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Marburg, Dienstag, den 23. Juli.
1872.
IHTr- 171.
Oterhessische Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesstschr« Zeitung mit Kreitblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 281 Ear., durch die Postämter 27 Ggr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Ggr. — Jnsertioncgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
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Politische Wochen-Urberstcht.
Mit der vergangenen Woche ist das JahreSgedächt- niß an jene verhängnißvollen Julitage zum zweiten Male an uns vorübergegangen. Zwei Jahre waren es, daß die Kriegserklärung unseres streitsüchtigen, westlichen Nachbars übergeben wurde. Aber auch zwei Jahre sind es, daß das vatikanische Concil die Unfehlbarkeit des Papstes ausgesprochen. Siegreich ist in einer kurzen Spanne Zeit der am 19. Juli 1870 uns so offen entgegengetretene Feind zurückgeworfen worden, indeß der Feind, der am Tage zuvor in Rom uns erstand, mit immer größerer Zähigkeit das neu erstandene Reich zu bekämpfen trachtet. Die Wiederkehr der Ruhmestage, die mit den oben angeführten geschichtlichen Ereignissen beginnen, konnte nicht sinniger gefeiert werden, als durch die dem ganzen Volke überlieferte thatsächliche Darstellung dessen, was unsere Heere, unser Volk in Waffen vor zwei Jahren für uns gethan. Die Herausgabe des Werkes des General stabeS, die sachgemäße, offene, durch und durch wahre und anspruchslose Beschreibung der Thaten unserer Armee ist das schönste Monument, daS bei der Wiederkehr dieser Tage jenen errichtet werden konnte. Und wie es uns gelungen, unseren Feind von damals zu bezwingen, so wollen wir, indem wir uns in den folgenden Wochen und Monaten der vor zwei Jahren errungenen Siege freuen, gerade in dieser Zeit nicht nachlassen in dem Kampfe gegen einen Feind, der mit den Waffen eines von einer übelgeleiteten Geistlichkeit falsch gelenkten Geistes all das zu zerstören trachtet, was mtt dem Gut und Blut der Unsrigen erworben norden. — Am 11. b. würbe in Berlin ber Vertrag zwischen bem Deutschen Reiche und Belgien unterzeichnet, kraft dessen die belgische Regierung bett auf ihrem Gebiete belegenen Zweig der luxemburgischen Eisenbahnen übernimmt. — In Hannover sinb zum vierten beutschen BunbeSschießen Theilnchmer unb Gäste von weit und breit zusammengeströmk.
In Wien ist der Ausgleich zwischen den Croaten ein Schritt näher gerückt. Am 11. wurde vom Kaiser die Deputation empfangen, welche ihm die Adresse des kroatischen Landtages überreichte, die derselbe mit Befriedigung entgegennahm In Ungarn gehen die Wahlen ihren gewohnten Gang, von den 364 bekannt gewordenen gehören 100 der deakistischen Majorität an.
Wie Deutschland, so hat auch die Schweiz in
dieser Woche ihr großes nationales Schützenfest gefeiert, und zwar in Zürich. In den BundeSrath ist an Stelle des ausgeschiebenen Dr. Dubs ber Oberst Dcherer, eines der Häupter ber demokratischen Partei des CamonS Zürich, gewählt worden.
Der Jahrestag der Erstürmung der Bastille, der 14. Juli, ist in ganz Fra nkreich ohne Ruhestörungen vorübergegangen, obwohl die Republikaner die Gelegenheit benutzten, um für die Republik Propaganda zu machen. Thiers, der Geschichtsschreiber der ersten Republik, gab im Prästdentschaftshotel ein Essen, um seine Sympathie für die Ideen von 1789 anzudeuten; Gambetta hielt in La Ferts sous Jouarre eine Rede, um feine Republik den Bauern und Arbeitern zu empfehlen; auch in Bordeaux wurden große Tischreden gehalten. In Lyon, Marseilles, Nimes und Avignon, wo die Bankette verboten worden waren, mußten Volks- concerte aushelfen. Seit Thiers wiederholt erklärt hat, daß er das ihm anverMute Pfand der Republik, unverletzt bewahren und den ehrlichen Versuch mit der republikanischen Staatsform ehrlich durchführen werde, wird er von den Royalisten als Abtrünniger behandelt, von der Linken dagegen bis zur Aufgabe ihrer Handelspolitik unterstützt, und so feiern denn alle republikanischen Blätter Herrn Thiers ganz besonders wegen seiner Rede in der Mittwochssitzung der Nationalversammlung als Sieger. Die Rechte wollte in dieser Sitzung eine Tagesordnung Vorschlägen, welche die Lösung der Roh stoffsteuetfrage bis nach ber Bubgetbiskussion vertagen sollte. Daß d«r Prästbent die Fortsetzung ber Debatte burchgesetzt, sieht bie Linke nun als einen Sieg an. Bon Bebeutung ist es aber, baß durch die Debatte in dieser Sitzung eine Spaltung in bie Rechte gebracht worden ist. Man tadelt den Vicomte de Meaux, daß er bie Armee berührt hat. Die auf ber Rechten sitzenden Orleanisten sagen sich im „Journal de Paris" offen von diesem Herrn und seinen Freunden los. Nichtsdestoweniger wird die Rechte aber bei ihrer Opposition gegen die Rohstoffsteuer beharren.
In Italien wird die öffentliche Meinung von der veränderten Taktik der klerikalen Partei noch immer in Aufregung gehalten. Die Besorgniffe, in welche ber liberale Theil bet Italiener durch den Feuereifer versetzt wurde, mit welchen die Gegner ber Einheit ihre- Laubes alle Katholiken zu ben ex- communicirten Wahlurnen riefen, sinb geschwunden, seitdem es sich herausgestellt hat, daß die klerikale
Partei selbst gespalten ist und keineswegs auf große Erfolge zählen kann. Die klerikale Partei hat mittler weile ihre Forderungen schon so weit herabgespannt, daß die „Voce della Berit»" schon die Ansicht äußert, für die Freiheit des Papstes genüge der Besitz RvmS allein und eine freie Verbindung mit der Meeresküste.
Einen traurigen Beweis für die Zerrüttung der Verhältnisse in Spanien gibt bie telegraphische Nachricht, welche ben Morbversuch auf bas Königspaar meldet. Von welcher ber politischen Parteien baS Attentat attsging, läßt sich bis jetzt nicht sagen. Erfreulich ist es, baß ber König sich badurch nicht von feiner Reise in ben nörblichm Provinzen abhalten läßt; er bestätigt daburch, baß er bie Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, die ihm anvertraute Mission erfüllen zu können. Neber ben Carlistettaufstand hat t bie „Times" Nachrichten, benen zufolge bie Insurrektion in ben baskischen Provinzen ausstirbt, in Ca- talonien jeboch kräftig zu gebeihen scheint, wohin bie Regierung nun ihre Aufmerksamkeit lenkt, indem sie das GroS ber Operationsarmee in Catalonien wesentlich verstärkt.
Der Schluß ber englischen Parlamentssesston wirb kaum vor ber zweiten Woche bes Monats August zu erwarten sein unb schon rüsten sich viele Mitglieber ber beiden Häuser zur Abreise, in bem Bewußtsein, baß bie schwierigsten Tage überftauben sinb. Die Vorlage über bie geheime Wahlabstimmung ist, mit Hülfe beiberseitiger Zugestänbnisfe, bei welchen bas Unterhaus sich bie Beschränkung bes Gesetzes auf zehn Jahre gefallen ließ unb bas Oberhaus feinen Wie- betftonb gegen die obligatorische Kraft bes Ballots aufgab, glücklich auch burchgebracht unb ein a über er Gesetzentwurf, auf welchen großes Gewicht gelegt wirb, bie Concefsion für Wirthshänser betreffend hat im Unterhaufe bie zweite Lesung erfahren. — Der Strike im Baugewerke ist insoweit gemilbert, als bie Maurer bereit sind, bie Arbeit wieder aufzunehmen, bie Zimmerleute unb Klempner dagegen noch hartnäckig feiern.
Der Kaiser von Rußland hat am 12. Juli von den Truppen des Lagers von Krasnoje-Selo vor dem Erzherzog Wilhelm von Oesterreich, seinem Gaste, ein großes Manöver ausführen lassen. Am 15. Juli hat auf der großen Rhede von Kronstadt eine große Flottenschau stattgefunden. General Waymarn wurde vom Kaiser zum Fürsten Bacrclay de Tolly ernannt.
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Ein böses Gewissen.
Von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Erlaube, daß ich etwas weit aushole, bevor ich ßc nenne," versetzte das Mädchen. „Es mögen etwa vier Wochen her sein, als ich eines Abends einer Aufführung der Oper „Norma" beiwohnte. Die Vorstellung schloß in Folge einer Unpäßlichkeit unserer Primadona schon vor bem letzten Akt. Hellbau, welcher mich abholen wollte, war nicht ba, unb so stand ich denn allein in der Vorhalle, um ben alten Mann zu erwarten. Außer mir befanden sich nur Noch einige junge Herren in ber Halle, ich verrnuthete, daß sie aus bie Sänger ober Sängerinnen warteten. (Sine peinliche Viertelstunbe verstrich, Helbau kam noch immer nicht, unb ich bemerkte, baß bie Herren mir be= reit« größere Aufmerksamkeit schenkten, als mir lieb ttor. Ihre Kleidung, noch mehr aber ihre Züge, ttelc^e ben Stempel der Ausschweifung unb Blasirt- Ijeit trugen, verriethen mir, daß sie zu unferm Stanbe zählten, unb mit Schrecken buchte ich baran, baß sie »ich vielleicht für eins jener Geschöpfe halten könnten, deren Umgang biefe Klasse ber menschlichen Gesellschaft zu suchen pflegt. Und in dieser Vermuthung sah ich mich nicht getäuscht. Die Herren näherten sich mir, boten mir den Arm unb baten, mich nach Hause begleiten zu bürfen, unb ergingen sich, als ich diese Anerbieten ablehnte, in Redensarten, welche mich beleidigten unb empörten.
Der Rentier sprang von seinem Sitz auf. „Ich hätte bett sein müssen," rief er erregt, „ich würde diesen Vagabunden den Kopf zurecht gesetzt haben!"
„Ihre Zudringlichkeit nahm von Sekunde zu Se-
cunb^zn, schon wollte einer mir ben Schleier abreißen, als ein junger Mann, der in diesem Augenblicke aus einem Seitengange in die Halle trat und mit raschem Blick die Situation durchschaute, den Frechen zurückstieß unb mir feinen Schutz anbot. Sein offenes ehrliches Gesicht flößte mir Vertrauen ein, ich nahm feinen Schutz an. Die Wüstlinge suchten sich zu rächen, zu feige, meinen Begleiter persönlich anzu- greisen, rächten sie sich durch Worte, welche mir daS Blut in die Wangen trieben. Ich nannte meinem Beschützer meine». Namen unb bat ihn, mich nach Hause zu führen."
„Mein Beschützer war indeß entschlossen," fuhr Mathilde fort, „jenen Wüstlingen eine Lectioik zu hinterlassen; ehe diese sichs versahen, brannte «lne Ohrfeige auf ihren Wangen."
„Recht so!" fiel der Rentier ein. „Ich würde nicht anders gehandelt haben."
„Der junge Mann begleitete mich nach Hause unb theiltc mir auf meine Fragen mit, baß er Agent sei und es ihm nur an den nölhigen Kapitalien mangle, um sich zum Großhändler emporzuschwingen."
„Er kannte ja Deinen Namen unbewußte, daß ich ein reicher Mann bin, seine Kalkulation macht ihm wenig Ehre," versetzte der Rentier, während ein höhnisches Lächeln über feine Lippen glitt, „bei etwas gesundem Menschenverstand würde er begriffen haben, daß feine Anspielung einer groben Bettelei sehr ähnlich sah."
„Du mißverstehst mich, wenn Du diese Absicht ihm unterschiebst," erwiderte Mathilde ernst, „noch ehe er meinen Namen wußte, schützte er mich gegen die Rohheit der Wüstlinge, ich denke —"
»Daß das genügt, feinen Edelmuth, feine Uneigennützigkeit zu beweis«?" fiel ber alte Herr seiner Tochter ins Wort. „Du kennst bie Menschen noch nicht, Ma- thilbe, — aber fahr fort, Du wolltest ja eine Bitte an mich richten."
„Diese Bitte ist, baß Du bem jungen Manne ein kleines Kapital vorstrecken mögest."
Der Rentier sah erstaunt auf. „Ein kleines Kapital, sagst Du? Unb weißt Du auch, ob jener Mann reblich, thätig unb solide ist?"
»Ich erkundigte mich nach ihm," fuhr Mathilde fort, „er ist ein Agent
»Agent ist heutzutage Jeder, der auf keinen grünen Zweig mehr kommen kann," spottete Krämer, „bas letzte Loch, aus welchem der Geschäftsmann pfeift, ist eine Agentur. Scheibet ein Commis aus feiner Stellung, ober fallirt ein Geschäftsmann, — innerhalb vier Wochen reitet er schon auf Agenturen unb bilbet sich dabei systematisch zum Müssiggänger aus. Ich habe Manchen gekannt, ber feinen Nacken nicht mehr unter das Joch eines Prinzipals beugen wollte, obschon er ein gutes Salair bezog unb verhältnißmäßig wenig dafür leistete, er kündigte, übernahm Agenturen, unb nach einem längstens zwei Jahren bankte er Gott, wenn er bemüthig und bescheiden in feine frühere Stellung zurückkehren durfte. Wenns bem Esel zu wohl wirb, geht er auf« Eis tanzen. Dein Protege mag wohl auch zu biefer Sorte zählen, unb in bxm Falle wäre es Thorheit, ihm auch nur einen Heller vorzustrecken. Wenn er eine gute Bürgschaft stellen kann, bin ich nicht abgeneigt, ihm gegen anftänbigen Zinsfuß eine kleine Summe vorzustrecken, vermag er bie« aber nicht, wie ich vermuthe, so — "