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Mr. 166. Marburg, Mittwoch, den 17. Juli. 1872.

Oterhessische Zeitung.

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Deutsches Keich.

Berlin, 15 Juli. Ihre königl. Hoheit die Prinzessin Karl von Preußen hat sich vor ihrer Kur in Schlangenbad gestern nach Düsseldorf und von dort heute früh nach Wesel begeben, wo zur Zeit die großen Schießübungen des westfälischen Artillerie-Re­giments Nr. 7 stattfindcn, dessen Chef die Prinzessin bekanntlich ist. Dieselbe wird heute einem Exerciren des Regiments beiwohnen; nach demselben soll die Grundsteinlegung eines Denkmals stattfiuden, das den 1870/71 gefallenen Kameraden des Regiments errichtet wird, welches namentlich bei Gravelotte schwere Ver­luste erlitten hat. Festmahl und abendliche Vergnü­gungen für die Mannschaften der einzelnen Batterien bilden den Schluß der Feier. — Der Geh. LegationS- rath v. Keudell hat sich nach Varzin begeben, um dem Reichskanzler über einige dringende Sachen Vortrag zu halten. — Nach einem Berichte vom Rhein schwin­den die Hoffnungen auf eine günstige Weinernte sehr, denn es wird gemeldet, daß die Kälte des Winters doch mehr geschadet, als man anfänglich geglaubt und es soll auf eine Ernte quantitativ nicht zu rechne« sein. — Während alle Stimmen in der Presse mit der höchsten Achtung von der Arbeit des General­stabes, das erste Heft des deutsch französischen Krieges, sprechen, kann es die „Franks. Ztg " und mit ihr gesinnungsverwandte Organe nicht unterlassen, dem Werke hämische Betrachtungen zuzurufen, indem das Blatt für Frankreich eintritt; es ist nun schade, daß die „Franks. Ztg." von militärischen Dingen kein Verständniß hat, denn sonst würde sie wissen, daß der Generalstab sowie das Kriegsministerium jederzeit or- ganisirt ist, einen event. Krieg beginnen zu können. Die Arbeiten des Generalstabes sind nach KriegS- theatern eiugeiheilt und zwar für jedes mögliche Kriegs­theater sind Berechnungen, Pläne und Erwägungen getroffen, so daß man für alle Fälle vorbereitet ist. Was nun den speciellen Fall von 1870 anbelangt, so ist noch darauf hinzuweisen, daß auch Napoleon's Kriegsplan gegen Deutschland bereits zwei Jahre vor 1870 bearbeitet war; wie denn auch der französische Kriegsminister s. Z. erklärte, vollständig gerüstet zu sein. — Die „Elbf. Ztg." und nach ihr einige Blätter geben ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, daß Oberst Verdy gerade jetzt als Generalstabschef des I. Armcecorps ernannt ist, wo im Generalstab die Arbeit vollauf ist. Es hat aber auch dieser Vorgang ein sehr einfaches Motiv; die Versetzung des Oberst Verdy war nicht zu umgehen, da jeder Generalstabs Offizier, der in eine höhere Cariere treten soll, vor seiner Verwendung in der Armee als Brigade-Com- mandeur actio und nachdem er als Abtheilungschef im großen Generalstabe fungirt hat, zum activen Dienst als Chef eines Armeecorps commandirt wird. Graf Moltke versteht es unzweifelhaft, bei der Entscheivung über die Personalfrage sowohl die sachlichen Interessen als auch die Interessen der militärischen Einflüffe

Das Werk des Großen Geueralstabes.

Nach dem eben erschienenen ersten Hefte der, von der kriegsgeschichtlichen Abtheilung des Großen Ge- neralstabes redigirten Geschichte des deutsch-französischen Krieges bringt die „Spen. Ztg." folgenden Aufsatz, in welchem sie den von Napoleon III. ursprünglich beabsichtigten Operationsplan kennzeichnet und sodann Mittheilungen ans dem Memoire macht, welcbes Ge­neral Moltke bereits im Winter von 1868/69 dem Äönig überreichte und welches den OperationSplan darlegt, der im Krieg von 1870 zur Ausführung ge­kommen ist.

In Betreff deS französischen KriegsplaneS schließt sich das Werk der bekannten, vom Kaiser Napoleon selbst geschriebenen Broschüre an. Nach derselben kannte man in Frankreich die Ueberlegcnheit der ver­einigten deutschen Streitkräfte, hoffte sie aber durch Schnelligkeit der Bewegung zu paralysiren. Die L)e- dingung hiefür war, daß es gelänge, den Rhein in seinem oberen Laufe überraschend zu überschreiten und dadurch Süd- und Norddeutschland von einander zu trennen. Das isolirte Preußen berechnete man mit einer Wehrkraft von 350,000 Combattanten, und als

seiner begabten Untergebenen zu schützen. — Die Notiz der „Elbf. Ztg." und anderer Zeitungen über die Conferenzen in Betreff der socialen Frage ist nur Conjunctur, namentlich aber falsch ist die Behauptung, daß Graf Beust -die Anregung gegeben habe. Beust war zur Zeit, als in Gastein gemeinsame Conferenzen in Aussicht genommen waren, gar nicht mehr Minister.

— Bei Gelegenheit der Unterzeichnung des deutsch- französischen Vertrages hat Graf Arnim dem Prä­sidenten angezeigt, daß der Kaiser aus Anlaß dieses Ereignisses 73 gefangene Franzosen, die noch in deutschen Gefängnissen saßen, begnadigt hat.

— Die Nachrichten, welche ein vollständiges Scheitern der zwischen Preußen und Oesterreich ange­bahnten Conferenzen über die sociale Frage in Aus­sicht stellen, werden von gut unterrichteter Seite als der Reflex bezeichnet, welchem die Meldungen von dem Zusammentritt der Conferenz in viesem oder dem nächsten Monat hervorgerufen haben. Auf preußischer Seite herrschte von Anfang an die Voraussetzung, daß die Conferenz erst im September zusammentreten sollte, da der zum Vertreter des auswärtigen Amtes be­stimmte Legationsrath Bucher erst Ende August von Varzin »ach Berlin zurückkehren soll. Die Behaup­tung , der Hauptzweck unserer Regierung sei die ge­waltsame Unterdrückung der socialen Agitation und es seien die in diesem Sinne dem österrcichischen Kabinet gemachten Vorschläge dort abgelehnt worden, ist in jeder Hinsicht irrthümlich. Daß die gewaltsame Unter­drückung der Agitation nicht der Zweck der Regierungen sein könne, darüber bestand schon in Gastein zwischen dem Reichskanzler, dem Grafen Beust und Andrassy, welcher letztere an den Verhandlungen Theil genom­men hat, vollständiges Einvernehmen, daß jetzt Graf Andrassy die diesseitigen Vorschläge abgelehnt habe, ist eine Behauptung, die schon deßhalb in Abrede gestellt werden muß, weil eben die Conferenz den Zweck haben soll, aus Grund der auf beiden Seiten gesammelten Erfahrungen positive Vorschläge aufzustellen, welche den Regierungen bei der gesetzgeberischen Bekämpfung der socialen Krankheit als Anhalt dienen sollen.

— Die noch in Aussicht stehenden Organisations änderungen, wie die Neubewaffnung der Infanterie, sollen, wie es heißt, in dem Maße beschleunigt werden, um spätestens bis zum nächsten Frühjahr ihre volle Aus- und Einführung zu finden. Die gleiche Reg­samkeit äußert sich auch bei der Armee, in welcher, wie schon mitgetheilt, daß preußisch-deutsche Exercir- Reglement für die Infanterie bis zum 20. August ein geführt sein wird und die Mannschaften alsdann in dem neuen Exercilium und in der Handhabung des neu eingeführten Werder-Gewehrs eingeübt werden. Tie „Magd. Zig." bemerkt zu diesen Thatsachen: Vom nächsten Frühjahr ab würde sich demnach die Jnfan terie-Bewaffnung der gejammten deutschen Armee der der französischen Armee, was das neue deutsche aptirte Gewehr angeht, nahezu gleich, was hingegen das Ergebniß eines ersten Erfolges wurde der Anschluß Oesterreichs und Italiens erwartet. Seinem Plane gemäßvon welchem der Kaiser in Paris nur den Marschällen Mac Mahon und Le Boeuf Miltheilung machte, sollte die erste Concentration der Armee mit 150,000 Mann um Metz, mit 100,000 Mann bei Straßburg und mit weiteren 50.000 Mann im Lager von Chalons erfolgen. Alsdann war beabsichtigt, die Armee von Metz näher an die von Straßburg heran zuziehen und in einer Stärke von 250.000 Mann den Rhein bei Maxau zu überschreiten. Nachdem man hierauf die süddeutsche Armee zur Neutralität ge zwungeu, sollte die preußische Armee ausgesucht und bekämpft werden. Während dieser Operationen fiel dem aus dem Lager von Chalons auf Metz dirigirteii Reservecorps die Aufgabe zu, den Rücken der Armee zu decken und die Nordostgrenze zu überwachen. Gleichzeitig erwartete man, daß das Erscheinen der Flotte im Baltischen Meere einen Theil der feindlichen Kräfte zur Sicherung der Küsten festhalten würde.

Allerdings basirte der so ausgestellte Plan auf der richtigen Anschauung, daß die Ucberlegenheit des Gegners nur durch Schnelligkeit der Bewegung aus-

Werder-Gewehr betrifft, bedeutend überlegen befinden. Bis zu dem gleichen Termin wird ebenso die deutsche Artillerie in der Geschützzahl wieder ein Uebergewicht über die französische gewonnen haben, indem derselben erforderlichen Falls bis dahin 32 neue Batterien hin­zutreten werden. Die Umwandlung der im Feldzuge von 1870—1871 erbeuteten Chassepot-Gewehre, deren Zahl zu etwa 400,000 angenommen werden kann, wird in voller Ausführung bezeichnet, und dürfte vor­aussichtlich bis zu dem gleichen Termin bewirkt wer­den. Auch für das neue deutsche Hinterladungsgewehr sollen die Bestellungen bereits ausgegeben fein, doch würde, selbst wenn diese Nachricht sich bestätigen sollte, dessen Einführung bei der erforderlichen Zahl von nahezu 2 Millionen Gewehre immerhin noch Jahre auf sich warten lassen.

Hannover, 14. Juli. Der heutige Festzug der Mitglieder des Schützenbundes ist, von dem heitersten Wetter begünstigt, unter jubelnden Zurufen der von allen Seilen herbeigeströmten Bevölkerung verlaufen. Es herrschte eine gehobene nationale Stimmung vor und ein bei dem Feste im Odeon auf den Kaiser Wilhelm und den Fürsten Bismarck, als die Gründer der deutschen Einheit, ausgebrachtes Hoch fand all­seitig enthusiastische Aufnahme. — Die auö Oester­reich angekommenen Gäste, etwa 400 an der Zahl, wurden von Fischer II. begrüßt. Derselbe betonte in seiner Anrede, trotz der Sympathie Hannovers zu Allem, was Oesterreich und insbesondere Wien betreffe, sehe er der Anwesenheit der Oesterreicher nicht ohne Sorgen entgegen, aus dem Grunde, weil der Abstand zwischen dem, was seiner Zeit das wiener Fest gebracht habe, und dem, was das hannoversche bringe, sie leicht un­günstig stimmen könne; er erblicke in ihrem Hiersein die Sehnsucht nach dem deutschen Vaterlande, da« deutsche Heimweh und begrüße sie alö Brüder. Was die Geschichte von 1000 Jahren geeinigt, vermöge oas Schwert nicht zu trennen. Redner endete mit einem Hoch auf die Oesterreicher. Der Präsident des österreichischen Schützenbundes, Kopp, dankte mit den Worten, die Oesterreicher seien die Pioniere der deutschen Cultur im Osten: „Wir Oesterreicher haben viel zu beklagen, uns ist manche Wunde geschlagen, aber sie sind vernarbt und dessen freuen wir uns. Wir haben gelernt, unwiderrufliche Thatsachen zu respectiren und sind gewillt, die enge Vereinigung Oesterreichs und Deutschlands aufrecht zu erhalten. Wir sind von echt nationalen Gesinnungen und dem Wunsche beseelt, daß nicht Wermuth in den Freudenbecher des Festes fallen möge. Hoch Hannover!" Um 2 Uhr trafen die amerikanischen Gäste ein, bei deren Begrüßung Dr. Pieper des Enthusiasmus gedachte, womit Amerika an den großartigen Erfolgen des französisch-deutschen Krieges theilgenommen habe, Redner brachte ein Hoch auf die Amerikaner aus.

Wiesbaden, 15. Juli. Der Cursaal und die Cur-Anlagen sind gestern für 100.000 Thaler Eigen­zugleichen sei, aber man täuschte sich über die Soli­darität der Verhältnisse Süd- und Norddeutschlands, wie man die Selbstständigkeit und die Ziffer der preu­ßischen Streitkräfte unterschätzte. Letzteres war um so auffallender, als man wissen mußte, daß Preußen bereits im Feldzuge von 1866 ca. 350,000 Mann inö Feld geführt und daß seine Streitkräfte seitdem eine nicht unbeträchtliche Vermehrung erfahren hatten. Fernerhin aber erkannte man, wie wenig gerade die französische Armee in ihrem damaligen Zustande für schnelle Eröffnung des Feldzuges und rapide Führung der Operationen besonders geeignet war.

Die französische Diplomatie hätte den Ausbruch des Conflictes verzögern können, bis man zum Schlagen bereit war, aber sie erklärte den Krieg, noch bevor die Regierung in der Lage war, dieser Erklärung unmit­telbar Folge zu geben; und so geschah es denn nach­mals , daß die Streitkräfte Frankreichs, noch ehe sie völlig versammelt und zu Offensiv Operationen bereit waren, von den deutschen Armeen auf eigenem Gebiete angegriffen wurden.

(Fortsetzung folgt.)