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- Nr. 127.

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Marburg, Sonntag, den 2. Juni.

1872.

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Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal de, Oberhesfischen Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 18; Lar., durch die Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 22 Lar.— JnsertionSgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Siimmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

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Nl»sti»slnnarn ftuf die „Oberhesfischr Zeitung" vl|UUUUI|Ul für den Monat Juni werden auswärts von allen Postanstalten und auf dem Lande von den Landpostboten, sowie in Marburg von der Expedition entgegengenommen.

Politische Wochen-Ueberficht.

Am 28. Mai sind der Kronprinz Humbert und die Kronprinzessin Margareta von Italien zur Taufe der jüngsten Tochter des deutschen kronprinzlichen Paares in Berlin eingetroffen. — Der deutsche Reichs­tag verhandelte letzten Mittwoch und Freitag über den Lasker'schen Antrag wegen Ausdehnung der Reichs- competenz auf das ganze Civilrecht und nahm den­selben in der zweiten Berathung mit großer Majorität an. — Der Streit wegen de« Mitgebrauchs der simultanen Garnisonskirche in Köln seitens der Alt- katholiken, der seit März äußerlich ruhte, ist dadurch in eine neue Phase getreten, daß der Feldprobst, Bischof Namszanowski, die päpstliche Entscheidung eingeholt hat und nunmehr sein Interdikt von Neuem jur Geltung zu bringen versucht. In Folge dessen ist gegen Namözanowski als „Militärbeamten" einstweilige Amtssuspension und eine Disciplinaruntersuchung an­geordnet worden. — Der baierische Ministerpräsident Graf Hegnenberg ist seit mehreren Tagen an einer Brunstentzündung sehr bedenklich erkrankt.

Erzherzogin Sophie, die Mutter des Kaisers von Oesterreich, ist ihrem Leiden erlegen. — Der Ver- fassungSauSschuß deS Reichstages ist in der Frage des galizischen Ausgleichs durch Annahme eines vom Abg. Herbst redigirten Entwurfes um einen Schritt vor­gerückt. — In Böhmen haben Ueberschwemmungen großes Unglück angerichtet.

Die französische Nationalversammlung hat diese Woche über daS Rekrutirungsgesetz berathen und von demselben die Artikel 1, 2, 3, 4 und 6 ange­nommen. — Zwischen Frankreich und Deutschland ~ Mathilde.

Novelle von Heinrich Hensler.

(Fortsetzung.)

Der Rittmeister sah bald ein, daß er unüberlegt gehandelt habe, indem er selbst einem so gefährlichen Nebenbuhler den ungehinderten Zutritt zu seiner Braut verschaffte; — er ließ kein Mittel unversucht, den so schnell gewonnenen Freund sobald als möglich mit guter Manier wieder zu entfernen, es wollte ihm je­doch nicht gelingen. Entweder durchschaute Werden berg seine Absicht, oder er war von des Mädchens Liebenswürdigkeit so bezaubert, daß er auf alle Vor­schläge zu Ausflügen in die großartige Alpennatur ringsumher oder gar in die Ferne nicht einging. Bald schlug Ernst eine Partie nach Hallstadt, au den See, oder nach Gosau vor, oder nach St. Wolfgang, bald auf den Schafberg, oder nach dem Gmünder See und den Traunfall — der Graf lehnte sie alle mit der stereotypen Antwort ab: „Ich bin schon da gewesen!"

Endlich schlug der Graf dem Rittmeister vor, es so zu machen, wie er es selbst gemacht habe, diese herrlichen Gegenden nämlich allein zu besuchen; ein Vorschlag, welcher natürlich nicht angenommen wurde, obgleich jener mit wahrer Begeisterung von den ent­zückenden Nalurschönheiten dieser Gegenden sprach. Seine Schilderungen — auf eigene Anschauung ge­gründet — wurden mit so hinreißender Beredsamkeit vorgetragen, daß Mathilde bald den Vorschlag machte, einige Ausflüge gemeinschaftlich vorzunehmen, was gewiß auf das Befinden des Oheims einen recht wohlthätigen Einfluß äußern würde.

Zuerst wurden Fußpartien in die nähere Umge­gend veranstaltet, über den Calvarienberg nach dem Ahornbühl, nach der Ruine Wildenstein, durch die Rettenbach-Wildniß nach der Mühle und über Ster- tzens Sitz zurück — immer wußte der Graf es zu veranstalten, daß er der Führer Mathildens, und so­mit beständig in ihrer Nähe war. Alle Versuche des Rittmeisters, dazwischen zu treten oder einmal die Stelle dds Grasen einzunehmen, schlugen fehl, ja sie endigten vielfach zu seinem Nachtheile.

Wie eS auf dem größeren Ausfluge nach Hallstadt und seinen Umgebungen zuging, und waS sich da er» eignete — das haben wir gesehen!

Ernst kam — den klebrigen voraaeileud — sehr

wird wegen Bezahlung der bis zum 2. März 1874 noch zahlbaren drei Milliarden und einer den Zah­lungen entsprechenden früheren Räumung der noch von deutschen Truppen besetzten Departements verhan beit, ob diese von Frankreich angeregte Angelegenheit zu einem Ergebniß führen wird, ist zweifelhaft.

In Belgien haben am 27. Mai die Wahlen für die Provinzialräthe statt gefunden. Im Ganzen ist das Resultat weder für die Cleriealen noch für die Liberalen entschieden günstig. Diese Provinzialwahlen bilden gewisser Maßen eine Probe für die Kammer­wahlen, welche am 11. Juni statt finden werden. — Die königliche Akademie von Belgien feierte am 29. und 30. Mai ihr lOOjähriges Bestehen. Der König wohnte der ersten Festversammlung bei und hielt eine Beglückwünschungsrede an die Akademie und ihre Ehrengäste.

Im englischen Unterhaus hat der Premiermi­nister Gladstone nach den neuesten Nachrichten erklärt, der Augenblick zu Mittheilungen über den Stand der Alabamafragesei noch nicht gekommen; sobald er aber da sei, und dies werde nicht zu lange mehr dauern, werde die Regierung nicht mit Aufklärungen zurückhalten. — Die englische Pairie hat am Sonntage zwei ihrer Mitglieder durch den Tod verloren, nämlich den Herzog von Bedford, das Haupt der Russel'schen Familie, und Lord Dalling and Bulwer, welcher be­kannter ist unter feinem früheren Namen Sir Henry Bulwer und in der englischen Diplomatie, besonders unter Palmerston, eine hervorragende Stellung einge­nommen hat.

Die italienische Kammer hat das Budget der inneren Angelegenheiten erledigt. — Die öffentliche Meinung in Italien verfolgt mit vorwiegendem In­teresse die Reise des Kronprinzen Humbert und dessen Gemahlin an den Hof des deutschen Kronprinzen. — In der zum Gesetz erhobenen Ausführung der Eisenbahn verstimmt an den Rudolphsthurm zurück und klagte seinem Vater den Vorfall, worüber auch diefer ver­drießlich wurde. Einige Minuten später kamen auch der Graf und Mathilde bei dem Thurme an, und ihre verklärten Blicke ließen ahnen, daß ersterer diese wenigen Augenblicke des Alleinseins nicht unbenutzt habe vorüber gehen lassen. Der alte Freiherr nahm sogleich den Grafen unter den Arm, ließ sich erzählen, wie eS ihm bei seinem tollkühnen Unternehmen er­gangen sei, und sprach sodann mit ihm über den Hü­gel, in welchem die vielen Gerippe gefunden worden, so angelegentlich und ausführlich, daß jener sich, ohne unhöflich zu werden, nicht losmachen konnte, bis sie endlich nach Hallstadt kamen. Vergebens sah er sich wiederholt mit klagenden, verzweiflungsvollen Blicken nach der Jungfrau um — es half beiden nichts.! Er war ein sehr zerstreuter Zuhörer des unermüdlich er­zählenden Freiherrn, während Mathilde stumm neben Ernst herritt, der sich vergebens bemühte, das schöne Büschen zu unterhalten, oder ihm eine freundliche Rede abzugewinnen. Für dieses Entbehren wußten sich je­doch beive, als sie in dem engen Wagen einander ge­genüber saßen, reichlich zu entschädigen.

7.

Wir haben früher erzählt, wie Mathilde, als an dem bestimmten Vermählungstage der Freiherr v. Ro­thenfels ihr einige Papiere einhändigte, mit denen er beweisen wollte, daß eine Verbindung zwischen ihr und dem Grafen von Werdenberg unmöglich sei, bei Durchlesung des dritten PapiereS in Ohnmacht fiel. Die bedeutungsvollen Worte des OheimS und der Inhalt der beiden ersten Urkunden hatten sie schon ahnen lassen, daß sie in sehr nahen Beziehungen zu der unglücklichen Elise v. KauSberg stehe, denn auch ihre Mutter hieß Elise, wenn auch ihr Familienname nicht „KauSberg", sondern ArmSheim war; — zitternd öffnete sie das dritte Papier — es fing mit den Worten an: „Elise KauSberg, die unglückliche Tochter der ermordeten Gräfin Auguste, dieses so bedaueniS- werthe Kind der Sünde, wurde auf dem Gute Wal tcrbach unter dem Namen „Armsheim" erzogen" — die ganze Wucht dieser so schrecklichen Nachricht ergriff die ohnehin schon so sehr aufgeregte Jungfrau und beraubte sie aller Besinnung. Nachdem sie sich wieder erholt hatte, sagte der Freiherr:

„Ich muß Dir wiederholen, liebe Mathilde, daß

von Udine bis zur österreichischen Grenze manifeftirt sich ein erfreulicher kommerzieller Aufschwung.

Spanien hat soeben das sechste Ministercabinet erhalten, seit König Amadeus regiert. — Die Unter­werfung der Karlisten ist so zu sagen vollendet. Dem Marschall Serrano ist das Oberkommando der Nord­armee abgenommen worben, weil er gegen die Em­pörer mit allzugroßer Milde verfahren ist. Don KarloS soll tobt sein; bies Gerücht bebarf jedoch noch sehr der Bestätigung.

Der König von Dänemark ist am 25. d. von Mailand über Genf nach Kopenhagen zurückgekehrt. Ein Dekret vom selbigen Tage machte bekannt, daß die dem Erbprinzen vom 18. Nov. 1871 an verlie­henen königlichen Vollmachten erloschen seien, indem der König wieder die Regierung antrete. Die Prin­zessin Thyra hat mit der Königin in Genf zurück­bleiben müssen.

Ueber die Aenderung der Thronfolgeordnung in der Türkei wollen der Großvezier und der Minister der auswärtigen Angelegenheiten eine Art von Plebis- cit inS Werk setzen, indem Unterschriften für eine Petition an den Sultan gesammelt werden, des In­halts, daß er die Thronfolgeordnung zu Gunsten des Prinzen Jusuf Jzzedin abändern möge.

Der Senat zu Washingto» hat mit 42 gegen 9 Stimmen die Ratifikation des Zusatzartikels zum Washingtoner Vertrag genehmigt, welcher die Zurück­ziehung der Ansprüche auf Ersatz für indirekten Scha­den unter der Bedingung stipulirt, daß England und Amerika künftighin nicht für indirekte Schäden ver­antwortlich gemacht werden können.

Deutsches «eich.

•* Berlin, 31. Mai. Der Regierungsrath v. Somerfeld, bislang in Stettin, hat nunmehr seine Bestellung als LandeSdirector von Wiesbaden er­halten. — Fortlaufend finden sich in einigen Blättern es mir sehr leid thut, Dich auf diese Weise kränken und auS einer Sicherheit reißen zu müssen, die ich Dir so gerne gelassen hätte, wenn anders es mir möglich gewesen wäre — aber Deine offene und so decidirt ausgesprochene Widersetzlichkeit gegen die so wohlgemeinten, Dein wahres Beste bezweckenden An­ordnungen Deines Oheims und Vormundes, der seit Deiner frühesten Kindheit Vaterstelle an Dir vertreten hat, zwingen mich dazu. Ich fühle eS ganz, wie schrecklich diese peinliche Stunde für Dein reines @e» müth, Dein zartfühlendes Herz ist, — ich halte mich jedoch für Deinen Arzt, und indem ich zuerst die wunden Stellen von Allem reinige, was sie schmerzt und ihre Heilung hindern würde, habe ich auch den heilenden Balsam zur Hand. Maximilian v. Werden­berg ist, wie Du weist, der einzige Sprößliug des edlen Grafengeschlechts, dessen Namen er führt — er ist der einzige Erbe eines sehr großen Vermögens, aber dieses ist Fideicommiß, und nach den Bestim­mungen des Stistungsbriefes und Hausgesetzes hat der jeweilige Besitzer sich vor seinem fünsundzwan- zigsten Jahre mit einem ebenbürtigen, stistsmäßigen Fräulein zu verheirathen. Maximilian bezieht eben fchon die Revenuen des Vermögens, — er ist 24 Jahre alt — ehe ein Jahr vergeht, muß er bei dem königlichen Lehenhofe nachweisen, daß er verheirathet ist, und daß seine Frau einen unbefleckten Stammbaum von wenigstens sechzehn Ahnen besitzt."

„Damit habe ich Dir bewiesen, daß Maximilan nicht an eine Heirath mit Dir denken kann. Zwar könnte er allerdings auf sein Vermögen verzichten und sich mit dem Vermögen seiner Frau begnügen, und ich will — obgleich es nicht so ist — dahinge­stellt sein lassen, oh dieses nach den vorliegenden Be­stimmungen Dir verbleiben könnte, und will auch ein­mal zugeben, daß es so bedeutend ist, daß eine gräf­liche Familie standesgemäß davon leben könnte. Aber, . so weit ich den Grafen bisher kennen gelernt habe, traue ich ihm so viel Ehrenhaftigkeit zu, daß er lieber auf fein — doch nur vermeintliches Lebensglück ver- zichten, als sich dazu entschließen wird, sich von seiner Gattin ernähren zu lassen, wolltest Du Dich auch dem Vorwurf aussetzen, einen Macke! in diese gantilie gebracht zu haben, und Schuld daran zu sein, daß das wahrhaft kolossale Vermögen derselben aüf ewige Zeiten verloren ging." (Fortsetzung folgt.)