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JRarÖlirg, Sonnabend, den 27. Juli.

1872.

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Lderhessische Zeitung.

Erscheint tSgli'ch außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische» Zeitung mit KretSblatt durch die Expedition (Stoch'scht Buchdruckerei) bezogen 22} Gar., durch die Postämter 27 Ggr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Ltempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Ggr.— Ji.sertionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

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auf unser Blatt für die Monate

Bepeuungen August unb September werben angenommen von alle« Postanstalten und in Marburg von

der Expedition der „Oberhesfischrn Zeitung".

DM- Auf dem Lande nehmen die Landposibolen Bestellungen anl __________

Ei« Wort über die Papstwahl

ist der Titel einer anonym in Berlin erschienenen Schrift, die überall das größte Aufsehen erregt, und deren Ursprung vielfach in Regierungskreisen gesucht wirb. Tie „National-Ztg." erklärt, baß „vielleicht" die Brochure bestimmt sei, die in preußischen Re gierungskreisen ventilirten Gedanken vor die Oefsent- lichkeit zu bringen. Andere Stimmen zeigen sich über den osficiSsen Ursprung weniger zweifelhaft. Dem sei wie ihm welle, wir hören hier ein gewuchtigeS Wort für das Exclusivrecht deS deutschen Kaisers bei der nächsten Papstwahl. Ohne alle Kritik reproduciren wir für heute nur die Hauptgedanken der Schrift So lange die alte Selbständigkeit des Episkopats bestand, mußte die Aufmerksamkeit und das Interesse der Regierungen in erster Linie naturgemäß den Bi schofswahlen zugewandt sein. Das Interesse für die Papstwahl befand sich erst in zweiter Linie. Es erklärt sich daraus der Umstand, daß namentlich die protestantischen Regierungen der Papstwahl bisher nur geringe Aufmerksamkeit zu zollen pflegten, mit um so größerer Aufmerksamkeit aber dafür Sorge trugen, daß aus den Bischofswahlen verföhnliche und friedlich gesinnte Männer hervorgingen. Gelang dies, so war der Frieden zwischen Staat und Kirche in der Regel gesichert. Dieses Verhältniß tritt durch ein bekanntes Beispiel in ein Helles Licht. — Die schwierige Frage über die gemischten Ehen, welche in Preußen und in der Erzdiöcese Köln zu den vielfachsten Streitigkeiten Veranlassung gegeben hatte, war mit dem Erzbischof Grafen von Spiegel in der glücklichsten und versöhn­lichsten Weise Seitens der preußischen Regierung ge­regelt worden. Graf Spiegel starb im Jahre 1835, Papst Gregor XVL, welcher bereits länger als 4 Jahre regierte, hatte dem Versöhnungswerke des überaus selbständigen Erzbischofs kein Hinderniß in den Weg zu legen vermocht. Durch eine Unvorsichtigkeit der

Regierung wurde der Freiherr Droste von Vischering, reicher sich früher bereits als entschiedenster Eiferer gezeigt hatte, zum Nachfolger ernannt. Die Folge davon war jener bekannte schwere Conflict der preußi schen Staatsregierung, welchen die eigensinnige Rück­sichtslosigkeit dieses Erzbischofs unter der Regierung desselben Papstes heraufbeschwor, unter welcher Graf Spiegel sein Werk des Friedens vollbrachte. Nachdem die Interessen von Staat und Kirche bereits mannigfach geschädigt waren, konnte dieser Streit, wie bekannt ist, nur unter großen Schwierigkeiten Seitens der Staatsgewalt been­digt werden. Durch das Jnfallibilitätsdogma ist der Papst in allen Ländern, wo es Katholiken gibt, zum eigentlichen Bischof geworden. Er reicht penön- lich oder durch die seit Beseitigung des EpiSko- palsystems unbedingt und willenlos ihm unter­gebenen Bischöfe in die wichtigsten kirchlichen und kirchlichpolitischen Verhältnisse hinein, und es ergiebt sich daraus das eminente Interesse, welches sämmtli- chen Regierungen gemeinsam ist, daß aus der Papst wähl eine Persönlichkeit hcvorgeht, welche von ihren ganz außergewöhnlichen Befugnissen in umsichtiger und versöhnlicher Weise Gebrauch macht. Der Streit zwischen dem Staate und der katholischen Kirche ist sonst in Permanenz erklärt, und muß schließlich zum Nachtheile beider Theile mit der gewaltthätigsten Ka­tastrophe endigen. Die Trennung zwischen Kirche und Staat, deren Gebiete sich auf so vielen Punkten untrennbar berühren, führt nothweudig zur Herrschaft dos einen Theils über den andern, sobald nicht eine „compositio amicabilis“ über die schwebenden Streit­fragen und eine freundliche Verständigung hinsichtlich der Personen stattfindet, welche berufen sind, Namens der Kirche die wichtigsten, vielfach weit in das poli tische Gebiet hineinreichenden Befugnisse auszuüben. Die Vereinbarungen, welche in den einzelnen Staaten, namentlich in Preußen über das Verhältniß des Staates zur katholischen Kirche, über die Stellung, Wahl und Dolirung der Bischöfe geschlossen sind, hatten Seitens der Regierungen ein selbständiges Epis- copat, wie dasselbe in der Kirche vor dem Vaticani schen Concile bestand, zur Voraussetzung. Nachdem diese Voraussetzung gefallen ist, tritt daher an das deutsche Reich und namentlich an die prenß. Staats-

regierung die Verpflichtung heran, für die hinfällig gewordene Garantie, welche früher durch den Einfluß auf die Bischofswahlen erzielt werden sollte, entweder durch einen entsprechenden Einfluß auf die Papstwahl eine andere Garantie zu erlangen, oder die Frage mit rücksichtsloser Entschiedenheit aufzuwerfen, inwieweit jene Vereinbarungen mit dem päpstlichen Stuhle unter wesentlich veränderten Verhältnissen für die weltliche Macht heute überhaupt noch verbindlich fein können.

Deutsches Reich.

•• Berlin, 25 Juli. Ein Theil der Presse findet, daß die Staatsregierung mit ihren Maßnahmen in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der katho­lischen Kirche nicht schnell und drastisch genug ver­fahre und sie findet dieses um so mehr, als die Offi- ciösen die stete Anregung gegeben hätten zu einem solchen Verlangen und schleunigen Verfahren. Dem­gegenüber möchte eS doch geboten erscheino», daS Sach- verhältniß in Bezug der in der Presse gemachten Mittheilungen festzustellen. Hiernach wird conftaiirt werden müssen, daß zunächst die „D. R. C" und demnächst die „Spen. Zig.* gleich nach Abhaltung des Ministerrathes die Nachricht verbreiteten, es sei von der Regierung die Entziehung der Temporalien und die Amtssperre gegen den Bischof von Eimland beschlossen worden. Gleich nach Bekanntwerden dieser Mittheilung wurde aus unterrichteten Kreisen ange­deutet, daß diese Nachricht wohl mit Vorsicht aufzu- nehmeit sei und nicht gutreffen würde, da es sich nicht um den Bischof v. Krementz allein handle, sondern um Maßregeln im größerem Zuschnitte. Diese letzteren Mittheilungen wurden auch andererseits von orientirten Stimmen bestätigt und wurde namentlich in der „Köln. Ztg." in einer aus guter Information her- rührenden Quelle erklärt, daß auf Anlaß deS Fürsten Bismarck in den Maßnahmen der Regierung ein ge­nereller Standpunkt eingenommen werden solle, eS wurde auch insbesondere conftaiirt, daß die Tempo­ralien- und Amlssperre gegen den Bischof von Erm- lanb nicht eher becretirt werben solle, alS bis diese Maßnahmen mit praktischem Erfolg geschehen können, und wicS die „Köln. Ztg." hierbei darauf hin, baß die jüngsten Kundgebungen des Bischofs nicht so schroff gehalten gewesen seien, daß gerade diese sich zu einer

Ei» böses Gewissen.

Von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Roch immer ist kein Brief angekommen?" fragte Emst ungeduldig.

„Nur Geduld," erwiderte die alte Frau lächelnd, »Mathilde wird schon Nachricht schicken. Ihr Ver­liebt« wollt stets mit dem Kopf durch die Wand tmnen, jedes Ding hat seine Zeit, darum warte ge­duldig ab, bis Du das Resultat erfährst."

Ernst hört« die letzten Worte nicht mehr, er sah dm Diener deS Rentiers über die Straße kommen «nd eilte hinaus, um den Brief, den dieser in der Hand hielt, in Empfang zu nehmen. DaS Billet ent­hielt nur die wenigen Zeilen: „Mein Vater ist ge­neigt, die Summe vorzustreckcn, wenn die Zinsen und der Antheil am Geschäftsgewinn seinen Wünschen entsprechen. Zu diesem Zweck wäre eint unverzügliche mündliche Unterredung mit meinem Vater, welche dieser selbst wünscht, erforderlich." — „Da haben wirs," seufzte der junge Mann, „hohe Zinsen und Antheil am Gewinn, — was bleibt mir?"

„Schon wieder kleiumüthig?" nahm die Mutter das Wort. „Daß der Rentier hohe Zinsen fordern würde, darauf mußtest Du gefaßt fein. Nimm das Geld und sieh zu, was Du verdienen kannst, wirft das Geschäft nicht den erwarteten Gewinn ab, so vuß Dein Gläubiger sich auch mit dem Wenigen be­lügen."

„Und ich bleibe nach wie vor der arme Teufel, der ich war!"

„Die Folge wird lehren," fuhr die Mutter fort. »Heldau hat Dir seinen Beistand zugesagt, feine Kenntnisse und Erfahrungen verdoppeln den Werth

des Geldes, und bei Deiner Umsicht und Thätigkeit ist ein günstiger Erfolg kaum zu bezweifeln."

„Du siehst mit den Augen der Mutterliebe in meine Zukunft," versetzte Ernst, dem das Lob der alten Frau ein Lächeln entlockte, „wir Männer betrachten das Alles ernster und — "

„Und am Ende schreckt Ihr doch noch vor Klei­nigkeiten zurück, über welche wir vielleicht unbeküm inert Hinwegschreiten würden," unterbrach die Mutter ihn. „Frisch gewagt ist halb gewonnen! Fester Wille und Standhaftigkeit richten oft mehr aus, als Ka­pital und Kemitnisie."

Ernst griff zu Hut und Stock und reichte der Mutter die Hand. „Ich gehe," sagte er, „will der Rentier mir die Summe anvertrauen, so nehme ich sie in Gottes Namen. So Mancher hat fein Ziel er­reicht, warum sollte es nicht auch mir gelingen."

Der Rentier war erstaunt, den jungen Mann so bald schon zu sehen, dazu wollten ihm die Gesichts züge desselben gar nicht gefallen. Wenn sein Blick den ruhigen, dunkeln Augen des jungen Mannes be­gegnete, kam es über ihn, wie die Stimme deS bösen Gewissens. Weshalb, wußte er selbst nicht, unwill­kürlich mußte er die Wimpern senken, er konnte diesen Blick nicht ertragen. Nichtsdestoweniger zeigte er sich den Wünschen des jungen Mannes geneigt. Er mußte ihm den Plan seiner Operationen entwerfen, über dieses ober jenes Geschäft seine Ansicht sagen und auf diese Weise ein Examen bestehen, dessen Resultat den alten Herrn bef riet igle. Ans die Begegnung mit feiner Tochter im Theater kam der Rentier nicht zurück, eine Berührung dieses Punktes würde ihn gewissermaßen in den Augen des jungen Mannes zu Dankbarkeit verpflichtet haben, und eine solche Verpflichtung wollte Krämer nicht anerkennen. Er sand sich endlich bereit,

die Summe vorzustrecken und forderte dafür fünf Prozent Zinsen und ein Drittel des Geschäftsgewinns, womit Ernst nach einigem Zögern sich einverstanden erklärte.

Noch im Laufe beffelben Tages empfing der junge Mann gegen eine Schuldverschreibung das Geld und beim Anblick desselben fühlte er sich von neuem Muth beseelt. Mit frohen Hoffnungen sah er in die Zukunft, er wollte unermüdlich schaffen und streben, bis er das Ziel erreicht hatte, welches er erreichen mußte, um die Hand Mathildens zu erringen.

Weder der Wiltwe noch Ernst fiel es auf, daß Heldau nicht zum Mittagstisch kam. „Vielleicht hält em Auftrag Krämer'S ihn zurück", bemerkte der junge Mann, als die Mutter hinwarf, Heldau bleibe heute ungewöhnlich lange, „der Rentier hat ja oft dergleichen Geschäfte zu besorgen und Heldau macht sich nichts daraus, stehenden FußeS eine Reise anzutreten, die ihn wochenlang fern hält."

Weiler wurde des alten Mannes mit keiner Silbe gedacht, verlangte auch Ernst darnach, ihm sein Glück mitzutheilen, so dachte er, werde diese Mittheilung am Abend immer noch früh genug kommen.

Im Lause des Nachmittags fand Mathilde sich für einen Augenblick in dem Häuschen ein. Sie wußte bereits, daß ihr Vater die erbetene Summe ge­zahlt hatte, und kam, um dem Freunde Glück dazu zu wünschen.

Ernst und deffcn Mutter dankten dem Mädchen mit warmer Herzlichkeit, aber Mathilde wie« diesen Dank als unverdient zurück. „Es sei ihre Pflicht, dem Jugendfreund zu helfen, wenn sie die« könne", sagte sie, „zudem ziehe ja auch ihr Vater feinen Vonheil ou« dem Darlehen, also dürfe von Dank vorläufig keine Rede fern."