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JRarßlirg, Donnerstag, den 4. Juli.
1872
OterhesMe Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischen Leitung mit KreUblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdrucker«») bezogen 22; Var., durch die Postämter 27 Vgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und ind- Stempelsteuer), für das Auslano excl. Stempel 22 »gr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
3m Feuilleton unseres Blattes beginnt mit der nächsten Nummer eine Original-Erzählung von
Ev-l» August König:
Ei« böses Gewisse«.
Bestellungen auf das dritte Quartal bitten noch schleunigst zu machen, um vollständige Exemplare liefern zu können.
Die Ezped. d. Oberh. Ztg.
Deutsches Reich.
•» Berlin, 2. Juli. Um noch einmal auf die Anrede des Papstes an den katholischen Leseverein zurück zu kommen, so dürfte eS vielleicht nicht überflüssig sein, hier zu constatiren, daß in hiesigen Re- gierungSkrcisen von irgend einer offiziellen „Anfrage" des heiligen Vaters beim Reichskanzler auch nicht das Geringste bekannt ist und daß man durchaus darüber im Unklaren ist, worauf derselbe sich mit diesem Ausdrucke bezieht. — Der Reichskanzler hat dem Bundes- rathe einen Gesetzentwurf betreffend die Einführung des §. 29 der deutschen Gewerbeordnung, welcher vom Betriebe des Apothekergewerbes, von Aerzten rc. handelt, in Elsaß Lothringen vorgelegt. Ferner ist dem Bun- desrathe ein Antrag der Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen zugegangen, betreffend die Befreiung der Vcreinsbevollmächtigten und Steuer-Controleure von den direkten Staatssteuern am Orte ihres dienstlichen Wohnsitzes. — Das Unglück, welches die Akademie zu Düsseldorf vor einiger Zeit durch Brand erlitt, hat überall die regste Theilnahme hervorgerufen. An viele» Orten haben sich Vereine gebildet, um die durch den Brand um die Früchte ihrer Arbeit gebrachten Künstler zu unterstützen. Es sind auf diese Weise bereits 35,371 Thlr. zusammengekommen. Außerdem empfängt die Bibliothek von den verschiedensten Seiten Geschenke. So hat ihr der Felvzeugmelster Crcnne ville d-ö kostbare Werk Bocks über die römisch-deutschen Reichskleinodien, der Buchhändler Seemann in Leipzig sämmtliche Jahrgänge der Zeitschrift für bildende Kunst überreicht. — In Bezug auf die im Kreise Prrußisch-Stargardt ausgebrochene Auswanderungs-Epidemie kann noch mitgetheilt werden, daß der Minister des Innern durch einen Erlaß die dortige Bevölkerung über den sie beherrschenden Wahn auf zukiären sucht. — Es ist bestimmt worden, daß bei künfiigen Mobilmachungen die zur Bildung der Park- cvlonnen erforderlichen Fuhrwerke, soweit solche nicht durch freihändigen Ankauf oder miethsweise zu erlangen sind, in der Weise beschafft werden sollen, daß die Pferde auf Grund des Kriegsleistungs Gesetzes ausgehoben, Wagen und Geschirr aber Seitens der Gemeinden gegen die in jenem Gesetze vorgesehene Ver- güligung gestellt werden. Es ist das gegenüber den
Amerikanische Gasthafrechnunge«.
In Deutschland und zumal auch in England wird vielfach über die „dicke Kreide" der Hotelwirthe Klage geführt, aber so übermäßig stark gepfeffert unsere Ho- telrechnungrn auch sein mögen, so kommen sie doch noch lange nicht den stellenweise geradezu unverschäm ten Forderungen amerikanischer Hoteliers gleich. Ja, es ist eine bekannte Thatsache, daß drüben in Amerika das Reifen zu einem Luxus geworden ist, wie nur Leute mit ganz bedeutenden Mitteln ihn sich gestatten dürfen.
Amerika ist nun zwar an und für sich von europäischen Touristen wenig besucht, denn schon die Kosten der Ueberfahrt schrecken Manchen ab, die theuren Hotrlpreije haben also in dieser Beziehung wenig "verschuldet, aber auf der anderen Seite ist es so weit gekommen , daß die Amerikaner es billiger finden, zum Vergnügen nach Europa zu reisen, als den modernen Wanderstab im eignen Land zu handhaben. Und schon fangen die Gasthofbesitzer daselbst an, zu der Erkennt »iß zu kommen, daß sie ihre Rechnung demnächst wohl einmal ohne den Gast zu machen haben werden.
Der „New-Iork Herald" singt ein rührendes Klagelied über die Verluste, welche Amerika durch diese Vorliebe der Touristen für die europäische Reise erleidet, und hält den Herren Hotelbesitzern eine recht gründliche Capucinerpredigt. „Wie wir hören", sagt der „Herald", nehmen die 12 Dampfer, welche jede lösche von New-Iork nach europäischen Häfen abgehen, durchschnittlich an je 150 Kajüten-Paffagiere mit; dies
früheren Requisitionen als eine bedeutende Erleichte rung zu bezeichnen.
— In hiesigen, namentlich militärischen Kreisen hat die Nachricht Aufsehen erregt, daß General-Lieutenant Graf v. d. Gröben nächstens in der Festung Glogau zu einem viermonatlichen unfreiwilligen Auf. enthalte eintreffen werde. Das Factum wird bestätigt, nur soll in den Angaben über die Dauer dieses unfreiwilligen Aufenthaltes ein Jrrthum sich befinden, indem dieselbe nicht auf vier Monate, sondern nur auf zwölf Wochen festgesetzt sein soll. Die Veranlassung zu dieser Maßnahme soll ein Streit mit dem General v Manteuffel gewesen sein, der ursprünglich rein privater Natur gewesen, schließlich auf das dienstliche Feld übergegangen sein soll. — Nach einer im Reichskanzleramte aufgestellten amtlichen Zusammenstellung bestand die deutsche Kriegsmarine am Schluffe des Jahres 1871 aus folgenden 57 Schiffen: 3 Panzerfregatten, 1 Panzercorvette, 2 Panzerfahrzeugen, 2 Fregatten (Segelschiffe), 10 Corvetten, 22 Kanonen booten, 6 Avisos (darunter 4 Räderdampfschiffe), 3 Schooner (Segelschiffe), '3 Briggs (Segelschiffe), 1 Linienschiff, 1 königl. Jacht, 2 Schleppern (Räder dampsschiffe) und 1 Transportschiff.
— lieber die gestern von unserm Berliner Korrespondenten erwähnte sonderbare Erscheinung in Betreff des Auswanderns nach Amerika schreibt die „Danz. Ztg.": „In diesen Tage» ist bei einem Theile unserer ländlichen Arbeiterbevölkerung und namentlich in den Kreisen Pr. Stargardt und Marienwerder ein förmliches Auswanderungsfieber hervorgetreten. Auf mehreren Gütern verlangten die Dienstleute von den Besitzern ihre sofortige Entlassung, um nach Amerika auszuwandern, obschon die Zeit, für welche sie con traktliche Verpflichtungen eingegangen, noch nicht abgelaufen war. ES wurde unter den Arbeitern überall das Gerücht verbreitet, daß „Prinz Karl" in Amerika große Ländereien angekauft habe und daß dieselben Den Auswanderern überlassen würden. Dieses Gerücht findet in folgender Thatsache seine Erklärung. Es geht uns im Original eine Karte folgenden Inhaltes zu: „Vereinigung deS nordamerikanischen und deS deutschen CowitsS zum Schutze der Auswanderer. Herr Joseph Kölble, Vertrauensmann deS deutschen, römisch katholischen Central-Vereins, Nr. 185, Third Street (dritte Straße) in Newyork, wird ersucht, dem Inhaber dieser Karte jeglichen Beistand angedcihen zu lassen. Karl Fürst zu Jsenburg-Birstein, Präsident des deutschen Comits'S. Eingehändigt dem ... aus . . . der . . . über . . . nach . . . reifen will (L. 8.) Folleher." Das mit Lack aufgetragene Siegel enthält die Buchstaben P. F. In der linken Ecke der im unteren Theile noch unausgefüllten Karte steht mit Bleistift vermerkt: „angehörig Johann . . ." Der
ist seit dem 1. Mai so gegangen, und die ersten Kajüten dieser Dampfer sind bis beinahe Ende August vollständig belegt. Demnach reisen jede Woche 1800, oder nehmen wir eine Periode von 17 Wochen, 30,600 Kajüten-Paffagiere von hier nach Europa. Vorausgesetzt, daß jeder von diesen Passagieren an Bord dieser europäischen Dampfer und in Europa durchschnittlich 1000 Dollar« verausgabt, so nehmen unsere Zugvögel in einer Saison nicht weniger als 30,600,000 Dollars aus dem Lande. Wir halten dies für eine sehr niedere Veranschlagung unserer Verluste in Folge der Reisen nach England, Frank reich, Deutschland, der Schweiz und Italien, und 50,000,000 Dollars würden wohl immer noch zu nieder gegriffen fein. Nehmen wir aber einmal au, daß die Summe 50 Millionen beträgt, so sind diese 50 Millionen ein Verlust für unser Land, unsre Datnpfboote, Eisenbahnen und Badeorte; es sind 50 Millionen, die alle unseren heimischen Geschäitskanäleii entzogen werden, um in europäischen Hotels, Läden und Vergnügungsorten ausgegeben zu werben Nehmen wir dazu die Bilanz des europäischen Handelsverkehrs, die so etwa 100,000,000 Dollars zu unseren Um gunsten beträgt, so kann der Abfluß unseres Edelmetalls nach Europa etwas bedenklich erscheinen, zumal mit Rücksicht auf die Aussichten unserer Badeorte. Diese Sommerreiseu nach Europa haben zugeuommen, nehmen noch immer zu und sollten vermindert werden.
Das genannte Blatt führt bann ben Beweis, baß eint Reise nach Europa geradezu eint Geldersparniß
darauf folgende Name ist unleserlich. Nach der uns gewordenen Mittheilung ist die rechts neben dem Siegel stehende Unterschrift aller Wahrscheinlichkeit nach die des katholischen Geistlichen und bischöflichen Kanzlei Direktors Folleher zu Pelplin. Wir wollen nur noch erwähnen, daß mehrere Arbeiter in dem Glauben, sic würden unentgeltlich nach Amerika befördert werden und dort ihr Glück machen, nach den ^äfcii abgereift und nach kurzer Zeit von dort enttäuscht zurückgekehrt sind, da man von ihnen dort die Entrichtung des Reisegeldes verlangt hatte."
Königsberg, 2. Juli. Der Psarr Administrator Stalinski in Riesenburg wurde seines Militärseelsorge-Amts durch das Bezirks-Commando in Folge eines Befehles des Kriegministers enthoben. — Die Katholiken der Wehlauer Garnison erflärten sich sämmt- lich für den AltkatholicismuS.
Dortmund, 2. Juli. Der „Wests. Ztg." zufolge wurde die gestrige social-demokratische Versammlung gleich nach ihrem Beginn durch die Polizei aufgehoben. Tölke und Richter waren nicht anwesend. Der socialistische Agitator Bohne von hier wurde wegen der aufreizenden Reden, die er am Sonntag in Hoerdc und Aplerbeck gehalten hatte, in der Versammlung verhaftet. Auf den Zechen herrscht Ruhe und Ordnung.
Köln, 2. Juli. Im Lause dieser Woche wird der (allkatholische) Erzbischof LooS von Utrecht hier erwartet. Derselbe wird hier einigen jungen Leuten die Priesterweihe ertheileit und hierauf nach Baiern reifen, um dort in mehreren Gemeinde» zu firmen.
Bonn, 2. Juli. Die hiesige Universität wird bei dem Jubiläum der Münchener Universität durch die Professoren v. Sybel und Reusch vertreten sein. Sybel war früher eine Reihe von Jahren Professor in München. — Zum deutschen Turnfest hier laufen jetzt die Anmeldungen sehr zahlreich ein. Zum Theil kommen diese aus weiter Ferne. Außer solchen aus Amerika und England, sind u. A. aus Riga 8 Turner angezeigt. Von Salzburg in Tirol wollen 12 Turner unter der Führung ihres Turnlehrers Bier eintreffen.
Nassau, 2. Juli. Die Aufstellung der Stein- Statue ist am 30. v. M. ohne jeglichen Unfall be- werkftelligt worden. Das Festprogramm zur Enthüllung des Denkmals, zu welcher von dem Centralcomite außer den Mitglieder» der kaiserlichen und königlichen Familie, die Gräflich von Kiemannsegge'sche Familie, ber Reichskanzler, die Staatsminister, die Präsidenten und Vice-Prästde»ten des Reichstages, des Herrenhauses, des Abgeordnetenhauses, der Ausschuß des Communallandtages, die Ober Präsidenten von Hessen- Nassau, Rheinland und Westfalen, die Abtheilungs- chefs der Regierung in Wiesbaden, der evangelische und katholische Bischof, der Commandeur des XI.
ist: innerhalb zweier Monate kann der Amerikaner mit seiner Familie nach England und von England nach Paris, von Paris nach dem Rhein, über die Alpen nach Italien und von dort wieder zurückgehen mit weniger Kostenaufwand, als ein zweimonatlicher Aufenthalt in dem Hotel eine« amerikanischen Badeortes mit sich bringen würbe. „In nicht geringem Grade", heißt es dann weiter, „verdanken wir die ungeheure Vertheuerung der Hotelpreise der „Shoddy- und Petroleum-Aristokratie," welche jetzt die Badeplätze ces Nordens vollständig überschwemmt, und mit ihrer schimmernden Kleidung, ihren Brillanten, ihren Pferden und Pudelhunden und mit ihrer maßlose» Verschwendung nach jeder Richtung hin hauptsächlich Schuld daran ist, daß der Hoteltarif von durchschnittlich zwei auf fünf Dollars den Tag hinaufgegangen ist."
Der „Herald" mahnt die amerikanischen Gast- wirthe, ihre Preise herabzusetzen, weil sonst die Reisen nach Europa von Jahr zu Jahr zunehmen würden. Nun gar so schlimm wird cs wohl nicht sein, und wenn auch die amerikanischen Hotelbesitzer ihre Preise aus das Niveau einer deutschen Dorffchenke heruntersetzen würden, so würden sie „der großen Reise", die drüben jetzt vollständig zur Mode geworden ist und die, nebenbei bemerkt, meist nicht ganz ohne vorlhcil- hasten Einfluß ans die Manieren des „Bruders Jonathan" bleibt, doch wohl kaum einen bedeutenden Abbruch thuu.