Jliaröurg, Mittwoch, den 5 Juni.
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Deutsches Reich.
Berlin, 3. Juni. Letzten Sonnabend, an welchem der Reichstag keine Sitzung hielt, ist das Reichstags- gebäude vom italienischen Kronprinzen in Begleitung des preußischen in Augenschein genommen worden. Kronprinz Humbert hat gegen letzteren wiederholt seine Befriedigung über die Ausführung des Baues ausgesprochen und sich namentlich durch die Mitthei- lung überrascht gezeigt, in wie kurzer Zeit die Herstellung dieses Prachtbaues ermöglicht wurde. — Der Re- gierungsrath v. Sommerfeld in Stettin ist zum Landesdirector der Fürstenthümer Waldeck und Pyrmont (nicht, wie es unlängst irrthümlich an dieser Stelle hieß zu Wiesbaden) ernannt worden. — Die „Franks. Presse" schreibt: „Es bestätigt sich, daß seitens des Reichskanzlers vor einigen Tagen der Erlaß eines Specialgesetzes gegen den Jesuitenorden in Anregung gebracht worden ist. Alle früheren Nachrichten in diesem Sinne hatten keinen anderen Anhaltspunkt, als eine Aeußerung des Reichskanzlers vor dessen Abreise nach Barzin, der indessen, wie gesagt, erst in den letzten Tagen die entsprechenden Schritte gefolgt sind. Es handelt sich um Vorlage eines nur aus wenigen Paragraphen bestehenden Gesetzentwurfes, welcher den Mitgliedern des Jesuiten- und ähnlicher Orden das deutsche Staatsbürgerrecht entziehen soll. Die Entscheidung über das „Ob" und „Wie" kann schon mit Rücksicht auf den Status der Reise, in dem der Reichstag sich befindet, nicht lange ausbleiben. — Die Pe- titionscommission Hal sich einstimmig für Freigabe des Apothekergewerbes entschieden. — Ein Straßenplakat meldet, daß die auf den 4. Juni einberufene Generalversammlung aller Gewerbe und Gewerke zur Bera thung über die Errichtung eines allgemeinen Schiedsgerichts im Einverständniß mit. dem Magistrat auf unbestimmte Zeit vertagt sei.
Der „Köln. Ztg." wird unterm 2. d. von Berlin geschrieben: „Heute Mittag 1 Uhr fand im Reichstage eine Conserenz zwischen dem Präsidenten Dr. Simson und den geschäftssührenden Mitgliedern der einzelnen Fraktionen Behufs Aufstellung einer Uebersicht bezw. Verlheilung der noch zu erledigenden Arbeiten statt,
Ma thiltze.
Novelle von Heinrich HenSler. (Fortsetzung.)
Sie hatte während ihres Aufenthalts in Ischl tzurch die Vermittelung Maximilians, welcher dort ebenfalls ein gern gesehener Hausfreund war, die Familie eine« Herrn v. Seeburg kennen gelernt, welche mit ihnen denselben Gasthof bewohnte, und hatte sich, »ie das bei Badebekanntschaften oft zu geschehen pflegt, um so schneller an sie angeschlossen, als auch ihr Oheim sich gerne mit Herrn v. Seeburg unterhielt und die Tochter Hedwig in gleichem Alter mit ihr war.
Vor Allem aber zog Frau v. Seeburg sie an. Mathilde hatte frühzeitig ihre Mutter verloren und immerdar die ältere, erfahrene Freundin vermißt, welcher sie unbedingtes Vertrauen schenken, der sie ihre Freuden und Leiden, ihre Hoffnungen und Befürchtungen mittheilen, ihr ganzes Innere ausschließen und die sie bei jedem wichtigen Vorfall ihres Leben um Rath fragen konnte, denn auch ihre Tante, die Gattin des Freiherrn v. Rochenfels, war schon vor mehreren Jahren gestorben.
Bald fühlte sie sich in der Gesellschaft dieser freundlichen Frau so heimisch, daß sie täglich mehrere Stunden bei ihr zubrachte und ihr nach und nach alle chre kleinen Geheimnisse anvertraute. Aber davon hatte sie ihr nichts gesagt, wie sehr Graf Werdenberg von Tag zu Tag in ihrer Gunst stieg, — es war ihr ja selbst noch nicht recht klar und kam alles so ganz unvermuthet, daß sie ordentlich überrascht war und sichtlich erschrack, als sie durch die gutmüthigen Neckereien der Frau v. Seeburg darauf aufmerksam gemacht wurde. Ja, diese Frau hätte sie wie eine Mutter verehren und lieben können, — so dachte sie sich letztere; sogar das Bild, welches sie von
um danach den Schlußtermin der Session bemeffen zu können. Es stellte sich nach den sorgfältigsten Erwägungen heraus, daß der Schluß am 20. d. M. eintreten könne. Als noch zu erwartende Vorlagen bezeichnete der Präsident die Entwürfe über Verlängerung der Dictatur in Elsaß-Lolhrmgen und das provisorische Banknotengesetz. Zu bearbeiten sind ferner noch das Militär-Strafgesetzbuch zweiter und dritter Lesung, eben so das Reichsbeamten-Gesetz, Eonsular- gebühren-Gesetz, Etat pro 1873 und Nachtragsetat pro 1872, Ausgaben pro 1871, Vertheilung der französischen Kriegscontribution, Seemanns ordnung rc. und Rechnungshof in dritter Lesung. Ferner Reichs-Eisenbahnen in Elsaß-Lothringen, Ueberschuß aus der französischen Postverwaltuiig, Postvertrag mit Rußland, Einführung der Gewerbeordnung in Baiern, sämmt lich in erster, zweiter und dritter Lesung. Sodann der Bericht der Reichsschulden-Commission, die Denkschriften über die Rinderpest, die Feststellung des Personenstandes und die Ausführung der Gesetze, betr. den Geldbedarf für die Kriegführung, endlich die allgemeine Rechnung pro 1867 und 1868; dazu kommen die Anträge der Abgeordneten Lasker (Eompetenzer- roeiterung), Hoverbeck (Aufhebung deö Art. 28 der Verfassung und Salzsteuer), Grumbrecht (Lootsen- wesen), drei PetilionSberichte und ein Bericht der Geschäftsordnungs-Commission. Dabei hat man die Zeit für alle diese Gegenstände so knapp wie möglich bemessen, so für das Reichsbeamten-Gesetz und das Militär-Strafgesetzbuch zusammen drei Sitzungen und auch auf etwaigen Einfluß der Verhandlungen des preußischen Landtages hat man keine Rücksicht genommen. Nur wenn also mit Benutzung aller verfügbaren Zeit gearbeitet wird, kann der Schluß mit dem 20. d. erfolgen."
Königsberg, 3. Juni. Der Propst Dinder hat die Eintragung eines vom Pfarrer Grunert getauften Kindes in das Kirchenregister verweigert.
Koblenz, 3. Juni. Nach der heute erfolgten Publikation des Erkenntnisses ist der Caplan Bein- roth zu 25 Thlr. Geldstrafe wegen der den Bonner Profefforen Knoodt und ReinkenS in der Kirche zu Boppard am 23. März d. I. zugefügten Beleidigung vernrtheilt worden. Die Letzteren sind zur Veröffentlichung des Urtheils ermächtigt.
München, 3. Juni. Der Senat der hiesigen Hochschule will auf die für das Gründungsfest fest- gestellte Budgetposition verzichten, wenn die Berufung
der ihr so früh Entriffenen besaß, und dem sie in ihrem Schlafzimmer eine Stelle angewiesen hatte, wo ihre letzten Blicke am Abend und ihre ersten Blicke am Morgen beim Erwachen darauf fallen konnten, — selbst dieses zeigte ihr eine außerordentliche Aehn- lichkeit, welche ihr Oheim lächelnd zugestand, wohl nur um der Nichte einen Gefallen damit zu erzeigen, oder vielleicht auch nur, um sie von dem alsbald entworfenen Plan, das Bild nachkommen zu lasten, abzuhalten.
Der endliche Abschied war sehr schmerzlich, denn auch Frau v. Seeburg hatte die liebenswürdige, sreundliche, zutrauliche Jungfrau immerwährend sichtbar ausgezeichnet, und wie sie von Tag zu Tag deren herrliche Eigenschaften sich mehr und mehr entfalten sah, mit wahrer mütterlicher Zärtlichkeit sich ihr zu- geneigt. So war zwischen ihnen ein schöner Freund - schastsbund entftanben, in welchem Hedwig die dritte Stelle einnahm. Mathilde hatte fest zugesagt, die ihr so lieb und werth gewordene Familie recht bald und ruf längere Zeit zu besuchen; aber Oheim Rothenfels, welcher fürchtete, das werde eine Gelegenheit geben, den Grafen Werbenberg öfter zu sehen und zu sprechen, — ein für seinen so lange gehegten, mit so viel Klugheit und Vorsicht entworfenen, und bis daher, wie er glaubte, glücklich ausgeführten Plan gefährliches Ereigniß, — wußte diesem Vorhaben allerlei Hindernisse in den Weg zu werfen, bis alle Vor bereitungen für die zur endlichen Ueberraschung Mathildens beschlossene Bermählungsfeier getroffen waren.
Der alte Herr hatte aber nicht an die vielen Schleichwege gedacht, welche der darin so erfinderischen und unerschöpflichen Liebe zu Gebote stehen; es war nicht bei den Höflichkeiten und Artigkeiten geblieben, wozu Maximilian in Ischl täglich Gelegenheiten gesucht und gefunden hatte, und die so freundlich aup
infallibilistischer Professoren nach dem Wunsch des Landtags eine Bedingung für die Verwendung derselben sein soll. Der Cultusminifter soll erklärt haben, die Summe nicht auszuzahlen. Die Feier ist daher fraglich geworden.
Mülhausen, 2. Juni. Seit einiger Zeit kommen wieder viele Elsässer in französischer Militäruniform, besonders Zuaven, hier an. Es sind Solche, denen der französische Militärdienst entleibet ist, und die sich für die deutsche Nationalität erklärt haben, um von ersterem frei zu werden. Viele von ihnen werden sogar freiwillig im deutschen Heere dienen.
Oesterreich - Ungar«.
Wien, 3. Juni. In der Sitzung des Landwehr- ausschustes, die in den ersten Tagen der letzten Woche stattfand, beschloß der Ausschuß auf den Antrag des Dr. Rechbauer, ungeachtet aller Vorstellungen des Ministers Horst, über die Regierungsvorlage wegen Abänderung deS Landwehrgesetzes zur Tagesordnung überzugehen.
Frankreich.
Paris, 3. Juni. Der „Francis" meldet, der französische Botschafter in Konstantinopel habe der Pforte förmlich erklärt, daß er nicht gestatten werde, daß sie den neuen armenischen Patriarchen bestätige, und daß er im Namen seiner Regierung gegen die offizielle Bestätigung desselben und gegen die Einmischung der türkischen Regierung in die religiösen Angelegenheiten ihrer katholischen Untertanen prote- l'tiren werde, da es eine Verletzung der Rechte einer katholischen Körperschaft und eine Verletzung der ganzen Katholicität sei. Der „Frantzais" fügt hinzu, daß die Pforte nachgeben werde und daß der österreichische Botschafter die Protestation Frankreichs unterstützt habe. — General Uhrich veröffentlicht in den Blättern einen Bericht, worin er alle Spunde des Gutachtens des Kriegsrathes über die Kapitulation von Straßburg widerlegt und sagt, daß er so lange als möglich widerstanden habe; Uhrich verlangt, daß seine Vertheidigung im offiziellen Blatte erscheine. — Unter den Personen, welche als Zeugen in dem Processe gegen den Marschall Bazaiite auftreten sollen, figurirt auch der amerikanische General Sheridan, der lange Zeit im Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl war. — Das Project, durch Privat-Subskriptionen einen Theil der Kriegsschuld an Deutschland zu decken, ist jetzt aufgegeben. Die Blätter bringen eine Mittheilung, worin erklärt wird, daß das Damen-Comite
genommen worden waren, — die Liebenden hatten sich später noch öfter ohne Zeugen gesehen und gegenseitig den Schwur der Treue gewechselt. So kam es denn, daß die von dem Freiherrn mit so vieler Heimlichkeit veranstaltete Ueberraschung total fehlschlug, und die sonst so schüchterne und fügsame Jungfrau entwickelte einen Muth und eine Standhaftigkeit, welche der Oheim nicht erwartet hatte.
Mathilde kam also zu dem Entschluß, sich der Frau v. Seeburg anzuvertrauen, sie zu bitten, ihr vor der Hand eine Zufluchtsstätte zu gewähren, ihr in dieser schwierigen Angelegenheit freundlichen Rath nichts vorzuenthalten, und dem so hart bedrängten Madien wo möglich Hilfe zu leisten.
Sie theilte derselben ohne Rückhalt Alles' mit, was auf sie und ihre Herkunft Bezug hatte, was ihr Oheim mit ihr vor habe, und warum und wohin sie entflohen fei, daß der Zufall sie in die Hütte einer Frau geführt, welche damals, als ihre Mutter geboren worden, als Garderobejungfer bei ihrer Großmutter gedient und unter vielen andern Geschichten auch den schrecklichen Vorfall erzähtt habe, der ihrer Großmutter das Leben geraubt hätte, — natürlich ohne daß sie sich dieser Frau zu erkennen gegeben habe rc.
Mathilde schickte diesen Brief durch MatheS zur nächsten Poststation und zweifelte nicht im Geringsten daran, daß in wenig Tagen Frau v. Seeburg selbst kommen, oder doch zuverlässige Leute schicken werde, um sie abzuholen.
(Fortsetzung folgt.)
Friedrich Gerftiiiker.
Friedrich Gerstäcker ist, wie bereits der Telegraph gemeldet, am 31. Mai in Braunschweig nach kurzem Unwohlsein verschieden.
Deutschland hat in ihm einen seiner beliebtesten,