Wr. 159 Marburg, Montag, den 8 Juli. 1872.
Oberhessische Zeitung.
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Deutsches Reich.
•* Berlin, 7. Juli. Dem gegenüber, was die „Deutsche Reichs Correspondenz" über die Resultate der letzten MinisteoConferenz erzählt, kann nur darauf hingewiesen werden, daß es sich in Uebereinstimmung mit dem letzten Artikel der „Prov.-Corr." gegenwärtig nicht mehr um einen vereinzelten Schritt gegen den Bischof Crementz, sondern um allgemeine Maßregeln handelt, um den confessionellen Frieden zu sichern. — Gras Eulenburg begab sich gestern nach Ems. Von dort wird er nach den westphälischen Kohleubezirken reisen. — Die Resultate der Ministerberathung sind für jetzt erst nach Varzin übermittelt worden. — Die Ernennung des Hrn. v. Madai zum Polizei-Präsidenten von Berlin kann man wohl als definitiv betrachten. — Bekanntlich war die Einweihung des Düppler Denkmals ursprünglich auf den 29. Juni festgesetzt. Wie man hört, finden augenblicklich neue Berathungen über die Enthüllungsfeier statt, der voraussichtlich der Kronprinz beiwohnen wird. — In schleswig holsteinischen Blättern findet sich die Notiz, daß das Ober-Präsidium von Kiel nach Schleswig verlegt werden solle. In unterrichteten Kreisen ist von einer solchen Absicht Nichts bekannt. — Bezüglich der den Beamten zu gewährenden Lokal-Zulagen wird gegenwärtig Seitens aller Staatsbehörden statistisches Material für Nachweisung der Vertheilung der Gesammtzahl der Staatsbeamten auf die verschiedenen in bestimmte Klassen getheilten Orte im Lande gesammelt. Es soll dabei die Einthcilung der Ort schäften benutzt werden, welche bei der Quartierleistung der bewaffneten Macht verwendet wird.
— Der Deutsche „Reichsanzeiger" meldet: Der Bundesrath beschloß in seiner Sitzung vom 28. Juni, auf Antrag des württembergischen Bevollmächtigten in Betreff der Verhandlungen des Bundesrathcs, die folgenden Paragraphen der Geschäftsordnung hinzuzufügen: §. 22. Unmittelbar nach jeder Bundesrathssitzung wird ein die Verhandlungsgegenstände und den wesentlichen Inhalt der Beschlüsse kurz zu-
Marburg, 6. Juli.
Um bei 20 und mehr Grav Wärme den Concert-Saal aufzusuchen, muß schon eine ganz besondere Veranlassung vorhanden sein — und so war es gestern. Unsere geschätzte Landsmännin, Fräulein Hucke, noch vor wenig Jahren Novize der Kunst, wollte die ihr zur Erholung vergönnte Ferienzeit als jetzige König!, büerische Hofopernsängerin nicht in ihrer Vaterstadt korübergehen lassen, ohne zu zeigen, was Talent und Fleiß in kurzer Zeit zu erringen vermögen. Ein glänzendes Zeugniß legte sie hiervon in ihrem gestrigen Concerte ab. Wohl hat Schiller recht, wenn er fragt: Mer kann des Sängers Zauber lösen, Wer seinen Tönen widerstehen?"
denn Alt und Jung eilte am gestrigen Abend zu dem in Aussicht gestellten Genuß in bisher hier nicht getonnter Anzahl dem Concertsaal zu, wohl bewußt, daß jedem Einzelnen nur sehr wenige Quadratfuß Raum zugemcffen waren. Und mehr und immer mehr füllten sich des Saaleö Räume, und jedes Plätzchen war besetzt, da ertönte Hüons Horn und Webers allerliebste Oberon-Ouverture eröffnete den Reigen und fand Gnade selbst von zarten Frauenhänden, die indessen nicht lange ruhen sollten, denn kaum war der letzte Ton verhallt, begrüßte neuer Applaus die auf- trelende Honcertgeberin, den erst die schmelzenden Töne der Oboe in der Einleitung zu „Kommt ein schlanker Bursch gegangen" zum Schweigen brachten.
„Es schwinden jedes Kummers Falten, So lang des Liedes Zauber walten", konnte man da wieder mit Recht sagen, das war der Gesang eines Aennchen, wie ihn sich der unsterbliche Componist des Freischütz nur gedacht haben kann; und darum auch kein Wunder, als vor Jahresfrist der Intendant des Münchener HoflheaterS dieses Aennchen in Mannheim sah und hörte, da war für ba6- selbe tein Bleiben in Mannheim mehr, es mußte folgen nach München. Doch begnügen wir uns nicht mit dem Anfänge des ConcerteS, lasten wir das Ganze noch einmal Revue passtren, und so müssen wir dem
sammenfassender Bericht durch den „Reichsanzeiger" veröffentlicht. §. 24. In größeren Zeitabschnitten wird eine für die Oeffentlichkeit bestimmte Ausgabe der Bundesrathsverhandlungen, den Inhalt des Protokolls und die Drucksachen enthaltend, durch das Reichskanzleramt veranstaltet. — Der Kronprinz geht gegen Mitte Juli nach Berchtesgaden und wird von dort ausgdas elfte und dreizehnte (württembergische) Bundesarmeekorps und das zweite bairische Armeekorps in- spiciren.
— Die Annahme der „Köln. Ztg." daß der Kaiser in seiner Eigenschaft als Schiedsrechter in der zwischen England und Nordamerika schwebenden Streitfrage wegen der St. Juan-Angelegenheit eine juristische Autorität mit der Angabe eines Gutachtens beauftragt habe, hat sich nicht bestätigt. Wie jetzt verlautet, sind drei Mitglieder des Kronsyndikats mit dem Bericht über die am 10. und 11. v. M. seitens Englands und Nordamerikas überreichten Streitschriften beauftragt worden. In diplomatischen Kreisen ist bemerkt worden, daß während der englische Botschafter in der Frage eine sehr zurückhaltende Stellung einnimmt, der nord amerikanische, M. Bancroft, persönlich sehr eifrig für die Ansprüche seiner Regierung eintritt.
— Der Verwaltungsausschuß der „Kaiser Wilhelms - Stiftung für deutsche Invalide" hat in der öffentlichen Sitzung des Gesammtvorstandes vom 10. Mai 1872 Bericht erstattet über die Wirksamkeit der Stiftung in dem Zeitraum von ihrer Errichtung bis zum Ablauf des Jahres 1871. Der finanzielle Theil dieses Berichtes konnte sich diesmal nur mit der Wirk samkeit und Verwaltung des Central-Fonds beschäftigen. Die Einzelvereine, welche der Stiftung angehören, sind zum Theil erst gegen Ende oder nach Ablauf des Jahres 1871 in die Stiftung ausgenommen worden, zum Theil noch jetzt in der Bildung begriffen. Unter diesen Umständen konnten nur von wenigen Vereinen für das Jahr 1871 besondere Finanz-Ueber- sichten aufgestellt werden und es mußte deßhalb Vorbehalten werden, über die allen Einzelvereinen zur Ver-
jetzt folgenden Violinspiel des Herrn Günther unsere vollste Anerkennung geben. Davids Introduktion und Variationen über das reizende Liedchen „Bin der kleine Tambour Veit" sind bei so gutem Vorträge ihres Erfolges.. stets sicher. — Des echt deutschen Componisten Lortzing Oper „Der Waffenschmied" mußte aus dem Finale des ersten Aktes die nächste Nummer uns liefern und zwar das Reeitativ „Er schläft, wir alle find in Angst und Noth" mit folgender Arie „Er ist so gut, so brav und bieder." Auch hier zeigte die Coneertgeberin ein außerordentliches Verständniß, mit wahrhaft kindlicher Einfachheit erklangen die Töne zu den Worten „Reichthum allein thuts nicht auf Erden", und wie lüstern wieder zu „Ein art’ger Herr ist's freilich, schlank und fein", und wie begehrlich „'s muß freilich nicht so übel fein, zu wohnen in 'nem schönen Schloß", doch alle diese Gefühle gipfelten in den Schlußworten: „Er gilt mir mehr, als Kron' und Land, so schlummre sanft, Du Trauter Du, Dir wünscht Dein Liebchen süße Ruhl" Stürmischer Beifall und Hervorruf lohnten die Künstlerin für ihre schlichte und doch so fein nuancirte Wiedergabe. Da nun weder Kunst noch Leben ohne Con- traste fein dürfen und können, wurden wir mit der „Fidelio-Ouverture" in des gewaltigen TonschöpserS Beethoven Harmonien wie mit einem Zauberschlage eingeführt; gern bekennen auch wir hier öffentlich, was im Vertrauen ein Kunstfreund uns heimlich zu- flüsterte: „DaS ist Musik, wovon jeder Ton ein Pfund wiegt, und so präcis und gut habe ich dieses edle Kunstweick lange nicht gehört," und wir müssen deßhalb dem Ausspruch des Einzelnen wie dem lauten Beifall deS Ganzen uns fügend constatiren, die „Fi- belio Ouvertüre war des Orchesters Glanzpunkt an diesem Abend. Hatte in ihren beiden vorhergehenden Nummern die verehrte Coneertgeberin uns einen Blick in ihre theateralische Kunst gewährt, so zeigte sie in den beiden folgenden Liedern von Schubert und Tau- bert, daß frei von jeder Effecthascherei solch perlende Töne, wie sie vom Herzen kommen, wieder zum Herzen
fügung gestellten Mittel und deren Verwendung erst nach Ablauf des Jahres 1872 einen förmlichen Bericht zu erstatten. Wir entnehmendem Bericht folgende finanziellen Angaben aus der Verwaltung des Centralfonds bis zum Schluffe des Jahres 1871: Gesammt-Einnahme des Vereins 1,714,188 Thlr. 10 Sgr. 7 Pf.; Gesammt- ausgaben: 327,388 Thlr. 5 Sgr. 9 Pf.; es verblieben hiernach ult. December 1871: 1,386,800 Thlr. 4 Sgr. 10 Pf. Während des 1. Quartals 1872 betrugen der Bestand des Fonds am Schluffe 1871: 1,386,800 Thlr. 4 Sgr. 10 Pf.; dazu kamen neu an Gaben und Zinserträgnissen 91,078 Thlr. 3 Sgr. 10 Pf.; zusammen also 1,477,878 Thlr. 28 Sgr. 8 Pf.; davon wurden an Unterstützungen verausgabt 25,657 Thlr. An Unterstützungen bis zum Ablauf des 1. Quartals wurden aus dem Centralfond überhaupt gewährt 350,904 Thlr. 18 Sgr. Möchte die ganze Nation nicht ermüden in ihrer Theilnahme an dieser Stiftung, die nur eine Pflicht der Dankbarkeit gegen diejenigen erfüllen will, welche uns mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit die Einheit, die Größe und Selbständigkeit des deutschen Vaterlandes erkauft, mit Opfern erkauft haben, für welche die nothwendig in engen urtb genau bestimmten Grenzen sich bewe- genbe staatliche Hülfe in überaus zahlreichen Fällen einen nur unvollständigen Ersatz leisten kann.
Köln, 7. Juli. Letzten Mittwoch traf der katholische Erzbischof Loos von Utrecht auf feiner Durchreise nach Baiern hier ein und wurde von einer Deputation der hiesigen altkatholischen Gemeinde, mit Pastor Dr. Tangermann an der Spitze, empfangen. Er besuchte mit der Deputation die Sehenswürdigkeiten unserer Stadt, unter Anderem den Dom und die Kirche St. Pantaleon. Die Weihe der beiden jungen Theologen ist verschoben worden; dieselben konnten, weil sie den vatikanischen Beschlüssen ihre Anerkennung versagten, keine Aufnahme in das hiesige Priester- Seminar finden und setzen ihre Studien einstweilen auf einer süddeutschen Universität fort. Erzbischof LooS wird in Baiern zunächst in verschiedenen Ge- gehen. Schubert's „Ave Maria“ war inniges Gebet, und unvergleichlich schön war: „O Mutter, hör des Kindes Flehen, o Jungfrau, eine Jungfrau ruft I" Doch vom Ernsten zum Heitern ist in der Kunst nur eine kurze Spanne; mit Taubert'S „Der Vogel im Walde," „Ich gehe durch den grünen Wald," war es, wenn plötzlich die inzwischen auf einige hohe zwanzig Grad gesteigerte Saaltemperatur ber frischen Walbluft gewichen wäre, so froh unb heiter schauten alle Gesichter b’rein. Da genügte kein Hervorruf allein, unisono ertönte von allen Lippen „da capo!“ und mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit ließ das Vöglein im Walde fein „Tiu, tik, tat, burili, durili, burili!" nochmals zur allgemeinen Freube erschallen. In einer noch sehr gut gewählten Orchester - Com- position unseres Musikbirectors Deichert begegneten wir ebenso schönen als brillant inftrumentirten Motiven, betten, wie allem Vorhergehenben reicher Beifall zu Theil warb. Mit bem Reeitativ „Wohl bemt, gefaßt ift ber Entschluß, nun gilts, bie That besonnen zu vollführen!" aus Nicolais „Lustigen Weibern von Wiubsor" stehen wir am Enbe dieses köstlichen Abends, und könnten eigentlich bie Schlußworte ber Arie „O selige Träume, o süßes Glück, ihr gaukelt so golben vor meinem Blick" auch unsere Schlußworte über diesen Concertabend sein lassen, hätten wir nicht noch hier und dahin ein paar Worte des Dankes zu senden. Selbstredend wurde auch diese letzte Nummer aus der Rolle der „Anna" — mit der auf der Hofbühne zu Mannheim unsere Concertgeberin mit bem ungetheiltesten Beifall ihre Künstlerlaufbahn begann — durch anhaltenden unb wohlverbienten Beifall unb Hervorruf geehrt.
Unseren Dank nun im Namen aller Kunstfteunde hätten wir zunächst ber Königlichen Intendanz ber Hofbühne zu Kassel abzustatten, bie bie Güte hatte, die Orchesterstimmen zu ben brei Opern zu leihen; denn mit Clavicrbegleitung, unb wäre es bie beste gewesen , blieben solche Vorträge eitel Flickwerk. Ein recht herzliches Dankeswort gebührt noch ferner un-