch das Turnen zu ver­breiten und Iah» als leuchtendes Vorbild eines echten und wahren deutschen Patrioten zu feiern, dessen Erz­bild die Jugend anfeuern müsse, auf den Wegen zu wandeln, die Jahn in treuer Vaterlandsliebe vorge­zeichnet habe. Dieser Rede folgte ein kurzer Bericht über die Geschichte des Denkmals durch den Ober-Turnwart Dr. Angerstein, sowie eine kurze Ueberstcht über die Finanzverhältnisse des Denkmals-Ausschuffes durch den Commcrzienralh Kaidel. Nach diesen Rede-Acten fiel die Hülle, und daö Denkmal wurde mit Musik und Trommelschall und dem tausendstimmigen Hurrah- ruf der Festtheilnehmer begrüßt. Hierauf wurde das Standbild dem Direktor Ranke übergeben. Ein Schluß, wort des Letztere», Gesang und Musik schlossen den Enthüllungsakt, nach welchem sich die Turner im Fest- zuge, wie sie gekommen, zu einem Festmahle in das Eoncerthaus begaben, dessen großer Saal glänzend decorirt und mit der Kolossalbüste Jahn's geschmückt war. Das Denkmal selbst, vom Bilvhauer Enke mo- dcllirt und von Gladenbeck in Berlin in Bronce ge­gossen, zeigt die lebensgroße Figur des Turnvaters, den Kopf mit lang herabwallendem Bart emporgerichtet, die rechte Hand auf einem Eichenstamm ruhend. Das Postament erhebt sich aus einem Felsen, der aus Stejn- blöcken gebildet ist, bekanntlich Gaben von Turnver­einen aus allen deutschen Gauen, sowie von deutschen Vereinen aus Amerika und Australien. Diese Sen düngen waren so zahlreich, daß sie nicht alle für das Postament verwendet werden konnten; man hat daher aus dem Rest der Steine eine Pyramide hinter der Statue errichtet. Die Inschriften der Steine geben dem Ganzen ein interessantes Aussehen, obschon es zu bedauern ist, daß eine Theilung der Steine eintreten mußte. Auf dem Sockel des Denkmals liest man die Worte: „Friedrich Ludwig Jahn." Trotz der gewal­tigen Menschenmenge, welche theils auf dem Wege zum Festplatzr, thests auf diesem selbst sich angesam­melt hatte, verlies das Fest in ungestörter Ordnung.

Leisnig, (Sachsen), 6. Aug. Die hier zusam­mengetretene allgemeine sächsische Lehrerversammlung hat u. A. nach einem Referat des Oberlehrers Albert Richter aus Leipzig in Bezug auf die Fortbildungs­schulen und ihr Verhältniß zur jetzigen Elementar­schule folgenden Beschluß gefaßt: „Die Fortbildungs­schulen zerfallen im Allgemeinen 1) in Nachhülfsclassen, welche Diejenigen, die das Ziel einer guten Volks­schule nicht erreichen, zunächst zu diesem Ziele zu füh­ren habe»; 2) in Fortbilvungsclasten, welche die bis­her von der Volksschule erstrebte allgemeine Bildung erhöhen sollen , zugleich aber auch mit Rücksicht auf locale Bedürfnisse der Jugend Gelegenheit bieten müs­sen, sich in den für das gewerbliche Berufsleben nöthigen Gegenständen auszubilden." Alsdann nahm

die Versammlung nach längerer Berathung noch fol­gende Anträge an: „1) Es möge Sachsens Lehrer­schaft darum petitioniren, daß weitere gesetzliche Be­stimmungen erlassen werden, nach welchen kein Lehrer ohne besonderes Aequivalent in einer Elaste mehr als 60 Kinder und über 120 Kinder überhaupt zu unter­richten hat. 2) Es möge die Bestimmung, daß der Lehrer nicht Vorsitzender deS OrtSschulvorstandes sei» könne, in dem neuen Vclksschulgesetzc in Wegfall kommen und dafür dem Schulvorstande das freie Wahl­recht eingeräumt werden, mit dem Zusätze, daß es dem Lehrer im einzelnen Falle freistehen soll, den ihm über­tragenen Vorsitz abzulehnen. 3) Es möge darum peiirionirt werden, daß alle Unterscheidungen in den Gehaltsverhältnisten je nach der Größe der Orte in Wegfall kommen."

München, 12. August. Der Kronprinz des deutschen Reiches wird heute Abend hier erwartet und begibt sich, wie eS heißt, morgen nach Hoheit schwangau, um die Königin-Mutter von Bayern M besuchen.

Kaiserslautern, 12. Aug. Die Ankunft der Kaiserin Augusta erfolgte gestern Nachmittag 6 Uhr 20 Min. Dieselbe wurde auf dem Bahnhose von dem Regierungspräsidenten v. Braun, dem Vorsitzende» des AussteUungscomite's Rector Rohe und Bürger­meister Hohle begrüßt. Die Fahrt durch die Stadt erfolgte unter dem jubelnden Zuruf der zahlreich ver­sammelten Bevölkerung. Die Kaiserin verweilte zwei Stunden im Ausstellungsgebäude. Nach der Besichti­gung wurde im Ausstellungspark ein Dejeuner einge­nommen , wobei die Kaiserin einen Toast auf den König von Bayern ausbrachte. Vor der Abfahrt hielt dieselbe eine Ansprache an das versammelte Comite, worin sie etwa sagte: Zwei Gefühle hättest sie zur Reise nach Kaiserslautern veranlaßt. Die Dankbarkeit gegen die Pfalz für deren Leistungen während des Krieges und die Freude, daß die Pfalz sich so schnell von den Leiden des Krieges erholt und eine so glänzende Ausstellung gemacht habe. Die Kaiserin schloß mit den Worten: „Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's". Auf der Rückkehr nach dem Bahn­hofe wurde die Kaiserin wieder von den enthusiastischen Hochrufen der Volksmenge begleitet. Um 8 Uhr fand die Abreise nach Constanz statt.

Straßburg, 10. Aug. Das Comite für da» BiSmarck-Stipendwm veröffentlicht folgende Mitihei- lung: Das Comite erlaubt sich mitzutheilen, daß e» seine Sammlungen, die schon jetzt den Betrag von mehr als 20,000 Thlrn. erreicht haben und in vielen Städten, erst vor kurzem begonnen, noch einen gün­stigen Erfolg versprechen, Mcht wie früher angqeizt, bis zum October, sondern bis zum December c sort- setzen wird. In nicht weniger als 25 Städten haben sich Lvcalcomires gebildet, aber außerdem sind in vielen Städten durch einzelne Privatpersonen sehr ergiebige Sammlungen vorgenommen.

®et«, 12. August. Heute Nacht 1% Uhr brach in der Spinnerei von Graffenfried und Heng» geler, in der Felsenau bei Bern Feuer aus. Dasselbe griff so rasch um sich, daß Morgens um 5 Uhr das ganze Fabrikgebäude, welches 22 Firste zähste und 5 Jucharte überdachte, eine Ruine war. Der Schaden soll mehrere Millionen betragen. Hunderte von Ar­beitern find verdienstlos geworden. — Der Bischof von Freiburg hat die von dem Genfer StaatSraih verlangte Wiederbesetzung von zwei erledigten Pfarrsteven ab- gelehnt, indem er erUärte, es sei dies Sache Mer- millod's.

Pari», 11. Aug. Die gestrige Nachricht, Vogtz werde in Konstantinopel einen Nachfolger erhalten, wird heute als unbegründet bezeichnet. — Das amt­liche Blatt enthält folgende Ernennungen: Limbourg, Präfect des Herault, wird Präfect der Rhone-Mün­dungen an Keratry'S Stelle, dessen Entlastung ange­nommen worden, Cantomret, Präfect der Ost-Pyrenäen/ wird Rhone-Präfect in Lyon au Pascal's Stelle, der in den StaatSrath tritt. Dauzo», Präfect aus Corsic»,. wird Präfect des Herault-DepartemeutS, Babaud La­ribiere wird Präfect in den Ost-Pyrenäen, DannastuS,