Einzelbild herunterladen
 

Mr. 174

Marburg, Freitag, den 26. Juli.

1872.

Oierhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischen Leitung mit Kret-blatt durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruckerei) bezogen Gar., durch die Postämter 27 ®gr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 ®gr.— JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

## Berlin, 24. Juli. Nach heute aus Ems eingetroffenen Nachrichten sind die Reisedispositionen deS Kaisers derart getroffen, daß am heutigen Nach- Mittage 4 Uhr die Abreise von EmS erfolgen sollte, und zunächst nach Coblcnz, woselbst der Aufenthalt in Verbindung mit Wiesbaden und Homburg zwei Tage währm dürfte. Die Cur in Gastein ist auf vier Wochen festgesetzt und es wird angenommen, daß Se. Majestät bereits Ende August in Berlin ein- treffen wird. — Der heutige Telegraph hat die Nach- richt gebracht, daß der Kronprinz sich nach Ischl be­geben habe und nach seiner Ankunft den Besuch des Kaisers von Oesterreich empfangen hat. Dies ist wohl ein unwiderleglicher Beweis dafür, daß die Gerüchte, welche eine Entfremdung der Höfe von Wien und Berlin meldeten, jeden Anhalts entbehren. In ähn­licher Weise sind die Vermuthungen, welche an die Thatsache angeknüpft wurden, daß der König vvn Baiern den Kronprinzen von Preußen nicht begrüßte, als grundlose Verdächtigungen zu bezeichnen; bekanntlich zieht der König von Baiern sich soviel wie möglich von allem ccremonicllen Leben zurück, sobald nicht diplomatische Nolhwendigkeit vorliegt, sein Stillleben aufzugeben. Der vertraute Verkehr deS preußischen kronprinzlichcn Paares mit der Königin-Mutter Marie müssen aller Conjunctur über Grolle BaiernS die Spitze abbrechen. — Wie man hört, gibt sich in den industriellen Kreisen Deutschlands eine lebhafte Un­geduld darüber kund, daß die amtlichen Vorarbeiten der österreichischen Behörden für die Wiener Welt- ausstellung einen so langsamen Gang nehmen. Dies dürfte der Central-Commission deS deutschen Reiches Anlaß geben, auch einen raschen Gang der Arbeiten zu befürworten. — Die Ernte Nachrichten aus Schles­wig-Holstein lauten sehr günstig; sowohl die Winter- wie die Sommersrüchte und Gräsereien haben vor­treffliche Ernten ergeben; auch die Oelfrüchte, die namentlich in den Marschgegenden und Güterdistricten Holsteins gewonnen werden, ergaben einen außeror­dentlichen Erfolg. Die holsteinische Domänen-Ver waltung hat allein in diesem Jahre einen Uebcrschuß vvn 12,600 Thlr. gehabt — Cs ist begreiflich, daß die ultramontane Preffe die Excommunication in Lipp- springen mit großem Eifer auszieht, um den Vorgang in Lippspringe mit der Excommunication der katho lischen Kirche auf eine gleiche Stufe zu stellen. Wenn es nun auch richtig ist, daß ein Mitglied der prote­stantischen Kirche mit kirchlicher Strafe belegt ist, ob­gleich daffelbe vollständig im Einklang mit den Staats- gesetzen steht, so ist doch dieser Fall ein durchaus anderer als eine katholische Excommunication. Denn diese kirchliche Strafe beeinträchtigt nicht den bürger­lichen Verkehr des Betheiligten, sie ist keine Ausschlie­ßung von der Kirche, nur eine Ausschließung von den Ehrenfunctionen der kirchlichen Gemeinde. Uebrigens hat auch hier ein Einschreiten der vorgesetzten Behörde stattgefunden.

— Das Gesetz über die französische KriegSkostenent- schädignng vom 8. Juli d. I. ist veröffentlicht wor­den. Nach demselben ist für Wiederherstellung, Ver­vollständigung und Ausrüstung der Festungen in El saß-Lolhringen die Summe von 40.250,000 Thlr. flüssig }u macken, wovon für 1872 dem Reichskanzler 15,817,328, für 1873 dagegen 13,700,000 Thlr. zur Disposition; ferner werden für 1872 und 1873 dem Reichskanzler zur Erwerbung und Herrichtung eines Schießplatzes für die Artillerie-Prüfungs-Commission 375,000 Thlr. zur Disposition gestellt. — Die „Prov.- Corresp.", das Hannöversche Schützenfest besprechend, sagt: DaS Verhalten der österreichischen Gäste habe in allen patriotischen Kreisen einen günstigen Ein­druck hinterlassen. Die Kundgebungen derselben be­wiesen, daß die öffentliche Meinung immer entschie­dener daS deutsche Reich als unanfechtbare Thalsache anerkenne, sowie als Bürgschaft für die friedliche Ent­wicklung der deutschen und europäischen Verhältniffe betrachte. Wenn die österreichischen Festredner sich mit SBänne für die Eintracht und das gute Einvernehmen zwischen Deutschland und Oesterreich aussprachen, so ist diesem Wunsche deutscherseits die freudigste Zu­

stimmung gesichert. — Der „Reichsanzeiger" publicirt die Ernennung des Herrn v. Madai zum Polizei- Präsidenten von Berlin und meldet die Ankunft des Gesandten in Brüssel, Hrn. v. Balan, welcher in Ab Wesenheit des Fürsten Bismarck und Hrn. v. Thiele'S die Leitung des auswärtigen Amtes übernimmt.

— Bekanntlich hat der Bundesrath die Einsetzung einer Commission beschlossen, welche Vorschläge über den Ersatz der etwa 12 Millionen Thaler machen soll, die mit der Aushebung der Salzsteuer ausfallen wür­den. In der Commission sind Preußen, Baiern, Wür- temberg, Baden und Bremen vertreten; sie wird ihre Arbeit mit dem Wiederbeginn der Thätigkeit des Bun­desraths anfangen. Bekanntlich sollte in erster Linie der Versuch gemacht werden, den Ausfall der Salz­steuer durch eine erhöhte Tabakssteuer zu ersetzen. Man dachte dabei nicht an ein Monopol, welches auch von der preußischen Regierung verworfen wird, son­dern nur an eine starke Erhöhung der Steuer. Nach einem übrigens gut unterrichteten Korrespondenten der „A. A. Ztg." wäre an eine so große Steigerung der Steuer, daß 12 Millionen dadurch gedeckt würden, nicht zu denken, weil der einheimische Tabaksbau da­durch ruinirt würde.

— Die Vereinigung der sämmtlichen in Berlin anwesenden ordentlichen Profefforen wählt am nächsten ersten August den Rector der Universität für das Uni­versitätsjahr vom 15. Oclober 1872 bis dahin 1873, doch bedarf diese Wahl der Allerhöchsten Bestätigung. Nach der Wahl deS Rectors wählen die einzelnen Facultäten, d. h. auch nur die ordentlichen Professoren, ihre Decane für denselben Zeitraum und es unter­liegen diese Wahlen der Bestätigung des Unterrichts- Ministers. Am 3. August, dem Jahrestage der Ge­burt Friedrich Wilhelm's III., des Stifters der Ber­liner Universität, findet in der Aula derselben eine Redefcier statt, bei welcher der zeitige Rector (Ge- hcimerrath Prof. Dr. Dove) die Festrede in deutscher Sprache hält, welcher sich in lateinischer Sprache die Verkündigung der Preisaufgaben anschließt. Bald nach dem Tode des Königs Friedrich Wilhelm III. hatte die Vertretung der Universität den Beschluß gefaßt, den Jahrestag der Geburt ihres königlichen Stifters für ewige Zeiten zu feiern, und dieser Beschluß hat die landesherrliche Genehmigung erhalten.

Leipzig, 22. Juli. Dr. Panitz dahier zeigt an, baß die Veriammlung der Mitglieder des Ausschusses der allgemeinen deutschen Lehrerversammlung, des Centralvorstandes des deutschen Lehrervereins und der Vorstandsmitglieder der größeren Lehrervereine behufs einer Besprechung über die Gründung eines allgemeinen deutschen Lehrervereins am 30. und 31. im Leipziger Schützenhause zusammentrcte.

Oeilerreich rUnaani.

3f<|)l, 23. Juli. Der Kaiser von Oesterreich, der Kronprinz des deutschen Reiches, sowie der ge­lammte Hof machten um 5 Uhr, nach stattgefundener Hoftafel, einen Ausflug nach dem benachbarten Hall­stadt. Der Kronprinz des deutschen Reiches fuhr im Wagen an der Seite des Kaisers. In Gosaumühle fand das Souper statt und erfolgte die Rückkehr hier­her zwischen 9 und 10 Uhr.

Schweiz.

Genf, 23. Juli. Trotz der unter den Mitglie­dern dcS Genfer Schiedsgerichts herrschenden Ver­schwiegenheit hat das am 14. d. eingereichte Resumu der Argumente der Vereinigten Staaten in Sachen der „Alabama"-Forderungen das Licht der Oeffentlich- keit erblickt. Es ist ein äußerst umfangreiches Acten- stück, das in Folge der Zurückziehung der indireclen Schadenansprüche indeß viel an seiner Wichtigkeit ein« büßt. AuS einem seiner vielen Nachträge erhellt, daß die directen „Alabamas-Forderungen sich wesentlich vergrößert haben und nunmehr ohne Zinsen auf 19,739,094 Dollars sich belaufen. DaS Actenstück schließt mit folgenden Sätzen: „Das Volk der Ver­einigten Staaten hat sich seine Meinungen betreffs der Handlungsweise Ihrer Majestät Regierung, und der Größe und Permanenz der Beschädigungen, die es, sein Vermögen und seine Wohlfahrt dadurch erlitten haben, bestimmt gebildet. Es blickt daher natürlich

mit größtem Interesse auf den Spruch dieses Tribu­nals als eine Entscheidung über die Frage der Recht­mäßigkeit solcher Handlungsweise Ihrer Majestät Re­gierung, und folglich der Rechtmäßigkeit solcher Hand- lungsweise in der Zukunft, im Falle eine Gelegenheit für deren Nachahmung von Seiten der Vereinigten Staaten oder anderer Mächte entstehen sollte. Nach­dem diese Hauptfrage, ob Großbritannien für diese Beschädigungen verantwortlich gehalten werden soll, festgestellt worden ist, erwartet das Volk der Verei­nigten Staaten ein gerechtes und vernünftiges Maß der Schadloshaltung für die erlittene Unbill, in dem Sinne, der dieser Frage der Schadloshaltung, als einer zwischen Nation und Nation gebührt... Die Verfügung über diese Streitfrage von Seiten des Tri­bunals nach den ihrem gründlichen Interesse für dte Parteien und in den beobachtenden Augen anderer Nationen angemefjenen Principien gibt der civilistrten Welt die beste Hoffnung auf eine allgemeinere Ein­führung der Entscheidung der Vernunft anstatt der Gewalt bei Streitigkeiten von Nationen."

Frankreich.

Paris, 23. Jult. Heute Abend ist großes Diner beim Präsidenten der Republik. Unter den Eingeladenen befinden sich die Minister, eine Anzahl Generale und der Feldwebel Boeltz, welcher sich be­kanntlich bei der Affaire von Lützelstein, dessen Ober- Commandant er aus Zufall geworden war, ausge­zeichnet hatte und deßhalb vom Präsidenten des KriegS- rathes für die Kapitulation belobt worden war. Thiers wird ihm bei dieser Gelegenheit das Kreuz der Ehrenlegion überreichen. — Wie die Patrie versichert, werden die Prozeßverhandlungen Über Bazaine nicht vor dem Monat November beginnen. Der General, welcher mit der Untersuchung beauftragt ist, hat bis jetzt nur die allgemeinen Thatsachen geprüft und ist noch nicht auf die Einzelheiten eingegangen. Vor dem 1. Oktober wirb er feine Arbeiten nicht beendet haben. Erst bann werden dem Angeklagten die Zusammen­setzung des Kriegsgerichts mitgetheilt und die übrigen Formalitäten erfüllt werben. Die Zahl ber Zeugen ist sehr groß; sie übersteigt 200. Mehr als 3000 Documente liegen vor. — Das osficielle Blatt erklärt baS von mehreren Journalen gebrachte Schreiben General Mac Mahon'S an den Gouverneur von Paris, worin von der Revue die Rede ist, für unecht. Die Nachricht der Times, daß man im Var eine ge Heime Chassepot-Niederlage entdeckt habe, ist vollständig unbegründet. Die Eingangszölle auf die Rohstoffe, welche die Nationalversammlung bewilligt hat, sind ohne Interesse, da sie vor der Hand doch nicht zur Anwendung kommen werden. Für Deutschland ist nur die Erhöhung des Bierzolles von 5,60 auf 7 Frcs., welche gleich nach der Veröffentlichung des Gesetzes in Kraft tritt, von Bedeutung. Graf Chambord wird im Monat August in ber Schweiz erwartet. Die Ar­beitseinstellung in Billy Monttgny (Somme) hat zu einigen Unruhen Anlaß gegeben, in deren Folge Ver­haftungen vorgenommen wurden. — Ein Erdstoß wurde außer in Oran auch noch in Mostaganem, Arzew, Sidi-bel-AbbeS, Saint Denis du Sip und Mascara verspürt. Ernstliche Unfälle sind nicht vorgekommen. Der Stoß hat 15 Secunden gedauert. — Wie dem „Siecle" aus Algier geschrieben wird, ist die franzö­sische Verwaltung in Sachen der Elsässer und Loth­ringer, welche in Algier „die Heimath" finden sollten, so weit vorgerückt, daß sieben, sage sieben elsässische und lothringische Familien auf den am 15. September von der National-Versammlung bewilligten Ländereien untergebracht wurden.

Versailles, 22. Juli. DaS Versprechen, welches Herr Thiers der Nationalversammlung gegeben, noch vor Vertagung der Kammer eine erschöpfende Dar­legung der von ihm im Innern verfolgten Politik zu geben, scheint der Rechten nicht genügt zu haben. Ein legitimistischer Abgeordneter, Hr. Belcastel, hat in der heutigen Sitzung eine hierauf bezügliche Inter­pellation angezeigt. Nach Beschluß der Kammer soll die Interpellation gleich nach dem Bericht über die Vertagung zur Diskussion kommen. Herr Thiers wird also ein politisches Glaubensbekenntniß abzu-