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Sir. 160. Marburg, Dienstag, den 9. Juli.

1872.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhtsfische« Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition lKoch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Egr., durck die Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 21 ®ar. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Lgr. vämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

urch plötzliches heimliches Austreten eines Setzers und durch gleichzeitige Krankheit eines anderen sind wir leider in die Lage versetzt auf einige Zeil unserem Blatte seine frühere Einrichtung wiederzugeben. Wir hoffen, daß dieses nur vorübergehend sein wirb, da ein sosortiges Wiederbesetzen der fehlenden Arbeits kräfte unmöglich ist.

Die Redaktion und Berlagshandlnng.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Juli. Es war das Gerücht entstanden, Se. Maj. der Kaiser habe als Schiedsrichter in der St. Inan-Angelegenheit den Professor Heffter mit der Ausarbeitung eines juristischen Gutachtens über die von der englischen und der nordamerikanischen Regie­rung eingereichten Repliken beauftragt. Nach dem Hamb. Corr." hat allerdings die Absicht bestanden, den Genannten mit dieser kritischen Aufgabe zu be trauen. Dieselbe sei indessen dadurch unmöglich ge­worden, daß sich die nordamerikanische Regierung in ihrer Replik in Lobeserhebungen über Heffter ergangen hat, so daß, zum großen Bedauern des amerikanischen Ge sandten selbst, der Kaiser, wenn er die Ausarbeitung des Gutachtens Heffter übertragen hätte, den unter allen Um- ständen zu vermeidenden Schein der Parteilichkeit auf sich geladen haben würde, wenn in Wirklichkeit auch die juristische Unparteilichkeit des begutachtenden Sach­verständigen zwcisellos gewesen wäre. Aus Varzin, 4. Juli, ist demReichsanzeiger" folgendes Schreiben zur Veröffentlichung zugegangen:Ich erhalte in Varzin noch immer täglich zahlreiche Gesuche und Zusen bringen privaten, halbamtlichen, literarischen Inhalts, in einer Form, welche Beantwortung voraussetzt. Wollte ich bieser Voranssetzung entsprechen, so würbe ber Zweck meiner aus GesunbheitSrücksichten erfolgten Be­urlaubung verfehlt werden. Zur Verhütung von Miß­verständnissen erkläre ich daher, daß ich zu meinem Bedauern außer Stande bin, ferner direct oder in- direct an mich gerichtete Schreiben oder Telegramme zu beantworten, so lange ich nicht nach Berlin zu- rückgckehrt sein und meine Geschäfte wieder über- üommen haben werde, v. BiSmarck."

Die Kaiserin und der Kronprinz reisen heute Abend 10 Uhr zur Feier der Enthüllung des Stein denkmals nach Naffau ab. Der Kronprinz kehrt Donnerstag hierher zurück und tritt am 15. d. mit der Kronprinzessin und den zwei jüngsten Kindern die Keife nach Berchtesgaden an. DieKöln. Ztg." bestätigt, daß eine eingreifende Veränderung des deut­schen FestuugSsystems bevorstehe. Verschiedene Festungen, welche nicht mehr von Bedeutung sind, sollen eingehen, während andere verstärkt werden. Zu den letzteren gehöre Posen, zu den ersteren Graudenz und Rastatt.

Der gestrigen Versammlung der hiesigen Ma­schinenbau-Arbeiter wohnte seitens der fünf Fabrikbe- fftzer, welche die Erklärung vom 15. Mai erließen, nur Blum bei. Die Versammlung beschloß einstimmig, durch den Zwölfer-Ausschuß mit den Unterzeichnern der Erklärung nochmals zur Anbahnung eines Ver­ständnisses in Verbindung zu treten, und inzwischen zur Beseitigung von Mißverständnissen den eingenom­menen Standpunkt durch die Veröffentlichung des Protokolls in den Zeitungen darzulegen. Ter Auf- fi$teiTatb bet rumänischen Eisenbahngesellschaft beschloß, den Besitzern von Obligationen, welche der Gesellschaft bisher mcht beigetreten sind, einen Präclusivtermin bis zum 15. August zu stellen, jedoch nach Ablauf dieses Termins den Zutritt nicht mehr zu gestatten. Der Bundesralh hat sich auf unbestimmte Zeit vertagt.

An Wechselstmpelstener sind während der eisten fünf Monate dieses Jahres im Deutschen Reiche ein­genommen worden: 891,998 Thlr. Die größten Ein­nahmesummen haben aufzuweisen: die Obcr-Postdirek- tions-Bezirke Berlin 155,998 Thlr., Hamburg 100 750 Thlr., Düsseldorf 57,585 Thlr. rc. In Baiern wurden 43,360 Thlr. und in Württemberg 23,675 Thlr. eingenommen.

Darmstadt, 8. Juli. DemFr. Journ." wirb von hier geschrieben: Sicherem Vernehmen nach wirb bas großh. hessische 4. Infanterie-Regiment Nr. 418 (seither in Mainz) mit dem großh. heff. 3. In­

fanterie-Regiment Nr. 117 (seither in Darmstabt, Of­fenbach unb Worms) die Garnisonen in Kürze wechseln.

Oesterreich -Ungarn.

Wien, 8. Juli. Wie man berD. Ztg." aus Berlin mittheilt, wirb ber beutsche Kaiser bei seinem bieömaligen Aufenthalte in Gastein von Fürst Bis­marck sowie vom ganzen biplomatischen unb militärischen Cabinet begleitet fein.

Agram, 7. Juli. Der Entwurf ber von ber nationalen Partei ausgegangenen und auch von den Unionisten angenommenen Abresse betont bie Bereit. Willigkeit bes eroatischen Landtags, Deputirtenwahlen für den gemeinschaftlicher^ ungarischen Reichstag, so­wie bie Wahl einer Regnikolar -Deputation vorzu­nehmen, welche mit einer ungarischen Regnikolar-De- putation über bie nothwenbige Revision bes Aus­gleichsgesetzes verhanbeln soll. Die Abresse spricht ber Regierung ferner Dank aus für bie Aufhebung ber Militärgrenze unb schließt mit ber Bitte um Einbe rufung der dalmatischen Landtagsbeputation, bamit bie gemeinsame Lösung aller Kroatien, Slavonien, Dal­matien betreffenben gemeinschaftlichen Angelegenheiten in bie Hanb genommen werbe« könne.

Schweiz.

Bern, 8. Juli. Nach Mittheilung ber italieni­schen Regierung haben sämmtliche am internationalen Telegraphenvertrag theilnehmenden Staaten, ausge­nommen Dänemark und Persien, der römischen Con­vention beigestimmt. Der Ständerath hat den Nach­trägen zur Postconvention mit Nordamerika heute feine Genehmigung ertheilt. Die Wahl eines neuen Bun- besrathsmitgliebes an Stelle bes Hrn. Dubs, welche schon auf den 5. b. angesetzt war, wirb im Laufe bieser Woche stattfinden. -- Zu dem in Lugano stattfindenden disjährigen Kongreß derFreiheits- und Friedens- Liga" hat Garibaldi als seinen Stellvertreter den Prof. Pederzolli daselbst ernannt. lieber den bereits mit- getheilten schweren Unfall, der den abtretenden Na­tionalraths«Präsidenten Brunner betroffen, erfährt derBund" folgendes Nähere: Herr Brunner war gegen 11 Uhr aus einer Versammlung von Na- tionalräthen zurückgekehrt. Die Nacht war sehr dunkel, und man muß annehmen, daß er bei dem in gleicher Flucht mit ber Treppe liegenben, in einen engen, bunkeln Hof führenden unb burch kein Geländer ge­schützten Fenster einen falschen Tritt that und so aus dem dritten Stockwerk in den Hof hinabstürzte. Auf den Rus der durch den Lärm aufgeschreckten Diener­schaft eilten der Buchdrucker Wiß und ein Bäcker­meister aus der Nachbarschaft herbei und trugen den be­wußtlos Taliegenden in sein Zimmer, wo sie ihm bis zum Eintreffen eines Arztes die erste Hülfe- leistungen angedeihen ließen. Die Familie befand sich auf dem Lande und mußte mit der Schreckenspoft herbeigerufen werden. Bis zur Stunde bietet der Zu­stand des Herrn Brunner nichts sehr Beunruhigendes; das Bewußtsein ist zurückgekehrt; es ist fein Glied gebrochen, unb die Aerzte konnten keine ernstliche Ver­letzung constatiren. Dies bei allem Unglück über­raschend glückliche Resultat ist wahrscheinlich dem Um­stande zuzuschreiben, daß Herr Brunner zuerst auf einige im Hofe aufgeschichtete Holzkisten und nicht unmittelbar auf den Steinboden fiel, wodurch die Wucht des Sturzes gebrochen wurde.

Frankreich.

Paris, 7. Juli. Gestern früh ist auf der Ebene von Satory wieder an zwei Individuen, Franz Jo­seph Baudouin und Joh. Rouillac, das über sie wegen Theilnahme an den Mordthaten und Brandstiftungen der Commune verhängte Todesuriheil vollstreckt wor­den. Es scheint, daß die Delinquenten, beide der nie­drigsten Volksklasse angehörig, bis zum letzten Augen­blicke nicht nur die vollkommenste Kaltblütigkeit bewahrten, sondern sich in einem unglaublichen Cynis- mus gefielen. Sie nahmen, nachdem man sie in frühester Morgenstunde geweckt hatte, etwas Wein und Kaffee zu sich, stopften ihre Pfeifen, die erst an ihren Leicben kalt werden sollten, trillerten ein Lied und wiesen mit höhnischer Verachtung den Zuspruch des Abb« Fvllet von sich.Ihr habt Recht", sagte Bau­douin zu dem Gefängnißdirektor Coussol,denn wenn

wir Euch in unsere Gewalt bekommen hätten, so wäre es Euch nicht anders ergangen." Es war Befehl ge­geben worden, den Verurtheilten auf dem Richtplatze die Augen und sie selbst an ihre Pfähle zu binden, weil in einigen der letzten Executionen die unruhige Haltung der Delinquenten dem Peloton sein trauriges Amt noch erschwert hatte. Baudouin und Rouillac wehrten sich hiergegen aus allen Leibeskräften unb überhäuften den Priester, den commanbirenben Offi­zier unb bie Gerichtsperfon, welche sie umstanden, mit ven gröbsten Insulten:Ich sterbe für das Volk", schne Baudouin,hört Ihr das, Ihr Räubergesindel? Ich will einen ehrlichen Soldatentod sterben!" End­lich gelang es, die Beiden festzubinden; Rouillac pfiff noch ein Lied und Baudouin stieß noch einen gewal­tigen Hochruf auf die Commune au8, als auf das übliche Zeichen des Offiziers das doppelte Peloton seine Schuldigkeit gethan hatte. Der Tod war bei Beiden augenblicklich eingetreten und es bedurfte dies­mal keiner Nachhülfe durch den Gefreiten. Ob­gleich die royalistischen Journale fortwährend ab- läugnen, daß sie eine Verschwörung angezettelt haben, so ist doch außer allem Zweifel, daß die Verschwörung vorbereitet war und bei Gelegenheit der Rohftoffsteuer ausbrechen sollte. Thiers erhielt die ersten Nachrich­ten darüber aus der Provinz. Die Royalisten hatten nämlich, als sie die Gewißheit erlangt hatten, daß Mac Mahon für gewisse Fälle zu ihnen stehen würde, ihre Freunve in der Provinz von ihren Plänen in Keniilniß gesetzt und sie aufgeforbert, sich bereit zu halten. Einige Präfekten, beneii bieses zu Ohren ge­kommen, hatten sofort nach Versailles berichtet. So konnte benn ber Präsident allerdings sagen, er habe bie Beweise über bie Verschwörung in Händen und fei im Stande, das ganze Komplott zu vereiteln. Die parlamentarischen Vereine der republikanischen Linken hielten gestern Sitzung. Die Deputation, welche sich zu ThierS begeben hatte, um ihn auf die royalistische Verschwörung aufmerksam zu machen, wurde wegen des guten Erfolges, den ihr Schritt gehabt, von allen Mitgliedern des Vereins beglückwünscht. Allgemein herrschte die Ansicht, daß man die Royalisten für den Augenblick nicht zu fürchten habe. Seit der Ent­deckung des Complotts ist große Entmuthigung unter den Royalisten, und fast alle halten jetzt die Wieder­herstellung des Königthums für eine Unmöglichkeit. Einige Mitglieder des rechten Centrums gehen mit dem Gedanken um, aus Picards Antrag zurückzu­kommen, nämlich der Kammer vorzuschlagen, die Re­publik zu proclamiren, eine Zweite Kammer zu er­richten unb bie National-Versammlung theilweise zu erneuern. Wie verlautet, hat Gambetta eS abge- lehnt, an dem Bankett zur Feier der Einnahme der Bastille, bas am 14. b. in La Ferte sous Jouarre stattfinden wird, Theil zu nehmen.

aSerfoilled, 7. Juli. Heber die Unterredung zwischen, ber Deputation ber republikanischen Linken und Präsident ThierS gelegentlich des Complvttes der Rechten theilt ein Korrespondent derJndep. beige" folgende Details mit: Hr. Grevy als Wortführer der Deputation hat dem Präsidenten ber Republik vor Allem Tank gesagt für besten Bemühungen zur Er­reichung ber Befreiung des Landesgebietes. Hr. Grevy conftatirte gleichzeitig, daß feine Parteigenossen ben Vertrag gutheißen, wenn schon sie bebauem müßten, daß derselbe nicht günstiger ausgefallen sei; er zollte ferner im Namen feiner Kollegen Hrn. ThierS volle Anerkennung für seine Leitung der Geschäfte jm All­gemeinen und die Loyalität, mit welcher er das ihm anvertraute Gut, bie Republik, gehütet habe.Nie­mals", fuhr Grevy fort, waren wir bessere Freunbe als heute; aber gerade als solche glauben wir das Recht und bie Pflicht zu haben, Sie von einer That- ache in Kenntniß zu setzen, welche auf schlimme Weise gegen Sie ausgebeutet werben könnte." Die Delegir- ten machten bann Hrn. Thiers bie Mittheilung eS ei unzweifelhaft, baß infolge ber unausgesetzten'Be­mühungen ber Rechten (welche zwar fortwährenb in ihre» Journalen funbgeben läßt, sie denke nicht daran, gegen den Präsidenten der Republik zu conspiriren) Marschall Mac Mahon cingeroiUigt hätte, ben Posten