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Marburg, Mittwoch, deu 24. Juli.

1872.

Oterhessische Zeitung.

ieint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhessische» Zeitung mit Kreisblatt durch die Expedition (Koch'sche Suchdruäerei) bezogen tti Ear., durch die Postämter 27 ®gr. 8 Psg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Ogr. Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Juli. Bis zur Wiedereröffnung der Landtagssession wird, wie dieMagdeb. Ztg" hört, der Cultusminister Dr. Falk eine Denkschrift ausar- beiten laffen, in welcher des Ausführlichsten aller aus das Schulaussichtsgesetz bezüglichen Momente Erwäh­nung geschehen soll. Das StaatSministerium hat ein lebhaftes Interesse an dem Nachweise, daß die Be­sorgnisse, welche die Gegner des Gesetzes bei DiS- mssion desselben äußerten, aller lhatsächlichen Unter­lagen entbehrt haben. Nur ganz sporadisch sind die Proteste gegen die gesetzliche Maßnahme hervorgetreten, und eine verhältnißmäßig verschwindend geringe Mi- urit&t von Geistlichen hat sich veranlaßt gesehen, ihr Schulaufstchtsamt niederzulegen. Eben so war das Cultusministerium in der Lage, nur wenigen Geist­lichen die Schulaufsicht zu entziehen. Da von jetzt ab Verzichtleistungen auf letztere kaum noch werden aus­gesprochen werden und da auch der Cultusminister nicht mehr gcnöthigt sein wird, vielen Geistlichen die Schulinspection zu entziehen, so darf'nach dem bis herigen Verlaufe der Dinge constatirt werden, daß die Geistlichkeit in die neuen Verhältnisse auf das correcteste sich geschickt hat, eine Annahme, yon der Regierung und Abgeordnetenhaus sich leiten ließen und die mau im clericalen wie im feudalen Lager nur darum nicht theilte, weil Voreingenommenheit von jeher ein Charaktcrzug dieser beiden Fraktionen ist. Nichts ist im Staat aus den Fugen gegangen, nichts hat der Kirche Bestand bedroht. Jeder ist zu seinem Rechte gekommen und die vorher gestört gewesene Har­monie hat wieder Platz gegriffen Der Finanzminister Camphausen wird im Staate der einzige sein, der vom Gesetz Ungelegenheiten gehabt hat, denn er muß eine Etatsüberschreitung von etwa 60,000 oder 80,000 Thlr. vornehmen. Aber das Geld ist wohl noch zu beschaffen und die Abgeordneten werden cs bewilligen.

Elberfeld, 22. Juli. Der Strike der Bergleute im Bezirk der Bergisch-Märkischen Eisenbahnen ist als ganz beendigt anzujehen. Die Kohlenabfuhr ist von heute ab wieder regelmäßig. Der Andrang von Wagen ist sehr groß.

Bonn, 21. Juli. Die Tage unseres deutschen Festes rücken, schreibt die Bonner Zeitung, nun näher heran; die Zahl der bis heute fest Angemeldeten be­läuft sich über 3000, welche ihren Fcsttheilnehmerkarte gelöst haben. Die Begeisterung ist in stetem Wachsen begriffen, worüber die Vorbereitungen in den aus­wärtigen Gauen Zeugniß geben. In dem Gedanken, zum Gelingen des Festes das ©einige beizutragen, rüstet sich Norden und Süden, Osten und Westen; alle Turner und Turnsrcunde wollen mit Liebe und Eifer für die Sache eintreten. Die Arbeiten auf dem Festplatze sind nach de» Entwürfen und unter An leüung des bewährten Architekten Herrn Cocnen von dem Zimmermeister Herrn Prior tüchtig und mit Um­ficht in Angriff genommen und gehen schnell ihrer Vollendung entgegen. Wir glauben, daß es keinen ähnlichen Fcstplatz auf bet Welt gibt. Das Panorama welches sich hier darbietel, ist so wunderbar schön, daß es keine Feder wiederzugeben vermag. Bis jetzt haben sich, wie gesagt, über 3000 active Turner angemeldet unv ihren Festbeitrag eingesandt. Dies sind fast sämmtlich Turner aus entfernteren Gegenden, so z. B. 400 aus Oesterreich. In zahlreichen Kreisen herrscht eine wahre Begeisterung für das Fest, und wir dürfen sicher über 50Ö0 Turner erwarten.

Wiesbaden 21. Juli Der Ober-Appellations- gerichisrath Hehuer, Vertreter unserer Stadt im Abge- vrdnetenhause hat aus Gesundheitsrücksichten sei» Mandat nirdergrlegt. Ein von gestern datirie Ab­schieds-Ansprache an seine Wähler schließt mit den Worten:Sie haben mir durch Ihre Wahl Ersatz gewährt für manches, was mit in früherer Zeit do» anderer Seite zugefügt wurde. Der Dank dafür, dessen seien Sie versichert, wird nie in mir erlöschen, und eben so wenig wird das Interesse für die große ge- weinsame Sache der freiheitlichen Entwicklung des deutschen Volkes je in mir erkalten."

Dresden, 20. Juli. Die zur Begutachtung Schulgesetzentwurfes zusammengetretene außer­

ordentliche Deputation der ersten Kammer hat sich gestern vorläufig vertagt, nachdem sie sich über die bei der Berichterstattung über diesen Gesetzentwurf zu verfolgenden Hauptprincipien geeinigt hat. Der Wie­derzusammentritt ist vorläufig für Mitte September in Aussicht genommen und der Referent beauftragt worden in der ihm paffenden Zeit hier in Dresden die Vorarbeiten für den auszuarbeitenden Bericht zu beginnen.

Gotha, 20. Juli. Das heute publicirte Volks - schulgesetz stellt als Zweck der Volksschule die Erziehung zum sittlichen Handeln und die harmonische Entwicke­lung der geistigen Kräfte hin, es verpönt die Anfül­lung des Gedächtnisses mit unverständlichem oder un­verstandenem Lernstoff. Ter Religionsunterricht wird auf Grund der biblischen Geschichte ertheilt, doch können die Eltern denselben ihren Kindern auch ander­weitig ertheilcn lassen. Die Schuldirectoren und Jn- spectoren muffen praktisch geübte Schulmänner fein; der Schulvorstand wird von den Gemeindebehörden gewählt, der Ortsgeistliche ist Mitglied desselben. Die Gemeinden haben für Besetzung der Schulstellen das Wahlrecht der Lehrer, wenn nicht ein Patronat besteht.

Mainz, 22. Juli. Der hiesige Buchdruckereibe­sitzer Wallau ist zum Bürgermeister ernannt worden.

München, 21. Juli. Für die Jubiläumsfeier der Universität sind, wie verlautet, zahlreiche Ehren­promotionen besoudeis an der philosophischen Facultät in Aussicht genommen, darunter auch hervorragende preußische und bayerijchc Militärs, so u. A. auch die Generale v. d. Tann und v. Hartmann. Dem Magistrat der Stadt.München ist aus Norddeutschland ein Aufruf zur Betheiligung an einer am 2. September zu veranstaltenden Nationalfeier zugegangen und gleich­zeitig liegen von den Stadtmagistraten Nürnberg und Erlangen Anfragen vor, was die Münchener Gemeinde Vertretung bezüglich des auch ihnen zugeschickten Aus­rufes zu chun gedenke. Es wurde gestern nun ein Beschluß gefaßt, dahin gehend, daß das Nationalfest im Allgemeinen zwar mit Freuden zu begrüßen sei, der zur.Veranstaltung desselben in Aussicht genommene Tag (2. Sept.) dagegen mit Rücksicht auf den entschie­den kirchlichen Charakter des Festes, welches auch zu­gleich, und hierin wird die Stärke desselben gesucht, ein Schulfest sein soll, Bedenken erregend erscheine, um so mehr, als der 2. September noch in die Zeit der Ferien falle. Es wird deshalb der Tag des Friedens­schlusses, der 10. Mai, vorgeschlagen, weil dieser Zeit­punkt füglich mit dem Maifest verbunden und dasselbe auf diese Weise thatsächlich zu einem großen Ratio- naifefte erhoben werden könne. Im Uebrigen dürfte endlich die Festsetzung des Details der zu veranstalten- den Festlichkeiten nicht, wie der Aufruf zu wünschen scheint, nach einer einheitlichen Schablone zu veranlassen, sondern den einzelnen Gemeinden zu übsrlassen jein. Entgegen einer Behauptung derAllgemeinen Zei tung", daß das Ministerium des Aeußern noch im Laufe d. 'DL werde besetzt werden, schreibt man der AugSb. Postzeitung" von München:Die Minister- frage wird sich in die Länge ziehen; es verlautet in diplomatischen Kreisen, daß im Ministerrathe alle Geneigtheil ausgesprochen worden sei, daß Herr v. Lutz das Ministerium des Aeußern übernehmen möchte, und daß dieser Wunsch dem König unterbreitet wor­ben sei. Da der König in einigen Tagen nach Schloß Berg sich begeben wird, von Lutz seine Villegiatur. in Feldafing hält, so ist wohl nichts natürlicher, als daß derselbe seinen Minister zu weiteren k. Audienzen be­rufen wild". Hiernach scheint es sehr wahrscheinlich, daß Herr v. Lutz der Nachfolger des Grafen Hcgnen berg fein wird. Für das Cultusministerium hat die Abendzeitung" bereits den Herrn Professor und Reichsrath Dr. v Pözl (Altkatholik) in Aussicht ge­nommen, an welchem, wie jenes 23lat; meint, Baiern einen tüchtigen und kräftigen Cultusminister bekäme. Man sollte", meint hierbei bissig derBaierische Kurier",fteilich meinen, ein so ausgesprochener Par- telmann paffe nicht als Cultusminister eines in der Mehrheit- römisch katholischen Volkes. Solche Mei nung aber wird als Zeichen eines beschränkten Ver­standes, mit welchem die Unterthanen von jeher be­

kanntlich behaftet sind, erachtet und pflegt dort, wo der Sitz der Weisheit ist, nicht weiter gewürdigt zu werden. Im Uebrigen läßt eS uns als Katholiken ziemlich gleichgültig, wer Cultusminister in Baiern wird; die katholische Kirche wird jeden überdauern." Aus Landau in der Pfalz wird unterm 16. d. gemeldet, daß schon seit 14 Tagen man damit be­gonnen habe, die einzelnen Bastionen auf dem Walle abzudecken und sonstige kleine Gebäulichkeiten, eben­falls zur Festung gehörig, cinzureißen. Allenthalben sei man jetzt mit Durchbrechen des Walles beschäftigt.

Landau, 22. Juli. Der Bischof von Utrecht, welcher an Samstag hier eintraf, hat gestern in der Katharinenkirche ein Pontifikalamt abgehalten und an 43 Kindern die Firmung vollzogen. Dem Erzbischof wurden seitens des altkatholischen Theils der Bevöl­kerung große Ehrenbezeugungen erwiesen, Heute kehrt derselbe über Mainz und Köln nach Utrecht zurück.

Straßburg, 20. Juli. DerNiederrh. Cour." erhält über die Fortification von Straßburg eine Mittheilung, welche bestätigt, daß bis jetzt nur fünf größere Forts gebaut werden, da man wegen Bewäl­tigung des Materials und der nothwendigen Arbeits­kräfte nicht alle auf einmal in Angriff nehmen konnte. Es sollen jedoch im Ganzen 12 gebaut werden. Die für den Bau gelegten Schienenstränge sollen nach Beendigung desselben entfernt werden, weil sie gege­benen Falls in die Verwaltung nur störend eingreifen würden. Die sämmtliche» 12 Forts werden dagegen durch ein Telegraphennetz verbunden werden. Daß ein verschanztes Lager für 200,000 Mann projectirt sei, davon ist keine Rede.

Metz, 20. Juli. Aus sicherer Quelle wird der Straßburger Ztg." mitgetheilt, daß die deutsche Re­gierung, wie bereits im vergangenen Winter auch neuerdings wieder sämmtlichen Sparkassen des Reichs­landes, deren Fonds im französischen Tresor deponirt waren und nach den Bestimmungen des Friedensver­trages von Frankreich an Deutschland herauSgegeben werden, bedeutende Summen zur Verfügung gestellt und sie dadurch in die Lage versetzt hat, die ältere« Einlagen nach Wunsch der Deponenten, ungeschmälert mit Capital und Zinsen zurückzuzahlen. In Folge dieser MaAegel werden von allen Seiten bei den Sparkassenverwaltungen Anträge auf Rückzahlung solcher älteren Einlagen eingereicht und gelangen, namentlich bet der Sparkasse Metz, täglich bedeutende Summen zur Auszahlung, eine Erscheinung, die bei der Wichtigkeit deS SparcaffenverkehrS für die wirth- schaftlichen Zustände Beachtung verdient, für die wir jedoch zureichende Ursachen aus der zeitigen Sachlage nicht zu entnehmen vermögen.

Schweiz.

Der«, 22. Juli. Der BundeSrath beauftragte den Gesandten der Schweiz in Paris, gegen die von der französischen Regierung auf die falsche Nachricht ihres Conjuls in Basel über den angeblichen Aus­bruch der Rinderpest in den Cantonen Luzern und Wallis verfügte Grenzsperre Protest einzulegen,

Frankreich.

Paris, 21. Juli. Die Annahme der Steuer auf die Rohstoffe und mit ihr die Rückkehr zum Schutz­zollsystem, welche die Kammer gestern bccretirte, hat in Paris nicht überrascht, da man im voraus wußte, daß Herr Thiers, in Folge der Haltung der Linken den Sieg davon tragen werde. Große Freude hat der Ausgang dieses langen Kampfes nicht erregt. Die pariser Fabrikanten und Kaujleute, welche am letzten Freitag bei Thiers nochmals gegen die Steuer protestieren, sind voll Unmnth, und der Triumps, zu welchem die Republikaner Herrn Thiers gestern ver­halfen , hat ihrer Sache jedenfalls nichts genützt. Gambetta scheint dies auch klar einzusehen, den» sein Journal, die Rcpublique Franyaife, macht heute ein sehr verlegenes Gesicht und sucht die Haltung ihres Herrn und Meisters dadurch zu entschuldigen, daß sie erklärt, man habe die Steuer auf die Rohstoffe nur deßhalb bewilligt, weil keine andere Hülfsqucllen mehr vorhanden gewesen, um die für das Budget nothwen- digen Gelder aufzutreiben, und daß der gestrige Be­schluß keinen Bezug auf die Handelsfreiheit habe!