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Marburg, Freitag, den 5. Juli.

1872

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Oberhessische Zeitung

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Wenn es nach allen bisherigen Aeußerungen rö- misch-jesuitischer Blätter und nach den neuesten that sächlichen Schritten der päpstlichen Curie noch einer Bestätigung der Meinung bedurft hätte, daß die Po­litik Roms dem neu aufgerichteten deutschen Reiche entschieden feindlich ist, so kann darüber nach obigen unzweideutigen Worten des Papstes kein Zweifel mehr sein.

Der Papst hat in seiner Anrede ferner mitgctheilt: er habe dem Deutschen Reichskanzler vorhalten lassen: „wie die Katholiken bis auf den heutigen Augenblick ihrer Regierung ergeben gewesen; immer und immer wieder hätten die Bischöfe, Priester und hervorragende Laien ihm gegenüber es ausgesprochen, wie sie das Wohlwollen der Regierung und die Freiheit, deren sich die Kirche in Preußen erfreue, zu schätzen wüßten Ebenso habe die Regierung selber ihrer Zufriedenheit mit der Haltung der Katholiken wiederholt Ausdruck gegeben. Angesichts dieser amtlichen Erklärungen und Zugeständnisse nun, — wie lasse es sich begreifen, daß jetzt aus einmal die Katholiken sich in Leute sollten verwandelt haben, die den Gehorsam verweigern, die da gefährliche Umtriebe mache», die auf den Unter­gang des Staates denken? — Diese Fragen habe er an den Minister-Präsidenten stellen lassen; die Ant­wort erwarte er noch immer, — vielleicht weil cs auf die Wahrheit keine Antwort gebe."

Wenn der Papst diese Fragen i» Wahrheit an den Fürsten Bismarck gerichtet hätte, eine Angabe, die je­doch auf einem Jrrthum des Gedächtnisses zu beruhen scheint, so würde doch der Reichskanzler schon deshalb kaum haben annehmen können, daß der Papst im Ernste eine Antwort darauf erwarte, weil es durchaus dieselben Fragen sind, welche im Laufe des letzte» Jahres Fürst Bismarck selbst und ebenso Se. Maje­stät der Kaiser und König wiederholt mahnend an die Katholiken gerichtet hatten. Fürst BiSniarck wies in seiner Rede vom 30. Januar d. I. darauf hin, wie die höchsten Zeugnisse von Sr. Heiligkeit dem Papste und die Zeugnisse der Bischöfe vorgelegen, daß man auf Seiten der Kirche Grund gehabt, mit Preußen zufrieden zu sein, wie er aber vergeblich gehofft, daß diese Zufriedenheit sich einigermaßen bei dem Einflüsse von der Kanzel und im Beichtstühle bemerkbar machen werbe Der Kaiser selbst sagte in dem Erlaß an die Bischöfe vom 18. Oktober v. I.: „Nachdem von den Bischöfen der katholischen Kirche, insbesondere aber von Sr. Heiligkeit dem Papste, bisher jederzeit aner­kannt worden war, daß die katholische Kirche in Preu ßen sich einer so günstigen Stellung erfreut, wie kaum

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i» einem Lande, ist eS Mir unerwartet gewesen, in einer Eingabe preußischer Bischöfe Anklänge an die Sprache zu finden, durch welche auf publicistischem und parlamentarischem Wege versucht worden ist, das berechtigte Vertrauen zu erschüttern, mit welchem Meine katholischen Unterthemen bisher auf Meine Re­gierung blickten."

Fürst Bismarck aber hat sich nicht blos auf jene Frage und auf den Ausdruck des Befremdens be­schränkt, sondern er hat in seinen parlamentarischen Reden, welche vielleicht auch in Rom nicht ganz ohne Beachtung geblieben sind, wiederholt seine Gedanken darüber entwickelt, wie und durch welche Einflüsse eS gekommen ist, daß der konfessionelle Frieden, um den uns ganz Europa beneidete, gestört worden ist, er hat einerseits auf die unvermeidlichen Folgen deS vatika­nischen Konzils und der auf demselben verkündeten Grundsätze, anderseits aus die immer bestimmter her­vortretende Feindschaft Roms gegen die sich entwickelnde Macht Preußens und des Deutschen Reichs und auf die Verbindung der sogenannten katholischen Partei mit allen Gegnern der nationalen Entwickelung Deutschlands hingewiesen.

Nach den gewichtigen öffentlichen Darlegungen und Erklärungen des Reichskanzlers wird man schwerlich erwartet haben, daß er sich jetzt auf ein müßiges und kindisches Frage- und Antwortspiel einlassen sollte. Die jetzige Aeußerung des Papstes aber würde ihn vollends jeder Antwort überheben; denn dieselbe be­stätigt Alles, was Fürst Bismarck über die Ursachen des kirchlichen Zwiespalts gesagt hat.

Der Wunsch des PapsteS, daß das Steinchen sich loslösen möge, welches den Fuß des Kolosses, die Grundlagen des Deutschen Reiches zerschmettern möge, dieser fromme Wunfch erklärt allerdings Vieles, waS sonst in der preußischen, in der deutschen kacholischen Kirche unerklärlich wäre.

Diese offene Aeußerung des Papstes enthält vor Allem einen neuen Fingerzeig für unfere Regierung, daß es sich bei den kirchlichen Fragen nicht um die Meinungen und Hanvlungen der einzelnen Bischöfe, sondern um einen einheitlich geleiteten Kampf handelt, daß daher auch die Abwehr nicht auf den einzelnen Fall gerichtet sein darf, sondern stets den großen Zu­sammenhang der antinationalm kirchlichen Bewegung im Auge behalten muß.

Wir werden uns bei jedem weiteren Schritte be­wußt bleibe» müssen, daß der Wunsch der Gegner darauf gerichtet ist, dem mächtigen deutschen Reiche den Fuß zu zerschmettern. (Prov.-Corrcsp.)

mit eurem Sohne hin, ich wecke indeß den Bürger­meister." i

Ter Alte brummte einige -unverständliche Worte und schloß das Fenster, während der Landmann in« Dorf lief, um vor dem Hause drö Bürgermeisters den­selben Lärm zu schlagen.

„Ein Schneider kann doch nie seine Natur ver­leugnen!" sagte Schulz, als er da« Fenster geschloffen und ein Licht angezündet hatte. „Ich bin überzeugt, der Mensch hat sich nicht einmal die Mühe genommen, der Leiche ins Angesicht zu sehen. — Geh' wecke Gottfried," fuhr er, sich zu seiner Frau wendend, fort, „er soll mich begleiten, wir werden bald wiffen, was an der Sache ist."

„Herr des Himmels, ein Mensch ermordet!" jam­merte die Frau, welche bei der ersten Nachricht au« dem Bette gesprungen war, „seit zwanzig Jahren ist hier in der Nähe kein ähnliches Verbrechen verübt worden. Wie werden sie nun in der Stadt über unser armes Dorf reden. Weißt Du noch, damals als der Hausirer im Walde erschossen und beraubt worden war, wollten sie's auch dem Dorfe zur Last legen, als es sich später heranSstellte, daß —"

„Laß Dich das nicht anfechten," fiel Schulz der Redselige» inS Wort. „Die Leute mögen meinetwegen reden und schwatzen was sie wollen, ich kümmere mich um dergleichen nicht. Gehe nur und wecke Gottfried, und sorge dafür, daß wir ein geheiztes Zimmer, Thee und warme Tücher finden, wenn wir den Unglücklichen vielleicht hierherbringen."

Die Alte, welche bereits auf dem Wege zur Thür war, blieb stehen und sah mit einem Blick des Ent­setzens sich um. „Konrad, Dn wirst mir doch keine Leiche ins Haus bringen?"

Eine Kundgebung deS Papstes.

Aus dem Munde des Papstes ist soeben eine Kund­gebung ausgegangen, welche auf die Gesinnung und Stellung der römischen Curie dem deutschen Reiche gegenüber ein Helles Licht wirft und für den weiteren Verlauf der kirchlichen Bewegung von großer Bedeu­tung sei» wird.

Papst Pius IX. hat sich gegen die Mitglieder eines deutschen Vereins in Rom über die angebliche Verfolgung ausgesprochen, welche in Deutschland gegen die katholische Kirche ausgebrochen sei.

Als die erste kurze Meldung von dieser Ansprache berichtete, daß in ihr mehrfach Jnveetiven, d. h. starke Anschuldigungen gegen die deutsche Regierung ent­halten seien, da wiesen die katholischen Zeitungen dies als eine Verdächtigung und Verleumdung des Papstes zurück.

Aus dem Wortlaute der päpstlichen Aeußerung aber, wie sie in den katholischen Blättern inzwischen mitgetheilt worden ist, geht hervor, daß der Papst nicht bloS starke Anschuldigungen, sondern auch Worte der Drohung gegen das deutsche Reich ausgespro­chen hat.

Er sagte nämlich: cs sei in Deutschland jetzt eine lang vorbereitete Verfolgung ausgebrochen, - der erste Minister einer mächtigen Regierung habe sich nach siegreichen KriegSerfolgen an die Spitze dieser Ver­folgung gestellt, — er, der Papst habe dem Minister vorgestellt, daß „ein Erfolg ohne Mäßigung" von keiner Dauer sei, daß der unternommene Kampf gegen die Wahrheit und die Kirche „der größte Wahn­sinn" sei.

Schließlich spricht der Papst die Hoffnung und Zuversicht aus, „es werde sich bald das Steinchen von der Höhe loslösen, das den Fuß des Kolosses zerschmettere."

Die Drohung gegen das deutsche Reich, welche in diesen Worten enthalten ist, erschien den katholischen Blättern selbst so stark, daß sie, um den Eindruck derselben abzuschwächen, die Ausflucht versuchten: der Papst habe mit dem „Koloß" nur den „Liberalismus" gemeint; aber in der ganzen Ansprache ist vom Li­beralismus oder von der liberalen Partei nirgends die Reve, sondern vom Anfang bis zum Enke nur von der deutschen Regierung und ihrem ersten Mi Nister. Nach dem ganzen Zusammenhänge und dem Wortlaut der Ansprache kann der Koloß, besten Fuß das 6cm Papste herbeigesehnte Steinchen zerschmettern soll, nur die „mächtige Regierung" des deutschen Reiches sein.

Ei« tifes Gewissen.

Von Ewald August König*).

• 1. Kapitel.

Der Schnee war geschmolzen, lau wehte die Früh­lingslust über die Fluren, die Vögel sangen und zwijcherten, und die Primeln und Aurikeln blühten auf den grünen Rasen.

Eine milde stille FrühlingSnacht lag über Wald und Feld gebreitet, an dem heiteren gestirnten Himmel zog der Mond seine ruhige, silberhelle Bahn, er lächelte hinunter auf das Dörfchen, dessen Bewohner sich in süßen Träumen wiegten, auf den Wald, besten Bäume die Hand des Frühlings mit dem ersten zar­ten Grün schmückte, auf die Fluren, Über welche ein grüner, buntgefchmückter Teppich sich breitete.

Er lächelte auch in das bleiche, kalte Antlitz eines Mannes, der dort am Saume des Waldes lag, das gebrochene Auge stier gen Himmel gerichtet, gen Him­mel , als wolle er die Rache Gottes herabrufen auf die Hand, welche diese Augen gebrochen, den Puls schlag dieses Herzens gehemmt hatte. — Aber Mond und Sterne gingen ruhig ihre unermeßlichen Bahnen, der Zephir spielte in den grauen Locken des Tobten, und im Walde klagte eine Nachtigall. — Was küm­merte sie die geballte Faust des Tvdten, welche auf dec Brust des Mannes lag, unter der das rothe Blut ^ervorquoll, was der Schmerzensschrei, in welchem der Unglückliche seinen Geist ausgehaucht hatte! —

Vom Thurme der nahen Dorfkirche schlug es Mitternacht, als ein Bauer deS Weges zog, der ans der benachbarten Handelsstadt in jenes Dorf führte.

Er mochte in der Stadt gute Geschäfte gemacht

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haben, sein schwankender Gang vecrieth, daß er dem Glase fleißig zugesprochen hatte.

Sein Weg führte ihn an der Leiche vorüber, er bemerkte sie nicht früher, bis er vor ihr stand und sein Blick in das tobte, entstellte Antlitz fiel. Entsetzt trat er zurück, der Anblick, welcher sich so plötzlich ihm bot, hatte ihn vollständig ernüchtert. Aber weit entfernt, zu untersuchen, ob der Unglückliche bereits tobt ober nur schwer verwunbet war, nahm ber Bauer, nachbem er sich mit unverkennbaren Zeichen ber Angst nach allen Seiten umgesehen hatte, Reiß­aus, just, als laure hinter jedem Busch, hinter jedem Baume ein Mörder, der plötzlich vorspringen könne, um ihm bas Lebenslicht auszublase».

Am ersten Häuschen hielt ber Landman» endlich in seiner Flucht inne. Er nahm die Mütze vorn Kopfe, trocknete ben Schweiß, ber ihm in Hellen Trpfen auf ber Stirn perlte, ab, unb klopfte an bie Thür jenes Häuschens so ungestüm, baß beim ersten Pochen schon ber Bewohner desselben erschreckt im Schlafe auffuhr

„Vater Schulz, Vater Schulz!" rief der Landmaim, ohne mit seinem Pochen inne zu halten; „macht offen! — Mörder! Mörder!" —

„Na, was giebt's denn?" erwiderte eine tiefe, barsche Stimme, „so macht doch nicht einen Lärm, als ob das ganze Dorf in Flammen stände!"

Der Landmann schaute hinauf zu dem Fenster, in welchem der Kopf eines alten Mannes, bekleidet mit einer baumwollenen Schlafmütze, sichtbar ward.

„Drüben auf dem Wege liegt Einer!" rief er hastig hinauf, „lange kann er noch nicht erschlagen sein, d-nn das Blut floß noch aus der Wunde. Geht