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Marburg, Mittwoch, den 26. Juni.

1872

Oterhessische Zeitung

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für Norwegen sehr günstig ist, da in letzterem die Entfernungen kleiner sind, als in Deutschland. ES fällt aber ins Gewicht, daß die Postbeförderung in Norwegen sehr schwieriger Natur ist.

— Vorgestern Vormittag lli/2 Uhr erfolgte in der Kirche zu Nicolscoi bei Giinike die Konfirmation der Prinzessinnen Maria Elisabeth Luise Friederike und Elisabeth Anna, Töchter des Prinzen Friedrich Karl von Preußen, in Gegenwart des Kaisers und Königs, der Königin-Wittwe, der Eltern und Großeltern, der zur Zeit anwesenden Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, des Herzogs und der Herzogin von Anhalt, der Herzogin und der Prinzessin Marie von Sachsen-Altenburg, der Landgräfin Friedrich von Hessen, des Oberst-Kämmerers Grafen von Redern, des Staatsministcrs und Ministers des königl. Hauses Frhrn. v. Schleinitz und des Staats-Ministers und Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten Dr. Falk, sowie mehrere Mitglieder der höheren Geistlichkeit. Die heilige Handlung wurde durch den Ober-Conststorialrath, Hof- und Dom­prediger Dr. Kögel verrichtet, welcher dcn Confirmations- Unlcrricht den hohen Confirmanden ertheilt hatte. Nachdem die Prinzessinnen in der Unterredung über die Glaubenslehren die an Sie gerichteten Fragen ausführlich beantwortet und ihre Antworten durch Aussprüche der heiligen Schrift begründet hatten, be stätigten dieselben ihren Tansbund durch Beantwortung der in der Agende vorgcschriebenen Fragen, verlasen das von ihnen selbst aufgesetzte Bekenntniß und Ge­lübde und wurden in die Rechte und Pflichten der evangelischen Kirche ausgenommen. Hierauf wurden b(p Neu Confirmirten in Gemeinschaft mit den Durch­lauchtigsten Eltern und Großeltern das heilige Abend­mahl gereicht.

— Die „Franks. Presse" schreibt: In der gestrigen (21.) Bundesrathssitzung hat der Vertreter Olden­burgs an seiner Opposition gegen das Jesuitengesetz sestgehalten. lieber die Motive für diese- Verhalten der Oldenburgischen Regierung äußerte sich die officiöse „Oldenb. Ztg." vor einigen Tagen dahin, daß das Votum des Bundesraths - Gesandten „sicherem Ver­nehmen nach" nicht darin seinen Grund gehabt, daß die oldeuburgische Regiemng den gedachten Gesetz­entwurf gemißbilligt habe; sie habe sich vielmehr hierin in vollkommenem Einverständniß mit den übrigen Buudesralhs Mitgliedern befunden und lediglich deßhalb gegen das fragliche Gesetz gestimmt, weil sie der An- sicht war, daß das zu erstrebende Ziel durch das vor­gelegte Gesetz nicht wohl erreicht werden könnte. Ein Correspondent der „Köln. Ztg." weist auf diese offi- gerathen muß, so lange eS Ihnen gestattet wird, Ihr eigenstes Werk zu iuterpretiren. Die clericale Partei hat eine Zeit benutzt, in welcher daS Staats- und Rechtsbewußtsein dem Nullpunkte ziemlich nahe stand, um nach den Grundsätzen des Mittelalters die rö mische Kirche noch einmal von den Gesetzen des Staates, d. h. von der Rücksicht auf Andere, völlig zu befreien. Die Verwirrung der Rechtsbegriffe er­füllte damals alle Welt mit dem Gedanken der „Eman- cipation." Alles wollte emancipirt sein, um so mehr die Kirche. Alle Welt sagte und schrie: Wir wollen unsere Angelegenheiten selbst besorgen, selbst ordnen, selbst verwalten, wobei man an Andere nicht dachte. Die vier verworrensten Rechtsbegriffe: Ordnen — Verwalten — eigene Angelegenheiten — selbständig — lasten sich sogar in eine Zeile bringen: Jede Re­ligions-Gesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angele­genheiten selbständig." Dafür stimmen wir Alle, und die magna Charta der römisch-katholischen Kirche ist fertig. Jeder der dreihundert Männer, welcher für einen solchen Satz stimmt, verbindet damit einen Sinn, mancher einen wohldurchdachten Sinn, aber jeder einen anderen Sinn. Und deßhalb ist das Ganze ein Widersinn, — ein Widersinn, der sich so lange con- servirt, so lange uns eine direkte Rechtsprechung über den Sinn solcher Worte im Verhältniß zu den beste­henden deutschen Gesetzen fehlt. Solche Worte behalten eben nur so lange einen Sinn, so lange sie Jeder nach seinem Sinne deutet Sic verstehen darunter eine sou­veräne Gesetzgebung des Papstes über den weltlichen Regierungen, eine souveraine Kirchen-Regierung und Selbstauslegung der Gesetze und der Consequenzen. Ein Protestant und ein Dissident versteht das Gegen -

ciöse Aeußerung speciell aus dem Grunde hin, weil der Beamte, der für Oldenburg gegenwärtig die Stimme im Bundeörathe führt, Ministerialrath Volk­mann, Katholik ist und weil an diesem Umstande unrich­tige Auffassungen jenes Votums eine Stütze finden könnten. Die Zustimmung der württembergischen Re­gierung zu dem vom Reichstage beschlossenen Jesuiten­gesetze ist, nachdem Minister v. Mittnacht am 15. d. nach Straßburg abgereist war, bereits am 16. d. hier eingetroffen. — Der „Rat. Ztg." zufolge ist es in der Sitzung vom 21. d. zur definitiven Beschlußfassung über das Jesuitengesetz deßwegen nicht gekommen, weil die sächsischen und daierischen Bevollmächtigten sich noch nicht im Besitz ihrer Instruktionen befanden.

— Fürst Bi-marck ist von feinem chronischen Leiden zwar nicht ganz befreit, erfreut sich im Uebrigen aber in Varzin eines guten Befindens und führt mit Be­haglichkeit das Leben eines thätigen Gutsbesitzer«. Von seinen Rälhen ist Lothar Bucher bei ihm und wird im Juli von Aegidi abgelöst werden.' — !Me der „B. B.-C." vernimmt, hat Hr. Schulze-Delitzsch sein Mandat als Mitglied des Abgeordnetenhauses wegen zu angestrengler Arbeitsthätigkeit, welche in den letzten Jahren neben der parlamentarischen Pflichter­füllung sein Amt als Anwalt der deutschen Geuostm- schaflen für ihn herbeiführte, niedergelegt; das Mandat als Reichstags-Abgeordneter wird er beibehalten. — Graf Henckel Donnersmark ist aus Paris hier eingetroffen, «seine Anwesenheit wird mit den finan­ziellen Verhandlungen über die französische Kontribution in Verbindung gebracht.

Lauda», 24. Juni. Die Königin-Wittwe von Baiern passirte am 20. d. auf ihrer Durchreise nach Schloß Fischbach in Schlesien die hiesige Eisenbahn. Bei dieser Gelegenheit hatte I. M. durch Telegramm von Berlin den in Radmeritz bei Görlitz wohnenden Invaliden Brüchner vom westpr. Grenadier-Regiment Nr. 6, welcher in Folge einer schweren Verwundung am rechten Unterschenkel 1870 in dem von Ihrer Ma­jestät auf eigene Kosten eingerichteten Lazareth in München Aufnahme gefunden hatte, — nach Lauban rufen lassen. Dieser mit dem Eisernen Kreuz deco- rirte tapfere Krieger war auch erschiene» und wurde sofort von der erlauchten Frau in den Salonwagen beschieden, wo er huldvollst empfangen wurde. Der­selbe überreichte der Königin ein Blumen-Bouquet nebst einem Schreiben mit seiner Photographie und verweilte bis zur Abfahrt des Zuges daselbst, wo er in eben so huldvoller Weise entlassen wurde. Brüchner, welchen diese ihm so unerwartet zu Theil gewordene königliche Huld lief ergriffen, erzählte, daß die Königin theil davon. Und doch soll der Satz für Ultramon- tone, für Katholiken, für Evangelische, für Dissidenten ganz gleich gelten. Sie behaupte^ mit den Religions- Gesellschaften, die hier garantirt sind, seien auch alle gegenwärtigen und zukünftigen Orden der katholischen Kirche garantirt. Es steht freilich im Art. 15 daS Gegentheil, denn eS wird die römische Kirche und evangelische Kirche ausdrücklich als „Religions-Gesell­schaft" genannt; es sind also nur die Gesammtver- bände der Kirche gemeint, nicht jede specielle „geist­liche Gestllschast", die vielmehr im Art. 16 als „geist­liche Gesellschaft" besonders genannt wird. Sie inter- pretiren aber das Wort einmal so und darum ist eS das unzweifelhafte Recht der katholischen Kirche. ES heißt daö Kinderspott treiben mit dem Rechte de« StaateS und mit dem ganzen öffentlichen Recht, wenn Niemand auch eine verständige, unparteiische Recht­sprechung will, sich ein Jeder hinstellt und behauptet: So verstehe ich diesen Satz, — so hat ihn auch der Minister v. Raumer verstanden und noch zwei Par- lamenlssterne: also ist dies das beschworene Verfassungs­recht des Landes. Mehr als Kinderspott ist eS aber, wen» H. Peter Reichensperger uns sagt: daß allen denen, welche den Eid auf die preußische VerfaffunS- Urkunde geleistet haben, im Reichstage nicht gestattet sei den Artikel anders zu verstehen, als eS seine Partei thut. Auf diesem Wege der Selbst-Interpre­tation hat sich die ultramontane Partei in den Besitz der Gewalten gesetzt, die endlich allerdings zum Kriege führen müssen.. Die Bischöfe haben seit 1848 unter höhnischer Zurückweisung aller Verhandlungen mit der Staats-Regierung erklärt, daß sie es vorziehm, sich durch einfache Selbsthülfe in den Besitz ihrer versas-

Srscheint täglich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der OberheMchen Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; war., durch die Postämter 27 ®gr. 6 Pfg. (epi. Bestellgebühr und iucl Stempelsteuer), für daS Ausland epi. Stempel 22 ®gr. — Infertionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Egr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

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auf die „OberhGsche Zeitung" vHUUllu||Ul pro drittes Quartal bitten wir bei den Postanstalten gefl. recht bald zu machen. Auf dem*Lande nehmen die Landpostboten Bestellun gen an.

_______________Die Exped. d. Oberh. Ztg.

“ Deutsches Mich.

#* Berlin, 24. Juni. Der Kaiser verläßt heute Abend Berlin, nimmt in Gießen morgens um 8 Uhr daS Frühstück ein und trifft um ll1/« Uhr in Ems rin. ES war ursprünglich die Absicht Sr. Majestät, sich einige Stunden in Kassel aufzuhalten, doch ist dieselbe wieder aufgegeben worden. Die Kaiserin wird die letzten Wochen des Juli in Stolzenfels zubringen. Anfangs August begibt sich alsdann der Kaiser nach Gastrin. — Heute um 2 Uhr fand im Kriegsmini­sterium ein Ministerrath statt, über dessen Resultat an den Monarchen jedenfalls noch während seines Hierseins berichtet werden wird. — Die „Nat.-Ztg." machte letzthin ebenfalls auf die Wichtigkeit der nächsten Papstwahl aufmerksam. Es handle sich durchaus nicht um einen Kampf aus Leben und Tod zwischen Staat und Kirche. DaS Verhältniß zwischen beiden werde sich möglicherweise durchaus anders gestalten, wenn man mit einem milder gesinnten Papst zu thun habe. Die Naivität, welche in dem Schreiben des Papstes an Antonelli zu Tage tritt, ist wirklich staunenswerlh. Der Papst meint, es läge selbst im Interesse der nichtkalholischen Regierungen, daß ihm die weltliche Herrschaft restiluirt würde. Er appellirt an ihr Be- dürfnitz nach Frieden und Ruhe, als wenn daö Papst- thum seit Anbeginn für diese gewirkt und nicht gerade das jetzt regierende Oberhaupt der katholischen Kirche nach allen Seiten hin mit vollen Händen die Saat des Unftiedens gefiel hätte. — Die Ultramontanen protestiren laut gegen die Insinuation, daß ihre Partei an dem großen Strike zu Essen betheiligt sei. Die Haltung der in Esten erscheinenden Zeitung, der „Essener Blätter", beweist indessen das Gegentheil. Dieses ultramontane Organ hat bereüs seit Wochen die Arbeiter gegen bU Arbeitgeber aufgehetzt. — Der neue Postvertrag mit Luxemburg schließt sich im Ganzen dem früheren an. Neu ist nur die Bestim­mung, daß Deutschland vom Briefporto ca. 2/3/ gu xemburg 1/3 erhält. Auch mit Norwegen ist ein neuer Postvertrag abgeschlossen in welchem das Porto für den Bries von 15 Grammen auf 2^2 Sgr. festgesetzt ist. Für Drucksachen und Waarenproben sind pro 50 Gramme 3/4 Gr. zu zahlen. Das Porto wird zwi­schen Deutschland und Norwegen getheilt, was pecuniär

A«S der letzten Sitzung des Reichstages.

Dr. Gneist: Die Schwäche des von den ver­bündeten Regierungen vorgelegten Entwurfs lag nicht in dem Zuviel, sondern in dem Zuwenig der Gabe, in einem Nachsätze, dem der Vordersatz fehlte, in der unaussprechlich schwächlichen Erscheinung. In so fern mochte ein früherer Redner nicht ganz Unrecht haben, wenn er das kleine Wesen eine Mißgeburt nannte. Wenn e« aber ein Horrendum, ein ProscriptioitS- unb Aechtungsgesetz, eine Besiegelung bes Unterganges der deutschen Freiheit genannt worden ist, so wird der Fanatismus einfach zur Lächerlichkeit. Je hestizu unsere Gegner werden, um so unverständlicher wird eS der deutschen Welt, wieder Bundesrath und die beiden Seiten des Hauses plötzlich von einem RaptuS er- gnffen sein sollen, sich gegen diese frommen, ehrwür- bigen Männer zu verschwören, alle göttlichen unb menschlichen Rechte mit Füßen zu treten und sich und Andere in Knechtschaft zu stürzen. Hr. Peter Rei- chensperger rühmt die Gerechtigkeit, Weisheit und Si­cherheit, mit welcher die Politik der preußischen Mo­narchie den Frieden aller Confessionen seiner Zeit er­halten habe. Er fügt aber nicht hinzu, daß feit den vierziger Jahren in Preußen eben das Gegentheil der Grundsätze waltet, mit welchem die Monarchie den Frieden aller Confessionen erhalten hat. Er fügt auch nicht hinzu, daß die Gebrüder Reichenfperger nach Kräften das Ihrige dazu beigetragen haben, dieses Gegentheil herbeizuführen. Die „Mißgeburten", von welchen Hr. v. Mallinckrodt zu reden beliebt, sind Eerdings vorhanden in Gestalt von hundertdeutigen Grundrechten, durch welche der Staat mit jeder Kirche "nd die Kirche mit jedem Staate in offenen Kampf

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