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Marburg, Donnerstag, den 27. Juni.

1872

Oterhessislhe Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberheffische« Leitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Äoch'sche Buchdruckerei) bezogen 28; Gar., durch die Postämter 27 ®gt. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für da? Ausland excl- Stempel 22 Egr. — Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Npstpslnnapn auf die „Oberhcsfische Zeitung" vv|UUUu||Ul pro drittes Quartal bitten wir bei den Postanstaiten gefl. recht bald zu machen. Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellun gen an.

_______________Die Exped. d. Oberh. Ztg.

Deutsches Strich.

•• Berlin, 25. Juni. In einigen Blättern wird erzählt, der König von Italien werde mit um jeretn Kaiser in Gastein Zusammentreffen. Hier ist von solchen Intentionen des italienischen Monarchen nichts bekannt. — Den Landtagen von Neu-Vorpom mein, Schleswig-Holstein und Hessen Nassau werden Gesetz-Entwürfe wegen Einführung der Grundbücher vorgelegt werden. — Geh. Rath Stiehl wird am 1. Juli einen mehrmonatlichen Urlaub antreten. — Was die Verhandlungen mit Frankreich wegen der Kriegskosten Entschädigung betrifft, so bringt heute das „Salingsche Börsenblatt" die Sensationsnachricht, daß das Scheitern derselben in naher Aussicht stehe. Es kann versichert werden, daß eS sich hier nur um ein Baisse-Manöver handelt. Die Thatsachen bieten nicht den geringsten Grund zu solchen Befürchtungen. Frankreich hat nunmehr, wie bereits gemeldet, in Uebcreinslimmung mit den vorher vereinbarten Bedin­gungen seine Anträge bei der deutschen Regierung ge­stellt und hat sich gestern bereits ein Courier nach Paris begeben, welcher dem Grafen Arnim seine In­structionen überbringt. Die noch zwischen Frankreich und Deutschland obwaltenden Differenzen sind keines­wegs so bedeutend, daß man Ursache hätte, ein Miß glücken der weiteren Verhandlungen zu erwarten, son drrn man darf wohl mit einiger Zuversicht auf das Gelingen derselben vertrauen. — Ueber die Resultate des gestrigen Ministerraths bringen die heutigen Morgenzeilungcn sehr verschiedene Versionen. Der „Post" zufolge sollen bereits definitive Beschlüsse gegen den Bischof von Ermland gefaßt sein. Die „Spenersche Zeitung" berichtet, daß über die Angelegenheit nur Vorbesprechungen stattgefunden hätten, welche aber eine allseitige güirstige Klärung der Meinungen bewirkt haben. Wie man aus sicherer Quelle erfährt, sind indessen beice Nachrichten irrig; es konnte auch zu keiner vorläufigen Lcrathung kommen, weil den ein-

Zm Seehase.

Humoristische Erzählung von L. W.

(Fortsetzung.)

Er setzte sich also auch zugleich zu ihr, und fing an, sie von dem guten Abgänge seiner neuesten Geistes­produkte zu unterhalten; allein Wilhelmine war hier mit gar nicht gedient. Die Unterredung an sich war ihr langweilig, und um so mehr, weil sie ihre Erin­nerung an Walter unterbrochen hatte; denn dieser war ihr keineswegs gleichgültig, sondern hatte vielmehr auf ihr junges, jedem schönen Gefühle sich hingeben- des Herz einen eben so tiefen Eindruck gemacht, als sie auf das seimge.

Je mehr es für sie zum Bedürfniß wurde, sich an ihn zu erinnern, sich seine Gestalt und seine Worte zu vergegenwärtigen, eine desto abschreckendere Form nahm das Bild an, welches die Phantasie ihr von dem alten Capitän entwarf, den sie auf Befehl ihres Oheims lieben, dem sie die Hand reichen sollte; — desto sehnlicher aber wünschte sie auch jetzt, der trüb­seligen Unterhaltung des geistreichen Spiridion über­hoben zu sein. Um das letztere Verlangen befriedigt zu sehen, hielt sie es für das Zweckmäßigste, den Kosten und Aufwand über Alles scheuenden Humoristen durch die Frage, ob er an der Parthie nach dem Bade nicht Antheil nehmen wollte? aus ihrer Nähe zu ver­scheuchen; allein sie bewirkte hierdurch gerade das Gegcntheil. Denn unglücklicher Weise hörte Tante Anna die Frage, und kam auf den Einfall, ihn selbst darum zu bitten. Spiridion, für den Anna's Wünsche Befehle waren, erklärte sich auch ohne Umstände bereit dazu, und ritt am andern Morgm, in einen silber- grauen Rock geknöpft, und mit den Fußspitzen fast die Erde berührend, gleich dem edlen Don Quixote oder einem reisenden Quäker, neben dem Wagen des Ma jvrS einher, und dem Badeorte zu, welchen die Kara- vane um die Zeit, wo Walter den Obersteuerkontrol- leur zu seinem Sekundanten machte, unangefochten erreichte.

zelnen Ministern noch die Grundlage dazu fehlte. Es konnte deshalb auch nicht über die Ergebnisse derselben von den Ministern Roon und Falk an den Kaiser be­richtet werden, sondern Minister v. Roon hat allein Sr. Majestät über den Stand der Dinge Vortrag gehalten. Auf dem Bahnhofe unterhielt sich der Kaiser aller­dings noch mit einzelnen Ministern, sowie mehreren anwesenden Beamten. — Die katholische Presse, voran die „Germania", ist in große Aufregung gerathen, seitdem die Absicht des Reichskanzlers bekannt gewor­den, die Papstwahl zum Gegenstand diplomatischer Erörterungen zu machen. Sie fühlt, daß die Aktion gegen den Ultramontanismus sich nicht auf Deutsch­land beschränken, sondern daß man ihm am Sitze sei­ner Macht — in Rom — zu Leibe gehen wird. — Der Bundesrath trat heute um 1 Uhr zur Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung steht außer dem Jesuitengesetz auch die französische Kriegskostencntschä- digung und die Unterstützung der Monumenta Ger- maniae historica.

— Vor einige» Wochen hatte hier eine Conferenz ländlicher Arbeitgeber und anderer Personen stattge­funden, um über die Milte! und Wege zu beratheii, welche zu ergreifen sind, um die Lage der ländlichen Arbeiterbevölkerung zu bessern. Bei dieser Gelegenheit wurde von der Versammlung unter andern folgender Beschluß gefaßt, den geschäftsführenden Ausschuß zu beauftragen: „an den Herrn Reichskanzler das Er­suchen zu richten, derselbe wolle die nölhigen Schritte lhun zur Errichtung eines Arbeiteramtes mit den er­forderlichen Unterämtern für das Deutsche Reich. Ein solches Arbeitsamt würde folgende Aufgaben haben: 1) Die Anstellung fortlaufender statistischer Recherchen über die wirthschaftliche Lage der arbeitenden Klassen; 2) Begutachtung von Gesetzentwürfen, welche sich auf das Verhältniß der Arbeitgeber zu den Arbeitern be ziehen; 3) Ucberwachnng der Ausführung dieser Ge­setze und 4) Organisirung von gewerblichen Schieds gerichten. Als Motive wurden angeführt: Die Ar­beiterbewegung nimmt von Tag zu Tag mehr und mehr einen bedrohlichen Charakter an. Um sie in friedlichen Bahnen zu erhalten und die etwaige fernere Intervention des Staates richtig zu bestimmen, wird die Errichtung solcher Arbeitsämter ein unentbehrliches Mittel sein. Dieser Beschluß ist von dem geschäfts-

Noch keine Stunde war seit der Ankunft des Ma­jors und seiner Familie verflossen, als Capitän Trau benschuß, in einer reichen Uniform und begleitet von zwei Bedienten, erschien, deren einer in einem zierlich gearbeiteten Käfig einen Papagei, der andere aber den Pavian trug, dessen bloße Erwähnung für Tante Anna so beleidigend gewesen war. Nachdem der Ca­pitän den Major zärtlich umarmt hatte, befahl er, die Geschenke niederzusetzen, überreichte Wilhelmine mit einem eben so zärtlichen, als linkischen Handkuß den seltenen Vogel, und erklärte die Tante zur unum­schränkten Gebieterin über den Affen. Diese aber, welche schon der Anblick deS CatzitänS in Harnisch gebracht hatte, konnte jetzt ihren'Zorn nicht länger bcmeistern; sie ballte die schreibseligen Fäuste gegen die ihr unterworfene Bestie, und blickte dieselbe zähnefletschend mit funkelnden Augen an. Der Affe erwiderte die Grimaffe. Hierüber noch wüthender, machte die Tante eine heftige Bewegung mit Händen und Füßen, die sie ohne Zweifel mit Worten begleitet haben würde, hätte der Zorn sie dazu kommen lassen; der Pavian aber, welcher dies Alles für eine Auffor­derung zum Kampfe halten mochte, sprang mit der Schnelligkeit des Blitzes auf seine Gegnerin los, er­kletterte, wie der Capitän sich hernach ausdrückte, ihren Topmast, riß den Kopfputz vom schriftstellerischen Haupte, setzte ihn sich selbst auf, und tanzte, mit der sonderbaren Trophäe geschmückt, vor Freude über den errungenen Sieg, wild im Zimmer herum, während Anna mit dem Geschrei: „Ungeheuer, Seeräuber, Korsar!" dem lachenden Capitän in's Gesicht spie, und sich dann, halb ohnmächtig vor Wuth und Rach­sucht, und von Wilhelmine begleitet, zur Thüre hinaus flüchtete.

6.

„Ter Spaß war doch wohl etwas zu derb" — bemerkte der Major, als Anna sich entfernt hatte.

„Gott verdamm mich," — entgegnete Trauben- schuß, — „die alte Roman-Hexe ist selbst an ihrem

führenden Ausschuß der Conferenz mit einem denselben ausführlich begründenden Begleitschreiben an den Reichs­kanzler gesandt und von diesem dem Bundesrath zur weiteren Erwägung und Veranlassung übergeben worden.

Liegnitz, 25. Juni. Die seit Langem mit Span­nung erwarteten Schwurgcrichtsverhandlungen gegen den Oberbürgermeister Boeck, Polizei-Inspektor Gep­pert und Stadtnachtwachtmeistcr Schmidt wurden letz­ten Freitag eröffnet und dauerten zwei Tage. Ober­bürgermeister Boeck ist wegen wiederholter Urkunden­fälschung und wiederholter Unterschlagung zu einer Gefänguißstrafe von 3 Jahren, zu einer Geldstrafe von 1000 Thlr., eventuell 9 Monaten Gefängniß und Ehrverlust auf 3 Jahre, der Polizei-Inspektor Gep­pert wegen wiederholter Urkundenfälschung und wieder­holter Amtsvergehen zu 3 Monate» Gefängniß und 1 Jahr Ehrverlust verurtheill worden; der Nacht­wachtmeister Schmidt wurde freigesprochen.

Halle, 25. Juni. Der Congreß für innere Mission wird, vom Central-Ausschuß für innere Mission geleitet, in Verbindung mit dem sechszchnten deutschen evangelischen Kirchentag, wie bereits gemeldet, im Spätherbst« dieses Jahres hier abgehalten werden. Folgende zwei Hauptpunkte werden auf dem Congreß zur Verhandlung kommen: 1) Die Mitwirkung der evangelischen Kirche bei der Lösung der ländlichen Arbeiterfrage (Referent Prof. Frhr. v. d. Goltz aus Königsberg i. Pr.). 2) Der Lehrermangel, eine Ge­fahr für das deutsche Volksleben (Referent Seminar- Director Dr. Schneider aus Berlin).

Dortmund, 25. Juni. Gestern fand eine Vor­besprechung der Gewerke statt. Eine gütliche Lösung der schwebenden Differenzen erscheint auch jetzt noch nicht aussichtslos. Nachmittags fand in Bochum eine Versammlung des Vereins für bergbauliche Interessen statt, welcher morgen hier tage» wird.

Ems, 25. Juni. Heute Vormittag 11 Uhr ist Se. Maj. der Kaiser wohlbehalten unter dem Jubel der zahlreich versammelten Menge angekommen. Er begab sich sofort zu Wagen durch die festlich ge­schmückten Straßen ins CurhauS.

Nassau, 25. Juni. Die Verlegung der Ent­hüllungsfeier des Stein-Denkmals vom 6. auf den 9. Juli ist auf Wunsch deS Kaisers geschehen, um Unglück Schuld; denn der Affe ist ein ganz fried­fertiges Thier, wenn ihn Niemand reizt. Die Kluge hätte das bedenken sollen; aber sie kann vermuthlich vor lauter Gelehrsamkeit keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Sie mag immerhin schmollen, wenn nur Wilhelmine die Meinige wird. Element! das nenn ich noch eine Bauart und ein Takelwerk, von der Top­stange bis zum Kiel ohne Fehler!"

„Meine Einwilligung hast Du, wie Du weißt" — antwortete der Major; — „aber komm, ich werde der Stubenluft gar zu bald überdrüssg; im Freien läßt sich Alles weit besser verhandeln."

Tante Anna tobte indessen auf ihrem Zimmer, wohin sie sich zurückgezogen hatte, noch immer wie eine Besessene umher, und nur nach vielen vergeblichen Versuchen, sie zu beruhigen, sanden Wilhelmine und das Kammermädchen eine Gelegenheit, ihr beizukommen und ihre Kleider und die Haare, welche wie Eiszapfen über Gesicht und Nacken hiuabhingen, einigermaßen zu ordnen. Endlich sand die beleidigte Schriftstellerin die lange vergeblich gesuchten Worte; sie machte ihrem gerechten Unwillen durch einen Strom von Verwün­schungen und Schmähungen gegen ihren Bruder und den Capitän Luft und schloß mit dem Schwur, daß sie nicht mehr den gefeierten Namen Anna v. Zehlen führen wolle, wenn sie nicht den erlittene» Schimpf an Traubenschuß und seinem Pavian blutig rächen werde.

Obwohl Wilhelmine nicht eben große Liebe zu der Tante hegte, so war doch auch sie durch diese der­selben zugcfügte Beleidigung, welche sie für einen vom Eapilän vorsätzlich angelegten Plan hielt, auf das Empfindlichste gekränkt, und um so mehr bestärkte sie sich in dem schon früher gefaßten Entschlüsse, dem rohen Seemanne nie freiwillig die Hand zu reichen. Sie erbat sich daher den Beistand der Tante, um die Bewerbungen des CapitäuS zu Hintertreiben, und Nie­mand war natürlich bereitwilliger dazu, als diese.

(Forsetzung folgt.)