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Um. 143. Marburg, Freitag, dm 21. Juni. 1872.

Oberhessische Zeitung.

0tf<btint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischerr Zeitung mit Kreilblatt durch die Expedition (Koch'sche Buch druck er ei) bezogen 221 ®|t., durch die Postämter 27 ®gr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für dal Ausland excl- Stempel 22 ®gt.— JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

Konferenz zur Berathung von Fragen aus btm Gebiete des Seminar- «nd Bolks- fchulweseus.

In der 6. Konfermz am 17. d. wurde zunächst »nr Vorberathung des 7. Hauptabschnittes über die Fortbildungsschulen, aus den Herren Weiß, Schirm, Kellner, Bock und Lange eine Commission niederge- {4t Sodann kehrte man zu der am Sonnabend abgebrochenen Erörterung über die Unterrichtsgegen- stjude der Volksschule zurück; es war der Religions­unterricht übrig geblieben.

Man war in der überwiegenden Mehrzahl, darüber einig, daß biblische Geschichte, der Katechismus und dal Kirchenlied den Lehrstoff zu bilden hätten. Im Besonderen gingm freilich die Ansichten sehr auseinan­der. Was zuerst die Behandlungsart betrifft, so woll­ten die Einm auch auf diesen Unterrichlszegenstand die für alle übrigen geltenden didaktischen und päda­gogischen Grundsätze angewandt haben, insbesondere glaubten die Gegner der Regulative, den frommen Ton, in welchem letztere den Religionsunterricht ertheilt Men wollen, tadeln zu müssen. Von der anderen Seite wurde geltend gemacht, daß auf diesem Gebiete die verschiedensten Standpunkte vorhanden seien, der eine nicht weniger berechtigt, als der Andere; die Form stamme aus dem vorigen Jahrhundert, wo sie nothwendig gewesen sei; übrigens sei schon deshalb der Religionsunterricht ein anderer als die übrigen, weil er das ganze Leben durchdringen und umgestalten solle; das erreiche der kategorische Imperativ des Pflieltgebvtes nicht.

Hiernach ging man auf da» Einzelne ein. Von der der liberalistischen Richtung huldigenden Seite wurde beklagt, daß die Regulative aus dem Unter richte in der biblischen Geschichte das Katechisiren ver­bannen. Einen anderen Mißgriff hätten die Regula- tive in der Auswahl de» Stoffes gemacht, der über­wiegend aus dem Alten Testamente genommen werden soll«. Der schwerste Vorwurf müsse aber in Beziehung auf die Methode erhoben werden; die Methode sei da» eigenste Ergebniß der Persönlichkeit, und doch sei hier von obenher eine bestimmte Methode befohlen worden, und zwar eine ganz verfehlte; hauptsächlich sei das Auswendiglernen der Kinder zu tadeln. Da­gegen erhob sich lebhafter Widerspruch. Man solle sich wohl hüten, die Regulative zu ändern; nur die

Z« Serdade.

Humoristische Erzählung von L. W- (Fortsetzung.)

Auf dem Wege zur Post bemerkte Walter daher auch, trotz des ziemlich ansehnlichen und überaus wohlgerundeten Gegenstandes, den ihm entgegen­watschelnden penstonirten Obersteuercontrolleur nicht eher, als bis dieser durch die Worte: „Ei, ei, Freund­chen, wohin so eilig?" sein Trommelfell erschütterte.

„Nach der Post, und von da nach dem Seebade!" entgegnete Walter, ohne aufzublicken.

„Ihrem Gesichte nach" — fuhr der Erstere fort — „sollte man glauben, Sie wären auf dem Wege, eine Adjutantur bei Gott weiß wem zu suchen. Ihr jungen Leute reiset ins Bad, und seid gesund, wie die Fische; ober mir, nicht wahr, mir würde eine solche kleine Abkühlung bei der Hitze recht zuträglich sein, und dann hörte ich auch noch so ein Nebenabstchlchen bet der Reife!"

Jetzt erst, da der Obersteuercontrolleur vielleicht Veranlassung werden konnte, den Unannehmlichkeiten del Postwagens zu entgehen, wurde Walter aufmerksam „Reisen Sie mit, alter Freund" — sagte er; — „es wird Sie nicht gereuen. Bedenken Sie das bunte Gewühl der Fremden, die herrlichen Anlagen, die See, das kühlende Bad, das Rennen —"

„Rein" — unterbrach der Pensionirte mit einem Seufzer — „davon schweigen Sie; ich bin gar kein Freund vom Rennen, es ist eine Untugend an Men­schen und Thieren; schon das Wort klingt meinen Ohren fatal. In körperlicher Hinsicht eine weise Lang­samkeit; aber der Geist sei rasch wie der Blitz!» Bei diesen Worten machte der Dicke, ungeachtet seiner Be Mächtigkeit, eine so kühne Bewegung mit Hand und Fuß zugleich, daß er das Gleichgewicht völlig verlor, »nd e» ohne Walter« Unterstützung schwerlich an­derswo, als auf ebener Erde wiedergefunden haben würde.

Mißverständnisse seien zu beseitigen; bekanntlich sei das Auswendiglernen den meisten Kindern eine Lust, und da sie zu bewußten Mitgliedern der Kirche und zu selbstbewußter Aneignung des biblischen Stoffes erzogen werden sollen, so könne ihnen von dem, was die Regulative verlangen, nichts erlassen werden; im Gegentheil, eS dürfte sich empfehlen außer den 6 Re- ligionSstunden noch von den Lesestunden 1 für daS Lesen der Bibel und 1 für das Lesen der Lieder zu bestimmen, und ebenso sei die gebotene Methode die richtige; eine freiere Bewegung könne man nur den­jenigen Lehrern gestatten, die unbedingt gläubig seien.

Hiermit war die Beralhung des 1. Hauptstückes beendigt, und e« folgte das zweite, das von den mehr- klajsigen Schulen handelt. ES wurde anerkannt, daß die wesentlichsten Fragen desselben schon beim ersten erledigt seien. Diejenigen, welche schon früher das Lesebuch nicht als Ausgangs- und Mittelpunkt für oen Unterricht in den Realien hatten gelten lasten, wollten der achten Nummer folgende Fassung geben. „Die Grundlagen für den Unterricht in den mehr klassigen Schulen, sind dieselben wie für die einklassigen. Das Unterrichtsverfahren ist aus größere Vertiefung angewiesen; in allen Fächern werden weitere Ziele gesteckt, namentlich in Rücksicht auf die Bedürfnisse des gewerblichen Lebens."

Es folgte Nr. 9. Die Versammlung war darüber einig, daß die lokalen Verhältnisse und Bedürfnisse bei Entwerfung des Lektionsplanes zu berücksichtigen seien; es wurde jedoch bemerkt, daß dies nicht aus Kosten der allgemeinen Bildung geschehen dürfe. Ebenso wünschte man den Unterricht in weiblichen Handarbeiten zu fördern und war dafür, daß derselbe durchweg oder wenigstens so weit es auf dem Lande möglich erscheine, obligatorisch eingeführt werde. Ueber die Zweckmäßigkeit der Trennung der Geschlechter in den Schulen waren die Ansichten getheilt. Es wurde bemerkt, eine Trennung der Geschlechter sei insofern wünschenSwerth, als dann der Unterricht der Mädchen Lehrerinnen anvertraut werde. Andererseits wurde gesagt, das Zusammensein beider Geschlechter habe einen günstigen Einfluß auf das Temperament und Gemüth der Kinder. Durch die Trennung in eine Mädchen- und eine Knabenklasse gehe der Vortheil verloren, welcher aus dem Bestehen von unter- und übergeordneten Klassen entstünde; würde in einer vier-

„ Schadet nichts!" —rief er, sich aufrichtend; — „schadet nichts! Ich reise mit Ihnen; morgen früh steht mein Wagen vor der Thür, wir steigen ein, und fort gehl'S!“

3.

Wir benutzen diesen Aufschub, um den Leser mit der Person und den Verhältnissen Walters näher be­kannt zu machen.

Sein Vater war der jüngere Sohn eines sehr vermögenden, aber äußerst geizigen Mannes, und wurde von demselben enterbt, weil er heimlich eine entfernte Verwandte, die eben so schön und lugend haft, qlS arm war, geheiralhet hatte. Die Liebenden lebten bei aller Armulh glücklich, bis Auguste bald nach der Geburt eines Sohnes starb, worauf ihr Ge­mahl, aus Verzweiflung über den erlittenen Verlust, sich nach Nord Amerika einschiffte. Seitdem war von seinem Leben oder Tode keine Nachricht gekommen. Walter hatte, von dem Bruder seiner Mutter unter­stützt, Jurisprudenz studirt, lebte aber seit dem Tode seines Wohlthäters ohne Anstellung und Vermögen in einer sehr drückenden Lage.

Am andern Morgen zur bestimmten Stunde saß Waller zur Seite des Obersteuercontrolleurs im Wagen, welcher von zwei wohlgenährten Zugthieren langsamen Schrittes zum Thore hinaus geschleppt wurde. Der bis zur Grenze äußerst sandige Weg gab dem Kontrolleur nach einigen Bemerkungen über das Wetter und die stärkende Morgenluft Gelegenheit, das noch fehlende Quantum an Schlaf nachzuholen, während Walter seinen peinigenden Gedanken über die gemeine Alltäglichkeit freien Lauf ließ, zu welcher der Himmel, den er früher mit geschäftiger Phantasie au« Liebe und Glück erbaut hatte, plötzlich hinab­sinken sollte.

Das Fragen eine« Grenz Aufsehers nach steuer­baren Sachen ermunterte endlich den Obcrsteuerkon trolleur, wie ein Mondsüchtiger erwacht,s wenn man

klassigen Schule z. B. die Trennung nach Geschlech­tern durchgeführt ohne Vermehrung des Lehrerper­sonals, so hätte man nur noch zwei aussteigende Klaffen.

Damit war die Verhandlung über den 2. Abschnitt beendigt; die Sitzung wurde gegen 4 Uhr geschlossen.

Deutsches Reich.

♦♦ Berlin, 19. Juni. Die Arbeiten der deutschen Telegraphen -Verwaltung an der Statistik des ver­gangenen Jahres neigen sich ihrem Ende zu und die Vollendung derselben steht in den nächsten Tagen zu erwarten. Mit der Eröffnung der Thätigkeil des neuen submarinen Tclegraphen-Kabels zwischen Emden und London sind jetzt 4 Kabel vorhanden, auf welchen Depeschen zwischen Deutschland und England befördert werden: das Reuter'sche Kabel, welches auch Deutsch land und England verbindet, das holländisch-englische, das belgisch-englische und das neue. Die Telegraphen- Verwaltung gibt keinem Kabel den Vorzug, es werden vielmehr die nach England zu entsendenden Depeschen auf alle vier Linien gleichmäßig verthrilt. Nur die nach Amerika bestimmten Depeschen gehen sämmtlich auf dem neuen Kabel, wenn der Absender nicht ein anderes Kabel nennt, auf welchem die Beförderung vorgenommen werden soll.

Nach den neuesten Bestimmungen wird die Abreise des Kaisers nach Ems Sonntag Abend erfolgen. Im Gefolge desselben werden sich der Hofmarschall Graf Perponcher, die Adjutanten Oberst Lehndorff, Major Alsan und Hauptmann Winterfeld, sowie die Chefs des Militär- und Civilcabinets befinden. — Sonnabend 22. d. findet in Klein - Glienicke bei Potsdam die Konfirmation der beiden ältesten Töchter des Prinzen Friedrich Carl: der Prinzessin Maria (geb. 14. Sep­tember 1855) und der Prinzessin Elisabeth (geb. 8. Februar 1857) statt. — Die Königin-Mutter von Baiern ist gestern Nachmittag 12 Uhr 40 M. von München kommend, auf dem hiesigen Anhaltischen Bahnhofe eingetroffen und nach kurzem Empfange seitens der Spitzen der Behörden auf der Verbindungs­bahn nach dem hiesigen Potsdamer Bahnhöfe weiter gefahren, woselbst der Kaiser I. Masi empfing, welche um 1 Uhr mittels Extrazuges die Reise nach Potsdam sortsetzte. Dieselbe nimmt im Orangeriehause bei Sanssouci Wohnung.

Die „Nordd. Allg. Ztg." sagt bei Besprechung der ihn beim Namen ruft; Walter indessen fuhr fort, zu sinnen und zu träumen, bis sein Gefährte mit durch­dringender Stimme ihm in die Ohren krähete: „Aber, mein Gott, Herr Reserendanus, sehen Sie denn gar nicht, was vorgeht? Ein ganzer Artillerie - Park könnte uns im Wege liegen, und Sie würden es nicht beachten!" Walter sah auf und erblickte einen wunderschönen Mädchenkcpf, welcher aus dem obern Verschlage eines umgeworfenen Reisewagens hervor­guckte. Dieses bemerken, aus dem Wagen springen und der Besitzerin eines so schönen Kopfes zu Hülfe eilen — war bas Werk eine« Augenblicks; er befreite die Schöne glücklich aus dem Käfig, und verschaffte vavurch der unterliegenden seufzenden Kreatur Gele­genheit, wieder das Licht der Welt zu erblicken.

„Donner und Wetter!" — schrie ein weitgcöff. neter Mund, der mit einem mächtigen Schnurrbarte verbrämt sich jetzt am Rande des menschenspeienden Kraters sehen ließ — „das ist ein verdammter Zu­fall! Ader so geht's, wenn man mit Weibern reist; nichts, als Unruhe und Aerger hat man von ihnen, und komml'ö zum Umwerfen, so schwimmen sie, wie Del, immer oben auf! — Ich danke Ihnen, mein Herr, sehr verbunden für Ihre Hülfe!"

Der Redende, den wir für den Major v Zehlen erkennen, sank in dem Augenblicke, wo Walter ihn ergreifen wollte, in seine chaotische Behausung zurück, wie der Geist im Hamlet. Die Ähnlichkeit sollte noch weiter durchgeführt werden; denn so wie dieser durch sein von unten herauf tönendes „Schwört!" Alles in Furcht und Staunen versetzt, so erhob sich unter den vier lebenden Wesen, welche Walter jetzt im Bauche der umgeworfenen Kutsche unterscheiden konnte, ein nicht weniger erstaunlicher Lärm.

Der Major nämlich, welcher, seinem oben aus­gesprochenen Erfahrungssatze zum Trotz, oben aus schwamm, faßte, um sich wieder zu erheben, mit dem einen Fuße auf dem Leichnam eine» zottigen Spitz-