Marburg, Donnerstag, den 1. August.
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1872
Oderhessische Zeitung
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Ein bascS Gewisse«.
Von Ewald August König. (Fortsetzung.)
»Ja, ja, er hat mir in Roth und Trübsal beige standen, und ich kann ihm das Zeugniß geben, daß er ein ehrenhafter, charakterfester Mann ist", schaltete die Wittwe ein, „seine Verhaftung muß auf einem Mißverständniß beruhen, ich halte ihn eines solchen Verbrechens nicht fähig .*
Der Buchhalter zuckte die Achseln. „Man kann sich in den Menschen täuschen, doch brechen wir cinft- weilen von diesem Thema ob. Also, ich sollte der Frau dieses AckercrS das Dokument aus den Händen locken, so lautete mein Auftrag. Ich begab mich unverzüglich auf de» Weg und traf Nachmittag in dem Dorfe ein. AlS ich in das Haus des Ackerers trat, sah ich in der Wohnstube auf einem Brett verschiedene eilt Bäcker stehen. Ihr wißt, ich bin ein Freund solcher alter Bücher, unter ihnen findet man oft ver- -eflene Schätze, die längst verschollen sind, und so hatte ich denn nichts Eiligeres zu thun, als jene Bücher zu durchstöbern Ich knüpfte mit der Hausfrau eine Unterhaltung über das Wetter, die Getrcide- preise und den Hagelschlaz des vergangenen Jahres «n und sah inzwischen die Bücher nach. WaS ich juchte, fand ich nicht, die Schriften hatten für mich
Von dem Zustandekommen dieser Ordnung hängt jedoch auch die Reform des Slranduiigswesens ab, daS nun endlich auch einheitlich geregelt werden soll.
— Mit Bezug auf die Excesse in der Blumenstraße und den umliegenden Straßen melden Berliner Blätter, daß die Tumultuanten, als sie am Sonnabend Abend zum Fraiikfurterlhore hinauögedrängt waren, auf dem dort befindlichen Versuchsfclde der Eckert'schen Maschinenfabrik eine Getreidemiethe anzündelen, die fast vollständig ein Raub der Flammen wurde. An Verhaftungen sollen im Ganzen 64 vorgenonnnen worden sein. Von diesen Personen sind 16 dem Ein- zelrichtcr und ±8 dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Von den ersteren hat nur einer, ein Bäckerlehrling Hitzer, zu einer Strafe von ö Thaleru wegen groben Unfugs verurtheilt werden können, der selbst zugegeben, beim Anrücken der Schutzleute geschrieen zu haben: „Haut ihn." Die übrigen haben bestritten, sich bei den Excessen beteiligt zu haben und haben von den Zeugen auch nicht recognoscilt weroen können. Gegen die dem StaatSanivalt zngeführien, dem Untersuchungsrichter übergebenen Personen wird jedoch die Untersuchung nicht etwa wegen Widerstandes, sondern wegen Landfriedenbruchs geführt werben, welches Vergehen im Mindesten mit 3 Monaten Gefängniß, schlimmstenfalls aber, besonders für die Rädelsführer, mit einer Zuchthausstrafe bis zu 10 Jahren bedroht ist. — Andere Abendblätter, und unter diesen die „Rordd. Allg. Ztg.", geben dir Anzahl der Verhafteten auf 85 an und führen dabei die allerdings kennzeichnende Thatsache an, daß unter all diesen in Haft Befindlichen nur 8 Berliner sind. Alle Andern sind erst kürzlich von außerhalb hergelaufene Subjecre, die hier noch gar kein Einwohnerrecht haben. — Zu erwähnen ist noch eines mit großer Bestimmtheit auf« tretenden Gerüchtes, nach welchem der Polizei ein mit dunkelgrauem Anzug bekleideter Mann als Rädelsführer bei den Freitag und Sonnabend stattgehabten Excessen bezeichnet worden ist Derselbe soll nicht nur Gelb unter die Tumultuanten vertheilt, sondern auch Angriffe auf einzelne Häuser geleitet haben. (?) Eines Zweiten, ebenfalls am Sonnabend begangenen Excesses in der Skalitzerstraße ist noch kurz zu gedenken, da bersclbe sowohl in der Entstehungsart als in dem Verlauf ebenfalls nur auf rohe Skandallucht zurückzuführen ist. „Auf verschiedene Hausbesitzer," so fügt das obengenannte Blatt hinzu, „fcheinen diese Vorgänge nicht ohne Eindruck geblieben zu sein, da dem Vernehmen nach mehrere dieser Herren bei der Behörde um besonderen Schutz eingekommen sind, andere Berlin verlaffen haben."
— Der Friedensetat des Sanitärscorps der deutschen Reichsarmee besteht jetzt incl. des 14. und 15. Ärmeecorps aus einem Generalstabsarzt, Dr. Grimm, zweideutigem Tone rielh, ich möge das Haus sofort verlaffen, wenn ich nicht gewärtigen wolle, gewaltsam an die Luft gesetzt zu werden. Er kenne diese Schleichwege, sagte er, ich solle mich aber nicht der Hoffnung hingeben, je dieses Dokument zu besitzen. Er werde jeden, der Verlangen nach demselben trage, in einer Weise heimschicken, die ihm die Wiederkehr verleide» solle. — Der drohende finstere Blick deS Burschen, seine herausfordernde Haltung und die Gereiztheit, welche sich in seinem Wesen kundgab, ließen mich nicht bezweifeln, daß die Thal den Worten auf dem Fuße folgen könne, deshalb zog ich vor, gleich den Rückweg anzutreten."
„Und was sagte Krämer zu dem Resultat Eurer Senvung?" fragte Ernst, der augenblicklich vermulhete, daß dieser Sendung eine Schurkerei zu Grunde lag.
„Was er sagte?" fuhr der Buchhalter zornig fort. „Er schalt mich einen Dummkopf, einen <Ael, der zu nichts Anderem tauge, als in alten Scharteken zu blättern, einen Menschen, der gänzlich abgestumpft sei! Das war mein Dank! Als ob er es hätte bester macken können!"
Ernst erhob sich und nahm seinen Hut.
„Wohin?" fragte die Mutter erstaunt, daß ihr Sohn so spät noch ausgchcn wollte.
„Zum Doctor Schacht", erwiederte der junge
200,000 Krüge. Das Finanz-Ministerium ist aus principiellen Gründen gegen eine Veräußerung des Sauer-BrunnenS, durch welche eine so wichtige Quelle in Privatbesitz übergehen würde. — Die Gesammt- einnahme der Braumalzsteuer und Uebcrgangsabgaben von Bier haben im I. Quartal 1872 in den Staaten des früheren Norddeutschen Bundes 1,361,225 Thlr. 1 Sgr. 1 Hlr. betragen, von welchen nach Abzug von etwa 318 Thlr. für ausgeführtes Bier zur Re Partition 1,308,093 Thlr. auf die Braumalzsteuer und 52,814 Thlr. auf die Uebergangsabgaben von Bier kommen. Auf Preußen fallen hiervon 945,808 Thlr.
Berlin, 29. Juli. Erst jetzt wird ein bezeichnender und die Lage der Dinge gewiß erschöpfender Ausspruch des Generals der Infanterie v. Voigls- Rhetz bekannt, den derselbe in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Commission zur Vorberathung des deutschen Reichs.Militär-Strafgesetzbuches gethan und der dahin lautet: „In zwanzig Jahren werden wir lediglich mit Ehreiistrafen ansreichen." Dieser Ausspruch hatmotiirt nicht ganz mit den Auslassungen des FeldmarschallS Grafen Moltke, weitngleich er ihnen auch nicht widerspricht. Das Strafgesetzbuch trägt dann auch einen Charakter der Milde und versieht es vielleicht nur darin, daß sie dem Richter zu weiten Spielraum läßt, was allerdings nicht in der Ordnung ist. — In den betheiligten Kreisen wird es auf das Neue sehr beklagt, daß ein Gesetz zur Regelung der Binnenschiffahrt noch immer nicht erschienen ist, obschon der deutsche Handelstag vor über drei Jahren ritten dahingehenden Gesetzentwurf vorgelegt hatte. Die Folgen des fehlenden Gesetzes machen sich stark fühlbar, und nicht am wenigsten bei richterlichen Ent Scheidungen, welchen die gehörigen Maßstäbe bei Beur- theilung der Thal- und Rechtsfrage fehlen. — Die Gesetzgebung über das Versicherungswesen, deren Bedürf- niß nach den, dem Reichstage gegeberren Verstchcrungerr des Präsidenten des Reichskanzler-Amtes von den ver- büubetcrt Regierungen sehr lebhaft empfungen wird, dürste in ihren Vorarbeiten bald zum Abschlüsse gelangt sein. Wie groß die Schwierigkeiten einer-, wie nolhwendig aber eine einheitliche Regelung anderer teils dabei ist, erhellt wohl aus dem Umstände, daß beispielsweise in Deutschland Betreffs des Feuerversicherungswesens 32 staatlich abgegrenzle, sehr verschiedenartige Gesetzgebungen bestehen, daneben aber noch die Statuten von 67 priuciptell wie lanvschaft lich und örtlich abgeschlossenen öffentlichen Feuerver- sicherutrgS Gesellschaften und Brandcassen in das gemeine Recht eingreifen. — Die Regelung der See- mannsordnung ist nun wieder verschoben und wiederunt fraglich geworden, ob der wichtige Gegenstand einer endlichen Lösung bald entgegenglführt werden wird.
kein Interesse, weil sie theilö über den Ackerbau, theils über juristische Fragen handelten, aber sie boten mir einen Anknüpfungspunkt, wie ich ihn bester wohl nicht finden konnte. Ich gab vor, ich sei ein Liebhaber von alten Büchern und Dokumenten und habe vernommen, daß sie oder ihr Gatte, was doch gleichbedeutend fei, ein solches Dokument besitze, wenn sie mir dasselbe überlasten wolle, so dürfe sie nur fordern, ich würde den höchsten Preis zahlen, vorausgesetzt, daß dieser nicht gar zu hoch gegriffen sei.
Die Frau maß mich mit mißtrauischen Blicken und stellte entschieden in Abrede, daß sie derartige Papiere besitze, worauf ich erwiederte, ich wiste das Gegentheil zu genau, als daß ich mich so ohne Weitere« abweisen ließe, das Dokument sei versiegelt, sie möge es mir nur einmal zeigen, ich wollte ihr eben sagen, ob ich von demselben Gebrauch machen könne oder nicht. Die Frau blieb fest, jedenfalls hatte ihr Mann sie inftruirt, und selbst der Klang des Geldes, welches ich auf den Tisch warf, vermochte nicht, sie meinem Wunsche geneigt zu machen, sie leugnete hartnäckig, ein solches Dokument zu besitzen. Ich sah mdlich ein, daß Alles vergeblich war, und wollte mich schon entfernen, als der Sohn deS Ackerers, ein ziemlich stämmiger Bursche, ins Zimmer trat. Kaum erfuhr er mein Begehr, alc er sich dicht vor mich hinstellte und mir in ganz un-
Srscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischen Zeitung mit Kreisblatt durch dir Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; Sgr., durch die Postämter 27 Sigr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempel (teuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Egr. — Insertionsgebüdr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. vämmttiche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
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Dentschrs Reich.
#• Berlin, 29. Juli. Die Nachricht von dem Besuch deS russischen Kaisers in Berlin ist noch nicht amtlich bestätigt, jedoch glaubt man in unterrichteten Kreisen an die Richtigkeit der Nachricht. Dagegen dürfte sich die Mittheilung einiger Blätter, daß der Kaiser von Oesterreich Kaiser Wilhelm bei seinem Eintritt in österreichischen Boden begrüßen werde, nicht als richtig Herausstellen, man glaubt in politischen Kreisen, daß diese Begrüßung durch einen österreichischen Erzherzog erfolgen. — Wie man hört, begibt sich der Cuttusminister Dr. Falck heute Abend nach Homburg, um Sr. Majestät Vortrag zu halten utib man wird nicht irre gehen, wenn man annimmt, daß sich dieser Vortrag auf die kirchlichen Verhältnisse beziehen wird; ob Dr. Falck eine längere Erholungsreise antreten wird, scheint zweifelhaft. Für jetzt ist nur eine kurze Ausflucht in das schlesische Gebirge in Aussicht genommen und zwar die nächste Woche. — In Bett-ff des Termins der in Berlin zusammen- lretenden Conserenz bchusS Regelung der socialen Frage hört man jetzt als ziemlich gewiß die Zeit im Monat Oktober bezeichnen; der Mangel an ArbeitS- fräiten in den Ministerien dürfte wohl dazu nöthigen, einen so späten Termin für diese Conferenz anzusetzen — Die Mittheilung, daß Hr. v. Forckendeck das Amt eines Ober Bürgermeisters in Breslau angenommen, kann alS osficiell betrachtet werden, ob derselbe aber auch seine Function als Präsident des Abgeordnetenhauses beibehalten wird, dies dürfte er sich noch Vorbehalten haben und erst Entschluß hierüber fassen, in wie weit seine Geschäfte in Breslau ihn zwingen, dem parlamentarischen Leben zu entsagen. Jedenfalls würde eine Aufgabe der parlamentarischen Thätigkeit des Hrn. v. Forckeitbeck in allen Kreisen bedauert wenden.— Die Ernteberichte vorn Rhein, soweit sie nicht den Weinbau betreffen, lauten durchweg günstig, namentlich wird der Stand der Felofrüchte im Regierungs bezirk Köln und Düsseldorf als ganz besonders gut genannt, so daß in allen Fruchtgattungen eine voll ständige Ernte zu erwarten ist — Der Domänen-Ab theilung des Finanz-Ministeriums sind Anerbietungen »US dem Nassauisch en zugegangen über ben Ankauf des berühmten Sauer-BrunnenS Geilnau im Lahinhal im Amte Dietz. Wenn auch der Ort selbst nur äußerst unbedeutend, so versenket derselbe doch alljährlich über