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Sie doch Vernunft an," bat er, den Bürgermeister am Arm zurückhaltend, „wie kann ich Ihnen die Hand meiner Tochter zusagen, bevor ich weiß, ob Mathilde Sie liebt?"

„Das lassen Sie meine Sorge sein, unsere Cha­raktere harmoniren mit einander, ich weiß, daß Ihre Tochter an meiner Seite ihr Glück finden wird."

„Und in der Hauptsache ist es Ihnen doch nur um die Mitgift zu thnn," bemerkte Krämer bitter. „Setzen Sie sich, wir wollen offen mit einander reden. Sie werden einsehen, daß mir vor Allem daran ge­legen sein muß, das Documcnt zu erhalten, welches mein Bruder diesem Konrad Schulz übergab," fuhr er fort, als der Bürgermeister seinen Sitz wieder ein­genommen hatte, „glauben Sie, mir dasselbe verschaffen zu können?"

Wetterau nickte.

„Ferner müssen wir den ehemaligen Hausknecht unschädlich machen; wie ich nicht zweifle ist jenes Do- cument versiegelt, er wird das Siegel nicht gelöst haben, kennt also auch den Inhalt des Aktes nicht."

„Er kennt ihn, aber wir werden Mittel finden, ihn stumm zu machen."

„Und mein Neffe?"

(Fortsetzung folgt.)

Das Werk M Große» Gearralflabes.

(Fortsetzung.)

Diesen auf Unkenntniß des Gegners sowohl wie der eigenen Kraft und Bewegungsfähigkeit basirten französischen Plänen gegenüber hatte nun die deutsche Heeresleitung schon seit Zähren die Grundideen fest­gesetzt, welche unter den gegebenen Verhältniffen die Basis ihrer Operationen gegen Frankreich werden sollten. Zu den Aufgabm des Generalstabs im Frieden

Ur 167.

JRarfiutfl, Donnerstag, den 18. Juli.

1872.

OberhesMe Leitung.

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Zur socialen Frage.

Die socialen Zustände Berlins und mancher an­deren großen Städte, besonders aber der ununter­brochene Auswandererstrom, der seit dem Frühjahre dir deutschen Seestädte, namentlich Bremen unb Ham­burg, überfluthet, hat den nachdeiikcnden Beobachtern, den Staatsmännern und Volkswirthen schon viel fruchtloses Kopfzerbrechen gekostet. Die Auswanderer, die nach Nordamerika, oft familienweise ziehen, kommen aus den verschiedensten Theilen Deutschlands. Die Frage nach den Ursachen dieser bedauerlichen Entvöl­kerung namentlich der ländlichen Distrikte Norddeutsch landö liegt nahe und hat die verschiedenste Beantwor­tung bereits erfahren. Die früher oft genannten Gründe können eS nicht mehr sein. Denn das vcutschc Reich hat keine veralteten socialen Gesetze mehr, es erschwert nicht die Heirathen und die Gewerbe, den Erwerb überhaupt und den freien Verkehr nicht. Es bietet vernünftigen Leuten sicherlich Freiheit genug und die Möglichkeit der freien Bewegung nach Herzens­lust. Mangel an Verdienst und Arbeitsgelegenheit in den oft gar nicht stark bevölkerten ländlichen Bezirken können cs auch nicht sein. Der Aufschwung des mächtigen Reiches und das Bewußtsein, demselben an- zugehören und seinen Schutz zu genießen, kann doch nicht nieberdrückend wirken! Welches sind denn also die wahrscheinlichsten Ursachen?

Ein gründlicher Beobachter in Hamburg hält für die wichtigsten allgemein dermalen wirkenden Ursachen: die wirihschaftlichc Roth, der niedrigen ländliche» Bc- völkemng unb bie Furcht vor Militärdienst und Krieg. Daß die erstere vorhanden ist, läßt sich nicht läugncn. Der Verdienst hat sich nicht in demselben Maße wie der Preis aller LebenSbedürfniffe gesteigert. Die stete Vergrößerung der bedeutenden Landgüter unter gleich­zeitigem Verschwinden der kleinen decimirt den Stand der kleinen Grundbesitzer und drängt ihn in die Tag löhnerei, die nichts erübrigen kann. Deswegen wollen diese, von der Feldarbeit allein sich ernährenden Leute, probircn, wieweit sie es mit derselben Arbeit auf dem Boden der neuen Welt bringen. Sehr bestimmend für ihren Entschluß ferner sind die 3 letzten Kriege (3 in 6 Jahren, wie sie hervorheben), deren Opfer unb Menschenverluste unb die Besorgnisse vor einem neuen, nicht allzufernen Krieg mit Frankreich (den in­

dessen unsere Generation nicht mehr erleben wird), ja sogar mit Rußland wird ein Krieg vorgeschoben.

Daß dieser Volksklasse das deutsche Reich mit seiner nationalen Begeisterung der Gebildeten fremder gegenübersteht, als das alte landesväterliche Regiment und patriarchisches Herkommen, ist nun einmal so.

Sind -aber dies bie Hauptursachen des Auöwan- derungSfiebcrs, so wird sich nichts Anderes thun lassen, als zu warten, bis diese Fluth sich verlaufen, unverweilt aber die schweren Versäumnisse unserer Socialpolitik dem Ackerbau rc. gegenüber nachzuholcn und manch trügerisches Scheinwesen unserer liberalen modernen Einsicht durch Prüfung seines praktischen Werthes zu erkennen und zu beseitigen. Jedenfalls liegt hierin nach der kriegerisch-politischen unb ber kirchlichen bie brüte große unb wahrscheinlich schwerste Aufgabe bes beutschen Reiches, bie nicht burch Partei lreiben, burch Schlagwörter unb burch Phrasen, son­dern nur durch völlig aufrichtiges, festes und einsich­tiges Wollen aller Vaterlandsfreunde gelöst werben kann.

Deutsches Reich.

** Berlin, 16. Juli. Aus ben Hofnachrichten aus Ems ließ sich nicht genau ersehen, ob über bic weiteren Reisebisposttionen des Kaisers bereits Ver­fügung getroffen sei, unb wie man hört, ist in ber That noch nicht bestimmt festgestellt, wie lange sich ber Monarch in Homburg ober Wiesbaden aufhallen wird. Dagegen dürfte als sicher anzunehmen sein, daß in der ersten Woche des August die Reise nach Ga­stein erfolgt. — Nachdem am 27. Mai d. I. in Königsberg i. Pr. ber Licitations-Termin abgehalten worben, auf welchem bie dortige große Busolt'sche Gartenbesitzung auf den Häfen zur Subhastation ge­langt ist. Dieselbe, auf welcher in ben traurigen Zeiten von 1806—10 unsere Königsfamilie geweilt hat, hat nun am 4. b. M. ber Kaufgelberbelegungstermin statt gefunden, nachdem Herr Douglas, der im Termin mit einem Kaufpreise von 37,550 Thlr. Meistbietender blieb, den Besitz für den gleichen Betrag an den Kaiser überlassen hat. Das Besitzthurn ist sonach an den König übergegangen und wird, soweit es vor 60 Jahren der königl. Familie zum Aufenthalte diente, in deren Besitz verbleiben; die Grenzstrecken, 235 Morgen, sollen abgetrennt und weiter veräußert wer­

den. — Es ist mitgetheilt worden, daß Hr. Regie­rungsrath Meitzen zum Professor der NationalOeko- nomie in Halle gewählt sei unb biese Stelle ange­nommen habe. Was ben letzten Punkt anbelangt, so zieht man bie Wahrheit bieses in Zweifel, weil Hr. Meitzen zum ersten Mitgliebe bes Reichsamtes für Statistik bestgiiirt ist unb vermuthlich bie deutsche Re­gierung auf dem statistischen Congreß in Petersburg vertreten wird. — Die „Germania," welche es litt, Artikel unter der Anzeige „Von einem Protestanten" zum Zeichen, daß auch in protestantischen Kreisen die Maßnahmen gegen die katholische Kirche nicht gebil­ligt werden, zu geben, hat heute einen solchen Auf­satz, der die Zeit zeichnen soll unb zunächst in einer Runbschau in allen Säubern barthut, baß überall ber Krieg gegen bie katholische Kirche geführt wirb, als- bann aber Deutschland unb bie deutsche Regierung am schärfsten tabelt. Der ganze Artikel läßt aber wohl mehr ben Verfasser in ber Person eines schroffen RömliugS vermuthen, als in einem Protestanten, ba bei bem jetzigen Conflict kein Protestant, welcher Rich­tung er auch angehöre, bie katholische Kirche so un­schuldig finden wird, als der Protestant der „Ger­mania." — Alle die Hoffnungen, welche die Welfen» Partei und ber Hof in Hietzing für bas Bunbesschießen in Hannover gehegt, scheinen bis auf einige kleine lächerliche Demonstrationen, betten bie Regierung sehr kühl zusehen kann, fehl zu gehen unb namentlich ist die Hoffnung, baß bie österreichischen Schützen mit ben Welfen sich verbinben würben, zu Wasser ge­worden. — Der Handelsminister, welcher bereits früher die königl. Eisenbahu-Dircctionen angewiesen hatte, die Böschungen ber Bahnen mit Obstbäumen zu be­pflanzen, macht neuerbings auf biese Verfügung auf­merksam, ba bieselbe nicht überall burchgeführt sei. — Noch immer spukt bie sociale Frage ober vielmehr bie Angelegenheit ber Conferenzen über biese Frage in ben Blättern unb werben hierbei ber preußischen Re­gierung alle möglichen Maßregeln octroyrt, welche dieselbe beabsichtige. Demgegenüber kann wiederholt versichert werben, daß von Preußen die Absicht ge­meinsamer polizeilicher ober Repressiv-Maßregeln jetzt ober früher nicht im Minbesten in ben Vordergrunb gestellt sinb, vielmehr bas Hauptgewicht auf biejenigen Maßregeln gelegt ist, welche ben Zweck haben, ben

Ein böses Gewissen.

Von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Der Rentner entfärbte sich. „Scherzen Sie nicht mit einem alten Manne," sagte er, „welcher Grund könnte vorhanden sein, mich in dm Prozeß zu ver- »ickeln?"

„Sie haßten Ihren Bruder in demselben Grade, in welchem er Sie fürchtete," entgegnete Wetterau, »in ihren Händen ruht sein Vermögen, Sie sinb habsüchtig unb geizig, ich benfe, biese Gründe ge­nügen."

„Mein Herr", fuhr Krämer auf, ber sein Erstaunen nicht verhehlen konnte.

„Es wundert Sie, daß ich dies Alles weiß? Wenn ich Ihnen aber sage, baß ber, welcher bes MorbeS verdächtig verhaftet würbe, Konrab Schulz heißt, baß ich diesen Mann verhört und aus seinem Munde einen genauen Bericht über Ihr Verhältniß zu dem Ermordeten erhalten habe, so werden Sie" —

„©tauben Sie ihm nicht," unterbrach Krämer den Bürgermeister hastig, „er lügt jedes Wort, mit Schimpf unb Schaube mußte er mein Geschäft ver­lassen, wer weiß, ob er all' seine Aussagen nur in der Absicht gemacht hat, die Schulb von sich abzu wälzen unb mich zu verdächtigen.?"

„Ich laffe biefen Punkt vorläufig unberührt," fuhr Wetterau fort, „in der Hauptsache handelt es sich doch um das Vermögm Ihres Bruders, welches 2 Ihrem Besitz ist. Finden wir nicht schlagendere Beweise gegen Schulz, als die, welche augenblicklich dvrliegm, so dürfte kaum zu bezweifeln fein, daß der Verhaftete freigesprochen wird. Alsdann wird er nicht

ben Sohn ihres Brubers Jhnm vorstellen, son­

dern auch ein Documcnt vorzeigen, welches Sie ver­pflichtet, jenes Vermögen sofort auszuzahlen."

„Der Sohn meines Bruders befindet sich in Europa?" fragte der Rentner rasch, der eine innere Aufregung kaum mehr verbergen konnte.

„Ich fühle mich nicht verpflichtet, Ihnen hierauf zu antworten, nur dann, wenn Sie mir die Hand ihrer Tochter zusagen und es also in meinem Inter­esse liegt, gemeinschaftliche Sache zu machen, werde ich näher auf diesen Punkt eingehen."

Der Rentier hatte sich erhoben. Er ging eine Weile schweigend in dem Cabinet auf und ab und blieb endlich vor dem Bürgermeister stehen, der ben alten Herrn unverwandt beobachtete.

„Sie begreifen, wie sehr es mich interessiren muß, den Aufenthalt meines Neffen zu erfahren," versetzte er, „wie hoch schätzen Sie Ihre desfallsige Mitthei lung, ich bitt bereit, Ihre Forderung zu bewilligen, wenn sic nicht gar zu hoch ist."

„Ich habe die Forderung bereits genannt," ent gegnete Wetterau gelassen, „die Hand Mathildens —"

„So bedenken Sie doch, daß Sie ein Vierziger sind, Mathilde noch nicht das zweite Decennium ihres Lebens erreicht hatl" rief der Rentier ungeduldig. „Fordern Sie eine Summe, die bem Werth ihrer Mittheilungen entspricht, nur beharren Sie nicht so hartnäckig bei bem, was ich weder geben kann, noch werde."

„So hat unsere Unterredung ein Ende," erwiderte Wetterau, indem er sich erhob. „Ich werde bie Be­weise sammeln, welche Schulz von jeber Schulb frei­sprechen müssen unb meine Maßregeln zur Entdeckung des Mörders ergreifen."

Der Rentier trocknete die Haffe Stirn ab, auf der der Schweiß in großen Tropfen stand. „So nehmen