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Nr. 1S3 JRorfiurg, Mittwoch, den 3. Juli. 1872.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhtfslsche« Jtituug mit KreiSblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen lt; Var., durch die Postämter 27 Vgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und inrl- Stempelsteuer), für das Ausland exel- Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoneen-Büreaus nehmen Inserate an.

Bestellungen^^!«» wir bei dm Postanstallen gefl. recht bald zu machen. Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellun­gen an.

Die Exsted. d. Oberh. Ztg.

Deutsches Reich.

•# Berlin, 1. Juli. Die Sitzungen des Bun- deSrathes sind noch nicht geschloffen und werden vor­aussichtlich noch bis Mitte deS Monats fortdauern; auch morgen findet eine Sitzung statt, in welcher hauptsächlich die Einführung von Reichsgesetzen, ins­besondere deS Jesuitengesetzes, auf der Tagesordnung stehen. Ferner beantragen die Ausschüsse eine Modi- fication deS Gesetzentwurfes, betr. einen Nachtrag zum Landeshaushalte von Elsaß-Lothringen. Sie wollen, daß die Ueberschüsse aus den Einnahmen pro 1871 im Betrage von 7,441,066 Franken den Einnahmen des Jahres 1872 hinzugerechnet und für öffentlichen Unterricht, Verwaltung der direkten und indirecten Steuern und für Bauverwaltung verwandt werden sollen. Endlich soll der Bundesrath seine Zustimmung zu einer Nachtragsbestimmung deS Postverlrages mit Luxemburg geben, derzufolge interne Briefsendungen, sei es einzeln oder in geschlossenen Packeten, gegen­seitig wie bisher frei von Transitporto zu befördern find. — Die Zeitungen berichten, eS sei bereits der Befehl zur Einhaltung der Temporalien ergangen, als Bischof Krementz sich endlich entschloffen habe, dem Minister zu antworten. DieS ist indessen falsch; so wie man hört, wäre nur eine vorläufige und vor­bereitende Ordre zur eventuellen Einhaltung erlassen, dieselbe aber, da noch kein definitiver Beschluß vor­liegt, natürlich gegenstandslos geworden. — Die An­zeichen, daß die Socialisten und Ultramontanen einen festen Bund schließen wollen, mehren sich täglich. Namentlich soll ein einflußreicher Klerikaler in Berlin sich bereits persönlich mit hervorragenden socialistischen Agitatoren in Verbindung gesetzt haben, um eine Verständigung anzubahnen und ein Zusammengehen zu ermöglichen. Es wird dann darauf hingewiesen, das Jesuitengesetz sei ein Ausnahmegesetz und nur der Anfang einer ganzen Reihe ähnlicher Gesetze; mit den Jesuiten beginne man, werde aber schließlich auch die Socialisten maßregeln. — Mit großer Befriedigung ist die heute eingetroffene Nachricht zu begrüßen, daß der Strike im Dortmunder Bezirk so ziemlich als beendigt anzusehen ist. — Die von der „Times" ver- iffentlichten Grundzüge des Vertrages zwischen Deutsch­land und Frankreich scheinen der Hauptsache nach richtig zu sein. Frankreich kann danach für die Zah-

Z« Seebade.

Humoristische Erzählung von L. W.

(Schluß statt Fortsetzung.)

Anna wurde jetzt unter Androhung des Todes zum Schweigen verwiesen und ins Boot gehoben, in welchem ein Mann, ganz in einen weiten Mantel ge hüllt, saß; auch die andern Drei sprangen hinein und ruderten dem in einiger Entfernung vor Anker lie­genden Dampfboote zu, welches im Begriff war, nach Kopenhagen abzugehen. Als man bei demselben ange­kommen war, nöthigte der Mann im Mantel Anna, das Schiff zu ersteigen, welches so eben die Anker lichtete; diese gehorchte und das Boot kehrte wieder nach dem Lande zurück. Anna und ihr Begleiter gingen schweigend nach der Kajüte, an deren Thür Kapitän Traubenschuß dieselben, ein großes Glas Punsch in der Hand, mit gellendem Gelächter auf feinem Elemente willkommen hieß.

Sich in der Gewalt des Mannes zu sehen, den sie über Alles haßte, war zu viel für Anna's lang verhaltene Wuth; sie stürzte sich mit dem Grimme des blutdürstigen Tigers auf ihren Gegner, entriß ihm das Glas, welches er eben auf ihre Gesundheit an den Mund setzen wollte, und goß ihm den Inhalt desselben ins Gesicht, während Traubenschuß der Tante den Schier aufhob und zugleich ihren Begleiter mtlarvte.

„Spiridionl Anna!" — war Alles, was die beiden Betrogenen hervorzubringen vermochten; aber Vicht lange dauerte diese scheinbare Ruhe. Morgeustern nämlich, welcher der Tante erklären wollte, daß er, ttuf Anrathen eines Schreibens von einem Ungenannten,

lung der fünften Milliarden finanzielle Bürgschaften behufs Beschleunigung der Räumung anbieten, doch bedarf es alsdann eines neuen Vertrages. Die Herab­minderung der Occupationstruppen seitens Deutsch lands ist fakultativ; man will jedoch wissen, daß ihre Zahl nach und nach auf 25,000 Mann herabgesetzt werden wird. — Mit großer Aufmerksamkeit verfolgen die Behörden das Auswanderungswesen. (56 treten sonderbare Erscheinungen hierbei zu Tage. So hat sich im Kreise Preußisch-Stargard der Glauben ver­breitet, der Kaiser habe in Amerika einen großen Län dercomplex angekauft und werde denselben durch einen Prinzen verwalten kaffen; wer auswandern wolle, be­komme freie Ueberfahrt und drüben unentgeltlich Land; hier sei er sofort von allen bisherigen Contractver- hältniffen entbunden. Dieser Wahn hat unter den ländlichen Arbeitern eine wahre Auswanderungepidemie erzeugt und es kostet große Mühe, sie zur Erfüllung ihrer eingegangenen Verpflichtungen zu bringen. Be sonders ins Auge faßt man auch das Treiben der Winkelagenten. Im Kreise Bromberg, wo ebenfalls das Auswandern zahlreicher zu werden droht, hat man die Entdeckung gemacht, daß Elementarlehrer sich zu Agenten von Auswanderungsgeschäften hergegeben haben. Es ist Sorge getragen, ähnlichen Vorkommnissen in Folge vorzubeugen.

Stralsund, 1. Juli. Die auf ihrer jüngsten gemeinschaftlichen Reise von Rügen hierher gekommenen und hier festlich aufgenommenen Mitglieder des Bun- desrathes und Reichstages haben als Andenken an ihre gastliche 2lufnahme seitens der hiesigen Stadt dieser ein prachtvolles Photographie Album geschenkt, welches vor einigen Tagen hier eingetroffen ist. Der Deckel des Buches ist von blauem Sammet mit einer Randfassung und Spangen von Silber. Auf der Oberseite liegt ein silbernes Band, welches die Worte trägt: „Erinnerung au den 2. Juni 1872." Den für die Bilder bestimmten Blätlern geht eine Dedika- tion vorauf, welche durch mehrere Seiten die auto­graphische Unterschrift der Gäste trägt. Die Widmung ist von der Hand des Präsidenten des obersten Ge­richtshofs von Neumayr aus München, baierischem Bevollmächtigten zum Bundesrathe, geschrieben und lautet folgendermaßen: „Uns allen, die wir dieses Gedenkblatt unterzeichnen, werden die ersten Junitage des Jahres 1872 stets unvergeßlich sein, — zwei herrliche sreudenhelle Tage, die wir, entronnen den Sitzungssälen des Bundesraths und Reichstags, ,auf den frischen grünen Wogen der Ostsee und an ihren reizenden Gestaden verleben durften. Aber unter den hundert schönen Erinnerungsbildern, die und diese Tage zurückgelassen haben, kann keines den ebenso

das indessen Niemand anders, als Waller zum Ver­fasser hatte, und mit scheinbarer Einwilligung von Seiten Wilhelminens, diesen Plan gemacht habe, um Letztere zu entführen, daß er aber seinen Zweck Der fehlt habe, indem seine Abgeordneten durch den rosa­farbenen Hut und den Schleier Wilhelminens getäuscht worden wären, fühlte plötzlich alle Nägel von den schreibseligen Fingern der Tante in seinem Antlitz. Sein Geheul, verbunden mit dem unmäßigen Ge­lächter der Anwesenden, machte seine Widersacherin nur noch wüthender; sie sprang wie rasend in der Kajüte umher, stieß um, zerschlug, zerstörte, was ihr in den Wurf kam und hätte sich endlich beinahe selbst im Punsch ersäuft, als sie die ungeheuere Bowle er­griff, um sie Traubenschuß an den Kopf zu werfen, statt dessen aber dieselbe über ihrem eigenen Haupte ausleerte. Nach diesem seltsamen Sturzbade wurde Tante Anna etwas ruhiger; allein als sie dem Ka­pitän deS Dampfers befahl, sie augenblicklich wieder ans Land zu fetzen, und dieser es mit den Worten verweigerte, daß sie sich nun gefallen lassen werde, die Terrasse, wo Hamlet den Geist gesehen, in Augen­schein zu nehmen, brach ihr Zorn von Neuem so heftig auö, daß sie sich ohne Zweifel in die See ge stürzt haben würde, hätte sich die Frau des Capitäns nicht ihrer angenommen und sie mit großer Mühe in einem innern Verschlage zu Bette gebracht, wo sie denn auch, von jo furchtbaren Anstrengungen des Körpers und der Seele erschöpft, fast augenblicklich einschlief.

Wir überlasten Anna dem ihr so nölhigen Schlum­mer und ihre« Entführer Spiridion seinen quälenden

herzlichen als glänzenden Empfang überstrahlen, den uns am Schluffe unserer Fahrt die edle Stadt Stral­sund in so höchst überraschender Weise bereitet hat. Das war nicht blos ein Fest freundlich-gastlicher Be­grüßung, — nein, wir begingen eine Feier von höhe­rer, von nationaler Bedeutung. Es knüpfte sich an diesem Abende einer jener tausend Fäden, die, seit daö gesammle Deutschland seine politische Einigung gefun­den hat, nun auch die einzelnen Angehörigen der veutschen Staaten von Tag zu Tag fester und mit jener neuen freundlichen Berührung immer fester an einander schließen, die zu dem Bande der nationalen Zusammengehörigkeit das der geistigen und gemüth- lichen Einigung fügen und die den Norden und Süden, den Osten und Westen des großen deutschen Vaterlandes immer inniger zusammen wachsen lassen in unzertrennlicher Verbrüderung, nicht nur Staat an Staat und Stamm an Stamm, sondern auch Mann an Mann und Herz an Herz. Jeder aber, der einen neuen Verbindungsfaden solcher Art in sin­niger Freundlichkeit schlingen hilft, der verdient den herzlichsten und besten Dank. Und diesen Dank brin­gen roir~ aus voller freudiger Brust der gastlichen Stadt Stralsund! Möge sie blühen, wachsen und gedeihen in alle Zukunft, altehrwürdig durch ben Ruhm ihrer Geschichte und zugleich jugendlich-kräftig durch die Segensfülle frisch pulsirenden Verkehrs­lebens, und mögen ihre lieben Bewohner und Be­wohnerinnen stets freundlich unser gedenken, so wie ihr Andenken immerbar lebendig bleiben wird in un­serer dankbaren Erinnerung. Berlin, ben 13. Juni 1872." Die Widmung ist von 57 Herren unter­schrieben; photographische Porträts liegen in der Zahl von 58 bei. Ein Begleitbrief des Abg. v. Bchr- Schmoldow verheißt eine Ergänzung der Bildersamm­lung. Das Geschenk soll den Sammlungen im Rath­hause cineerleibt werden.

Hannover, 1. Juli. Auf die Drohungen der Handwerker in den hiesigen Bahnhofwerkstätten und der Betriebsarbeiler, innerhalb sechs Tagen die Arbeit Rieberlegen zu wollen, falls die geforderte Lohner­höhung nicht genehmigt werde, hat der königliche Ma­schinenmeister den Arbeitern mitgetheilt, daß eine Lohn­erhöhung in Aussicht sei, die Behörde aber jedes Drängen ignoriren würde und daß diejenigen Arbeiter, welche am heutigen Tage die Arbeit einstellen, aus der Stammrolle gestrichen und in den Werkstätten der königlichen Eisenbahn nie wieder Arbeit erhalten wür­den. — In der letzten General-Versammlung des Gustav-Adolph Vereins erstattete der Pastor Flügge Bericht über bie Thätigkeit bes Provinzial- unb Local- Vereins, woraus wir entnehmen, baß der Gesammt-

Gebanken, unb wenben uns zu bem Major von Zeh- len, der am folgenden Morgen schon Anstalten zur Feier der Verlobung treffen wollte, als er zu seinem größten Erstaunen aus dem Munde des Oberfteuer- Kontroleurs vernahm, daß Anna in der vergangenen Nacht sich in Gesellschaft Morgensterns und deS Ca- pitains auf dem Dampfboot nach Kopenhagen einge- schifft habe. Er schwor tausendmal, seine Schwester sammt ihren Begleitern sei toll geworden/ und keiner von den Männern solle je die Hand Wilhelminens erhalten; Letztere aber hielt es für zweckmäßig, sich ebenfalls über das unerklärliche Ereigniß nicht wenig zu verwundern.

So verstrichen wieder mehrere Tage, bis eine Be­gebenheit eintrat, welche Walter dem Ziele seiner sehn­lichsten Wünsche über alle Erwartung nahe führte. Als er nämlich eines Abends in der Allee auf und ab ging, sah er den Dberfteuertontroleur zur Seite eines Fremden mit starken Schritten auf sich zukom- men. Walter ging ihm entgegen, als der Unbekannte mit den Worten: „Ja, er ist es, das Ebenbild mei­ner unvergeßlichen Auguste! Mein Herz sagt mir, eS ist mein Sohn!" — auf ihn zu eilte, unb ihn zärt­lich in feine Arme schloß. Walter war außer sich vor Verwunbemng; aber sein Entzücken war nicht geringer, als er erfuhr, daß der Fremde in der That sein Vater sei, welcher nach mancherlei Schicksalen in Westindien ein großes Vermögen erworben hatte, und jetzt zurückgekehrt war, um seinen Sohn aufzu suchen, wenn er sich noch am Leben befände.

Bald entdeckte Walter feinem Vater seine Liebe zu Wilhelmine, und führte ihn im Hause des Majors