Nr. 128
Marburg, Dienstag, den 4. Juni.
1872
Oterhessische Zeitung.
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Deutsches Strich.
** Berlin, 2. Juni. Das Abgeordnetenhaus ist nunmehr durch seinen Präsidenten zu einer Sitzung aus dm 6. Juni zusammenberufen. Da außer der vorliegenden Tagesordnung auch seitens der Regierung noch mehrere dringende, wenn auch untergeordnete Vorlagen zu erledigen sind, so werden sich an diese Sitzung wohl noch mehrere andere anreihen. Das Herrenhaus wird wahrscheinlich erst am 10. d. M. zusammentreten. Es ist Aussicht vorhanden, daß bis dahin der Bericht der Kreisordnungscommisston festgestellt und ausgearbeitet ist. Wie nunmehr bekannt geworden, hat sich derselbe schließlich ganz im negativen Sinne entschieden und beantragt die Ablehnung der gesammten Vorlage. Diese Ansichten und diese Taktik werden indessen wohl schwerlich zum Vortheile der CommisstonSmehrheit ausschlagen. Als einziger positiver Anhalt muß jetzt dem Herrenhause der Entwurf der freien Commission dienen, und gewinnt dieser in Folge desien natürlich eine weit größere Bedeutung. — Bei der großen Tragweite des vom Reichstage in der sogenannten Jesuitendcbatte gefaßten Beschlusses, dürfte man gerechte Zweifel hegen, ob die Regierung denselben noch in dieser Session zur Ausführung bringen werde. Von andern Seiten ist indessen mit Recht auch darauf hingewiesen, daß die Clericalen in Folge einer solchen Verzögerung gewiß neuen Muth schöpfen werden und daß die Regierung dem Reichstage eine energische und schleunige Durchführung schuldig sei. So ist es denn nicht mehr ganz unwahrscheinlich, daß der Reichstag noch vor seinem Auseinandergchen ein Gesetz zur Abhülfe der religiösen Wirren zu berathen haben wird. Es finden, um ein solches zu ermöglichen, wie man hört, bereits eingehende Besprechungen im Schooße des preußischen Staatsministeriums statt. — Die gestrige „Germania" ist von einem ganz besonderen Ingrimm gegen die „Prov.-Corr." beseelt. Sie wirst ihr Perfidie vor und erklärt, das halboffizielle Blatt sei in der letzten Zeit tief herabgesunken. Vor acht Tagen wußte die „Germania" noch die Ob- jectivität der „Prov.-Corresp." zu rühmen. Wenn die letztere von einer Suspension des Hrn. NarnSza- nowski sprach, so gebrauchte sie dabei den Ausdruck,
den, wie die „Germania" ja selber in Erfahrung gebracht hat, amtlich auch die Behörden gebraucht haben, sie bewahrte also vollkommen ihre Objectivität. Uebri- gens soll hier beiläufig noch angeführt werden, daß dem Feldpropst der Beschluß, betreffend die gegen ihn einzuleitende DiSciplinaruntersuchung, durch einen gemeinschaftlichen Erlaß des Kriegs- und CultuSmini- sters mitgelheilt worden ist. — Die Anwesenheit des kronprinzlichen Paares von Italien an unserem Hofe wird überall mit derjenigen Sympathie begrüßt, welche beweist, daß man sich der engen und freundschaftlichen Bande bewußt ist, welche Italien mit Deutschland zum Heil der beiderseitigen Völker vereinen. Es zeigt sich dies sowohl in Hofkreisen, wie auch in der unzweideutigen Theilnahmc, welche das Publikum den fürft= lichen Gästen entgegenbringt.
Bei Gelegenheit einer Schilderung des glänzenden Rout's, der Freitag Abend zu Ehren des kronprinzlichen Paares von Italien in den Sälen der italienischen Gesandtschaft stattfand, gibt die „Spen. Ztg." von den hohen Gästen folgende Beschreibung: „Die Kronprinzessin hat in dem vollendeten Ebenmaaß ihrer graziösen und eleganten Gestalt, in den lieblich zarten Zügen ihres Gesichts, das vom schönsten blonden Haar umwallt ist, einen wahrhaft mädchenhaften Reiz; ohne sie zu kennen, möchte man sie nach dem Aeußeren für eine Deutsche halten, wozu auch kommt, daß sie vortrefflich deutsch spricht. Wenn sie aber zu sprechen beginnt, dann kommt die Tochter Italiens zum Vorschein, dann wird Alles Leben an ihr, und bekommt sprechenden Ausdruck; aber gerade diese Gegensätze von innerem Wesen und äußerer Erscheinung machen ihre Persönlichkeit so außerordentlich anziehend. Einfach soldatisch ist das Auftreten des Kronprinzen, er hat eine angenehm kurze, offene und dabei verbindliche Art, die angenehm berührt."
Der Minister der geistlichen Angelegenheiten, Dr. Falk, hat am 28. Mai das Seminar in Weißenfels besichtigt. Wie verlautet wird der Minister demnächst das Lehrerseminar in Bunzlau inspiciren. — Der durch Trendelenburg's Ableben erledigte Orden der Friedensklasse des Ordens pour le merite für Wissenschaft ist nach stattgehabter Wahl vom Kaiser dem Aegyptologen Prof. Dr. Lepsius verliehen worden. Durch Schnorr von CarolSfeld's Tod ist wieder eine Stelle in der Zahl (30) der „stimmfähigen Ritter deutscher Nation" dieses Ordens erledigt. — Der 16. deutsche evangelische Kirchentag wird in Verbindung
mit dem Eongresse für innere Mission im Spätherbst d. I. in Halle a. d. S. abgehalten werden.
Am Sonnabend hielt der Reichstag keine Sitzung, da in Folge der von einem Theil der Mitglieder des Hauses beabsichtigten gemeinschaftlichen Reise nach Rügen, Beschlußunfähigkeit zu befürchten war. 89 Mitglieder des Reichstages und des BundeSrathes haben am Sonnabend früh 6 Uhr mittelst Extrazuges die erwähnte Reise nach Rügen angetreten. Die Direction der Berlin-Stettiner Eisenbahn hatte diesen Extrazug bereitwilligst mit der Bitte offerirt, für die Veranstaltung desselben der Reisegesellschaft keine Kosten berechnen zu dürfen, das Comite, welches diese Vergnügungsfahrt arrangirt, hat jedoch geglaubt, diese Offerte ablehnen zu müssen, weil es nicht der Reichstag war, welcher diese Luftfahrt unternommen, sondern nur eine Anzahl von Mitgliedern des Bundes- , rathes und des Reichstages. In Stettin traf die Reisegesellschaft um 8V2 Uhr ein, wurde auf dem Bahnhof vom Magistrat und von Deputirten der städtischen Behörden und der Kaufmannschaft begrüßt und setzte dann unter begeistertem Zuruf derselben und der zahlreich anwesenden Menge in bereitstehenden Wagen ihre Fahrt durch die Neustadt und da« Schnecken- thor das Bollwerk entlang nach dem Dampfschiffsbollwerk fort, wo die Einschiffung auf dem Dampfer „Kaiser" erfolgte, der um 91/2 Uhr sich in Bewegung setzte. Der Bahnhof, die Gebäude der Straßen, welche der Zug berührte, alle Schiffe im Hafen hatten festlich geflaggt. Um 1 Uhr traf der „Kaiser" in Swine- münde ein und ging eine Viertelstunde später nach Rügen in See.
Man schreibt der „Kreuzztg." aus Posen: „Die ultramontanen Blätter colportiren die zuerst von der „Genfer Correspondenz" gebrachte Nachricht, daß diejenigen in der Wohnung des Prälaten v. Kozmian polizeilich in Beschlag genommenen Papiere, welche von den Beziehungen zwischen Rom und den Katholiken Rußlands handeln, von den preußischen Beamten der russischen Regierung ausgeliefert worden seien. Diese völlig aus der Luft gegriffenene Nachricht findet ihre Widerlegung durch die verbürgte Thatsache, daß dem Prälaten v. Kozmian sämmtliche sowohl in seiner Wohnung wie im Jesuitenkloster in Schrimm mit Beschlag belegten Korrespondenzen und andern Schriftstücke, auch diejenigen nicht ausgenommen, welche an das Ministerium eingesandt waren, in diesen Tagen von der Behörde zurückgegebcn worden sind."
Mathilde.
Novelle von Heinrich Hcnsler.
(Fortsetzung.)
„Ich bin überzeugt, Mathilde, daß diese Grundsätze der Ehre auch die Deinigen sind, — ich frage Dich also nicht um Deine Zustimmung und fahre deßhalb fort: Wenn nun nach alledem Du von der Unmöglichkeit einer Verbindung mit dem Grafen überzeugt sein mußt, so liegt die Nothwendigkeit einer Verbindung mit Ernst eben so nahe, und es spricht auch alles dafür. Uns ist der Makel, welcher einer Verbindung mit jenem als eine unübersteigliche Scheide-. wand im Wege steht, bekannt, — für uns ist er kein Hindrrniß, und da Du jetzt schon ein Mitglied unserer Familie bist, so haben wir hinreichende Gründe, den Schleier nicht zu lüften, welchen ein halbes Jahrhundert darüber gezogen hat. Wir hatten alle Urfache an Deine Bereitwilligkeit, die Verbindung mit Ernst einzugchen, zu glauben, und ehe noch von unserer Seite auch nur ein Wort darüber gesprochen wurde, hielten nicht nur alle Hausbewohner und die näheren Verwandten, sondern auch alle ringsumher wohnenden Nachbarn die Sache für ausgemacht, um so mehr, als von keiner Seite Widerspruch erfolgte. Die ganze Angelegenheit ist zu weit vorgeschritten, als daß sie wieder rückgängig gemacht werden könnte. Da Maximilian doch einmal für Dich verloren ist, so möchte ich wissen, waS Du gegen meinen Sohn ein zuwenden hast ? Ein junger feingebildeter braver Mann aus guter Familie, — ausgestattet mit glänzenden Eigenschaften des Geistes und Herzens, wie des Körpers, der bis zum Wahnsinn in Dich verliebt ist und Dich auf den Händen tragen wird, — auch euer beiderseitiges Vermögen ist gleich groß! Dein künftiges Schicksal wird • in jeder Beziehung wahrhaft beneidens- wenh fein. Dazu kommt nun noch, daß Du auch
auf uns einige Rücksicht zu nehmen schuldig bist. Trittst Du in dieser ganz unmotivirtcn Weise zurück, so ist auch auf uns ein unauslöschlicher Makel ge worfen, — Ernst ist dem Gespötte seiner Kameraden ausgesetzt, und wenn auch, was jedoch sehr unwahrscheinlich ist — keine Duelle die Folge sein würden, so ist doch ganz unumgänglich nöthig, daß er seine Stelle alsbald quittirt, was um so unangenehmer für ihn sein würde, als er täglich seiner Ernennung zum Major entgegensehen kann und eine glänzende Laufbahn aufgeben müßte. Für alle Liebe und Freundschaft, welche Du seit Deiner Kindheit in meinem Hause genossen hast, wirst Du mir in meinen alten Tagen diese Kränkung nicht zufügen wollen, — ich würde diesen Schimpf nicht überleben."
Mathilde war, so lange ihr Oheim sprach, ruhig aus dem Sopha sitzen geblieben. Sie lehnte in der Ecke und hatte den Kopf zurückgelehnt, während sie ihr Gesicht mit einem Tuch verhüllte. Nachdem ihr Oheim geendethatte, schwieg sie noch einige Minuten, und erst als jener sie wiederholt aufgefordert hatte, ihm zu antworten, ließ sic die Hand mit dem Tuch in den Schooß sinken und richtete sich auf. Ihr Gesicht war leichenhaft blaß, — sie hatte jedoch die nöthige Fassung wieder errungen, um die Thränen zurückzuhalten, und mit ziemlich. fester Stimme zu erwidern:
„Sie haben mich überzeugt, daß ich durch den Makel, welcher meinem Dasein anklebt, in jede Familie, die sich näher mit mir verbinden würde, den Fluch der Sünde tragen müßte, wie mögen Sie mir nun zumuthen, Ihre Familie, die ich so hoch achte —"
„Das ist eine teere Ausflucht, liebe Mathilde," unterbrach der Freiherr die Jungfrau. „Uns ist dieser Umstand bekannt; — du bist trotz dieses Makels mir als Schwiegertochter und Ernst als Gattin will
kommen, und uns droht deßhalb auch kein Vermögensverlust!"
„Doch wird dieses der Fall fein," erwiderte Mathilde mit Festigkeit; „da meine unglückliche Mutter den ihr überlassenen dritten Theil des Vermögens des Grafen Kausberg ohne alle Berechtigung besaß, wie dieses Document hier beweist, denn nur der Graf Kausberg selbst konnte rechtlich über sein Vermögen verfügen, und da mein ganzes Vermögen von meiner Mutter herrührt, so besitze ich es unrechtmäßig. Von diesem Augenblick an, wo ich es erfahre, gehört es nicht mehr mir, und unverzüglich werde ich die nöthi- gcn Schritte vornehmen, es dem rechtmäßigen Eigen- thümer hinauszugeben. Auch schon aus diesem Grunde bin ich keine passende Partie für Ernst, und wäre es nicht schon früher geschehen, so würde ich jetzt doch auf das entschiedenste mich weigern, in dieser Verbindung einzuwilligen."
„Sei keine-Thörin," rief der Freiherr, den diese Antwort seiner Nichte allerdings überraschte; „du besitzest das Vermögen mit allem Recht — du hast es von deinen Eltern ererbt —"
„Aber diese würden es gewiß ebenfalls zurückgegeben haben, hätten sie dieses Verhältniß gekannt," fiel die Jungfrau mit Lebhaftigkeit jenem in die Rede.
„Beruhige Dich deßhalb, Mathilde," sagte der Oheim mit besonderem Nachdruck, „so lange Du minderjährig bist, habe ich in dieser Sache daö entscheidende Wort zu sprechen, und mit Deiner Verheira- thung geht dieses Recht auf Deinen Gemahl über. Wir kommen übrigens ganz von dem Gegenstand unserer Unterhaltung ab, — die Zeit drängt — eS muß zu einem Resultat kommen. Deine Weigerung ist kindisch und einer so ernsten Veranlassung gegenüber durchaus nicht am Platz. Nicht weil Ernst mein Sohn ist, sondern in Erfüllung meiner Pflichten als