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Marburg, Sonntag, den 9. Juni

1872

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Oberhejsische Zeitung.

firftbeint täglich außer den Werktagen nach Sonn- «nd Feiertagen. Preis für das Quartal bet Oberhesfischen Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Koch'sche Auchdruckerei) bezogen 22; egt., durch die Postämter 27 ®gr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Au-land<tc(. Stempel 22 ®gr. — JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

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Pslittsche Wochen-Ukbrrstcht

Unter den Ereignissen, welche die vergangene Woche da« Interesse nicht nur in unserm engeren und wei­teren Vaterland, sondern über die Grenzen desselben hinaus in Anspruch genommen haben, gebührt der Vorrang zwei Thatsachen, die in Bezug auf die äu­ßere und innere Politik des Reiches in voller Ueber- einstimmung stehen mit dem von Anfang an von der Regierung sestgehaltenen und durchgesührten Programu, des Friedens nach Innen und Außen, Wahrung der Hoheit der Gesetze ohne Unterschied der Person; wir meinen den Besuch des kronprinzlichen Paares von

Italien an unserem kaiserlichen Hofe und die Sus- prnstrung de» ArmeepropsteS NamszanowSki. Liegt in dem ersteren ein eclatanter Beweis der herzlichen Freundschaft der beiderseitigen Dynastien, eine gegen- stitige Anerkennung dessen, waS beide Länder aus eigener Kraft geworden sind und tritt hier der Ge­danke nahe, daß zwei Reiche von so unverkennbarer ^Sehnlichkeit in ihren Wegen und Zielen ebenso sehr jeden Eingriff eines Dritten in ihre inneren Angele- genheitea zurückweisen werden, als ihnen die Absicht ferne liegt, sich unberufen in die Geschicke anderer Staaten einzumischen, so bekundet der zweite Vorgang, die Enthebung deS Bischoss NamszanowSki von sei­nem Posten als Armeepropst, den entschiedenen Willen unserer Regierung, sofort die frevlerische Hand zu strafen, die eS wagt, an den Gesetzen, dem Funda­mente deS Staates, zu rütteln, fxi es durch Verwei­gerung des denselben schuldigm Gehorsams, sei es durch direktes Ankämpfen gegen die bestehende Ordnung. Zn letzterer Beziehung haben sich bekanntlich Regie rmtg und Volksvertretung entschieden gegen den Je- suitenorden und andere staatSgefährUche geistliche Kor- porationvi ausgesprochen und trifft erstere, dem Der- nehmen nach, bereits Anstalten zur Vorlage eines ent­sprechenden Gesetzes an den Reichstag. — In Land­tagskreisen wird angenommen, daß die Beschlußnahmc über die Vertagung deS Landtages in beiden Häusern am nächsten Montag erfolgen werde. Die Vertagung stlbst werde auf Grund einer Allerhöchsten Verord- nung an demselben Tage zu einer späteren Stunde eintrcten. Auf die Tagesordnung der für Montag an beraumten Sitzung, des Herrenhauses ist der Bericht der KreiSordnungS Commission gesetzt. — Nicht allein Baiern sondern ganz Deutschland nimmt Theil an dem Verluste deS Ministers Grafen Hegnendt g-Dux. Früher zur großdeutschen Partei zählend erkannte er

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Mathilde.

Novelle von Heinrich Hensler.

(Fortsetzung.)

Am andern Tag besuchte sie der Oheim. Sie lag ruhig auf dem Sopha, sah bleich und überhaupt angegriffen au«, und erwiderte freundlich den Gruß des Vormunde« mit einem kaum benierkbaren Kopf

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Nicken.

„Dir ist nicht wohl, liebe Mathilde?" fragte dieser.

„Zch habe Kopfweh!" antwortete die Jungsrau mit kaum vernehmlicher Stimme.

„Soll ich nach dem Arzt schicken, wenn auch nur aus Vorsorge?" fragte der Freiherr weiter.

„Ich danke," antwortete jene, „es ist nicht nöthig; die Migräne wird hoffentlich bald vorübergehen."

„Das freut mich, liebe Nichte!" fuhr der Freiherr fort. „Ich kann somit auch ohne Anstand etwas mit Dir sprechen, was sich unmöglich länger aufschieben läßt. Es sittd jetzt vier Wochen, daß ich in dem Wahne, Deine Einwilligung zu haben, das Fest Dei­ner Vermählung feiern wollte, welches Du in so auf­fallender Weise unterbrochen hast. Man machte mir die Anzeige von Deiner Flucht, ich warj im Begriff, der ganzen Gesellschaft zu sagen, wie sie von einem jungen Mädchen in den April geschickt worden sei, aber Ernst hiest mich davon zurück. Er legte Deine Flucht als eine jugendliche Uebereilung aus, und bestand darauf, dieselbe vor jedermann zu verheimlichen. Mit vieler Geistesgegenwart entwarf er den Plan, den wir glück­lich ausführten. Wir zogen nur allein den GeiMchen in daS Geheimniß. Ernst versteckte sich irgendwo in dem Schlosse, und ich erzählte den Gästen, nach einer bizarren Id« meines Sohnes habe daS junge Paar sich vor einer Viertelstunde trauen lasten, und sei heimlich, um gedrohten Neckereien zu entgehen, auch

nach 1866, daß die Rekonstituirung Deutschlands nur mögllch war unter der Führung Preußens. Als der bayerische Premier Fürst Hohenlohe durch die ultra montane Kammermehrheit gestürzt worden war, lehnte er zunächst aus Gesundheitsrücksichten die Uebernahme des hohen Amtes ab; als aber das baierische Staats­ruder den Händen des schwächeren und schwankenden Grafen Bray entglitt, fühlte er sich verpflichtet, in die Uebernahme desselben zu willigen.

Oesterreich hat mit der verstorbenen Erzher­zogin Sophie eine Frau verloren, der es vermöge ihrer hohen Stellung möglich war, einen bedeutenden Einfluß auf die innere Politik auszuübe». Die Eingeweihten behaupten, daß sie die Stütze der kleri­kalen Partei gewesen sei. Immerhin, eine Fürstin von so großen persönlichen Eigenschaften und heimgesucht von so schwerem Unglück, wie es sie durch die Er­schießung ihres Sohnes, des edlen Maximilian von Mexiko betroffen hat, verdient die allgemeinste Achtung. — Die brüderliche Theilnahme der deutschen Bevöl­kerungen bei den schweren Landesnöthen in Böhmen zeigt sich in parlamentarischen wie in privaten Kreisen in edelster Weise, während die politischen Föderirten der Czechen sich ziemlich lau und die Czechen selbst wenig erkenntlich erweisen. — Der Konflikt über das Landwehrgesetz wurde im Keime erstickt, da am 5. von Seiten der Regierung die Bereitschaft zur Annahme aller mit dem Principe des Gesetzentwurfes zu ver einigenden Veränderungen erklärt wurde; der Ausschuß beschloß in Folge dessen die Verhandlungen über diese Angelegenheit wieder aufzunehmen. — Die kroatischen Wahlen sind stark zu Gunsten der Nationalen aus­gefallen. — Der Cultus-Minister hat für die nächste Session die Vorlage des confessionellen Gesetzes zu­gesagt.

Die französische, National - Versammlung ist eifrigst beschäftigt mit der neuen Discussion des Ar­meegesetzes ; es ist begreiflich, daß bei der militärischen Wichtigkeit Frankreichs, welcher in den Augen der Chauvinisten die Jahre 1870 und 1871 keinen Ein­trag gethan, das ganze Land mit der größten Theil­nahme einer Organisation folgt, wozu sich nolens volens der Besiegte beim Sieger das Vorbild holt. Die Verhandlungen nehmen einen beschleunigten Fort­gang und stehen bereits vor §. 37. — Wiewohl auch in der neuen Budgetcommissivn die Freihändler über­wiegen, verliert Thiers' Lieblingsplan, die Besteuerung der Rohstoffe, keineswegs an Wahrscheinlichkeit aus

Annahme, vielmehr werden dem Präsidenten die An­nahme des Militärgesetzes und die dadurch bedingten Mehrausgaben eine willkommene Veranlassung geben zur Anlegung der Steuerschraube an das genannte Steuerobjekt.

Endlich scheinen die Hoffnungen auf eine glückliche Lösung der Alabamafrage festen Fuß fasten zu dürfen. Gladstone und Granville haben im englischen Par­lament erklärt, Amerika wolle die Vereinbarung in Betreff deS Zusatzartikels zum Washingtoner Vertrag als die endgültige Lösung der indirekten Schadenan­sprüche betrachten; es fehlt also gar nichts mehr als — die Hauptsache, die definitiver Verständigung über den Zusatzartikel rcsp. die Annahme des von Amerika rcdigirten Artikels von Seite Englands. Jedenfalls werden wir zunächst um das Schauspiel deS Schieds­gerichtes in Genf kommen, das nunmehr vertagt wer­den wird. Aus der Welt geschafft ist also die Ala­bamafrage nicht, vielmehr rückt jetzt nach den langen Vorpoftengefechten wegen des indirekten Schadens der Kampf um den Kern deS Streites herbei. — Inmit­ten der Ungewißheit über Tod und Leben des Was­hingtoner Vertrages wurde endlich die Ballotvorlage im Unterhaus« erledigt. In manchen Punkten stärker, in manchen aber eutschiedeii schwächer als der ursprüng­liche ministerielle Entwurf sie machte, tritt sie zunächst vor das Oberhaus. Ob sie indeß in dieser Session zur Akte heranreifen werde ist noch keineswegs entschieden.

Aus dem Haag wird das am 4. d. erfolgte Ab­leben des niederländischen Ministerpräsidenten I. R. Thorbecke gemeldet, welcher bekanntlich kurz zuvor in Folge einer Ablehnung der Steuervorlagen nebst seinen Kollegen von der Leitung der Staatsge­schäfte zurückgetreten war. Letztere fungiren inzwischen •*.„ noch interimistisch. Thorbecke war schon hoch betagt, er ist im Jahre 1796 geboren. Ursprünglich Professor des Rechts und der politischen Wissenschaften, von 1840 bis 1845 Mitglied der Ersten Kammer, entwarf er im Jahre 1844 mit noch sieben anderen Delegirten ein Versastungsprojekt, welches damals vom König als zu liberal verworfen, aber im Jahre 1848, wo Thor­becke an die Spitze einer Kommission zur Revision der Verfassung gestellt war, fast unverändert ange­nommen wurde. Von da an war Thorbecke unauf­hörlich Mitglied der Landesvertretung, und immer Führer der liberalen Partei. Von 1849 bis 1853, dann von 1862 dis 1866 und wieder von 1871 bis jetzt stand er an der Spitze des Ministeriums.

um die fröhliche Laune der Gesellschaft nicht durch den Abschied zu stören, fortgereist rc. Wir beendeten in tiefer Weise die Feierlichkeit durch Illumination und Ball. Ernst schlich am Abend zur Hinierthür hinaus, und während oben rauschende Melodien zum Tanze auffordertei^ und der jüngere Theil der Anwe senden sich diesem Vergnügen überließ, — fuhr der so bitter Getäuschte, so schwer Gekränkte heimlich mit­ein Verbrecher davon. Er ist jetzt in der Schweiz und sucht da seinen ungeheuren Schmerz zu betäuben. — So stehen die Verhältnisse jetzt, liebe Mathilde! Du siehst, mit welcher Selbstverlntgnung es uns ge­lungen ist, Deinen guten Ruf, den Du so leichtsinni­ger Weise aus daS Spiel setztest, bis jetzt zu erhalten; ich beabsichtige auch nicht, Dich zu irgend etwas zu zwingen — vor der Welt bist Du die Gemahlin meines Sohnes, und ich überlaste Dir, diejenigen Schritte zu thun, welche Dir räthlich scheinen. Du mußt jedoch bald zu Deinem Entschluß kommen, denn der Urlaub meines Sohnes naht seinem Ende, und überdies wirst Du ihm gewiß nicht zumuthen, noch länger draußen herumzufahren. Findest Du nicht bald einen paffenden Ausweg aus diesem sonderbaren Zustand, dann wird nachträglich die ganze Geschichte ruchbar, und Tu allein wirst es zu verantworten ha­ben, wenn mit Deinem Ruf auch die Existenz meines Sohnes zu Grunde geht."

Der Freiherr hielt hier ein, «m zu beobachten, welchen Eindruck seine Mittheilungen hervorgebracht hätten. Mathilde lag immer noch ruhig in der Sopha- ecke — sie hatte ihr Gesicht verhüllt — man sah, daß sie weinte.

Nach einer Weile, während welcher der Freiherr vergebens auf eine Antwort gewartet hatte, fuhr er mit sanfter Stimme fort: „Wenn Du bedenkst, Ma­thilde, daß es sich um daS Glück, vielleicht um das

Leben zweier Personen handelt, die beide mir sehr nahe stehen, ja, daß die Ehre meines Hauses mit dieser Angelegenheit steht oder fällt — unwiederbring­lich — so wirst Du mein Drängen begreifen und diesem gewiß keine falschen Motive unterlegen. Viel­leicht nimmst Du einige Rücksicht auf Deinen altert Oheim, Deinen nächsten Verwandten, der sich daS Zeuguiß geben kann, daß er immerbar Dein Bestes wollte, und nie ermüdete, sich Dir von Deiner frühe­sten Kindheit an in allen Stücken freundlich und ge­fällig zu bezeigen. Ich will Dein Unglück nicht, ich will nur Dein Glück; dazu ist aber vor allem erfor­derlich , daß das eine Wahrheit wird, was die Welt bereits glaubt, und daß Du Deine Hand dem Manne reichst, dessen einziger Fehler vielleicht eine überaus große Liebe zu Dir ist, eine Liebe, die Du seither so schnöde behandeltest, ohne sie ersticken zu können. Ich hoffe Dich noch zu überzeugen, daß Dein Wider- ftreben ein kindisches ist, und zweifle so wenig daran, daß ich nicht zögere, Dir noch einen weiteren Vor­schlag zu machen: Du lässest Dich sofort mit Ernst trauen, aber unmittelbar nach der Trauung reist die­ser in seine Garnison, während Du hier bleibst. Ernst naht sich Dir nur dann erst, wenn es Dein Wunsch ist; kannst Du Dich binnen Jahresfrist nicht dazu entschließen, dann wird eure Ehe wieder getrennt, und zwar auf Antrag meines SohneS, welcher alle Schuld auf sich nehmen wird. Du schweigst immer noch, Mathilde? Soll ich Dein Schweigen als Einwilli­gung annehmen?"

(Fortsetzung folgt.)

Die öitieaffmg der Bande deS LuetzilaS.

Ueber die Entwaffnung der Carlistenbande Cue- vilas schreibt ein Augenzeuge aus Durango (Provinz Biscaya) untern 27. v. MtS- ।