M. 157.
JRarßurg, Sonntag, den 7. Juli.
1872.
Oderhessische Zeitung.
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Politische Wochen-Urberftcht.
Letzten Sonnabend, 29. Juni, haben die beiden Vertreter Deutschlands und Frankreichs, Gras Arnim und Hr. v. Remusat, in der Präfcctur zu $er sailles den neuen Räumungsverlrag unterzeichnet. Es ist kein ernster Grund vorhanden zu der Annahme, dah die Nationalversammlung, welcher der Vertrag vergangenen Montag vorgelegt wurde, demselben ihre Zustimmung versagen werbe. — Die Volksvertretung von Luxemburg hat den deutsch-luxemburgischen Eisenbahnvertrag angenommen. — Der Justizausschuß des Bundesrathes hat die Ausführungsbestimmungen deö Zesuitengesetzes ausgearbeitet und der Bundesrath hat das Gesetz auch auf Elsaß:Lothringen ausgedehnt. — Die Unruhen in den niederrheinischen und westphä Uischen Kohlendistrikten sind noch keineswegs dem Er löschen nahe. Wenn auch die Arbeiter anfangen, zur Arbeit zurückkehren, so ist die Anzahl der Bergleute, welche seit Beginn der Arbeitseinstellung bis heute wieder angefahren stnd, eine verschwindend kleine gegen die Zahl derjenigen, welche nach wie vor von der Arbeit fern-bleiben.
Die auswärtige Politik Oesterreichs hat in der letzten Zeit nicht viel von sich reden gemacht, und außer den Wahlen zum ungarischen Reichstag gingen auch in den inneren Angelegenheiten die Wellen nicht hoch. Die polnische und die römische Frage haben zwei Reisen veranlaßt, zu denen Truppenmanövcr die willkommene Gelegenheit boten: die Reise des Ge- ncral-Jntpectors der Artillerie, Erzherzogs-Wilhelm, nach Krasnoje-Selo und die Reise des Kaisers nach Berlin, welche im September erfolgen wird. Oesterreich sucht sich in das herzlichste Einvernehmen mit Rußland und dem deutschen Reiche zu setzen, einerseits um kein Mißtrauen wegen der Verhandlungen mit den galizischen Polen aufkommen zu lassen, andererseits um thatsächlich die Insinuationen deutscher und französischer clericaler Blätter zu widerlegen, als könne die habsburgische Monarchie in den schwebenden kirchlichen Händeln nicht mit Deutschland und Italien gehen.
Am 1. Juli sind in der Bundes-Hauptstadt Bern Ständerath und Nationalrath der Schweiz wieder
zusammengetreten. Zum Präsidenten und Vicepräsidenten der ersteren Körperschaft wurden Kappeler aus dem Thurgau und Roguin aus Lausanne, der andern Körperschaft Friedrich von Genf nnd Wirth-Sand von St. Gallen gewähl.
Unter den Mitgliedern der französischen Nationalversammlung herrschte in letzter Zeit große Erregung Nachdem die Royalisten und Klerikalen in ihrer Unterredung mit Thiers ihren Willen nicht durchgesetzt, machten sie in der Nationalversammlung wie in der Presse durch Manifeste, unter denen das Schreiben des Herzogs von Broglie obenan steht, wiederholte Versuche, Thiers auf dem Boden seiner Finanzpolitik wie auf dem seiner diplomatischen Thä- tigkeit zu Falle zu bringen und ihm die Hoffnungen auf einen glücklichen Erfolg mit der großen Anleihe zu durchkreuzen. Die republikanischen Fractionen der Nationalversammlung haben es diesen Kundgebungen der Majorität gegenüber für gut erachtet, Thiers in der Finanzdebatte möglichst zu schonen und in der diplomatischen Frage nachdrücklich zu unterstützen. Die Gegner Thiers' haben aus der Mißachtung, mit welcher, wie nicht zu läugnen ist, der neue Vertrag mit Deutschland von einem großen Theile des Publikums in Frankreich aufgenommen wurde, Kapital zu schlagen versucht, aber die Commission, die den Vertragsentwurf zu prüfen hatte, ist für dessen Annahme, und es steht zu erwarten, daß die Majorität der Versammlung, bei welcher die nüchterne Ueberlegung über den furor borussicus die Oberhand behalten wird, dem Votum der Commission berpflichtet.
Tas Genfer Tribunal hat die indirecten Forderungen für völkerrechtlich unzulässig erklärt, worauf der Bevollmächtigte der Vereinigten Staaten sich bereit fand, diesen leidigen Zankapfel fallen zu lassen, und der englische Vertreter seine bis dahin noch zurückgehaltene Proceßreplik dem Schiedsgerichte einhändigte. Hiermit war der Alabamavcrtrag gerettet und das Tribunal konnte in seine regelmäßige Thätigkeit eintreten. Die Beilegung dieses Vorstreites kömmt einem Siege des englischen Kabinetes gleich, dessen Bitterkeit für Amerika — allerdings nur scheinbar — nicht so groß ist, weil dieses sich nicht vor dem
Willen Englands, sondern vor dem Willen des Schiedsgerichtes gebeugt hat. — Der Finanzausweis für das verflossene Quartal war ein glänzender. — Der Stritt der Bauhandwerker in London gibt leider noch keine Hoffnung auf baldige Erledigung, da die Arbeiter eine schiedsgerichtliche Schlichtung zurückgewiesen haben.
Nachdem König Amadeus von Spanien einmal die radikale Partei an das Staatsruder berufen hat, muß er sich auch, falls er nicht vorzieht, das letztere wieder anderen Händen anzuvertrauen, in alle Consequenzen dieses Schrittes fügen. Eine solche ist aber die Auflösung der Kortes, die auch bereits erfolgt ist, obgleich sie kaum erst mit der Berathung der Thronrede fertig geworden waren. Zorilla hat bekanntlich seine Regierungsgrundsätze in einem Rundschreiben au die Gouverneure niedergelegt, welches als das Glau- bensbekenntniß der radicalen Partei gelten darf. Den Republikanern geht dasselbe natürlich nicht weit genug, und sie erklären deßhalb, sich an den Wahlen zu den neuen Kortes nicht zu betheiligen. AuS entgegengesetzten Gründen hat die Partei des gestürzten Ministeriums, Unionisten und Sagastiner, sich für die Nichtbetheiligung an den Wahlen entschieden. Ueb- rigens lauten die neuesten Nachrichten aus Spanien ziemlich bedenklich. Die mit der Regierung in Verbindung stehende „Liberia" brachte die Nachricht, baß der König Amadeus auf dem Punkte stehe, einen wichtigen Beschluß zu faffen, das heißt, abzudanken. Dieser Schritt sei ihm angerathen worden, nicht von seinem erlauchten Vater, wohl aber von seinen Freunden in Italien, wo nicht sogar von Herrn Lanza und seinen College». — Die Nachrichten vom Kriegsschauplätze, wenn man noch so sagm darf, bleiben sich gleich; es werden täglich Unterwerfungen gemeldet und mitunter die Zersprengung einer kleinen Carlistenbande. — In Cuba ist ein Kaperschiff, welches mit Rebellen bemannt von Baltimore her gekommen war, weggenommen und verbrannt, und die freibeuterische Besatzung zum Theil erschossen worden.
Die Nachricht, daß der neue französische Gesandte Ferry beauftragt sei, von Griechenland die Rückzahlung der im Jahre 1832 vorgeschossenen 30 Millionen zu fordern, ist unbegründet, da zwischen den
Ein Köses Gewissen.
Von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Selbst diese Worte, in denen sich eine rührende Anhänglichkeit aussprach, vermochten nicht den Argwohn des Bürgermeisters zu entkräften.
„Du bleibst hier", flüsterte der Alte seinem Sohne zu, während er den Tragriemen über die Schulter warf, „der Bürgermeister hat nur oberflächlich den Ort untersucht, deshalb forsche Du noch einmal nach, vielleicht entdeckst Du doch irgend ein Merkmal, welches uns auf die Spur des Mörders führen kann. Zch habe meine eigenen Gedanken, gebe der Himmel, daß ich mich in ihnen täusche."
Der Bürgermeister hatte inzwischen den Boten beauftragt, aus der nächsten Stadt den Richter und den Arzt zu holen. — Nach Verlauf einer halben Stunde lag die Leiche in der Amtsstube des Bürgermeisters und Schulz faß in dem Kabinet des Letzteren diesem gegenüber.
„Wir sind jetzt allein, Schulz," hob der Bürgermeister an, „also nennt mir den Namen des Todten und theili mir mit, was Ihr über seine Verhältnisse wißt."
Schulz blickt düster vor sich hi„: „er hieß Karl Krämer", erwiderte er nach einer Pause.
„Derselbe, welcher vor zwanzig Jahren nach Amerika auswandelte?"
„Derselbe!"
„Ein Bruder deö reichen Rentners Jakob Krämer m der Stabt?"
„Ja!"
„Nun? Ihr wißt waS ihn bewog, zurückzukehren?"
„Ich weiß es; hört mich an. Karl und Jakob toaten die beiden Söhne eines ziemlich vermögenden Kaufmannes, welcher auf sein Geschäft und die Vermehrung seines Vermögens größeren Werth legte, als »°f die Erziehung seiner Kinder. So kam es denn, M diese, sich selbst überlassen, ausarteten: Jakob to>t in die Fußtapfen des Vaters und ward ein gei- -Lütt Knicker, ein habsüchtiger Filz, der die krummen
Wege nicht scheute, wenn er auf denselben sein Ziel erreichen konnte, während Karl rechtschaffen und brav blieb, aber daneben auch ein Verschwender wurde. Die beiden Kinder haben sich nie recht miteinander verstanden, namentlich aber war es Jakob, der stets die erste Veranlassung zu Hader und Zank gab. Ich diente damals als Knecht bei dem alten Herrn Krämer und meine Stimme galt stets etwas in dem Hause, obschon ich nicht viel älter war, als die Söhne. Der alte Herr wußte, daß ich treu und fleißig war, daß ich gesunden Menschenverstand besaß und offen meine Meinung Jedem sagte, der sie hören wollte, deßhalb hielt er große stücke auf mich, und Karl, obschon ich ihn ost seines Leichtsinns wegen schalt und ermahnte, ernster zu werden, vertraute mir ebenfalls. Ein Anderes war es mit Jakob, er mochte mich nicht leiden, ich war ihm ein Dorn im Auge und deßhalb mußte ich fort, nachdem der Alte das Zeitliche gesegnet hatte und die Söhne des Geschäft übernahmen. Ter alte Herr hatte mich in seinem Testameiite bedacht, Karl schenkte mir iwch eine kleine Summe dazu und ich kaufte das Gut in unserem Dorfe, welches ich durch Fleiß und Sparsamkeit mit den Jahren um die Hälfte vergrößerte. Karl besuchte mich oft, so oft, als seine Zeil es erlaubte; er wußte, daß ich das Verhältniß zwischeil ihm und seinem Bruder kannte und er meiner Theilnahme gewiß sein konnte.
Der Tod des alten Herrn hatte in dem Charakter und dem Wesen Jakobs nichts geändert, im Gegen- Iheil wurde er nur noch habsüchtiger. Seine gewagten Spekulationen und die Art )einÄ Geschäftsführung behagten dem Bruder nicht, und Karl nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es galt, gerechte Vorwürfe zu machen. So kam cs, daß das Verhältniß zwischen den beiden immer unangenehmer wurde; sie heiratheten und das Schicksal wollte, daß auch die Frauen sich schon in den ersten Stunden miteinander verfeindeten.
Schulz fuhr in seinem Bericht fort: Jakob, welcher die Kasse verwaltete, übte eine Vormundschaft über feinen Bruder aus, welche diesem unbequem sein mußte. Oft schon halte Karl den Wunsch geäußert,
die Gemeinschaft lösen zu können, aber Jakob, welcher das kaufmännische Talent seines Bruders nicht gern im Geschäft entbehren mochte, hielt sich an dem Buchstaben des Contrakts; erst als Karl immer dringender wurde, als er endlich drohte, das Geschäft zu unter» graben, wenn seinem Verlangen nicht Folge geleistet werde, gab Jakob nach, unter der Bedingung, daß der Bruder sein Kapital dem Geschäft gegen genügende Sicherheit überlassen muffe. Mein Herr — ich nenne ihn so am liebsten — ging auf die Bedingung ein; sein Weib war zwei Jahre früher, nachdem sie einem Sohne das Leben geschenkt hatte, gestorben. Er war mit sich, mit Allem zerfallen und hoffte, drüben in Amerika den Frieden wieder zu finden. — Eines Abends, es war ein so schöner Maientag wie heute, trat mein lieber Herr in mein Haus, und ersuchte mich, ihn in ein Zimmer zu führen, wo wir ungestört mit einander plaudern könnten, er habe mir Sachen von höchster Wichtigkeit anzuvertrauen. Ich wußte, was er wollte, er hatte es mir ja schon vor Wochen gesagt. Er stand jetzt reisefertig vor mir, am nächsten Morgen mußte er in D. sein, um von dort mit der Eisenbahn nach Hamburg zu fahren, wo er sich nach Amerika einfchiffen wollte. Er kam, um von mir Abschied zu nehmen und mir sein Kind anzuvertrauen, an welchem seine ganze Seele hing. Tas Bübchen war kaum zwei Jahre alt; mitnehmen konnte er es nicht, eS würde dort in dem unftäten Leben, welches sein Vater führen mußte, untergegangen sein. — „So lege ich sein Geschick vertrauensvoll in Deine Hand," sagte mein Herr, „Du wirst über ihn wachen, wirst dafür sorgen, daß er etwas Tüchtiges lernt, daß er brav und charakterfest wird." —
„Wie sein Vater!" sagte ich, indem ich ihm dir Hanv bot.
„Stein, nein," fuhr er fort, „ich weiß wohl, waS mir gefehlt hat, die Schule der Entsagung. Ich hatte es stets zu gut, deshalb erhielt auch der Leichtsinn die Macht über mich, welche meinen Untergang herbeigeführt haben würde, wäre nicht mein Bruder so streng und schroff gegen mich aufgetreten." (Fortsetzung folgt.)