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Marknrg, Sonntag, den 28. Juli. 1872

O^rhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Roch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Lar., durch di« Postämter 87 Sgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 ®gt Jnsertionsgebüde für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoneen-BüreauS nehmen Inserate an.

auf unser Blatt für die Monate Beflellllngen August unb September werden angenommen von allen Postanstalten und in Marburg von

der Expedition derOberhesfische« Zeitung".

M-^k- Aus dem Lande nehmen die Laudpostdoten Bestellungen an!

Die französische Republik und der Friede.

Beinahe zwei volle Wochen hindurch hat die fran- zösische Nationalversammlung das sonderbare Schau­spiel gebeten, das Staatsoberhaupt aus der Tribüne allen Ausbrüchen der Parteileidenschaft preisgegeben zu sehen. Tragen schon die Verhandlungen der gesetzt gebenden Versammlungen Frankreich» einen andern Charakter, als wir es in Deutschland gewohnt sind, athmen sie auch meist den Geist jener Unversöhnlich feit der Parteien gegeneinander, wie sie die Geschichte Frankreichs durch alle Jahrhunderte bewährt hat, so muß eS uns doch mit eigenen Gedanken erfüllen, ge­rade von Seiten der conservativen Parteien der Kammer die Autorität des Staatsoberhauptes in solcher Weise aogetastet zu sehen, wie es z. B. in der Sitzung vom 12. d. Mls. der Fall war, in welcher ein Deputirler der Rechten Hrn. Thiers das WortVerrälher" ent gegenschleuderte. Und weshalb? Weil der Präsident erklärt hatte, daß das Land über die definitive Regie- rungssorm entscheiden werde, er jedoch nach Kräften dazu beitragen wolle, daß diese definitive RegierungS form die couservative Republik sei. Für die monar chischen Parteien aller Farben war dies freilich Nichts. Sie bäumten wild aus bei dem Ausspruch, daß die Regierung keine Alterirung der Ordnung, in welcher Form sie auch auftreten möchte, dulden würde; daß Friede nach Außen und Ordnung im Innern der lei­tende Grundsatz des Präsidenten sei.

Was ist nun dieseconservalive Republik", welche Herr Thiers Frankreich zugedacht hat, und welche wohl auch als Bezeichnung der augenblicklichen Regierungs form gelten kann? Diese Republik ist die schwach verhüllte Dictatur, wir es das Kaiserreich gewesen, wie eS dir radicale Republik Gambetta's gewesen ist, und nach den Erfahrungen, welche Frankreich seit der Februarrevolution gemacht hat, möchte eS allerdings scheinen, als ob ein anderes Regiment als das eines Diktators dort kaum möglich sei. Unter diesercon­servativen Republik" liefert das Pariser Zesuitencolleg der Osfizierschule von St. Cyr 117 Zöglinge, von welchen 102 Aufnahme finden; unter dieserkonser­vativen Republik" liegen nicht weniger als 484 Mu- nicipalitäten Frankreichs in Conflict mit den Präsecten, weil diese den VolkSunterricht den Händen der Schul­brüder übergeben, die Gemeinden aber weltliche Lehrer haben wollen; ja diesekonservative Republik" ist der­artig beschaffen, daß sie kürzlich sogar die Anerkennung des Papstes gesunden hat, der, sthr zum Mißfallen der klerikalen Parteien der Kammer, ausdrücklich »seinen geliebten Sohn Adolph Thiers als Präsiden len der französischen Republik" begrüßte. Diese Re­publik ist genau dieselbe autoritäre Staatsform des Kaiserreichs, nur unter anderem Namen. In den De- partemems herrscht unumschränkt der Präfect, in den großen Städten, welche sich feit zwei Jahren im Be lagerungSzuftand befinden, unumschränkt der comman direnbe General. Ja diese Republik hat noch ein viel per­sönlicheres Regiment, als das Kaiserreich und die Dikta­tur Gambetta's gehabt haben. Die kaiserliche Regierung Wurde in den Kammern durch ihre Minister vertreten, Herr Gambetta gab sich bekanntlich überhaupt gar nicht mit jo lästigen Nebendingen ab, sondern regierte ganz allein, wenigstens innerhalb der Grenzen, welche die deutschen Heere ihm gezogen hatten. Herr Thierö aber regiert trotz und neben der Kammer. Er beugt ihre widerstrebende Majorität mit anerkennenSwerther Energie seinem Willen, weiß ihre Absichten zu ver­eiteln, die {einigen durchzusetzen. Und dies bewirtt er Kst ausschließlich allein, in unermüdlicher Rede. Die Minister sprechen wenig ober gar nicht. Herr Thiers ^herrscht alle Materien, steht Rede auf alle Fragen, Wrrt ruhig auS im Feuer der persönlichen Invektiven, * Herr aller Abstimmungen. Nicht mit Unrecht wies

neulich ein französisches Blatt der Kammer die Rolle des Chors auf dem griechischen Theater zu, welcher lediglich die ewigen Monologe der Exekutivgewalt an­zuhören, am Schluß paffend einzufallen und ihr dann zu folgen habe. Dies ist diekonservative Republik" beS Herrn Thiers, dies ist der Theil seines Pro­gramms, welcher da lautet: Ordnung im Innern!

Und der Friede nach Außen? An der einen That- sache ist unumstößlich festzuhalten, daß Frankreich ohne Alliirten einen neuen Krieg, gleichviel gegen wen, nicht führen kann, nach den persönlichen Steuerungen des Präsidenten in der Kammer auch nicht führen wird. Ueberdem ist seine Armee in einem Stadium der Reorganisation und inneren und äußeren Um­bildung begriffen, welche wohl noch mindestens auf zwei Jahre hinaus jede Mobilisirung vollkommen unmöglich macht, ganz abgesehen von den Friedens- bürgschafieit, welche die Finanzlage (namentlich nach Effectuirung der bevorstehenden Anleihe), welche unsere Occupalioiisannee und unsere Stellung in Straßburg, und Metz Tiedenhofeu bieten. So ehrgeizig Herr Thiers auch sonst sein mag, nach der Gefahr kriegerischer Lor­beeren geizt er in seinen alten Tagen nicht mehr. Er hat vollauf zu thun, um Frankreich lebensfähig zu erhalten und ist weise genug, dies einzusehen. Für seine Republik ist die Losung:Friede nach Außen", wenn auch vielleicht mit schwerem Herzen, dennoch aufrichtig gegeben unter dem Druck der Thatsachen. Zumal im Hinblick auf die Allianzenfrage. Ein mo­narchisches Frankreich, vielleicht nur von der intri- guanten Politik der Orleans geleitet, würde jedes Mittel aufbieten, Allianzen zu suchen und sie auch möglicher Weise finden, weil die Monarchie in Frank­reich über kurz ober lang bes Krieges bebürfen würbe, ganz abgesehen von ben dazu treibenben persönlichen Neigungen. Für bie Republik aber ist der Friede ge­radezu eine Existenzfrage. Und Überbein wird sich Hr. Thiers auf feiner berühmten Rundreise int Oktober 1870 an allen europäischen Höfen überzeugt haben, daß man für Frankreich wohl hier und da einige Sympathien, nirgends aber ein Interesse hatte, wel­chem der Werth einer Allianz beizumeffeu war. Durch die Zollpolitik des Präsidenten sind weder diese Sym­pathien, noch viel weniger die Interessen vermehrt worden. Hr. Thiers hat aber wohl gewußt, daß da­bei nichts zu verlieren war! Diekonservative Re rublik" wird daher stets diejenige Regierungsform in Frankreich fein, bei welcher wir, Gewehr bei Fuß, auf Erhaltung das Friedens rechnen können wer aber verbürgt ihre eigene Dauer. (S. R. P.)

Deutsches »eich.

* Berlin, 26. Juli. UeberaK in Deutschland rüsten sich die Jesuiten zum Aufbruch. Der Aufbruch erfolgt, wie man erfährt, an saft allen Orten ihrer Niederlassung in ruhiger Weise. Die Jesuiten erbitten ich theilweise Pässe, scheinen jedoch die Bezeichnung alsJesuit" oberMitglied der Gesellschaft Jesu" darin vermieden zu wünschen. Selbstverständlich halten aber bie Behörden gerade auf diese Bezeichnung, um bae Auftauchen der bloßenGeistlichen" an anderer Stelle wenigstens nicht ihrerseits zu erleichtern. Für die Expedition zur Erforschung der deutschen Meere ist von der Admiralität das AvisoschiffPom- meranio unter dem Commando des Capitän-Lieu­tenants Hoffmann zur Verfügung gestellt worden. Die Expedition ist am 20. d. von Kiel ausgelaufen und ist auf einen Zeitraum von 60 Tagen berechnet. Die Richtung derselben geht durch den großen Belt, das Kattegat, Skager Rak, längs der schwedischen ober dänischen Küste? verfolgt dann die norwegische Küste bis in die Höhe von Bergen, wendet sich als­dann nach den Shetlandsinseln, verfolgt weiter in südlicher Richtung die scholtijche und englische Küste und durchläuft die Nordsee bis zur Straße von Dover. Darauf wendet sie sich nach den Fischgründen vor der niederländischen Küste und hält sich kann vor der bannover'jchen und schleswig-holstein'schen Küste. Weiter nördlich sollen die Fischgründe der jütischen Küste be­sucht werden. Schließlich kehrt die Expedition durch das Kattegat und de» Belt nach Kiel zurück. Außer

dem Dr. Meyer aus Kiel, dem die wiffenschaftliche Leitung der Expedition übertragen ist, nehmen an der­selben Theil: bie Herren Dr. Jacobson, Möbius, Karsten unb Hensen aus Kiel, Eilharb Schulze aus Rostock, Metzger aus Hannover und P. MagnuS aus Berlin.

Der Fürst-ReichSkanzler und die Frau Fürstin v. Bismarck Schönhausen feiern am 28. d. (nächsten Sonntag) das Fest ihrer silbernen Hochzeit.

Wie man vernimmt, waren der noch in Deutsch­land zurückgehaltenen und jetzt durch den Gnadenact des Kaisers in Freiheit gesetzten französischen Kriegs­gefangenen nicht 73, sondern 41. Der einzige Aus­nahmefall betrifft einen Soldaten, der wegen versuchter Vergiftung deutscher Soldaten zu einer schweren Strafe verurtheilt worden ist. Aber auch in Bezug auf diesen Fall hat sich der Kaiser die Entscheidung nur Vorbe­halten, so daß eine spätere Begnadigung nicht auSge- jchlossen ist.

Dresden, 24. Juli. Der König begibt sich heute zu sechstägigem Aufenthalt nach Leipzig, wo er den königlichen Palast bewohnen wird. Der CultuS- Minister v. Gerber wird diese Residenz theilen. Die Behufs einer Jnstruclionsreise in Elsaß-Lothringen und den angrenzenden occupirten französischen LandeS- theilen commaiibirt gewesenen diesseitigen GeneralstabS- offiziere und einige zu derselben befehligte Offiziere sind gestern wieder in Dresden eingetroffen.

Mainz, 25. Juli. Wegen der auch von hier aus von Leiten jesuilffcher Organe behaupteten Ver­letzung des Briefgeheirnniffes, hinter welcher eine plan­mäßige Urberwachung des schriftlichen Verkehrs des­selben mit Rom verrnnthet werden soll, ist eine Unter« fuchmrg Seitens der kaiserlichen Ober - Postdirection angeordnet worden. Wie man aus guter Quelle erfährt, wird in Darmstadt anläßlich der Ausführung des Jesuitengesetzes bie Frage erwogen, ob auch die »och zu Recht beftebenben Decrete vom 20. Prairial X unb 3. Tieffibor XII nicht zur Ausführung zu bringen unb neben ben jesuitischen Anstalten unb Kongrega­tionen bie klösterlichen Nieberlaffungen aufzulösen seien.

Karlsruhe, 26. Juli. DieKarlsruher Zei­tung" enthält ein Privat-Telegramm aüS Wien vom 24. b.:Bezüglich ber Reise des Kaisers Franz Jo­seph nach Berlin find in der Hofburg Weisungen auS Ischl eingetroffen, welche es zweifellos erscheinen lassen, baß bie Kaiserin in Begleitung des Kaisers sich dort­hin begeben wirb. Das weibliche Gefolge wirb be­reits bestimmt."

Oesterreich -Ungar«.

Prag, 26. Juli. Der hiesige Stabtrath hat die Agitation zu Gunsten der Zweitheilung der Prager Universität bereits eröffnet, unb zwar, wie nach der Zusammensetzung dieser Körperschaft nicht anders zu erwarten war, nach der von den Allczechen ausgege- benen Parole. Und so werden denn in den nächsten Tagen von den meisten czechischen Gemeinden und Korporationen des Landes Petitionen an den Kaiser abgehen, in welchen die Trennung der alten Prager Universität in eine deutsche und eine czechische Hochschule angestrebt werden wird.

Schweiz.

Bern, 26. Juli. Ein päpstliches Breve trennt ben Canton Gens von der Tiöcese Lausanne und er­hebt, laut derGazette de Lausanne", den Pfarrer Mermillod, Bischof von Hebron i. p., förmlich zum Bischof von Genf.

Frankreich.

Pari-, 26. Juli. Die Verhandlungen der Re­gierung mit dem Hanse Rothschild und der Bank von Paris sind gestern zum Abschluffe gelangt. Die Kon­trahenten haben einen Vertrag unterzeichnet, wonach Rothschild und die gedachte Bank der Regierung 700 Mill. Franken in Tratten auf das Ausland zum jetzigen Wechselcourfe in dem Zeiträume vom Schluffe der Subscription bis zum Jahresschlüsse znsichern. Zur Zeichnung der großen Anleihe sollen 500 Mill, für Wien, 500 Mill, für England, 250 Mill, für Berlin, 250 Mill für Belgien, 1000 Mill, für französische BanquierS und 1000 Mill, für das Pu­blikum refermrt werben.