Sr* 1M6
fllarÖUtg, Dienstag, den 25 Juni.
1872
Oterhessislhe Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberheffischeu Leitung mit Kreitblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen tti Egr., durch die Postämter 87 ®gr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für daS Ausland excl- Stempel 88 Ggr.— Infertion-gebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Lcstclluugell
wir bei bm Postanstalten gefl. recht bald zu machen. Auf dem Lande nehmen die Landpostboten Bestellun- gen an.
_____________Die Exped. d. Oberh. Ztg.
Konferenz zur Berathung von Fragen aus de« Gebiete des Seminar- uud VolkS- fchnlwesens.
Zn der 9. und letzten Sitzung am 20. d. wurde hje Berathung der Anhaltspunkte beendet. Ausgeschlossen blieb nur der Abschnitt über die Schulaufsicht, weil in Betreff der Prinzipien in der letzten Zeit dieser Gegenstand hinreichend erörtert sei, so daß zur Zeit kaum noch neue Ansichten darüber ausgesprochen werden könnten, andererseits aber eine Erfahrung in der Praxis noch nicht gewonnen sei. Der Vorsitzende, Staats-Minister Dr. Falk, bemerkte, daß einzelne Berichte über außerordentliche Revisionen getobt das Gegentheil von dem in der Stiehl'schen Flugschrift Angegebenen sagten.
Das Bedürsniß einer befferen Präparanden - Bildung wurde anerkannt, ebmso wie, daß dasselbe ohne Unterstützung auS Staatsmitteln nicht zu befriedigen sei. Der größte Mangel wurde in den zu geringen Lehrerbesoldungen gefunden, darin, daß sich einzelne Lehrer wegen Ueberbürdung mit Amtsgeschäften dem Unterrichte von Präparapden nicht mit voller Kraft widmen könnten und dtk Geistlichkeit sich vom Schul- «esm zurückziehe. Getheilt waren die Meinungen darüber, ob ein ein- oder zweijähriger Kursus statt- finden solle, Internate oder Externste vorzuzichen seien und eine praktische Thätigkeil nach vollendeter Ausbildung in den Präparanden-Anstalten und vor dem Eintritt in das Seminar rathsam sei,
Als Ausdruck der Ansichten, für die sich mehr oder weniger die Mehrzahl ausgesprochen hatte, dürften folgende Sätze angesehen werden: 1) Die Präparan denjchulen sind selbständige Staatsanstalten. 2) Dieselben sind durch ihren Lehrplan mit den Seminaren in einen engen Zusammenhang zu bringen und können auch unter denselben Director mit ihnen gestellt werden. 3) Ob sie als Externste oder Internate eingerichtet «erden sollen, hängt von den örtlichen Verhältnissen und denjenigen Formen ab, welche die Seminare mtweder behalten oder bekommen. 4) Sie müssen mindestens so viel fest angestellte Lehrer haben, wie
Klaffen, und am wünschenswerthesten ist für sie eine Unterrichtsdauer von 3 Jahren. 5) Die Ausnahme ihrer Zöglinge in ein Seminar bleibt von einer in diesem zu veranstaltenden Prüfung abhängig.
Die Versammlung wünschte die Einrichtung von Fortbildungsschulen, um die auf der Volksschule gewonnene allgemeine Bildung zu erhalten, zu ergänzen und zu verliefen, sowie um die für das praktische Leben erforderlichen Momente zu entwickeln. Das Bedürfniß nach solchen Schulen wurde anerkannt. Hr. Weiß führte an, daß in Berlin im Jahre 1857 43,417 unverheirathete Frauen gelebt haben; Be- schäfligung für dieselben, welche einen Lohn von 200 —700 Thlrn. abwerfe, sei genügend vorhanden; unter den Frauen, welche in seinem Geschäfte Beschäftigung gesucht, hätten nur 7 Procent den geringsten Anforderungen genügt; es habe vor Allem an einer Bildung in den Elementar-Kenntnissen, einer guten Handschrift, Lesen, Deutsch, Rechnen gefehlt.
Der Ober-Präsident a. D. von Kleist-Retzow sprach darauf dem Staats-Minister im Namen der Versammlung den Dank für die Berufung derselben aus: er müsse dankbar anerkennen, daß der Minister in der wichtigen Angelegenheit deS Volksschulwesens seine Entschließung über die Aenderung deS bestehenden Zu standes nicht eher treffen wollte, als bis er die verschiedensten Ansichten gehört, daß der Minister bei allen Verhandlungen von Anfang biS zu Ende zugegen gewesen und feine Theilnahme an der Sache bewiesen habe. Der Redner schloß mit dem Wunsche, vaß die Entschließungen deS Staats Ministers zum Heil dcS Vaterlandes gereichen möchten. Der Staats- Minister Dr. Falk dankte seinerseits den Mitgliedern und sprach aus, daß jeder durch die Verhandlungen viel habe lernen können, und er hoffe, daß dieselben zur Förderung deS VolkSschutwesenS beitragen würden.
Deutsches «eich.
Berlin, 23. Juni. Die Kaiserin kehrt in den letzten Tagen des Juni zu längerem Aufenthalt nach Babelsberg zurück. — Der Reichskanzler Fürst Gor- tschakoff und der russische Gesandte für die Schweiz, Fürst Gortschakoff, sind hier eingetroffen. Sie reifen in einigen Tagen nach der Schweiz ab, letzterer nach Bern, um dem Bundespräsidenten seine Creditive zu überreichen, ersterer nach Interlaken. — Eine Abstimmung im Bundesralhe über das Jesuitengesetz ist noch nicht erfolgt. Die dem Gesetze angefügte Reso
lution Völk und Gen. wegen der Civilche wurde den Auöschüffen überwiesen. — Es bestätigt sich, daß der zwischen Deutschland und Luxemburg abgeschloffene Postvertrag am Mittwoch 19. d. unterzeichnet wurde. Der Telegraphenvertrag wurde Donnerstag 20. d. unterzeichnet von dem deutschen General-Telegraphen- Director Oberst Meydam und dem luxemburgischen Geschäftsträger Föhr. Letztgenannter Vertrag tritt, mit Beibehaltung der drei Zonen, schon kommenden 1. Juli in Kraft. — Die gestrige Generalversammlung der rumänischen Bahnen nahm den Bericht des AuffichtS- rathes mit Befriedigung auf und genehmigte eine Proposition bezüglich der Contrahirung einer Priori- täisanleihe. Der gegenwärtige AufsichtSrath wurde mit Acclamation wiedergewählt. Ferner wurde noch beschlossen, für den Zeitraum vom 16. Novbr. bis zum 31. Decbr. 1871 pro Actiencoupon 20 Sgr. zu vergüten.
— Der BundeSrathS Ausschuß für die Geschäfts - ordnung hat folgende Anträge gestellt: 1) die Veröffentlichung der Bundesraths-Verhandlungen betreffend: der Geschäftsordnung, wie sie durch die Beschlüsse vom 27. Februar 1871 und vom 25. März 1872 festgestellt ist, folgende Bestimmungen hinzuzu- sügen: „Veröffentlichung der Verhandlungen. §. 22. Unmittelbar nach jeder Sitzung des BundesratheS wird ein Bericht, welcher die Gegenstände der Verhandlung und den wesentlichen Inhalt der Beschlüsse kurz zusammenfaßt, durch den Reichsanzeiger zur allgemeinen Kenntniß gebracht. §. 23. In größeren Zeitabschnitten wird eine für die Oeffentlichkeit bestimmte Ausgabe der Bundesraths - Verhandlungen, welche den Inhalt der Protokolle und der Drucksachen, soweit sich dieselben zur Veröffentlichung eignen, enthält, durch das Reichskanzleramt, im Einvernehmen mit dem Ausschüsse für die Geschäftsordnung, veranstaltet." 2) Den Anfangstermin für die Session des Reichstages betreffend: Der BundeSrath wolle beschließen: „eS sei als der geeignetste Anfangstermin für die ordentlichen Sessionen des Reichstages die Zeit zwischen Anfang März und Anfang April je nach dem Einfalle des Osterfestes in Vorschlag zu bringen."
— Die Verluste deS Sanitäts-Corps deS mobilen Heeres während des letzten Krieges sind nun auch festgestellt worden und haben (mit Ausschluß Württembergs) folgendes Ergebniß gehabt: Gefallen sind 7, ihren Wunden erlegen 4, an Krankheiten gestorben
Z« Secbade.
Humoristische Erzählung von L. W. - (Fortsetzung.)
„Wetter Element, Frau!" — schrie in diesem Augenblick eine donnernde Stimme aus dem Gebüsch hervor; — „Du hast verdammt viele Bekanntschaften; aber ich werde ihnen noch sammt und sonders den Hals brechen; dafür mögen Dir meine Pistolen stehen!"
„Du irrst, lieber Biest, ich versichere Dir!" flehte Amalie; aber Walter unterbrach sie ... .
„Wenn cS Ihnen Vergnügen macht, mein Herr" — fiel er ein — „Ihren eigenen Hals in Gefahr zu setzen, um den eine« Andern zu brechen, so stehe ich Ihnen zu jeder Stunde zu Diensten."
„Bei der Würde des Mannes, das will ich!" — versetzte Biest. - „Morgen Abend, Punkt sechs Uhr, treffen wir und bei der Meierei!"
„Ich werde nicht fehlen!" — antwortete Walter und ging, mit einer Verbeugung gegen Amalien, und in der Thal etwa« betroffen über die Leichtigkeit, womit man hier in Abentheuer und Händel verwickelt «erden könne, nach der Allee zurück.
Nicht lange, so sah er den Obersteuerkontroleur mit vollen Segeln daher kommen, und zwar zur Seite zweier Damen, von denen vie jüngere, Arnold« Beschreibung und einigen ziemlich deutlichen Winken Nach, welche der Dicke von seiner unsäglichen Liebe st Sophiens Vermögen während der Reise hatte fal- kn lassen, keine andere war, als diejenige, gegen welche Walter den Kreuzzug hatte unternehmen müssen. Letzter schloß sich, obwohl jetzt gerade keines- wegs zu Liebeshändeln geneigt, der Gesellschaft an. Allein der Obersteuerkontroleur, welcher aus seiner Gleichgültigkeit sich gerade das Gegentheil denken Mochte, maneuvrirte so geschickt, und verursachte durch
seine wohlgenährte Person solche Sonnenfinsternisse, daß sein Nebenbuhler nur selten einen Blick aus Sophiens lebhaften Augen auffangen, und noch weniger ein Gespräch mit ihr anknüpfen konnte. Walter ergrimmte nicht wenig über dieses Betragen seines pensionirten Freundes, und da er in Biest'« Ausforderung gerade die beste Gelegenheit sah, ihm einen Possen zu spielen, so flüsterte er ihm, jedoch laut genug, um von Sophien gehört zu werden, ins Ohr, daß er ihn als feinen Freund und Landsmann zum Sekundanten in einem Duell wünsche.
Ein Donnerschlag bei heiterem Himmel hätte den Obersteuercontroleur nicht mehr erschrecken können, als diese Zumuthung. — „Ein Duell" — rief er mit dem jämmerlichsten Gesicht von der Welt; — „wohl gar ein fogenannter Pistolen-Skandal I Ach, wenn eS mit dem Skandal genug wäre; aber die Pistolen, die Kugeln, das Blut, die Wunden, — wie, das wäre mein letzter Augneblick! Von jeher bin ich ein friedfertiger Mann gewesen, und sollte jetzt zu einer so schreienden Sünde behülflich fein! — Ich kann Ihnen nicht dienen, Herr Referendarin«!"
„In der That, sehr christliche Gesinnungen, Herr Obersteuercontroleur!" — unterbrach ihn Sophie spöttisch; — „ich selbst würde Ihnen nicht zu einer so gefahrvollen Unterhandlung rachen! Bedenken Sie, der Knall könnte Ihre zarten Gehörwerkzeuge verletzen, oder der Schreck Ihnen ein kaltes Fieber zuziehen!"
„Wir wollen davon reden, Freundchen!" — lispelte der Gequälte, den Angstschweiß über Sophien« boshafte Bemerkung von der Stirn trocknend.
„Nein!" — entgegnete Walter; — „die Sache muß sogleich entschieden werden, und ich hoffe mit Zuversicht, daß Sie als Mann von Ehre meine Bitte nicht zurückweisen werden."
Der Obersteuercontroleur war in Verzweiflung;
er wollte die Gunst Sophiens, welche ihn mit durchdringenden, verächtlichen Blicken beobachtete, nicht verscherzen, und konnte doch auf der andern Seite seinen natürlichen Abscheu gegen alles Blutvergießen nicht überwinden. „Nein, wenn e« denn durchaus sein muß" — sagte er mit erstickter Stimme; — „aber ich bin unschuldig an dem Morde!"
Walter dankte seinem Freunde auf die verbindlichste Weise, der ihn aber keine« Worte« würdigte, und empfahl sich, von Sophien mit einem teilnehmenden Blicke begleitet, der Gesellschaft.
5.
Wir verließen die Familie des Herrn v. Zehlen in dein Dorfe, wo sämmtliche Mitglieder derselben auf die Restauration des Wagens nicht weniger sehnlich harrten, als im vorigen Jahre die Zeitungsleser auf das Bombardement von Paris; vier volle Stunden lang ward ihre Geduld erschöpft, in der fünften reisten sie weiter und erreichten gegen Abend eine auf ihrem Wege liegende, ziemlich ansehnliche Stadt, in der man zu übernachten beschloß.
Das Schild de« Gasthofe« zum Poeten, wo man abstieg, erinnerte die Tante, daß hier im Orte Herr Spiridion Morgenstern, ein in der Roman-Literatur die durch seine Feder schpn mit einer Sündfluth humoristischer Produkte überschwemmt worden ist, mit Recht sehr gefeierter Mann, seinen Wohnsitz habe, und nun ruhte sie nicht eher, al« bis der berühmte, und übrigens der Familie gar nicht unbekannte Mann ■eine Einladung erhielt, dieselbe mit seiner Gegenwart zu beehren. Spiridion war, der Seele und d.m Körper nach, ein der Tante Anna verwandtes Dichtergenie; die«, und der Umstand, daß ihre beiderseitigen Wege zur Unsterblichkeit sich nicht durchkreuzten, intern Anna besonders mit dem Melancholisch Erotisch-Heroischen sich befaßte, erhielt eine solche Eintracht unter den