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Mr 169

Marburg, Sonnabend, dm 20. Juli.

1872.

OberhesMe Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberheffische« Arttu«g mit KretSblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; Lar., durch die Postämter 27 Tgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Ggr.— Jnsertiontgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

Drutschrs Reich.

•« Berlin, 18. Juli. Der Minister des Jn- neril befindet sich zur Zeit in Düsseldorf, wird aber morgen oder übermorgen in Berlin zurückerwartet, um die Geschäfte seines Ressorts zu übernehmen. Die Privat-Fmer-Versicherungs - Gesellschaften hatten eine Beschwerde an den Minister des Innern gerichtet über die Beeinträchtigung, welche die Gesellschasten durch die Beamten erführen, die für die öffentlichen Feuersocietäte» in der Provinz wirkten. Der Minister hat nun den Gesellschaften unter dem 26. Juni er­öffnet, daß in Bezug dieses Antrags die Landrälhe der östlichen Provinzen in die rein beaufsichtigende Stellung zurückgewiesen seien, daß aber der Antrag, ein Verbot rc. zu erlassen, die Beamten bei den öffent­lichen Feuersocietätcn zu verwenden, nicht in der Ab­sicht liegen könne, da ein solches auch früher nicht bestanden. — Der Minister v. Selchow hat mit Be zug aus das Gesetz vom 27. April 1872, die Ablösung der den Geistlichen und Schulinstituten, sowie den freien und milden Stiftungen zustehenden Berechti­gungen ein Circular erlassen, welches nunmehr auf Veranlassung des CultuSministers den königl. Regie­rungen zugcfertigt ist, in der Absicht, daß die preu­ßischen Regierungen in Betreff der unter ihnen stehenden Znstitule auf die durch dieses Gesetz gebotene Mög­lichkeit der Ablösung und auch auf den Vortheil desselben und aufmerkjam machen möchten und wird besonders darauf hingewiesen, daß die Regierungen Sorge tragen mögen, daß die in baarem Gelde zufallende Ablösung zur Erwerbung von Grundbesitz gebraucht werde, welches vorzugsweise das Mittel sei, um gegen die Entwerthung des Geldes sich zu sichern. — Die Schüler des Gymnasiums in Madgeburg haben eine Zeitschrift „Walhalla" gegründet und die Schüler anderer Gymnasien für diese Bestrebungen interesstrt; sie haben aber durchaus ihre Vereinigung nicht nach studentischen Abzeichen rc. eingerichtet, vielmehr nur einen Vorstand int Magdeburger Censur-Collegium ernannt, der die Aufnahme der Artikel für die Zeit- schrist prüft. Die Zahl der Vereinsmitglieder beträgt 230. In pädagogischen Kreisen ist die Frage angeregt, ob diese Vereinigung zu dulden sei. Hierauf hat der Cultusminister aus eine Anfrage erklärt, daß sobald die Pflichte» eines Schülers dabei nicht außer Acht gelassen würdeli, nichts gegen eine solche Vereinigung zu erinnern sei. — vr. Prof. Gneist hat eine neue Schrift im Verlage von Julins Springer erscheinen laffen: Der Rechtsstaat. Veranlaßt ist diese Publication

Em böses Gewissen.

Bon Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Er weiß nicht, daß er Ihr Reffe ist, unter frem­dem Namen lebt er vielleicht in ihrer Nähe, erst bei seiner Großjährigkeit sollte Schulz ihn mit dem Schick­sale seines Vaters vertraut machen und ihm das Do- cument einhändigen."

„Sie wissen, wo er sich aufhält?"

„Nein. Schulz beobachtete über diesen Punkt strenge Verschwiegenheit. Es dürfte uns indeß nicht schwer fallen, dies zu erfahren, wenn wir ernstlich an'S Werk gehen."

Der Rentner blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin. „Sie glauben also, daß Schulz verur- cheiit wird?"

„Wenn wir es uns angelegen fein lassen, dieses Unheil zu erwirken, — ja!"

„So biete ich Ihnen für Ihre Bemühungen fünf­tausend Thaler", versetzte Krämer nach kurzem Nach­denken, „zahlbar sobald wir an unferm Ziele stehen."

Ein Ächeln des Hohnes umspielte die Lippen des Bürgermeisters. Sparen Sie die Mühe", entgegnete er kalt, nur die Hand Ihrer Tochter kann mich be­stimmen, Ihnen meinen Beistand zuzusagen. Wählen Sie also — entweder operiren wir gemeinschaftlich, oder Sie finden in mir einen Gegner, der gegen Sie bedeutend im Vortheil ist."

„So sei eS denn", sagte Krämer, indem er dem Bürgermeister die Hand reichte und dabei einen tückischen Blick aus seinen stechenden Augen auf ihn

durch einen Vortrag im Frühjahr 1871, den Gneist im Verein der juristischen Gesellschaft von Rechts- verständigcn des I. deutschen Reichstages über den Zustand des öffentlichen Rechts in der Gegenwart und in Vergleichung mit früheren Rechtsanschauungen gehalten hat. — Wenn es noch eines weiteren Zeug­nisses bedürfte, wie sittlich tief die katholische Presse gesunken ist, so würde die tägliche Entwicklung des katholischen Blattes „Schles. Volksztg." dies darthun. Während einerseits der Zwist in der katholischen Kirche abgeleugnet wird, wiederholt sich derselbe in den Spalten der „Schles. Volksztg." selbst. Diese enthält die Zuschriften, die sich alle gegen den oft citirten Artikel des katholischen Blattes richten. Alle diese Zuschriften werden in der Redaction des katho­lischen Blattes in sarkastischer Weise abgewiesen. Ge genübcr allem diesem Gebühren wird nun wohl nicht mehr behauptet werden können, daß nut allein die Officiösen von dem Artikel so viel Aufhebens ge­macht hätten.

— Durch Reichsgesetze vom 8. Juli sind in Elsaß - Lothringen* das Militärstrafgesetzbuch und das Jesuitengesetz nebst der bundesräthlichen Bekannt­machung eingeführt worden.

— Noch kürzlich war die Berliner Universitätsge- richtsbarkeit Gegenstand der öffentlichen Erörterung und auch in der Petitionscommission des Reichstags, doch ist es seitdem wieder still davon geworden. In­zwischen vernimmt man, daß die Sache nicht ruhen bleiben und demnächst wieder ausgenommen werden soll. Der Zug der Zeit geht lange schon auf Ab­schaffung der veralteten Universitätsgerichtsbarkeit, die ihre Bedeutung verloren hat und zu einem mehr als lästigen Vorrecht geworden ist, wenn Überhaupt von einem solchen die Rede sein kann, zumal, wenn man erwägt, daß Ausnahmegerichte und der eximirte Ge richtsstand lange schon abgeschafft sind. Dazu kommt, daß die große Mehrzahl der Studirenden in Folge der neuern Gesetzgebung großjährig ist und auch nach dieser Seite hin die volle Berechtigung hat, vor den ordentlichen Gerichten zu erscheinen und giftige Ver träge abzuschließen.

— Bei dem Berliner Stadtgericht waren im Jahre 1871 98,340 summarische, Mandats-, Jnjurien- und Bagatellprocesse anhängig, 19,041 oder 17 Pro Cent weniger als im Jahre 1870. Bei den Schieds- männern in Berlin waren im Jahre 1871 7072 Sachen anhängig, von denen 2575 durch Vergleich, 928 durch Zurücktreten der Parteien, 3564 durch

schoß, „nur Eins bedinge ich mir aus, daß Mathilde nicht eh«t etwas von unserer Vereinbarung erfährt, bis die ganze Angelegenheit geordnet ist."

„Das Ziel könnte etwas sehr lange hinausge- schoben werden", versetzte Wetterau bedenklich, der jenen Blick bemerkt hatte und seine Maßregeln dar nach zu treffen beschloß, „doch eine schriftliche Erklä­rung von Ihrer Hand, mit dem Zusätze, daß die Ver­lobung längstens heute übers Jahr veröffentlicht wer den soll, genügt mir."

Nochmals sträubte sich der Rentner, diese Be­dingung einzugehen, aber Wetterau beharrte so fest bei derselben, daß der alte Mann nachgeben mußte.

Und nun, da ich mich gleichsam als Ihren Schwie­gersohn betrachten kann, haben wir keine Geheimnisse mehr untereinander", nahm der Büürgermeister das Wort, nachdem er den Schein in seine Brieftasche ge­legt hatte. „Sagen Sie mir also aufrichtig, wußten Sie um den Mord?"

Der Rentier richtete sich stolz auf. „Wenn Ihnen au meiner Freundschaft gelegen ist, so wiederholen Sie nicht diese Frage," entgegnete er barsch, „die zu stellen Sie nicht die geringste Berechtigung haben. Ich bin überhaupt über Alles noch so sehr im Unklaren, daß ich Sie ersuchen muß, mir die Ereignisse der verwichenen Nacht und die Aussagen meines ehemaligen Hausknechts mitzutheilen.

Wetterau kam dem Verlangen des alten Herrn nach und verabschiedete sich endlich mit dem Verspre­chen, daß er zur Erlangung des Documents und zur Erforschung des Neffen die nöthigen Schritte einleiten

Ueberweisung an den Richter erledigt wurden. 5 Sachen schwebten noch bei dem Schluß des Jahre«.

— Die Capelle des Kaiser Franz-Garde-Grena- dier-Regiments Nr. 2 hat sich, nachdem das Musik- fest in Boston beendet ist, am 13. d. M. auf der „Donau" eingeschifft, um die Rückreise nach Deutsch­land anzutreten.

Hannover, 18. Juli. Das gestern Abend stattgehabte zweite Festbankett des 4. Deutschen BundeS- fchießens verlief ebenfalls in gehobenster Stimmung und von keinem Mißton getrübt. Die Toaste auf Se. Majestät den Kaiser, auf da« Deutsche Vaterland, auf die Gäste, auf die Stadt Hannover, und die Han­noverschen Frauen wurden mit allgemeinem Beifall ausgenommen; ein Toast Dr. Gerstels an die Deutsch- Amerikaner fand jubelnde Zustimmung. Das Fest schloß mit einem Trinkspruche des Stadtsyndikus Al­brecht auf ein einmüthiges Zusammenstehen wider Rom.

Neuwied, 18. Juli. Der Kaiser, die Kaiserin — welche sich von Koblenz aus dem Zuge angeschlossen hatte — und die Herzogin Wilhelm von Mecklenburg sind zur Theilnahme an der im hiesigen fürstlichen Hause heute stattfindenden Tausfeierlichkeit Mittags 111/2 Uhr hier eingetroffen. Die Rückfahrt der hohen Herrschaften erfolgt um 4 Uhr, zu welcher Zeit auf dem Bahnhofe eine Vorstellung der Kriegsschule in Engers stattfinden wird. Der Kaiser wird nach einem mehrstündigen Aufenthalte in Koblenz nach Ems zu- rückkehren; die Herzogin Wilhelm von Mecklenburg begibt sich nach Dobberan. — Die Frau Prinzessin Karl ist von Ems nach Schlangenbad abgereift.

Gms, 17, Juli. Das Programm für die Reise des Kaisers nach Gastein ist nunmehr festgestellt. Nach demselben begibt sich der Kaiser am 24. d. Nach­mittags 4 Uhr nach Coblenz, woselbst Aufenthalt bis zum 26., am 27. Nachmittags 2 Uhr übet Eltville und Schlangenbad nach Wiesbaden, woselbst Ankunft um 71/2 Uhr und Aufenthalt bis zum 30. d. Es findet Empfang der Behörden statt. Am 30., Nach­mittags I1/2 Uhr, Abreise nach Homburg, woselbst Ankunft um 3 Uhr und Aufenthalt bis zum ersten August. Auch hier findet Empfang der Behörden statt. Am 2. August Morgens 9 Ubr über Nürnberg, woselbst das Diner eingenommen wird; Um 7V«Uhr nach Regensburg, woselbst Nachtquartier. Am 3. früh 9 Uhr Reise über Wels nach Salzburg, woselbst An­kunft um 5 Uhr Nachmittags. Am ±. August von Salzburg nach Berchtesgaden; am 5. Morgens 9 und innerhalb einiger Tage dem Rentier weitere Mit- theilungen machen wolle. — o „Er mein Schwiegersohn!" höhnte der Alte, als der Bürgermeister sich entfernt hatte, „er mag des Teufels Großmutter heirathen, aber nicht meine Tochter!" — Er zog die Schelle. „Heldau soll kom­men!" sagte er, als ein Dimer erschien. „Er muß mir das Document schaffen," fuhr er in seinem Selbst­gespräch fort, „habe ich dieses, dann mag kommen, was will, ich biete ihm die Stirne!"

Heldau war der frühere Buchhalter des Rentner, ein treuer, ergebener Diener, der in seiner Anhäng­lichkeit selbst vor den dunkelsten Wegen seines Herrn nicht zurückbebte. Schlau und gewandt, dabei ver­schwiegen und ehrlich, war er für den Rentier ein unschätzbares Klieinod, ihm verdankte er das Gelingen mancher Speculation, seine Speculation mußte auS- helfen, wo Krämer die Grenze gefunden hatte, und aus dem letzten Grunde hielt er ihn in seinem Dienst, als er das Geschäft nicderlegte. Heldau's Beschäfti­gung bestand darin, die Bücher zu führen, die Börsen- Zeitung zu lesen und seinen Herrn aufmerksam zu machen, wenn der Cours irgend eines WerlhpapierS Gewinn abzuwerfen versprach. DaS Gehalt, welche- er bezog, war gering, aber Helldan, welcher als alter Junggeselle sich mit Wenigem begnügte und keine andere Leidenschaft kannte, als die, literarische Schätze zu sammeln, reichte mit demselben aus. Er hatte Ma­thilde auf feinen Knieen geschaukelt, unter feinen Au­gen war sie aufgewachstn und seine Liebe zu diesem Mädchen stand der Anhänglichkeit an seinem Herrn