Jltaröurg, Donnerstag, den 6 Juni.
1872
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Deutsches Reich.
*♦ Berlin, 4. Juni. Der Reichstag hat heute einen Theil seiner Sitzung nicht unter seinem ersten Präsidium fortsühren können, da dasselbe zur Theilnahme an der Taufseierlichkeit im Neuen Palais zu Potsdam besohlen war; überhaupt hat die politische Welt heute Ferien, da zu diesem feierlichen Akte die höchsten Staatsbeamten sowohl, als auch alle dem Hofe nahe- stehenden Persönlichkeiten eingeladen sind. Eine besondere Bedeutung, man kann wohl sagen, politische Beimischung erhält die Festlichkeit durch die Anwesenheit der italienischen Gäste, wie dies bereits wiederholt in der Presse und öffentlichen Meinung sich kundgegeben hat. — Tie Verhandlungen über die Vertagung des Landtags sind jetzt zur Reife gediehen und steht eS fest, daß die Initiative dafür formell vom Herrenhaus« auSgehen wird. Graf Münster hat bekanntlich einen mit Zustimmung aller Fraktionen des Herrenhauses, selbst mit der des Hrn. v. Senfft Pilsach , abgefaßten Antrag auf Vertagung circuliren lasten. Es wird jedoch im Herrcnhause als nothwen- dig erachtet, daß vor dem Vertagungsbeschlussc der Bericht der amtlichen Commission für die Kreisordnung zur Verlesung und Feststellung gelangt; man nimmt an, daß die Commission vor der Plenarsitzung zusammentreten wird, um ihre Aufgabe zu erledigen. — Der Cultusminister Falk ist gestern von der Inspektionsreise nach Weißenfels zurückgekehrt und dürfte Ende dieser Woche nach Reichenbach in der Lausitz reisen, um daS dortige neuerdings begründete Seminar zu inspiciren. ES wird durch diese Angabe die Be hauptung der „Voss. Ztg.", daß Dunzlau und Weißenfels nicht die »ölhige Information über die Wirkungen der Regulative geben würden, weil in diesen Seminaren oie Leitung Männern aus der alten Schule obliege, total widerlegt. — Die Acußerungen des Minister v. Mittnacht bei Gelegenheit der Debatte über den Lasker'schen Antrag haben ernste Sensation hervorgerufen und Hr. v. Mittnacht selbst durfte sich schon überzeugen, welche Ausbeute seine Aeußerungen in der deutschfeindlichen Presse gefunden haben und daraus ersehen, wie wenig taktvoll und staatsmännisch seine Mittheilungen gewesen sind. Die Thatsache auf welche der Minister hingewiesen hat, ist ja bereits vielfach besprochen worden und ist hiebei immer nur erklärt worden, daß es rin Provstorium sei, daß die Vorlagen an den Reichstag durch die preußischen Behörden erfolgen. Es wäre deßhalb jedenfalls postender gewesen, wenn die Kritik des Ministers über dieses unter den gegenwär tigen Verhältnisten unvermeidliche Verfahren von Re
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Mathilde.
Novelle von Heinrich HcnSler.
(Fortsetzung.)
Eines Tage- hatte die alte Martha in der Nachbarschaft einen Besuch gemacht. Als sie gegen Mittag nach Hause kam, traf sie die Fremde, welche sie bei sich ausgenommen hatte, nicht in der Hütte an. * „Sie wird wohl einen Spaziergang in den Wald gemacht haben," sagte die Alte zu sich und ging ihrer Arbeit nach.
Die Mittagszeit kam herbei, ihr Sohn kaui nach Hau«, Mathilde war immer noch nicht da; „das Mädchen wird sich doch nicht verirrt haben," sagte Manha zu ihrem Sohne, „es hätte Nicht Weggehen sollen, so lange ich nicht wieder zurück war, jedenfalls hätte sie in der Nähe der Hütte bleiben müssen."
„Ich will jetzt gleich auf die Arbeit gehen und lieber nicht ruhen," erwiderte Mathes, „da gewinne ich eine halbe Slunde und will mich entschuldigen, wenn ich etwa zu spät komme; ich will nämlich einmal durch den Oberwald laufen; hat das Mädchen sich verirrt, so ist es am ersten dort geschehen, wo so viele Wege durcheinander ziehen. Ich will überall laut rufen, vielleicht hört cs mich und gibt Antwort, da kann ich es zurecht weisen."
„Du hast recht, MatheS," entgegnete die Alte, „thue das, der liebe Gott wird es Dir vergelten!"
MatheS ging fort, Abends spät kam er wieder nach Hause, er war noch einmal durch den Oberwald gelaufen, hatte das Mädchen aber weder auf dem Hin- noch auf dem Herwege gesehen, sie war auch nicht zurückgekommen!
Schneller nämlich als Mathilde es erwartet hatte,
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diese Sache abgelehnt haben. Diese Angaben beruhen auf Mißverständnissen. Von einer europäischen Con- ferenz in der Sache ist nicht die Rede, und eben so wenig von einer Ablehnung österreichisch-ungarischer Vorschläge oder Anträge hinsichtlich der socialen Frage. Bei den Besprechungen, die im vorigen Sommer in Gastein stattfanden, ist, wie bekannt, auch dieser Gegenstand zur Sprache gekommen, und die Regierungen von Deutschland und Oesterreich-Ungarn haben, jede für sich, von Fachleuten Material zur Bildung eines Urtheils über die einschlagenden Verhältnisse und zur Auffindung von Mitteln der Abhülfe in Bezug auf etwa berechtigte Klagen der arbeitenden Klasse sammeln und zusammenstellen lassen. Dieses Material hat man sich gegenseitig mitgctheilt. Dem Vernehmen nach dauern die betreffenden Arbeiten fort, und daran wird sich eine mündliche Erörterung und Verständigung schließen, zu welcher beide Staaten Commiffare ab ordnen werden und zu denen vielleicht auch andere sachkundige herangezogcn werden möchten. Diese Con- serenz, welche also durchaus keinen europäischen Charakter haben und keine Beschlüsse fassen, sondern lediglich vorbereitender Natur sein wird, dürfte in Berlin slaltfinden."
Heute Nachmitag 2 Uhr fand im königlichen neuen Palais zu Potsdam die Taufe der am 22. April geborenen Prinzessin, Tochter Ihrer kaiserlichen und königlichen Hoheiten des Kronprinzen und der Kronprinzessin , Prinzeß-Royal von Großbritannien und Irland, statt. Se. Majestät der Kaiser und König und die höchsten Herrschaften versammelten sich um 2 Uhr im Tamerlan-Saale des genannten Palais. Die übrigen Taufzeugen nahmen den Eintritt durch den Muschelsaal. Unmittelbar vor dem Beginn deö Taufacts traten die allerhöchsten und höchsten Herrschaften in die als Taufkapelle hergerichtete Jaspis- Gallerie und gruppirten sich im Halbkreise um den Altar. Ihre kaiserliche und königliche Hoheit die Kronprinzessin nahm, während der Tauszug sich näherte, in der Tauskapelle Platz. Nachdem der Täufiing in die zunächst der Taufkapelle gelegenen Gemächer durch die Leibpagen Ihrer kaiserlichen und königlichen Hoheiten des Kronprinzen und der Kronprinzessin gebracht worden war, wurde derselbe, geführt von dem Hofmarschall Grafen zu Eulenburg, durch die stellvertretende Ober-Hofmeisterin Gräfin von der Goltz unter Assistenz der Ober Gouvernante Gräfin von Reventlow bis an die Thür der Taufkapelle getragen, gefolgt von den beiden Hofdamen Gräfin von Brühl und Fräulein von Below, welche die Schleppe des hohen Täuflings hielten; der Kammerjunkcr Graf mußt ihn da nehmen, wo ich eS haben will. Du bist heimlich aus dem Hause Deines Vormundes entwichen, ob in einer Weise, welche einer sittsamen Jungfrau geziemt, will ich nicht untersuchen. Ich verlange aber, daß Du augenblicklich Dich wieder zurückbegibst."
„Nie — nie werde ich —" wollte Mathilde hiergegen einwenden, der Frecherr unterbrach sie jedoch mit der gewöhnlichen Ruhe und dem immerwährenden Lächeln:
„Bitte, bitte, liebe Nichte! Ereifere Dich nicht, höre mich ruhig an und dann theile mir ebenfalls ruhig Deinen Entschluß mit. Du wirst doch nicht hier auf offener Straße eine Scene Hervorrufen wollen? Wir können ja leise mit einander sprechen, die Leute, die ich mitgebracht habe, könnten sonst ver- muthen, wir wären uneinig!"
Mathilde sah nach dem Wagen hin; neben demselben stand ein Bedienter und ein chr unbekannter Mann in dunklem Paletot.
Der Freiherr fuhr fort:
„Ich verlange also, daß Du Dich unverzüglich wieder zu mir zurückbegibst. Für den allerdings von mir vermutheten Fall der Widersetzlichkeit habe jch mir natürlich die Mitwirkung der Polizei erbeten, und wie Du siehst, befindet sich ein Polizcicommistär in meiner Begleitung. Gehst Du gutwillig mit mir, wie einer gehorsamen Mündel geziemt, nun, so erfährt niemand, was die Anwesenheit des Mannes zu bedeuten hat, und er selbst weiß nichts, als daß er nötigenfalls meine Befehle zu vollziehen habe. In ver nächsten Stadt laste ich ihn zurück. Beharrst Du auf Deiner Weigerung, dann sage ich ganz ruhig,
gierung zu Regierung, oder im Bundesrathe Ausdruck gefunden hätte. Wenn Hr. v. Mittnacht es nun vorgezogen hat, diese Kritik im Reichstag an die große Glocke zu hängen und zwar in Aeußeruirgen, die dem Anscheine nach darauf hinausgingen mehr erra- then zu lassen als gesagt wurde, so hat dieses Verfahren auf keinen Fall den nationalen Jnteresten gedient und steht nicht im Einklang mit der bundes- sreundlichen Gesinnung, welche der Monarch des Hrn. v. Mittnacht erst kürzlich bei verschiedenen Gelegenheiten kundgegeben hat. — lieber die Verhandlung der socialen Frage im diplomatischen Wege hat die „Köln. Ztg." Mittheilungen gebracht, welche, wie anzuneh- men, aus guter Quelle stammend, erkennen lassen, daß es sich zur Zeit nur um Fortführung der sachlichen Erörterungen handelt, welche durch die Besprechung der leitenden Staatsmänner in Gastein eingeleitet worden sind. Es soll zunächst das von den beiden beteiligten Regierungen in Bezug auf die sociale Frage gesammelte Material als Grundlage für com missarische Erörterungen dienen. Diese Conferenz der Commistarien wird aber auch nicht in der nächsten Zukunft zusammentreten, da die Vervollständigung der statistischen Ermittlungen noch nicht sobald erfolgt sein dürfte. Es ist daher wiederholt zu versichern, daß die Erweiterung dieser Beralhung in eine europäische Conferenz zur Zeit nicht angestrebt wird.
Nach einem Anträge des Reichskanzlers auf Grund eines von Mitgliedern der preußischen Akademie der Wissenschaften, den Herren Benitz, Droysen, Haupt, Mommsen und Müllenhoff erstatteten Gutachtens soll die seither aus Reichsmitteln für die Monumenta Germaniae historica in Nürnberg bewilligte Unterstützung vom Jahre 1873 ab an die Bediligung gc knüpft werden, daß die wissenschaftliche Leitung des Unternehmens der k. preußischen Akademie der Wisteg- schaflen übertragen werde, da nur hierdurch das fernere Gedeihen des wichtigen vaterländischen Unternehmens sichergestellt werden könne. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Brausteuergesetz.
Der in vorstehender Correspondenz angezogene Artikel der „Köln. Ztg." lautet: „Durch viele Blätter geht in verschiedenen Variationen eine Nachricht, die der Richtigstellung bedarf. Nach derselben soll, vom Berliner Cabinet angeregt, demnächst eine europäische Conferenz stallfinden, die den Zweck hat, die sociale Frage zu prüfen und Mittel zur Abhülfe in Betreff der Gefahren zu finden, mit denen dieselbe die Staaten und die bürgerliche Gesellschaft bedroht. Ferner soll die deutsche Regierung einen auf ihre Anregung von Wien her an sie gelangten Vorschlag in Bezug auf kam schon am vierten Tage nach Absendung ihres Briefes ein eleganter Wagen gefahren, und hielt unterhalb der Hütte, die sie bewohnte, stille. Ein Be bienter stieg ab, öffnete den Schlag und half jemanden aussteigen — Mathilde eilte den Fußpfad hinab, welcher nach dem Fahrweg führte, während derjenige, welcher aus dem Wagen gestiegen war, ihr entgegen ging. Plötzlich blieb Mathilde stehen, wenige Schritte vor ihr stand ihr Oheim. Sie erschrack heftig und wollte die Flucht ergreifen, ehe es jedoch dazu kam, war der Freiherr an ihrer Seite und sagte:
„Eile nicht so, liebe Nichte; das schnelle Gehen ist mir zu beschwerlich, wie Du weißt, und Dir würde die Eile nichts helfen, denn nicht immer stehen der kühnen Reiterin fremde Pferde zur Disposition."
„Was wollen Sie von mir?" rief die Jungfrau mit bebender Stimme: „Lasten Sie mich gehen, ich sage mich los von Ihnen, ich will nichts von Ihnen!"
„Aber ich will etwas von Dir, oder vielmehr Dich selbst," erwiderte der Freiherr: „Thue doch nicht so spröde gegen mich, kleines Närrchen! Wir kennen uns doch schon lange!"
„Eben deßwegen, weil ich Sie schost lange kenne", entgegnete Mathilde, „will ich nichts von Ihnen wissen!"
„Wir wollen die alte Geschichte hier nicht erörtern", sagte der Freiherr, „und unser» Streit auf sich beruhen lassen. Ich habe nur einige Worte hier mit Dir zu sprechen, dann magst Du thun, was Du willst, oder was Du kannst. Dn bist minderjährig, Mathilde, und hast demnach noch keinen freien Willen, ich bin Dein gesetzlicher Vormund, und der obervor- mundschastlichen Behörde verantwortlich. Du darfst Deinen Ausenthalt nicht beliebig wählen, sondern
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