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Wr« 16£» Marburg, Sonnabend, den 13. Juli.

Oterhessische Zeitung.

1872.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhtfilsche« Zeitung mit Krei-blatt durch die Expedition (Jtoch'sche Buchdruckerei) bezogen 22) Lgr., Lurch die Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und inet- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Ggr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Juli. DieGermania" gibt in ihrer gestrigen Nummer den Artikel derProv.- Corresp." über die Anrede des Papstes wieder, indem sic dazu bemerkt, dieProv.-Corresp.", die A gesagt, werde nun auch B sagen müssen, d. h. sie würde das Schreiben derSchles. Bolksztg." von einem Abon­nenten, der sich über jene wüsten Artikel derSchles. Volköztg." beklagt, abdrucken müssen. Dieses B sagen wäre nun eher derGermania" zuzurufen, denn sie nimmt weder Notiz von einer Rechtfertigung der Schles. Bolksztg." int vorgestrigen Blatte, noch von dem Artikel des schlesische» Blattes vom gestrigen Tage. Und gerade dieser Artikel wird als ein bedeut­sames Zeichen für die Stimmung in andern katho­lischen Kreisen als denen derGermania" angesehen werben können. Es bleibt aus diesem Artikel besonders hervorzuheben das Geständniß über die Art und Weise, wie das Dogma der Unfehlbarkeit zu Stande ge kommen ist, dieses habe, wie das sonst ja als ultra- montan geltende Blatt sagt, einen Stachel in vielen Gläubigen zurückgelassen und es sei doch zu bedenken, daß der Stachel in einem deutschen Herzen viel fester fitze, als in anderen. Das Blatt vergleicht das Bor gehen derGermania" mit dem Vorgehen des blinde» Königs von Hannover und meint, diesem habe nur Langensalza gefolgt, was auch bei dem Vorgehen der Germania" zu erwarten sei. Noch schlimmer aber sei es, daß durch diese siegestrunkenen Berichte die Germania" und andere Blätter die Curie in Rom täuschen. Das Auftreten derSchles. Volksztg.", die unter der Autorität des Fürstbischofs von Breslau erscheint, ist gewiß höchst beacktenswerth. Auf einen anderen Punkt, auf den dieGermania" auch kürzlich hingewiesm, sei hierbei zurückgekommen. Das katho­lische Blatt interpelliere den Cultusminister mit Rück­sicht aus die Excommunication eines evangelischen Gemeindemitgliedes in Lippspringe, ob der Minister auch hier nicht einschreiten werde? Nun demgegenüber möchte wohl darauf hinzuweiseu sein, daß die Excom- rnunication, wenn sie in der evangelischen Kirche vor kommt, nicht den Excommunicirten in seiner bürger­lichen und Staatsstellung schädigt, wie solches in der katholischen Kirche durch die neuesten Vorgänge that- sächlich erwiesen wird. Die Fürstin Bismarck ist vorgestern mit ihrer Tochter aus dem Bade Soden nach Berlin zurückgckehrt, um sich nach Varzin zu begeben.

Wie Personen, die aus Varzin kommen, er­zählen, soll der Gesundheitszustand deS Reichskanzlers

ein ganz vortrefflicher sein. Gegenwärtig beschäftigt sich der Fürst nicht mit Vergrößerung deS deutschen, sondern des eigenen Reiches. DieD. R. C." schreibt:Die Nachricht von der Begnadigung des Generals Grafen v. d. Groeben, welche übrigens auch von anderer Seite bestätigt wird, hat in hiesigen, na­mentlich militärischen Kreisen nicht geringes Aufsehen erregt. Daß eine Begnadigung des Generals nach Ablauf einer bestimmten Zeit der Festungshaft erfolgen würde, das glaubte man schon annehmen zu dürfen; daß dies aber schon nach Ablauf von vierzehn Tagen erfolgte, das ist's, was hier überrascht hat. Eine fer­nere auffallende Erscheinung in dieser Angelegenheit ist, daß der Kaiser dem Grafen die Führung der 5. Division übertragen hat, die bekanntlich in Frankfurt ihr Standquartier hat; Frankfurt aber und Düssel­dorf galten bisher unter den höheren Offizieren als eine Auszeichnung, und derjenige Commandeur konnte sich glücklich schätzen, oder wurde sogar beneidet von seinen Kameraden, dem die Führung einer dieser beiden Divisionen übertragen wurde. Um so mehr überrascht es, daß dem Grafen nach der Begnadigung noch eine solche Auszeichnung zu Theil wird, und man sieht das in eingeweihten Kreisen für Herrn v. Manteuffel, der einen alten persönlichen Zwist, wie heißt, bis auf diese Spitze zu treiben gewußt hat, als gewisser Maßen kein günstiges Zeichen an. . . . Was General Graf v. d. Gröben nunmehr thun wird, ist allerdings noch nicht abzusehen. Thatsache ist, daß der Graf die Absicht hatte, nach Verbüßung der Strafe seinen Abschied eiiizureichen. Ob er durch diese ihm zu Theil gewordene besondere Auszeichnung von diesem Beschlüsse abstehen wird, weiß man zwar nicht, glaubt es aber."

Dortmund, 12. Juli. Der Sinke int Kreise Dortmund, dessen Erlöschen vor etwa acht Tagen vor­zeitig angenommen wurde, gilt jetzt als wesentlich be­endigt. Die Belegschaften haben fast durchweg die Arbeit wieder ausgenommen. Eine weitere Verständi­gung dürfte in freier Verhandlung und ohne Coa- lition demnächst noch versucht werden. Im Kreise Essen dauert der Strike noch theilweise fort.

Nassau, 12. Juli. Der Reichsfreiherr vom Stein hinterließ bei seinem Tode (1831) keinen männ lichen Erben, sondern zwei Töchter, deren ältere, Hen­riette, 1796 geboren, mit einem Grafen Giech ver­mählt gewesen, aber kinderlos gestorben ist; die jüngere, Therese, 1803 geboren, vermählte sich 1827 mit dem Reichsgrafen Ludwig Kielmannsegge (geb. 1798) und hinterließ bei ihrem Tode (1867) einen Sohn und zwei Töchter. Ersterer, Graf Ludwig Kielmannswegge

(geb. 1830), ist kraft testamentarischer Verfügung seines Großvaters d. d. 1825 Besitzer des Fidei­kommisses Cappenberg und Scheda in Westfalen. Die ältere Tochter, Enkelin Stein's, Gräfin Luise Kiel- mannSegge, geb. 16. Dec. 1833, vermählte sich mit einem Vetter, dem Grafen Thedel Kielmannsegge, Sohn des früheren k. hannover'schen Finanz- und Staats-Ministers; seit dieser im Jahre 1867 auf der Chaussee int Lahnthale durch einen Sturz aus dem Wagen das Leben verloren, lebt sie als kinderlose Witwe im Stammhause zu Nassau. Ihre jüngere Schwester, Gräfin Mathilde, 1838 geboren, die ihrm Gemahl, den Grafen Albrecht v. d. Gröben, Major in Berlin, nach nur 4jähriger Ehe ebenfalls durch den Tod (1864) verloren, hat eine Tochter und einen Sohn. Letzterer, Unico v. d. Gröben, geb. 18. April 1861, ist jener Urenkel Stein's, der bei der Feier in Nassau am 9. d. daö zweite Hoch auf den Kaiser ausgebracht hat.

Leipzig, 12. Juli. Gegen den Reichstagsabge- ordneien Drechslermeister Bebel war hier Untersuchung wegen Majestätsbeleidigung nach §. 95 des Reichs- Strafgesetzbuches eingeleitet worden, weil er in zwei am 19. und am 26. Februar d. I. in Neusellerhausrn und Gohlis bei Leipzig abgehaltenen Volksversamm­lungen in seinen Berichten über die Thätigkeit des Reichstages auf Grund von Anzeigen der beiden Gen­darmen Klebeck und Schneider unter Anderem be­hauptet halte, der König von Preußen und jetzige deutsche Kaiser habe beim Ausbruch des Krieges in seiner Proclamation an das Volk für den Fall eines glücklichen Feldzuges Einheit und Freiheit verheißen; die Einheit sei zwar vorhanden, aber nur in der Ka­serne und im Zuchthause, von der Freiheit dagegen sei bisher noch nichts zu verspüren gewesen. Doch das könne gar nicht Wunder nehmen, weil eS schon öfters vorgekvmmen sei, daß Fürsten ihr Wort ge­brochen hätten ic. Bebel läugnete, daß er damit dem Könige von Preußen einen Eidbruch habe beimeffen wollen; er habe nur im Allgemeinen von Fürstenwort gesprochm und als geschichtliche Thatsache hingestellt, daß FürstenI, wenn sie sich in Verlegenheit befunden, Versprechungen gemacht, welche sie hinterher nicht ge­halten hätten. Von Wortbruch mit Bezug auf den König von Preußen habe er nach seiner bestm Ueber- zeugung nicht gesprochen, es liege hier zweifellos nur ein Mißverständniß seitens der Gendarmen vor. Letztere jedoch, insbesondere Klebeck, hielten auch in der.heutigen Hauptverhandlung den Inhalt ihrer An­zeigen aufrecht und betonten, daß Die Beziehung von chcs seine früh verblichene Gattin ihm hinterließ, zu widmen.

Mathilde zählte jetzt neunzehn Jahre, sie galt für eines der schönsten Mädchen in der Stadt, und in der That konnte man nichts Lieblicheres sehen, als das fromme feine Engelsantlitz mit den tiefblauen Augen, dem reichen blonden Haar und der hohen reinen Stirn. Der schlanke Wuchs des Mädchens, ihr bescheidenes Auftreten, die Sanftmuth und die Herzensgüte, welche in ihrem ganzen Wesen sich ausdrückten und die tiefe Bildung ihres Geistes standen mit den reinen Engels­zügen in harmonischem Einklang, sie verliehen der Er­scheinung Mathilden'S einen Zauber, der anziehen und feffeln mußte.

Der Rentier war stolz auf sein Kind, stolzer als auf den Orden, mit welchem der Fürst die Brust des thätigen Kaufmannes geschmückt hatte; er träumte von einem Grafen oder Fürsten, welcher einst diese Perle heimführen würde. Mathilde hing mit inniger Liebe an ihrem Vater, war er auch oft barsch, mür­risch und verschloffen, redete er auch oft, wenn er sich unbeobachtet glaubte, Worte in sich hinen, welche sie, obgleich sie bereit Sinn nicht verstand, ängstigten, sie ließ darum von ihrer Liebe zu ihm nicht ab. Der Rentier kannte diese Liebe, er vertraute auf sie, ste war ihm Bürgschaft, daß Mathilde nie einem anderen Mann ihr Herz schenken werde, ohne zuvor ben Vater um Rath gefragt zu haben.

(Fortsetzung folgt.)

Ein böses Gewisse«.

Von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Du siehst, wie mißlich es in manchen Fällen ist, seinem Nächsten beizustchcn," nahm der Alte das Wort, doch sei deßhalb unbesorgt, meine Unschuld muß ja ans Licht kommen. Tröste und beruhige die Mutter und besorge das Gut, daß ich nicht Ursache finde, mit Dir unzufrieden zu sein, wenn ich zurückkehre. I» allem llebrigen laß den Dingen ihren Lauf, ich denke, mein ehrliches Gesicht und das Zeugniß, welches unser Dorf mir ausstellen muß, werden hinreichcn, dm Verdacht zu entkräften. Er Du weißt, wen ich meine darf nichts erfahren, hörst Du? Du wirst ihn, so lange ich im Gefängnisse sitze, nicht be­suche», denn ich bin überzeugt, daß man jeden Deiner Schritte bewacht und heute muß das Geheimniß strenger bewahrt werden, denn je. Niemand darf wissen, wie er heißt und wo er wohnt, das schärfe auch der Mutter ein, sage ihr, fein Glück, fein Leben hinge von unserer Verschwiegenheit ab."

Du glaubst, Vater?" fiel der junge Mann ihm ins Wort.

Ich glaube nichts," fuhr dieser rasch fort,nichts, ich kann nur vermuthen. Seitdem ich in das tobte, entstellte Antlitz meines guten Herrn geblickt habe, quält mich unaufhörlich ein Gebanke, ben ich nicht von mir abschütteln kann. Unb nun geh, befolge pünktlich meine Weisungen und warte geduldig ab, bis ich zurückkehre.

Der JnstructionSrichter, der vergeblich in der Un­terredung deS Gefangenen mit feinem Sohne einen neuen Anhaltspunkt für seinen Verdacht suchte, winkte dem jungen Mann, sich zu entfernen, und die Gen­darmen führten den Ackerer hinaus.

Eine dichte Menschenmenge hatte sich vor dem Bürgermeisteramt eingefundm, aber unter Allen, welche hier standen und ihre Gedanken über den Vorfall gegenseitig austauschten, befand sich keiner, der an der Unschuld des Altm zweifelte.

2.

Acht Tage nach jener für den Ackerer Konrad Schulz so verhängnißvollen Nacht saß der Rentier Jakob Krämer in seinem mit allem Luxus und dem Geschmack eines Parvenu's auszestatteten Kabinet. Weiche Teppiche bedeckten den Fußboden, schwere Vor hänge von dunkelrothem Damast dämpften das Tages­licht, kostbare Möbel von Palisanderholz, hohe Spiegel, chinesische Vasen, massive silberne Armleuchter, die herrlichsten Oelgemäldc und die feinsten Porzellan­figuren schmückten dieses Zimmer, welches einst dem Kaufmann Krämer, dem Vater des Rentiers, in ein­facher Ausstattung ebenfalls als Schreibzimmer ge­dient hatte.

Der Rentier hatte nach dem Austritt seines Bru­ders daö Geschäft mit ungeschwächlen Kräften fort geführt und vor ungefähr sechs Jahren sich von demselben zurückgezogen, um ben Rest seines Lebens in Ruhe zu geiiießeit und sich ganz der Erziehung seiner Tochter Mathilde, des einzigen Kindes, wel-