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1872

Marburg, Dienstag, den 11. Juni

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Oberhessische Zeitung

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und Verbesserung der Verbindungen, Einrichtung der vierten Wagenklaffe Einiges in dieser Hinsicht ge­schehen ist, so entsprichl trotzdem der Tarif nicht mehr den jetzigen Ansprüchen des Verkehrs. Bereits vor 1866 hatte der Handelsminifter angeregt, denselben auf bVa, 4 resp. 2^2 Sgr. pro Meile herabzusetzen, doch traten die Ereignisse der Verwirklichung dieser Absicht störend entgegen. Es können nun jetzt auch die vielfachen Erfahrungen auf anderen Bahnen be­nützt werden. So beträgt unter Wegfall des Frei­gepäcks von 50 Pfd. und Ermäßigung der Tages- biUete, abgesehen von Schüler- und Abonnements- billete der Tarif auf den elsässischen Bahnen 6, 3, l2/3 Sgr., auf den süddeutschen 5, 3*/2, 2*/4, auf den belgischen seit der eingführten Wiedererhöhung 44/2, 3Vi, 21/4 Sgr. Der Handelsminister schlägt nun vor, bei gleichen Voraussetzungen und in Anbe­tracht, daß bereits durch die IV. Klasse für das ärmere Publikum gesorgt ist, den Tarif auf 5, 31/2, 2 und IV4 Sgr. mit einem Aufschlag von 20 pCt. für Schnellzüge herabzusetzen und fordert die Directionen auf, binnen 4 Wochen sich über diesen Vorschlag gut­achtlich zu äußern.

Sicherem Vernehmen der „Hamb. Nachr." zufolge will der Kronprinz am 29. d. M., dem Jahrestage des Uebergangs nach Alsen, in Sönderburg eintreffen, um der feierlichen Einweihung der Denkmäler in Düppel und Alsen beizuwohnen. — Wie man aus Wien schreibt, ist dort von der Meldung der „Frank­furter Presse", der Kaiser werde mit dem Czaren der Enthüllung des Steindenkmals in Nassau anwohnen, nichts bekannt. — Freiherr v. Roggenbach hat den Kronen orden 1. Klasse erhalten. — Was die Luxem­burger Eisenbahn-Convention betrifft, so steht so viel fest, daß man hier eine weitere Verzögerung als un­zulässig ansieht. Der baldige Abschluß gilt mehr als je für gesichert. Die am 6. d. erfolgte Hierherkunst des luxemburgischen Ministers Servais hängt augen­scheinlich mit dem Abschluß zusammen. — Wie man der „Köln. Ztg." und der „Schl. Ztg." von hier übereinstimmend telegraphirt, werden mit Luxemburg außer der Eisenbahn-Convention, auch noch Post- und Telegraphen-Verträge zum Abschluß gelangen, und zwar, so viel man weiß, unabhängig von jener Eisen­bahn-Convention. — Der im Mittelfelde der bisher ausgegebenen deutschen Postwerthzeichen ausgeprägte Kaiserwappenadler entspricht nicht ganz genau der erst nach Beginn der Fabrikation jener Werthzeichen end-

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gültig festgestellten Form des Adlers im kaiserlichen Wappenschilde. Seit dem 1. d. M. wendet die Staats- druckerei Stempel der nunmehr endgültig festgestellten Form an, die sich von der bisherigen hauptsächlich durch die mit Bändern versehene Krone und das grö­ßere Brustschild unterscheiden. Die Werthzeichen der neueren Art sollen jedoch erst nach Verbrauch der Be­stände der jetzigen Werthzeichen ausgegeben werden.

Kofel, 9. Juni. Gegenüber den französischen Verleumdungen deutscher Aerzte veröffentlicht die „Schles. Ztg." ein zweites Schreiben des Abbö Lo- marche, in welchem dem Dr. Reich zu Loslau wegen seiner Thätigkeit für die französischen Gefangenen auf das Herzlichste gedankt wird. Außerdem liegen dem Blatte auch noch zwei Briefe aus Amiens und Ram­bouillet (Seine et Oise) vor, in welchen nach Frank­reich zurückgekehrte Kriegsgefangene und deren Ange­hörige die innigste Dankbarkeit für die sorgsame Pflege aussprechen, welche den Gefangenen zu Theil gewor­den ist.

Dresden, 9. Juni. Der Kronprinz von Ita­lien und dessen Gemahlin sind vorgestern um 1 Uhr Nachmittags von Leipzig hier eingetroffen und wurden am Bahnhose, vor welchem eine Ehren-Kompagnie aufgestellt war, vom König und dem Prinzen Georg empfangen und nach Pillnitz geleitet. Das Publikum begrüßte die Kronprinzessin, die Enkelin der sächsischen Majestäten, mit freudigen Hochrufen. Gestern Vor­mittag hat der Kronprinz Humbert die Museen besucht und Nachmittags mit unserm Kronprinzen und dem Prinzen Georg einem von den Officieren veranstalteten Rennen beigewohnt. Heute Abend ist derselbe mit seiner Gemahlin zur Oper „Lohengrin" im Hoftheater erschienen. Am Montag findet ihm zu Ehren eine Parade der Garnison statt.

Leipzig, 9. Juni. Die hiesige Handelskammer hat vorgestern Abend, nachdem die Dringlichkeit des bezüglichen aus der Mitte der Versammlung gestellten Antrags beschlvffm worden war, an den preußischen HandelSminister das Ersuchen gerichtet, daß, in Er­füllung der früher schon ertheilten und in dankbarer Erinnerung bewahrten Zusage der möglichst baldigen Errichtung einer preußischen Bankfiliale am hiesigen Platze, dem preußischen Landtage die erforderliche Vorlage gemacht werden möge.

München, 9. Juni. Nach genaueren Infor­mationen, schreibt die „N. Z.", verhält sich die Ange­legenheit mit dem Senat der Universität folgender-

„Mein Auftrag lautet an Fräulein Mathilde von Rothenfels und Sie als deren Vormund. Es ist eine höchst fatale und mir durchaus unangenehme Ge­schichte; doch konnte ich den mir ertheilten Auftrag verwöge meiner Stellung zu meinem hohen Man­danten in keiner Weise ablehnen. Es betrifft nämlich nichts mehr und nichts weniger als die Reclamation des gelammten Vermögens Ihrer Mündel. Ich will Ihnen das Nähere mittheilen und überlasse Ihnen sodann, das Fräulein darauf vorzubereitm."

„Das ist allerdings eine sehr überraschende Nach­richt," erwiderte der Freiherr, „und ich bin sehr be­gierig , in welcher Weise dieser Antrag begründet werden soll."

-„Das kann aus zweifache Art geschehen," sagte der Justizrath, „von welchen die eine so rechtlich ist wie die andere. Es ist Ihnen bekannt, daß mein hoher Mandant ein Enkel des hochseligen Grafen Franz Ferdinand v. Kausberg ist, und da dessen Frau Mutter, die Gräfin Marie v. Kausberg, die einzige legitime und anerkannte Nachkommenschaft des genannten Herrn Grafen ist, derselbe als einziger Abkömmling recht­lichen Anspruch auf die ganze Verlassenschast haben würde, wenn auch nicht das vorhandene Testament desselben diese Disposition getroffen hätte."

„Sie könnten vielleicht Recht haben," entgegnete sichtbar ergriffen der Freiherr, „wenn nicht eine andere von dem höchsten Gerichtshöfe bestätigte und von Sr. Majestät dem Könige sanctionirte Urkunde —"

„Auch diese ist mir bekannt," unterbrach der Ju­stizrath den Freiherrn, und ich würde allerdings einiges Gewicht darauf legen, wenn damals nicht ein kleiner Umstand übersehen worden wäre. Ihr Herr Vater, der Herr Reichsrath Karl Friedrich v. Rvthen- fels, und der Herr Graf Emmeran v. KauSberg waren beide zu Vormündern der Kinder der Gräfin Auguste

Mithilfe.

Novelle von Heinrich Hensler.

(Fortsetzung.)

Mathilde richtete stch jetzt auf und sah mit den dunkeln feurigen Augen, die mit der bleichen Gesichts färbe so lebhaft contrastirten, den Oheim eine Weile scharf an, dann sagte sie:

„Ich sehe ein, daß Sie in vielfachen Beziehungen Recht haben, Sie übergehen jedoch den wahren Grund dieser unangenehmen Lage. Es würde die Sache nicht ändern, wollte ich diesen Punkt noch einmal erörtern, doch muß ich abermals behaupten, daß Sie allein die Schuld tragen. Möge das jedoch sein, wie eö wolle, ich sehe leider ein, daß alles, wie Sie sagen, auf dem Spiele steht, und darum ist es möglich, daß ich aus Ihren Vorschlag, jedoch nur unter den zuletzt ange­gebenen Bedingungen eingehe. Ich werde die Sache noch weiter überlegen und in acht oder vierzehn Tagen meinen Entschluß Ihnen mittheilen —"

„Wofür diese Bedenkzeit," unterbrach der Freiherr seine Nichte; „es handlt sich hier um Thatsachen, welche nur durch rasches, entschiedenes Handeln un­schädlich gemacht werden können —"

„Heute sage ich nein," entgegnete Mathilde; „wenn Eie in der von mir gewünschten Frist mich wieder fragen, ist eS möglich, daß ich ja sage."

, „So will ich das Ja heute schon annehmen," sagte der Freiherr, „und meinen Sohn davon in Äenntnife setzen, damit er einstweilm hierher kommt—"

„Thun Sie das nicht," antwortete _ Mathilde, »eS könnte leicht vergeblich fein, und würde gewiß nichts nützen."

„Auch darin soll Dein Wunsch maßgebend fein," entgegnete der Freiherr, indem e« ihm schwer wurde, seine Freude Über daS errungene Resultat zu verbergen.

Deutsches «eich.

** Berlin, 9. Juni. Die „Kreuzzeitung" hatte die „Germania" interpellirt, weßhalb sie gar keine Notiz von dem Artikel der „Prov. - Korresp." über die Namszanowski'sche Affaire nehme. Die „Germania" antwortete darauf, daß sie, da jener Artikel offenbar auf Unkenntniß beruhe, erst selber stch Instructionen und Jnformattonen sammeln muffe; es sei ja einerlei, ob sie dieselben von Berlin ober von Rom bezöge, die „Kreuzzeitung" werde wohl für Erste an den von ihr 'veröffentlichten Documenten genug haben. Dies möchte insofern richtig fein, als aus denselben eben zur Genüge hervorgeht, daß die Regierung mit ihrer Behauptung durchaus im Rechte ist, der Feldpropst habe seine kanonische Mission zwar vom Papste, seine amtliche Bestallung aber vom König erhalten. Bereits 1866 theilte der Cultusminister Herrn Namszanowski mit, daß der König seinen Eintritt in die bezeichnete Stellung genehmigt habe und daß in Rom wegen Übertragung der kanonischen Facultären Verhand­lungen angänüpft seien. Nachdem diese durch das Breve PiuS IX. zum Abschluß gelangt, setzte ihn der Cultusminister durch sein Rescript vom 27. August 1868 auch hiervon in Kenntniß, indem er hinzusügte, daß ihm jetzt nur noch die nöthige landesherr­liche Bestallung fehle. Hieraus geht vollends mit Deutlichkeit hervor, daß Herr Namszanowski nicht nur Bischof deS Papstes, sondern auch Beamter des Königs ist. — Die „Epen. Ztg." tischt ihren Lesern das Mährchen auf, die Einbringung des Jefuilengesetzes erleide hauptsächlich durch den Widerstand des Grafen Eulenburg eine Verzögerung. Wenn ein anderes Blatt dazu bemerkt, es könne sich nicht denken, daß irgend ein preußischer Minister die Ansicht vertrete, Degen die Jesuiten solle nichts geschehen, so ist das ein durchaus richtiger Gedanke. Es bestand unter den Ministern nur darüber eine Meinungsverschiedenheit, wie man den Jesuiten am Wirksamsten entgegentreten könne; auch war die Ansicht des Reichskanzlers ein- zuholen. Wie man hört, ist der Wortlaut deS Gesetzes nunmehr eben festgestellt und wird dasselbe bereits in den nächsten Tagen dem Reichstage zugehen. Es ent­spricht im Ganzen den ursprünglich in dm Zeitungen gemachten Angaben. — Der Handelsminister hat an die Direktionen der königl. Eisenbahn ein Circular wegen Herabsetzung deS Personentarifs gerichtet. Der­selbe beruht noch immer auf den 1855 festgesetzten Rönnen. Wenn auch durch Tagesbillete, Vermehrung

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„Ich werde alles hiezu Nöthige vorbereiten und Dir heute noch den Ehevertrag —"

„Damit hat es keine Eile," sagte Mathilde, „daö kann alles später geschehen; doch muß ich Sie bitten, mich jetzt zu schonen, und mich allein zu lassen; ich fühle, daß mein Nebel wieder zunimmt."

„Du wirst doch nicht krank werden, liebe Nichte?" fragte der Freiherr besorgt; „ich werde dennoch nach dem Arzte —"

Mathilde hatte ihr Gesicht wieder verhüllt, sie schüttelte heftig mit dem Kopfe und machte mit der Hand abwehrende Zeichen — der Oheim ließ sie allein.

Nur mit Mühe hatte sie sich so lange aufrecht er­halten und eine Stärke und Entschlossenheit gezeigt, die über ihre Kräfte ging. Kaum war sie allein, fo bereute sie, eine Zusage gegeben zu haben, die sie zwar zu nichts verpflichtete, aber doch ihrm Vormund zu Hoffnungen berechtigte, welche ihr neue Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten bereiten mußten. Sie hatte sich eine kurze Frist erkauft, — wenn sich aber wäh­rend dieser Zeit nichts ereignete, was im Stande ge­wesen wäre, ihre Lage zu ändern, obschon sie mit einer ganz unerklärlichen Zuversicht dieses erwartete, so war sie schlimmer daran, als in diesem Augen­blick. Das bedachte sie jetzt, und sie fühlte sich kör­perlich und geistig so angegriffen und niedergedrückt, daß sie mehrere Tage den Ausbruch einer gefährlichen Krankheit befürchtete.

10.

Nach einiger Zeit war Mathilde wieder im Stande, ihre täglichen Spaziergänge im Schlvßgarten zu machen, und ihr Oheim hatte sich vorgenommen, sie an ihre Zusage zu erinnern, als ihn eines Tages ein ältlicher Herr besuchte, welcher sich als Justizrath Burgdorf und Generalbevollmächtigter des Grasen Miximilian v. Werdenberg legitimirte.