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Ur 170

Akarkurg, Sonntag, den 21. Juli.

1872.

OterhesMe Zeitung.

Lrsckeint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal der OberheMche« Zeitung mit Kreitblatt durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruckerei) bezogen 22) Gar., durch die Postämter 27 Tgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 22 Ggr.— JnfertionSgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Keich.

•* Berlin, 19. Juli. In der Presse werden vielfach Vermuthungen ausgesprochen in Bezug der Stellung der Mächte zu den Eröffnungen, welche die Reichsregierung über eine etwaige Papstwahl gemacht; es wird unter Anderen behauptet, daß Frankreich und Oesterreich sich ablehnend verhalten, und daraus wird die Schlußfolgerung gezogen, daß diese Haltung des österreichisch-ungarischen Cabinets auf eine Erkaltung Oesterreichs zu Deutschland hindeute. Es muß diesen Angaben gegenüber erklärt werden, daß dieselben lhcils auf unklaren Vorstellungen, theils auf unge­nauen Mittheilungen beruhen und daher zu einer solchen Annahme keine Veranlassung bieten, und na­mentlich sind die Vermuthungen über die Beziehungen Oesterreichs zu Deutschland eben so unbestimmt, als die Voraussetzungen, welche diesen neuen Stand der Dinge motiviren wollen. — Was die Frage der Papst wähl anbelangt, so ist eben eine Schrift über dieses Thema „Ein Wort über die Papstwahl" bei G. v. Muyden in Berlin erschienen. — Die „Elbf. Ztg" gefällt sich darin, gegen die officiösen Correspondenzen zu polemisiren, da diese über den Stand der socialen Frage nur Falsches berichtet hätten. Wenn zugegeben werden muß, daß in den officiösen Correspondenzen eine falsche Angabe in Bezug auf Graf Beust gegeben worden ist, so ist diese« ganz unwesentlich und trifft nicht den Kern der Berichtigung, der dahin ging, daß das Ziel der Besprechungen in Gastein nicht die ge­waltsame Unterdrückung der socialen Bewegung ge wesen sei; diese Behauptung ist unbestritten richtig. — Die japanesische Regierung, die bekanntlich zu der deutschen Regierung wie in Bezug zu Europa ins beste Einvernehmen zu stellen sich bemüht, hat als einen neuen Act dieser Gesinnung bestimmt, daß sie ständige Gesandtschaften in Berlin, Paris, London, Petersburg, Washington halten will; für Berlin ist der Vice-Minister des japanesischen Reiches bestimmt, Jamajathst, welcher sich bereits eine Vertrautheit mit deutschen Angelegenheiten zu eigen gemacht hat und sich bereits auf dem Wege nach Europa als Mitglied einer außerordentlichen Mission befindet. — Ueber das Befinden des wirk!. Geh. Legationsrathes Abccken wird gemeldet, daß der Zustand deffelben, wenn auch noch ein höchst gefährlicher, doch nicht so rettungslos sei, als einzelne Blätter denselben geschildert haben. — Die „Kreuzztg." bemüht sich heute, über die Ver­setzung des RegierungsratheS Goltz vom hiesigen königl. Polizei-Präsidium, die früher gemachten An­gaben zu widerlegen. ES ist der „Kreuzztg." zu er­widern, daß die Versetzung des Herrn Goltz an eine westliche Regierung allerdings in Aussicht genommen worden ist. — Geh. Legationsrath v. Keudell ist von

Ein biisrS Gewiffea.

Von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

So, ganz sich selbst überlasten, allein auf sich angewiesen, konnte es nicht befremden, daß Helldau all sein Lieben auf seinen Herrn und besten Kind übertrug. Wie seine Umgebung ihn mied, so wich er auch ihr aus dem Wege, um sich ganz dem Geschäfte und der Familie des Kaufherrn zu widmen. Er war weder überrascht noch befremdet, als der Rentier ihm mit- theilte, er mäste augenblicklich nach dem Dörfchen C. aufbrechen und dort nachforschen, ob die Frau des verhafteten Ackerers Konrad Schulz ein Document besitze.

„Und wenn sie cs besitzt?" fragte er.

„So wirst Du eö Dir zu verschaffen suchen," fuhr der Krämer im Tone des Befehls fort, „von dem Besitz desselben hängt für mich viel, sehr viel ab."

Dem Buchhalter fiel eS nicht in den Sinn, zu forschen, waS dieses Document enthalte und was von dem Besitz deffelben abhänge, er gehorchte schweigend, wie er gehorcht haben würde, wenn sein Herr ihm befohlen hätte, einen Geschäftsbrief an die königliche Bank zu schreiben.

„Du wirst noch heute Abend zurückkehren," nahm der alte Herr wieder daS Wort, nachdem er dem Buchhalter eine Banknote zur Bestreitung der Reise-

Varzin zurückgekchrt und begibt sich demnächst auf längere Zeit auf Urlaub. — Die „Köln. Ztg." brachte die Nachricht, daß dem Bischof Erementz die Tem- poralien bis zum 10. Oct. ausgezahlt seien. Andere Blätter schließen daraus, daß die Haltung der Re­gierung eine veränderte geworden sei. Es ist nun aber erst nach dem 1. Juli der Beschluß des Staats­ministeriums in dieser Angelegenheit gefaßt und konnte vorher eine Entziehung der Temporalien zum 1. Juli nicht mehr eintreten; die Nachricht der „Kreuzztg." hierüber war nur in dem Sinne zu verstehen, daß, falls die Regierung ihre Beschlüsse vor dem 1. Juli fasse, die Regierungscasse in Königsberg vorbereitet sei.

— Der „A. A. Z." wird ans Berlin geschrieben: „Der Präsident des Reichskanzleramtes, Staatsminister Delbrück, welcher am 12. d. seinen Urlaub angetreten hat, wird voraussichtlich nicht vor Ende August hier­her zurückkehren. Mit der Vertretung ist der Director im Reichskanzleramte, Geh. Ober - Regierungsrath Herzog, beauftragt. Der Bundesrath wird seine Ar­beiten in der ersten Hälfte des September wieder aufnehmen, um die Vorlagen für die nächste Reichs­tagssession vorzubereiten. — Ob Fürst Bismarck wäh­rend des Besuchs des Kaisers von Oesterreich nach Berlin kommen werde, ist noch zweifelhaft, und soll von dem Befinden des Reichskanzlers abhängen. Für daS Fernbleiben des Fürsten spricht der Umstand, daß die Unterbrechung der Kur, welche durch die Hierher­kunst nothwendig würde, zu Mißverständnissen in Be­treff seines Fernbleibens während der Anwesenheit des italienischen Kronprinzen und seiner Gemahlin Anlaß geben könnte." — Der Ausschuß des Bundesraths hat das Referat über den von einer Commission be­arbeiteten Entwurf eines Civilprozestes des Deutschen Reiches dem baierischen Justizminister Dr. Fäustlk übertragen.

— „ES soll bekanntlich AlleS schon da gewesen sein", sagt die „Köln. Ztg." in einem die Wohnu^gs- noth in Berlin betreffenden Artikel und fügt hinzu: „aber hat man schon jemals von Wohnungs-Auctionen gehört? Die Besitzer von vier Häusern in der Barnim und Büschingstraße halten allen ihren Miethsleuten gekündigt und darauf eine Versteigerung aller Woh­nungen an den Meistbietenden anberaumt. Es fand ein solcher Zudrang statt, daß die Polizei sich ein­mischen mußte. UebrigenS ist eine solche Versteigerung nur die Spitze eines jetzt in Berlin sehr gewöhnlichen Verfahrens. Wenn ausnahmsweise ein Hausbesitzer seine Miether nur wenig oder gar nicht gesteigert hat, so wird ihm von Speculanten eine Summe auf sein Haus geboten, deren Zinsen seine Hausrenten bei Weitem übersteigen. Er verkauft das Haus und dann wird von den neuen Besitzern der Kürze wegen allen

kosten überreicht hatte. „Kannst Du das Document nicht durch List erlangen, so versuche es durch Be­stechung, der Klang deö Geldes hat schon Manchen zu einer Thorheit verleitet."

„Wie hoch darf ich gehen?" fragte Heldau ruhig.

„Bis zu tausend Thaler," fuhr der Rentier fort, „wohl verstanden „bis," kannst Du es billiger er­halten, so —"

„Wäre ich ein Narr, wenn ich mehr gäbe," fiel der Buchhalter ihm ins Wort. „Habe ich von irgend einer Seile Anfeindung zu befürchten?"

„Ja, von Seiten des Bürgermeisters. Er wird ebenfalls sich um den Besitz dieses Papiers bemühen, deshalb fei auf Deiner Hut!"

Der Alte nickte und ging hinaus, um unverzüglich den Weg nach C. anzutreten.

„Und nun, Glück, bleibe mir treu!" murmelte Krämer, während er durchs Fenster dem alten Manne, der eiligst davonschritt, nachjchaute. „Nur diese Gunst erzeige mir noch, sie ist die letzte, um welche ich Dich bitte." — Er versank nach diesen Worten in tiefes Sinnen, aus welchem er durch die Stimme Mathil­dens geweckt wurde. So ungelegen dem Rentier diese Störung kam, sein Kind wollte er daS nicht fühlen lassen. Dem unbefangenen Blick Mathildens entging die düstere Wolke nicht, welche auf der Stirn des Vaters lagerte, die Ursache derselben GeschästSunan

Miethern aus einmal gekündigt. Wer wohnen bleiben will, muß ein neues Angebot machen, und der schlaue Wirth hat also gar nicht nölhig, seinerseits zu steigern oder ein Verlangen auszusprechen. Es geht mithin den armen Miethern wie den Sclaveit, die, selbst wenn sie einen guten Herrn haben, besorgen müssen, morgen an einen hartherzigen verkauft zu werden. Trotz aller Verbote werden noch immer im Weichbilde der Stadt bald hier, bald dort Baracken aufgeschlagen, und die Wohnungsnoth füllt unsere Blätter mit Leitartikeln und setzt Vereine und Versammlungen in Athem. Die Hauptsache wird sein, die Verbindung mit der Um- gegend durch Pserde-Eisenbahnen, Eisenbahn-Stationen u. s. w. zu erleichtern, damit ein bedeutender Theil der Menschheit, der in Berlin leben und arbeiten muß, in der Umgegend Unterkommen kann. London kann Berlin als Vorbild dienen."

Darmstadt, 19. Juli. Das „Regierungsblatt" enthält eine Bekanntmachung, nach welcher dem ultra- montancn „Mainzer Journal" die gerichtlichen An­zeigen in Rheinhessen entzogen und dem „Mainzer Tageblatt" übertragen werden.

Strastburg, 18. Juli. Nach dem „Amtlichen Verzeichnisse des Lchrerpersonals und der Studirenden der Universität zu Straßburg" ist daselbst: Kaiser!. Curator der Universität der Vice-Präsident des Ober- Präsidiums Ledderhose; Rector: Dr. Bruch, ein El­sässer , seit 23 Jahren Decan der hiesigen protestan­tischen Facultät; Prorector: Professor Dr. Springer. Decane: Reuß (Elsässer), Köppen, Hoppe-Seyler, Bergmann (Elsässer, seit 10 Jahren Decan der fran­zösischen Faculte des lettres. Der Senat besteht aus dem Rector, dem Prorector, den Deranen, so wie auS je einem Professor der vier Facultäten. Die theolo­gische Facultät zählt fünf Professoren, und zwar lauter Elsässer, resp. Straßburger, die juristische sieben, die rnedicinische eilf, särnmtlich Deutsche. Die philosopische Facultät zerfällt in zwei Abtheilungen, nämlich: 1) Philosophie, Philologie, Geschichte, 2) Mathematik und Naturwissenschaften, und zählt 26 Professoren, worunter sechs Elsässer. Sämmtliche Lehrkräfte der Hochschule beziffern sich somit auf die Zahl 48, näm­lich 37 deutsche und 11 elsässische. Zu den wissen­schaftlichen Anstalten der Hochschule gehören: 1) ein juristisches Seminar, 2) ein anatomisches, 3) ein experimental-physiologisches, 4) ein physiologisch-chemi­sches , 5) ein pathologisch anatomisches, 6) ein phar­makologisches Institut, 7) medinische und Poliklinik, 8) geburtshilfliche, 9) physikalische, 10) chirurgische, 11) ophthalmiatrische Klinik (für Augenheilkunft), 12) ein historisches Seminar (mittelalterliche deutsche Geschichtssorschung und neuere Geschichte), 13) kunst- historischer Apparat, 14) Apparat für christliche Ar- nehmlichkeilen zuschreibend, ging sie leicht darüber hinweg, sie wußte ja, daß unbedeutende Kleinigkeiten die Laune des alten ManneS trüben konnten.

»Ich habe eine Bitte an Dich," sagte sie, als sie dem Vater gegenüber in dem Lehnstuhl saß, und ihre Stimme klang so süß und einschmeichelnd, daß der Rentner in seinem Herzen schon jetzt die Er­füllung der Bitte zusagte, wenn sie nicht mit gar zu großen Opfern für ihn verbunden war.

„So laß hören," erwiderte er, „Du weißt ja, daß ich Deine Wünsche steiS erfülle, wenn dies in meiner Möglichkeit liegt. Nur mit Deinen Bitten um Almosen verschone mich, Du kennst meine Ansicht über diesen Punkt."

„Sei unbesorgt", fiel Mathilde lächelnd ihm ins Wort, „wenn ich auch sehr oft mit meinem Taschen­gelde zur Unterstützung dieses ober jenes Hülfsbedürf- ligen nicht ausreiche, so bitte ich Dich darum doch nicht um einen Zuschuß, weil ich weiß, daß Du ihn mir verweigern würdest."

„Und daS mit allem Recht", entgegnete der alte Herr falt, „die Bettler führen durchschnittlich das beste Leben; was die Mildherzigkeit Anderer ihnen giedt, verjubeln sie in Branntwein und theuren Speisen, aber kommen wir auf Deine Bitte zurück."

(Fortsetzung folgt)