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Nr. 163.

Marburg, Dienstag, den 16. Juli.

1872.

OderhesMe Zeitung.

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Politische Wochen-Uederficht.

Noch im letzten Augenblicke, nachdem sich alle anderen Mittel als erschöpft erwiesen, suchte die extrem- katholische Partei aus dem Wege persönlicher Borstel lung bei Sr. Mas. dem Kaiser in Ems das Jesuiten­gesetz, welches vom deutschen Reichstage gefaßt und vom Bundesrathe in derselben Fassung angenommen war, illusorisch zu machen; aber vergebens, am 4. d. hat das genannte Gesetz die kaiserliche Genehmigung erhalten und ist bereits nebst den zugehörigen Aus- führungsbestimmunge.i publicirt worden. Bis in einem halben Jahre also wird daS deutsche Reich von dem reichsfeindlichen Orden gesäubert sein. Während in dieser Angelegenheit volle Klarheit herrscht, ist nicht dasselbe der Fall in der Sache deS Bischofs Krementz von Ermland. Bis zur Veröffentlichung der Beschlüsse, welche der letzte Ministerrath darüber gefaßt hat, gehören alle bezüglichen Nachrichten in das Reich der Vermuthungen. Noch ist ein anderes, nicht unwichtiges Ereigniß auS dieser Woche in Betreff der kirchlichen Angelegenheiten in Deutschland zu verzeichnen. — Der Erzbischof der Utrechter katholischen Kirche, die sich seiner Zeit auS ähnlichen Gründen, wie heute die alt­katholische, vom römischen Absolutismus trennte, ist, von den Altkatholike» BaiernS gerufen, in München eingelroffen und hat in den baierischcn altkatholischen Gemeinden das Sakrament der Firmung gespendet. Die Solidarität des Altkatholicismus mit der Utrechter Kirche ist damit bestätigt und das Bewußtsein gemein­samen Rechtes und gemeinsamen Strebens gibt kämpfen den Parteien, insbesondere auf religiösem Gebiete, Muth und Kraft. Inmitten der Kämpfe, welche Deutschland in den letzten Zeiten mit seinen äußeren und inneren Feinden bestand, über all dem Großen, waö die erleuchtete Regierung eines frommen und weisen Kaisers und Königs, was das treue und tapfere Volk dieses Fürsten erreicht haben, haben Fürst und Volk deS Mnnes nicht vergessen, der in Zeiten unendlichen Druckes unter fremdem Joch der geistige Besreier Deutschlands und so zu sagen der Gründer unserer jetzigen Reichseinheit geworden ist. Dort bei dem kleinen Nassau, auf dem Felsen, der die epheuumrankten Trümmer der Stammburg des reichsfreiherrlichen Geschlechts vom und zum Stein trägt, erhebt sich jetzt ein stolzes Denkmal, einem der größten und edelsten Söhne deutscher Nation gewidmet, dem genialen, kern­

festen, deutschesten Manne, der Preußen aus tiefster Noih und Erniedrigung emporhob, der die ganze Voll­kraft seiner tapferen Seele an die Befreiung Deutsch­lands von der napoleonischen Fremdherrschaft setzte. Dem unsterblichen Andenken des Freiherrn vom Stein den Zoll dankbarer Verehrung darzubringen, erschienen Kaiser, Kaiserin und Kronprinz des Deutschen Reiches inmitten einer großen Schaar patriotisch - gesinnter Männer zur Enthüllung jenes Denkmals, welches zwar spät aber doch in der Geschichte Deutschlands gerade zur rechten Zeit dem Gefeierten errichtet worden ist.

Die Berathungen, die gegenwärtig in Wien unter dem Vorsitz des Kaisers über die Vorlagen für die demnächst in Pest abzuhaltenden Delegationen im Gange sind, stellen dem Vernehmen nach namhafte Ausgabe-Erhöhungen, besonders für die Armee in Aussicht. — Bereits treffen aus Deutschland in Folge des neuen Jesuitengesetzes Angehörige dieses Ordens in Krakau und Prag ein und rufen dort eine lebhafte Agitation hervor gegen ihre Duldung seitens des Staates. — Die Wahle», welche in Ungarn fortdauern, hatten in der letzten Zeit keine so günstigen Resultate mehr für die Deakisten wie Anfangs. — Nach vielem Wottgesecht hat der kroatische Landtag sich endlich über die Adresse an den Kaiser geeinigt, sie demselben be- reits überreicht und eine sehr gnädige Antwort erhalten. — Am letzten vorigen Monats wurden die Anmel oungen zur Wiener Ausstellung geschloffen Das Er gebniß derselben wird als ein glänzendes bezeichnet.

Die famose Monarchistenvcrschwöruiig in Frank­reich, die in der vergangenen Woche in der franzö­sischen Politik obenauf schwammen, war, wie aus einem Briefe der Kreuzzeitung hervorgeht, von den Radi- calen, deren Parole die Auflösung der Nationalver­sammlung in kürzester Frist ist, in Umlauf gesetzt worden, um an die Stelle dieser Versammlung nach der Ratiftcation des Vertrages mit Deutschland und nach der Ausgabe der Anleihe eine Constituante zu setzen. Zu diesem Zwecke suchte die Linke die aller­dings sehr gespannten Beziehungen zwischen Thiers und den beiden Fractionen der Rechten nach Kräften auszubeulen. Marschall Mac Mahon, den die Ge­rüchte bereits als den Vertrauensmann der Rechten und das Hauptmitglied des Triumvirates bezeichneten, daö nach dem Sturze Thiers' an die Spitze der Re­

Ei» böses Gewissen.

- Von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Der Rentier war heute mißgelaunt; einen feinen Beobachter würde das Zittern seiner Hände in dem Augenblick, in welchem er das Weinglas ergriff, um eS zum Munde zu führen, nicht entgangen sein. Der alte Herr saß an seinem Schreibtische und las emsig •n alten vergilbten Briefen; dazwischen leerte er Glas um Glas, bis die Krystallkaraffe geleert war und er endlich die Papiere mißmuthig zyrückschob.

„Alter Plunder!" murmelte er, indem er sich er­hob. „Mir kann er nichts nützen, nicht einen einzigen Haltepunkt finde ich, an dem anknüpfend ich genaue Erkundigungen cinziehen könnte!" — Er schob die seidenen Vorhänge zurück und trat anS Fenster. Zwanzigtaujend und sechszehntausend, fuhr er nach einer Weile fort, — „sechs und dreißigtausend Thaler — fürwahr keine Kleinigkeit!" — Der cintretende Diener unterbrach das Selbstgespräch seines Herrn, „WaS gibts?" fuhr der letztere barsch auf, „habe ich nicht Befehl gegeben, daß ich ungestört sein will?"

„Verzeihen der gnädige Herr, aber draußen ist ein Herr, der sich nicht abweisen lassen will," entschuldigte der Diener sich, „er sagt, er habe einen weiten Weg gemacht, um mit ihnen zu reden, und seine Zeit er­laube nicht, diesen Weg so oft zu wiederholen, bis es dem gnädigen Herrn gefalle ihn vorzulassen."

„Sein Name?" fragte der Rentier.

„Bürgermeister Wetlerau."

„Wetterau? Der Name ist mir unbekannt, — er »ag eintreten."

Der alte Herr warf rasch die Papiere, in welchen kurz zuvor gelesen hatte, in eine Schieblade, ver­

schloß dieselbe sorgfältig und nahm ein Buch vom Büchertische, indem er sich den Anschein zu geben suchte, als sei er in die Lectüre desselben vertieft. Als der Bürgermeister, dessen Bekaniitschaft wir bereits im vorigen Kapitel gemacht haben, eintrat, warf er einen forschenden Blick auf das Antlitz des Rentiers und nahm dann auf dem ihm angebotenen Sessel Platz.

„Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?" nahm der Krämer im kalten Geschäftston das Wort, „wie ich vermuthe, muß Ihr Anliegen ein sehr drin gendes sein, da sie meinen Wunsch, ungestört bleiben zu wollen, nicht berücksichtigen zu können glaubten. Sie wohne» wohl nicht hier in der Stadt?"

„In C.," erwiderte den Bürgermeister, den Na­men des Ortes scharf betonend, „ich bin dort Bür­germeister."

„So, so," fuhr der Rentier im Tone kalter Gleich­gültigkeit fort, „doch kommen wir zur Sache, womit kann ich Ihnen dienen?"

„Mein Herr, ich habe ein einträgliches Amt, habe Aussicht, nach Ablauf meiner Amtsdauer wicderge- wählt zu werden, und kann daneben über ein kleines Vermöge» verfügen," nahm der Bürgermeister das Wort, „ich schicke dies voraus, um nicht durch spätere Erörterungen die Augenblicke zu verlieren. Ich hatte das Vergnügen, Ihre Tochter Mathilde im vergan­genen Winter bei Gelegenheit eines Casinoballes kennen zu lernen, ihr AeußercS, wie ihr Charakter ensprechen ganz den Ansorderuugen, welche ich an meine zukünf­tige Hausfrau stelle, und deshalb erlaube ich mir, um ihre Hand bei Ihnen anzuhalten. Sie sehen, ich fasse mich kurz, ich bin kein Freund von langem Gerede

gierung treten sollte, hat sich bei einer Soiree des Präsidenten der Republik eingefunden, um gegen die ihm angedichtete Rolle zu protestircn. — Die National­versammlung hat den Räumungsvertrag in ihrer vor­letzte» Samstagssitzuiig mit überwältigender Majorität angenommen (kaum ein halbes Dutzend Stimmen waren dagegen) und die Vertragsurkunde wurde schon am Tage darauf in Versailles ratificirt. Der Bericht, den der Herzog von Broglie als Referent der Com­mission darüber erstattet hatte, ist, trotz der stark proiioncirten Stellung des Berichterstatters, — er ge­hört der Rechte» an — im Grunde nur eine Para­phrase der Regierungsvorlage. Der Gesetzentwurf über die neue Anleihe wurde der Nationalversammlung letzten Montag vorgelegt und einstimmig angeommen. Nachdem nun diese wichtige Frage gelöst ist und nur noch noch die laufenden Finanzgesetze zu erledigen sind, ist es sehr wohl möglich, daß der Wunsch Thiers', die Kammer möge sich am 25. d. vertagen, in Er­füllung geht.

Das neue holländische Ministerium zählt fol­gende Mitglieder: G. de Vries Justizminister und Ministerpräsident, Baron Gericke von Herwijnen Mi­nister des Auswärtigen, Geertsema Minister deS In­nern, van Delden Finanzminifter, Brocx Marine-Mi­nister, Fransen van de Putte Minister der Colonien und Graf van Limburg-Stirum Kriegsminister.

Das Ergeb» iß der Communalwahlen zu Antwer­pen am 1. Juli, bei welchen die b e l g i s ch e n Liberalen siegten, gab diesen Veranlassung zu einer demonstra­tiven festlichen Parteiversammlung in genannter Stadt am 7. d. Es waren dabei vertreten die liberalen Vereine der Städte Brüssel, Löwe», Mecheln, Lüttich, Gent, Brügge, Tournay, MonS, Diest, Nivelles, «lost, Audenarde, Grammont, sowie einiger kleinerer Städte und Landgemeinden.

In England ist die Ballotbiü zu einer großen Streitfrage zwischen den beiden parlamentarischen Kör­perschaften herangereift. Vom Umerhause mit großer Majorität angenommen, gelangte sie an die Lords, die so wesentliche Veränderungen an ihr vornahmen, daß diese Amendements, falls sie wirklich in Kraft getreten wären, das ganze Gesetz illusorisch gemacht hätten. Die conservative Majorität des Oberhauses hielt u. A. an der sogenannten „Optional-Bill" fest, d. h. an der Bestimmung, daß es den Wählern freu

und hoffe, Sie werden mir ebenfalls eine kurze, offene Antwort geben."

Der Rentier war von seinem Sitze aufgesprungen. Sprachlos vor Erstaunen stierte er den Kühnen an, der es gewagt hatte, um Mathilde zu werben, ohne dabei ein adeliges Wappen oder eine Million in die Wagschale werfen zu können. „Die sollen Sie haben," entgegnete er endlich, indem er sich zwang, seine Auf­regung zu bemeistern, „eine kurze offene Antwort soll Ihnen werden, so kurz und offen, wie Sie vielleicht noch nie erhalten haben." Er zog die Schelle. „Wer meine Tochter heiralhen will, muß etwas audereS auf­weisen , als den Titel eines Dorfbürgermeisters. Glauben Sie, ich habe gespart und gesammelt, um durch mein sauer erworbenes Vermögen einem Bür­germeister die Möglichkeit zu verschaffen, sich in den Ruhestand setzen zu können?" — Begleite den Herrn hinaus;" fuhr er zu dem eintretenden Diener sich wendend, fort, „sollte er später noch einmal zurück- kehren, so bin ich nicht zu Hause."

„Halt, wir sind noch nicht mit einander fertig," versetzte Wetlerau lakonisch, der ruhig in seinem Sessel sitzen blieb. „Schicken Sie Ihren Diener wieder fort, es könnten Sachen zur Sprache kommen, über welche Sie nur unter vier Augen mit mir zu verhandeln wünschten."

„Fassen Sie sich kurz, mein Herr," entgegenete Krämer. „Was könnten Sie mir mitzutheilen haben."

„Nur eine Angelegenheit, welche in erster Reihe Sie, in zweiter Ihren Bruder oder dessen Nachkom­menschaft betrifft," fuhr der Bürgermeister, ihm in die Rede fallend fort, „Sie werden jetzt errathen, daß ich mehr weiß, wie Sic'Anfangs vermutheten."

Der Rentner gab se inem Diener einen Wink und