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Marburg, Freitag, den 14 Juni.
1872.
Oberhessische Zeitung.
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Konferenz zur Berathung von Fragen aus dem Gebiete deS Seminar- «nd Dolks- fchulwefenS.
Die Konferenz zur Berathung von Fragen aus dem Gebiete deS Schulwesens wurde am 11. b. Vor. mittags 10 Vi Uhr im Unterrichtsministerium vom Hrn. Kultusminister eröffnet.
ES waren sämmtliche Eingeladenen erschienen, nämlich: der RegierungS- und Schul-Rath Bock aus Königsberg i. Pr., der Seminar-Direetor Treibel in BraunSberg, der Seminar-Direktor Giebe in Bromberg, der RegierungS- und Schul-Rath Wetzel in Stettin, der Ober-Präsident a. D., Mitglied des Herrenhauses v. Kleist-Retzow, der RegierungS- und Schul-Rath Arnold in Licgnitz, das Mitglied des Hauses der Abgeordneten Dr. Paur, der Direktor des Viktoria Bazars Carl Weiß, der Gymnastal-Direktor a. D., Mitglied des Hauses der Abgeordneten Dr. Techow, der Prediger Richter, Mitglied des Hauses der Abgeordneten, der Schulvorsteher Bohm in Ber lin, der Regierungs-Rath, Mitglied des Hauses der Abgeordneten, v. Mallinckrodt, der Scmmar-Direktor Schorn in Weißenfels, der Seminar-Direktor Lange in Segeberg, der RegierungS- und Schul-Rath Spieker in Hannover, der Seminar-Direktor Fix in Soest, der RegierungS- und Schul-Rath Bayer in Wiesbaden, das Mitglied deS nassauischen Communal- Landtages, Dr. Schirm in Wiesbaden, der Geheime RegierungS- und Schul-Rath Kellner in Trier, der Hauptlehrer Dcerpseld in Barmen.
Seilens deS Ministeriums der geistlichen re. An gelegenhriten waren gegenwärtig: der Staatsminister Dr. Falk, der Unterstaatssekretär Dr. Achenbach, der Wirkt. Geh. Oberregierungsrath Stiehl, der Geh. Oberregierungsrath Dr. Stüve und die Geh. Regie rungSrä he Linhoff, Wätzoldt und von Cranach.
In einer einleitenden Ansprache dankte der Minister zuerst den Versammelten für ihre Bereitwilligkeit, seinem Rufe zu folgen und bezeichnete dann als Zweck der Versammlung seinen Wunsch, von erfahrenen Männern, die dem vaterländischen Schulwesen ihr Leben gewidmet hätten, zu seiner Orientirung Ansich- tm über dir wichtigsten Fragen des Schulwesens und besonders des Volksschulwesens zu vernehmen. Wie erfreulich es auch sei , daß von diesen Dingen jetzt die breitesten Schichten der Bevölkentng, nicht mehr dlos enge und abgeschlossene Kreise, bewegt würden, so fehle eS doch vielfach noch an der erforderlichen
Klärung. Es lasse sich übrigens nicht verkennen, daß in den letzten zwanzig Jahren aus diesem Gebiet wesentliche Aenderungen der Anschauungen eingetreten feien, und so habe er sich die Frage aufwerfen müssen, ob es nicht geboten sei, noch vor dem Erlaß des Unterrichtsgesetzes durch Verwaltungsmaßregeln eine Umgestaltung der Methode und des Umfangs im Volksunterricht eintreten zu lassen — er meine die Regulative; aber eS seien auch ganz neue und durch aus noch nicht zum Abschluß gebrachte Fragen hinzu getreten, die Förderung der Mittelschulen und des Fortbildungsunterrichts; er erwähne außerdem noch die Vorbildung der jüdischen Lehrer. Ueber alle diese wichtigen Dinge wünsche er die Ansichten der Versammelten zu vernehmen; zum Anhalt für die Diskussion habe er für die Mitglieder der Konferenz eine Zusam menstellung derjenigen Punkte veranlaßt, bereit Besprechung er wünsche, aber durch keinen der ausgesprochenen Sätze werde die Stellung der Regierung bezeichnet, er wünsche vielmehr das Aussprechen entgegengesetzter Meinungen und erwarte Anträge, nur erbitte er sich dieselben in bestimmter Formulirung.
Nach dieser Einleitung wurde Geschäftliches geordnet. Darüber herrschte allseitiges Einverständniß, daß Abstimmungen und Mehrheitsbeschlüsse schon wegen der Zusammensetzung der Conferenz unzulässig seien; es komme nur auf ein offenes und rückhaltloses Aussprechen der Ueberzeugungen und Erfahrungen an. Protokolle wünschte der Minister und zeigte an, daß er mit Führung derselben den Asscffor von Wolff betraut habe, aber den Schulrath Spieker (Hannover) und den Pastor Richter um ihre Mitwirkung bitte. Es komme ihm nicht darauf an, die Redner in der Reihenfolge, wie sie gesprochen hätten, aufzuführen, sondern auf die Zusammenstellung des Verwandten, damit ein übersichtliches Gesammtbild gewonnen werde; er beabsichtige, diese Protokolle zu veröffentlichen, habe aber seinerseits nichts dagegen, wenn schon sogleich Mittheilungen an die Presse gelangten, nur wünsche er diese objektiv und richtig Für die Vorbereitung der Berathung über die Mittelschulen schien es zweckmäßig, eine Commission zu ernennen. Es wurden als Mitglieder derselben die Herren Bohm und Techow (Berlin), Fix (Soest), Bayer (Wiesbaden), Lange (Segeberg) und Kellner (Trier) vorgeschlagen; da sich kein Widerspruch erhob, wurden die genannten Herren mit diesem Corn- mifforium betraut, ihnen aber auf den Wunsch der
Versammlung und mit Rücksicht auf die Töchterschulen Herr Weiß (Berlin) zugesellt.
Hierauf wurde die Frage aufgeworfen, ob eS schon jetzt möglich sei, in die Erörterung der vorgelegten Punkte einzutreten, da die meisten Mitglieder eben erst in den Besitz der Vorlage gekommen seien; wenn auch der Stoff im Allgemeinen bekannt sei, so dürfte doch eine Discussion ohne Eingehen auf das Detail wenig ersprießlich sein, und am allerwenigsten könne irgend jemand schon eigene Anträge in formulirter Fassung stellen. Einigen Anwesenden schien zwar eine Art erster Lesung zulässig, auch wurde erwähnt, daß die ersten vier Punkte (schulpflichtiges Alter, Zahl der Kinder für eine Klasse, der Unterrichtsstunden für eine Woche und Halbtagsschulen) sehr einfach seien; doch wurde von andern entgegnet, daß zwei Lesungen nach Art der Parlamente für eine so kleine und nicht beschließende Versammlung nur zeitraubend, nicht förderlich fein würden, und daß selbst jene ersten vier Punkte nicht so einfach seien, wie sie auf den ersten Blick erschienen, sofern sie als Basis des Ganzen die einklassige Volksschule hinstellten.
Diese Ansicht fand schließlich allgemeine Billigung, und so wurde die erste Sitzung etwa um 12 Uhr geschloffen und die nächste auf den 12. d. um 10 Uhr anberaumt.
Die „Spen. Ztg." fügt diesem Bericht über die erste Konferenz ihrerseits hinzu: Noch einen Jneidenz- punkt haben wir aus ber obigen Verhandlung zu erwähnen. Der Minister machte in feiner Rede eine Bemerkung, die er damit bevorwortete, daß eS ihm Be- dürfniß sei, sic vor der Konferenz auszusprechen. Er habe nämlich in der „Spen. Ztg." einen Artikel gelesen , der den Geh. Rath Stiehl betreffe, und der von diesem andeute, demselben fehle eS an dem feinen Gefühl, das ihm sage, wann er feinen Platz räumen müsse, um dem Minister in der Ausführung seiner Pläne nicht hinderlich zu sein. Er fei Hrn. Stiehl schuldig, hier zu erklären, daß derselbe bereits vor längerer Zeit seine Entlassung eingereicht habe, und er (der Minister) selber habe die Entscheidung der Sache verzögert, weil er gewünscht habe, daß Herr S-liehl dieser Konferenz als Referent beiwohne.
Deutsches Keich.
Berlin, 12. Juni. Der Kultusminister hat in einem Circular-Erlaß an die Provinzial-Schul- Collegien die Schrift des General-Lieutenants a. D.
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Mathilde.
Novelle von Heinrich Hensler.
(Fortsetzung.)
Jnsbesonbere zweifelten sie nicht, baß Freiherr v. Rothenfels nur um deßwillen in so zudringlicher Weise seinen Mündel zu einer Verbindung mit feinem Sohne dränge, weil derselbe eine reiche, ja sogar sehr reiche Erbin war. Verschwand die Aussicht auf dieses glänzende Heirathsgut, so war der außerordentliche Reiz dieser Parthie verschwunden und damit zu erwarten, daß der Freiherr von freien Stücken darauf verzichten werde. Dann standen dem Glück Maximilians wohl keine Hindernisse mehr im Wege. Es war jedoch auch möglich, daß der Freiherr als lang jähriger Verwalter des Vermögens seines Mündels Scheu vor einer Rechnungsablage hatte, und aus diesem Grunde eine Verbindung Mathildens mit seinem Sohne so^lebhaft wünschte; das machte aber bem Grafen keine Sorgen, er war mit seiner Geliebten zufrieden, und da er selbst sehr reich war, entschloffen, im äußersten Falle auf deren ganzes Vermögen zu verzichten. Er beauftragte sofort seinen Sachwalter, den Justizrath Burgdorf, das Vermögm Mathildens zu redamireti, indem man vermuthete, daß keine Zeit zu verlieren sei. Zugleich wollte Frau v. Seeburg ihre Nichte besuchen und sie von diesem jetzt erst ent- beckten Verhältniß unterrichten, und Maximilian be gleitete sie, indem er hoffte, seine Anwesenheit werde wohl nöthig, der Entwickelung wenigstens nicht hin derlich sein.
Als ber Wagen, welcher bie Gesellschaft nach bem Schlosse bes Herrn v. RothenfelS brachte, an bem Parke vorbeifuhr, erkannte Maximilians scharfes, lebhaft umherspähenbeö Auge Mathilden, welche, einen Spaziergang beenbenb, gerade in den Pavillon trat, ® welchem sie täglich einige Stunden zuzubringen
pflegte. Er machte Frau v. Seeburg darauf aufmerksam, welche, dieses erwünschte Begegnen benützend, mit ihrem jungen Begleiter ausstieg, um jene aufzusuchen, und dem Justizrath sagte, sie würden ihn da erwarten.
Mathilde war erst einige Minuten in den Pavillon getreten, wo sie stets ungestört ihren Träumereien nachhängen konnte, da hörte sie Schritte vor der Thüre, diese wurde geöffnet — ach! die lheure mütterliche Freundin trat ein! Sie erhob sich von dem Seffel, um ihr freudig entgegenzugehen — da trat auch Maximilian herzu. Sie konnte nicht von der Stelle, sie mußte sich wieder setzen. Was sollte, was konnte das bedeuten? Maximilian, den sie so ferne glauben mußte, den sie nie wieder zu sehen hoffen konnte, war ihr so nahe! Ihr blieb aber nicht lange Zeit, über dieses Ereigniß nachzudenken. Die beiden Eintretenden eilten auf sie zu, um sie freundlich zu begrüßen; Frau v. Seeburg schloß die tief erröthende Jungfrau in ihre Arme und küßte die Thränen auf, welche über deren Wangen rollten. „Du armes Kind!" sagte sie, „wie verändert ist Dein Aussehen seit unserem ersten Begegnen und Beisammensein in Ischls Du hast wohl vielen Kummer und Sorgen seitdem gehabt? Ich habe gewiß, wenn auch ohne zu wollen, eigene Schuld deßhalb, weil ich Deinen lieben Brief nicht beantwortete. Es wird aber bald anders werden mit Dir, dafür war ich seitdem unablässig bemüht, und so hoffe ich, wirst Du mein Stillschweigen, verzeihen, nicht wahr, Liebe?"
„Was soll ich Ihnen denn verzeihen," antwortete Mathilde. „Ich habe ja Ihre Antwort erhalten, wenn auch erst auf meinen zweiten Brief. Sie wußten ja nicht, wohin ich gekommen war."
„Wie? Was sagst Du von einer Antwort?" fragte Frau v. Seeburg. „Ich habe keinen zweitens
Brief von Dir erhalten, habe auch nicht an Dich geschrieben!"
Mathilde sah erstaunt Frau v. Seeburg an, zog den uns bekannten und seitdem oft gelesenen Brief, den sie immer bei sich trug, aus der Tasche und reichte ihn jener hin; — diese war nicht wenig erstaunt, als sie ihre Unterschrift unter dem Briefe sah, und sagte, ohne ihn zu lesen:
„Ich verstehe, Dein zweiter Brief an mich wurde unterschlagen, und dieser Brief hier in meinem Namen als Antwort geschrieben und Dir zugestellt. Wir wollen diesen Kunstgriff späterhin erörtern, einstweilen aber dieses Actenstück zu hoffentlich sehr dienlichem Gebrauch aufheben. Ich habe Wichtigeres mit Dir zu besprechen. Vor allem habe ich Dir mitzutheilen, daß die Erzählungen der alten Martha uns den Weg zeigten, verschiedene Familienverhältniffe aufzuhellen unv zu erörtern, welche das Glück Deines Lebens ernstlich bedrohten. Der Augenblick drängt jedoch, und ich muß die ausführliche Auseinandersetzung einer späteren Stunde Vorbehalten. Deine Mutter ist nickt die Tochter der Gräfin Auguste v Kausberg, sondern des Frei- Herrn Bernhard v.Dienstorff und dessen Gattin Elisabeth v. Armsheim. Sie verdankt ihr Dasein einem durchaus rechtmäßigen Verhältniß und ist meine Schwester, die ich leider im Leben nicht kannte. Du bist also meine liebe Nichte, und darum das vertrauliche und herzliche „Du" deffen ich mich heute bediene."
„Ist es möglich," rief Mathilde, Frau v. Seeburg wiederholt umarmend und unzähligemal küffend. „Jetzt erst erkläre ich mit Ihre große Aehnlichkeit mit dem Bilde meiner Mutter, und daö Gefühl, das, wik ich Ihnen auch geschrieben habe, mich immer so sehr zu Ihnen hinzog und mich zu einem rückhaltlosen Vertrauen aufforderte"
(Schluß folgt.)