"Marburg, Sonnabend, den 22. Juni
1872
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Am Serbade.
Humoristische Erzählung von L- W- (Fortsetzung.)
„Peter!" — schrie endlich der Major — „schlag' Alles in Granatstücken; aber befreie mich aus dieser Hölle von Weibern und Hunden!"
Peter gehorchte, Walter unterstützte ihn kräftig, und so wurde die ganze lebendig begrabene Gesellschaft zu Tage gefördert, bis auf den Hund, der sich, nachdem er Raum gesunden hatte, durch einen herzhaften Tprung selbst befreite.
Jetzt erfolgten die bei solchen Gelegenheiten üblichen Begrüßungen und Beileidsbezeugungen, und da beide Reisegesellschaften durch den Zufall mit dem Wagen trefflich bekannt geworden waren, so nahmen der Major und Tante Anna in dem Fahrzeuge des Obersteuer- controlcurö Platz, indeß Walter, Wilhelmine, das Kammermädchen und der Spitz zu Fuß daS nächste Dorf zu erreichen strebten, und Peter bei der Kutsche seines Herrn, die für alle Bewegung unfähig erklärt wurde, zurückblieb.
Wir dürfen wohl vorauSsetzen, daß Walter in der Gesellschaft eines mit allen Reizen des Körpers und der Seele geschmückten Mädchens, wie Wilhelmine war, sich überaus glücklich fühlte. Er war es in der That; doch nicht so sehr, daß nicht oft genug der Gedanke an den Zweck seiner Reise und an Sophien ihn in tiefes, schwermüthigcs Nachdenken versenkt hätte Wenn er dann aus solcher Träumerei durch einen Blick auf seine schöne Begleiterin geweckt wurde, zürnte er über seine Thorheit, daß er bas Glück der Gegenwart nicht besser zu genießen wiste, und fiel in der nächsten Minute in denselben Fehler zurück. Kurz, er verwünschte Sophie mit allen ihren Hogarlh'schen EchönheitSlinien und mexikanischen Schätzen von ganzem Herzen, und klagte nicht weniger die Widerwärtigkeit seines Geschicks an, welches ihn aller Aussicht be- raubte, durch den Besitz eines Mädchens, wie Wilhelmine, oder mit Wilhelmine selbst, glücklich zu werden.
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In dem Dorfe, welches die Gesellschaft nach Verlauf einer Stunde erreichte, blieb der Major mit seiner Familie zurück, um die Ankunft und AuSbcfierung seines Wagens abzuwarten; Walter aber und der Dberstcuerkontroleur, der sich in Lobeserhebungen über ben Major erschöpfte, setzten ihre Reise fort. Sie
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floateten) zur Berathung von Fragen aus de« Gebiete deS Seminar- und VolkS- fchulwesenS.
Bekanntlich hatte eine Subkommission den Auftrag nhalten, Vorschläge als Grundlagen der Berathung bezüglich der Mittelschulen zu machen. Sie hat diese Vorschläge in folgenden 6 Sätzen der 7. Konferenz am 18. d. vorgelegt.
1) Die Mittelschule hat die als berechtigt anzu- erkennenden Erziehung- und Unterrichtsbedürfnisse für die männliche und weibliche Jugend des mittleren BirgerjtandrS zu befriedigen. 2) Dieselbe wird gegen Zahlung eines Schulgeldes besucht; sie beruht im Anschluß an die Volksschule auf elementarer Grundlage, vertieft und erweitert sodann nach ihrer Abzweigung von derselben deren Unterrichtsgegenstände, erstrebt eine für jenen Stand ausreichende Vorbildung und verzichtet vorläufig unter Festhaltung ihres Selbstzweckes auf Erlangung der den höheren Schulen z »erkannten Berechtigungen. 3) Eine in den Mittelschulen überall zu erstrebende allgemeine Durchbildung wird außer beten Verwerthung in der Präparandenbildung eine den besonderen örtlichen oder provinziellen Ver hältnissen entsprechende besondere Fachbildung zu fördern und die auf dem Gebiete deS Gewerbes, der Technik, der Landwirthschast, deS EeelebenS als noth- wrndig sich herausstellenden Anforderungen zu befric digen haben. 4) Nach dem Maaße dieser Anforderungen wird die Dauer deS Schulbesuchs festgesetzt werden; in der Regel wird dieser nach vollendetem 15. Lebensjahre des Schülers abschließen. 5) Die Unterrichtsgegenstände der Mittelschule sind nach Anleitung eines detaillirten Lehrplans: a) Religionsunterricht. b) Deutsche und eine lebende fremve Sprache, c) Geschichte, d) Geographie, e) Naturbeschreibung, f) Naturlehre (Physik, Chemie), g) Mathematik (Algebra, Geometrie, deskriptive Geometrie), h) Schreiben, i) Zeichnen incl. gewerbliches Zeichnen.
DnttscheS »eich.
•* Berlin, 20. Juni. Die Verhandlungen mit Frankreich scheinen einen hoffnungsvollen Verlauf zu nehmen. Viel dazu trägt wohl der Umstand bei, daß Herr Thiers feinen ersten officiellen Schritt that, als bereits auf vertraulichem Wege eine vorläufige Verständigung erzielt war. Was die Blätter bereits über die Einzelheiten brachten, ist durchweg« falsch, besonders aber entbehrt es jeder Begründung, daß Deutschland schon nach Zahlung der ersten Halbmilliarde die einzelnen Departements räumen werde. Es handelt sich überhaupt nur um Zahlung ganzer Milliarden und wird Frankreich die geräumten Departements erst nach Abtragung der ganzen Contribution besetzen dürfen. In Folge dieses Ereignisses sind die Börsm augenblicklich ziemlich stark afficirt, die deutschen nicht ausgenommen. Es kommt dies wohl daher, weil man meint, Frankreich werde sein Geldbedürfniß durch ein? große, auch in Deutschland aufzulegende Lotterieanleihe decken. Dergleichen ist allerdings von Frankreich angeregt, von der deutschen Regierung aber sofort zurückgewiesen worden. — Das Schreiben des Papstes an den Cardinal Antonelli war hier bereits feit einigen Tagen auf diplomatischem Wege zur Kenntniß gekommen. Es richtet sich in gleicher Weise an Deutschland und Italien und wird voraussichtlich in beiden Ländern jede Wirkung verfehlen. UebrigenS kann man kaum sageit, daß aus demselben eine besondere Zuversicht herausspräche. — Der gestrige Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." über die nächste Papstwahl hat überall das größte Aufsehen erregt, ein Beweis, daß die Diplomatie sich mit dieser Frage zu beschäftigen beginnt. In einer hiesigen Katholikenversammlung wurde neulich öffentlich ein sehr extremer Cardinal als wahrscheinlicher Nachfolger PiuS IX. bezeichnet. Solch einer Eventualität gegenüber ist es gut, wenn die Regierungen noch früh ihre warnende Stimme erhebe» und den Ultramontanen begreiflich machen, wehmüthigen Lächeln — „und verheirathet dazu. Aber dies erinnert mich, daß jetzt keine Zeit zu weiterer Unterhaltung ist; verlassen Sie mich! Mein Gemahl wird in einigen Minuten hier sein; ich müßte von seiner aufbrausenden und jähzornigen GemüthSart das Aeußerstc befürchten, wenn er Sie in meiner Nähe träfe!"
„Was hätten wir zu befürchten?" — erwiderte Walter aufstehend; — „Ihr Gemahl kann unmöglich ein solcher Fremdling in guten Sitte» sein, daß er seiner Gattin verbieten sollte, die Begrüßung eines Lekannten anzunehmen!"
(Forsetzung folgt.)
A«S de» Nachlasse eines früheren katholische» vischafs.
(Schluß statt Fortsetzung.)
Im Jahre 1839 erhielt der Fürstbischof auf Umwegen ei» Schreiben des Papstes Gregor XVL voll der lebhaftesten Vorwürfe über seine geistliche Stellung; Graf Sedlnitzky rechtfertigte sich in einem ausführlichen Schreiben. Nach Jahresfrist erhielt er eine Antwort, die ihm den Beweis gab, daß man in Rom den Aeußerungen der gegen ihn gerichteten Schmähschriften mehr Glauben schenkte, .als seinen eigenen Aussagen und Versicherungen. Er antwortete hierauf, daß, da er lieber Alles aufzuopfern bereit sei, als den ausdrücklichen Geboten Jesu Christi wiffentlich entgegenzuhandeln, dadurch aber sich die schwerste Verantwortung vor Gott zuzuziehen, er sein Amt einfach und ohne Rückhalt nicderlege. Seitdem lebte Graf Sedlnitzky in Berlin, wo er an den Geschäften des StaatsrathS theilnahm, um die sittlichen und christlichen Jntereffen, die für ihn mit dem wahren Wohl des Staates unauflöslich verbunden waren, ^gestützt auf die Erfahrungen eines reichen Lebens, zu vertreten. Mit der innigsten Thcilnahme und mit immer wachsender Sorge folgte er der kirchlichen Entwickelung; immer entschiedener gab er der Befürchtung Ausdruck, baß sich die römische Kurie auf einer verderblichen Bahn befinde.
Am lebhaftesten ergriff ihn die Verkündigung der Lehre von der „unbefleckten Empfängniß der heiligen Maria", indem et darin eine Aushebung der Grund- lage des ChnstenthumS, der Versöhnung durch Christum allein und zugleich eine Aufhebung der apostolischen
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k) Singen. 1) Turnen, m) Weibliche Handarbeiten. 6) Die Anstellung deS Dirigenten und der an den Mittelschulen beschäftigten Lehrer bedingt nicht ein Fakultätsstudium, sondern die Vorlage eines Qualifi- kationS Ältestes für die Unterrichtsertheilung in de» angegebenen Lehrfächern.
Im Allgemeinen fanden diese Sätze Zustimmung, und das Bedürfniß der Mittelschulen zur Bildung eines tüchtigen Mittelstandes, wurde allseitig anerkannt; es wurde hervorgehoben, daß der Staat die Errichtung solcher Schulen den Gemeinden nicht zur Pflicht machen dürfe. Lebhafter Erörterung begegnete die Frage, ob man für die Mittelschulen die Berechtigung zum einjährigen Mililärdienst anstreben müsse. Sehr überwiegend war die Meinung vertreten, daß man für die Mittelschulen dieses Ziel wenigstens vorläufig nicht ins Auge fassen dürfe. Ein streitiger Punkt war auch die Zulassung einer fremden Sprache, ob dies eine lebende oder tobte (Latein) sein soll.
Mit Uebergehung deS IV. Abschnittes deS Programmes begann man hierauf die Berathung über die Schullehrer-Seminare und zwar zunächst die Frage der ForlbildungS Seminare. In Betreff dieser ergab sich als Resultat der verschiedenen Anschauungen; die Gewinnung ausreichender Lehrkräfte für die Mittelschulen und Lehrerseminare selbst erheischen die Errichtung von Fortbildungsseminaren; diese sollen, etwa für jede Provinz eines, womöglich in größeren Städten und, wo es thunlich ist, an Universitätsorten errichtet werden. In dieselben treten die aus den gewöhnlichen Seminaren hervorgegangenen befähigteren Lehrer nach einer zweijährigen Praxis ein. Neben den Gegenständen des Seminarunterrichtes sollen an solchen Anstalten Mathematik, Naturkunde und eine lebende Sprache, englisch oder französisch, ertheilt werden. Bezüglich der In- und Externste entschied sich die Mehrheit für die Internate. Hierauf wurde die Ver Handlung um V24 Uhr abgebrochen.
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übernachteten in einer kleinen Stadt, und erreichten um die Mittagsstunde des folgenden Tages, trotz mancher Stoßseufzer des Dicken über schlechte Wege und noch schlechtere Straßenverwaltung, wohlbehalten den Ort ihrer Bestimmung.
4.
Jetzt, da Walter auf dem Schauplatze seiner künftigen Heldenthaten gegen das schöne Geschlecht ange- kommen war, enistanden noch einmal die heftigsten Debatten in seiner Seele, ob er wirklich den Feldzug zur Entdeckung und Eroberung des neuen Eldorado eröffnen sollte, ober nicht. Es waren der Gründe für und gegen so manche, und besonders spielte Wil- helminens reizendes Bild eine so wichtige Rolle in der Opposition, daß er für jetzt noch nichts zu thun, sondern auf einige Tage der Zeit und den Launen des Schicksals den freiesten Spielraum zu gewähren beschloß. Er ging in dieser Absicht, nachdem er den Staub der Reise abgeschüttelt, anscheinend ruhig, eigentlich aber in der herrlichsten Stimmung, Abenteuer zu erleben — denn auch hierzu, so wie zu dem Gelingen jedes einigermaßen wichtigen Werkes, bedarf eS einer gewissen Stimmung — nach der Allee.
Allein, nicht das Helle Licht des Tages, sondern die sanfte, stille Ruhe des Abends, ober bie Schrecken der Mitternacht, sind das Klima,-unter dessen Einflüssen diese Pilze des geselligen Lebens am besten wachsen und gedeihen. Walter hatte schon mit langsamen, feierlichen Schritten die ganze Länge des schattigen BaumgangeS gemessen, ohne etwas Merkwürdiges zu sehen, und ohne von Jemand nur beachtet zu werden. Fast unwillig hierüber, trat er in den Park, war aber kaum einige hundert Schritte darin fortgegangen, als er mit dem Worte: „Amalie!" plötzlich, wie in eine Bildsäule verwandelt, stehen blieb.
Diese von einer Ueberraschung ausbrückenden Geberde begleitete Anrede könnte ohne Zweifel keinem Andern, als einer jungen, schönen Dame gelten, welche sich in demselben. Augenblicke, mit dem Ausdruck des Erstaunens im Gesicht, von ihrem Sitze erhob und sagte: „Sie hier, Walter?"
Die Bekanntschaft war bald erneuert. Walter setzte sich vertraulich an Amaliens Seite und faßte ihre Hand. „Sie sind verlobt!" bemerkte er, über einen Ring a» ihrer Hand hingleitend.
„Wohl" — entgegnete Amalie mit einem sanfte»,
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