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Mr. 126. Marburg, Sonnabend, den 1. Juni. 1872.

Oberhessislhe Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischrn Leitung mit KreUblatt durch di- Ervedition lKock's-d- Buchdruckere,) bezogen 22; Var., durch die Postämter 27 Vgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland erd. Stempel 22 Var -

Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an. 8 '

Nk»stt>sll11Mr>11 auf bie „Vterhesfische Zeitung" -VV|lvllUUylrU für den Monat Juni werden auswärts von allen Postanstalten und auf dem Lande von den Landpostboten, sowie in Marburg von der Expedition entgegengenommen.

Deutsche- Reich.

•• Berlin, 30. Mai. Die „Germania" kommt heute noch einmal darauf zurück, daß eö der Regie­rung nicht zustche, einen Bischof vom Amte zu sus- pendiren, und macht sich über die angebliche kirchen- rechtliche Unkenntniß der „Prov.-Corresp." lustig, welche trotzdem ron einer Suspension des Bischofs Namszanowski spreche. Die „Germania" scheint den betreffenden Artikel des halbofficiellen Blattes nicht genau gelesen zu haben. In demselben wird stets nur vom Herrn Namszanowski iu seiner Eigenschaft als Feldprobst gesprochen und wird derselbe nur an einer einzigen Stelle auch einmal beiläufig mit dem Bi- schofStitel belegt. Die „Germania" thäte statt dessen gut, ihre Kenntniß der preußischen Verhältniffe ein wenig aufzufrischen. Sie redet fortwährend von einem Armeebischof. Ein so auf die Genauigkeit des Aus­drucks haltendes Blatt sollte doch wissen, daß in Preußen kein Armeebischof, sondern nur eW Feld- probst der Armee existirt. Der Regierung steht aber über diesen allerdings die DiSciplinargewalt zu und sie macht bereits von dieser Gebrauch. UebrigenS ist die Suspension des Feldprobstes und die Einlei­tung des DisciplinarverfahrenS nicht auf bloßen mi­nisteriellen Befehl, sondern durch eine allerhöchste Cabinetsordre 2r. Majestät des Königs angeordnet. — Die gestern hier über den Zusammentritt der Conserenz zur Hebung deS Volksschulwesens gebrachte Nachricht kann heute bestätigt werden. Die Conferenz wird auö 21 Mitgliedern gebildet werden und gehören ihr außer mehreren Schulräthen und Seminardirec- toren an: die Herren Kleist Retzow, Dr. Paur, Dr Techow, Dr. v. Mallinckrodt, Pastor Richter, Schul- vorstcher Bohm, Dr. Schirm aus Wiesbaden. Was die gestern erwähnte Denkschrift anbetrifft, so wird dieselbe durchaus keinen offiziellen Charakter tragen. Sie ist vom Geh. Rath Stiehl unter Hinweis auf seine Stellung zu den Regulativen verfaßt und soll lediglich zur Commeutirung der bisher befolgten Grundsätze dienen. — Einige Zeitungen erzählen, Fürst Biömarck beabsichtige schon in den nächsten Tagen wieder auf eine kurze Zeit in Berlin einzu-

treffen. In unterrichteten Kreisen ist davon Nichts bekannt.

Ucber die am 29. Mai erfolgte Ankunft und den Empfang deS italienischen kronprinzlichen Paares theilen hiesige Blätter folgendes Nähere mit. Die Be­grüßung der hohen Gäste war eine sehr herzliche. Der Kaiser schüttelte dem Kronprinzen die Rechte, der Kronprinz umarmte ihn mehrmals. Der Kronprin­zessin küßten die Herren die Hand. Der Kronprinz überreichte ihr ein prachtvolles Rosenbouquet in den italienischen Farben; die Honneurs für die Damen des kaiserlichen Hauses halte die Prinzessin Karl über­nommen. Prinz Humbert ist seit der Zeit, daß er hier zum letzten Male zum Besuche weilte, stattlicher geworden. Eine Aehnlichkeit mit seinem Vater ist jetzt unverkennbar, wozu der stattliche Schnurrbart das Seine beiträgt. Die Kronprinzessin Marguerita ist, dem Rufe, der ihr voranging, entsprechend, eine lieb­liche Erscheinung von tadellos schlankem Wüchse. Von dem zarten Teint ihres Antlitzes hebt sich das glatt anliegende brünette Haar wirkungsvoll ab. Sie trug ein zierliches Florentiner Fa^onhütchen und einen weißen Cachemir-Umhang. Nachdem der Kronprinz von Italien an der Seite des Kaisers die Front der Ehrenwache hinabgeschritten war, bestiegen die hohen Herrschaften die bereilstehenden zweispännigen Hof- Cqnipagen. Prinzeß Marguerita nahm an der Seite der Prinzeß Karl Platz, Prinz Humbert an der Seite des Kaisers. Das zahlreich auf dem Perron wie auf der Straße versammelte Publikum begrüßte den Kaiser und seinen Gast bei der Ankunft wie bei der Abfahrt mit lebhaften Zurufen. Bei der Familientafel in Potsdam am 29. d. theilte der Kaiser dem Kronprinzen Humbert die Verleihung des Ordens pour le merite an Victor Emanuel und an ihn selbst mit; der deutsche Kronprinz überbrachte später die Decorationen an de» Kronprinzen Humbert. — Der Hof legt für die ver­storbene Erzherzogin Sophie Hoftrauer auf drei Wo­chen an.

Die katholischen Geistlichen des DecanatS Berg­heim haben seiner Zeit an Se. Maj. den Kaiser und König eine Adresse gerichtet, in welcher sie den gegen die clericale Partei erhobenen Vorwurf der Vater­landslosigkeit und der feindlichen Gesinnung gegen das neue Reich für ihre Person ebenso ehrfurchtsvoll wie entschieden zurückweifen. Darauf ist ihnen von dem Fürsten-Reichskanzler folgende Antwort zugegangen: „Berlin, den 6. Mai 1872. Die von dem hochwür­

digen Clerus des DecanatS Bergheim an Se Maj den Kaiser und König gerichtete Adresse ist von Sr' Majestät an mich abgegeben. Nach den Erklärungen, welche die Herren Unterzeichner über ihre Liebe zu dem gemeinsamen deutschen Vaterlande Allerhöchsten Orts in so unzweideutiger und rückhaltsloser Weise kundgeben, können Sie Sich dem Vorwurfe der Vater­landslosigkeit und des Mangels an Patriotismus nicht ausgesetzt glauben. Es gibt aber leider auf kirchlichem Gebiete eine Richtung, welche die Wiederherstellung deS Deutschen Reiches, wenigstens in derjenigen Ge­stalt verwirft, in welcher allein sie geschichtlich gewor­den und unter den obwaltenden Verhältnissen allein möglich ist. Je zahlreicher und ausdrücklicher der ka­tholische Cleruö dieser Richtung mit Wort und That entgegenzutreten fortfährt, um so mehr wird er dazu beitragen, den von der königlichen Regierung erstreb­ten Frieden zwischen Staat und Kirche zu erhalten und zu befestigen, v. Biömarck. — Die preußischen Mitglieder einer von der in Leipzig abgehaltenen Phi- lologen-Versammlung gewählten Commission haben an den preußischen Cultusminister eine Petition gerichtet, in welcher beantragt wird, daß durch die Gesetzgebung deS Staates ober durch andere geeignete Mittel eine Gleichstellung der Direktoren, Rektoren und Lehrer der nicht königlichen höheren Lehranstalten mit den­jenigen der königlichen in allen ihre äußere Stellung betreffenden Beziehungen, insbesondere in Bezug auf 'hr Diensteinkommen, ihre Pensions- und Reffortver- hältnisse möglichst bald herbeigeführt werde.

Der „Allg. Ztg." wird geschrieben: „Der bis­herige Chef-Redakteur der „Krenzzeilung", Dr. Beut- ner, verweilt gegenwärtig zur Kräftigung feiner durch einen Schlaganfall stark erschütterten Gesundheit im Bade. Der schon früher von uns ausgesprochene Zweifel, daß derselbe je wieder die Leitung jenes Blattes übernehmen werde, erweist sich als vollständig begründet. Wie man nämlich der „N. A. Z." aus Mecklenburg mittheilt, soll eimm Professor an der Universität Rostock die Chef-Redaktion der „Kreuz- zeitung" gegen ein Jahrgehalt von 4000 Thalern angeboten worben fein; doch habe derselbe ablehnend geantwortet, nachdem ihm das großherzogliche Mini­sterium eine Gehaltszulage bewilligt hatte." — Der „Köln. Ztg." wird von hier geschrieben: „Die Colle- gienhonorare bei der hiesigen Universität batiren aus der Zeit ihres Beginnes, also von vor 62 Jahren, und werben deßhalb auch noch in Golb erhoben, so oft er nach Hause kam, mit bem schönen Kinbe 3» spielen, unb es sich, als besten jungfräuliche Blüthe sich immer herrlicher entfaltete, zu seiner Gattin heran- zubilben.

Mathilde war gar nicht darum befragt worben, ob sie Neigung zu ihrem Vetter fühle und ob dessen Huldigungen ihr angenehm wären. Die Sache hatte sich ganz allein fo nach den Wünschen des alten Herrn gestaltet, der so frühzeitig entworfene Plan war mit dem Mädchen ausgewachsen, und alle Leute in ihrer Umgebung sprachen davon wie von einer feststehenden sich von selbst verstehenden Angelegenheit. Mathilde h^"e, fast in beständiger Zurückgezogenheit auf dem Schlosse ihres Vormundes lebend, noch sehr wenig junge Männer kennen gelernt, unb sie mochte den luftigen Vetter Ernst ganz wohl leiden, da er ihr in allen Stücken zu Gefallen lebte. Er trieb tausend Tollheiten mit dem Kinde, und Mathilde wartete immer mit Sehnsucht auf dessen Ankunft aus der Garnison, wodurch das ewige Einerlei ihres Lebens wenigstens auf Wochen unterbrochen wurde. Wenn Ernst spazieren ritt, setzte er immer das kleine Mäd­chen vor sich hin auf daö Pferd und sprengte in dem Lnhloßhose hin und her, was jenem bald so viel Ver­gnügen machte, daß der Oheim ihren Bitten nachgeben und ihr ein kleines Reitpferd kaufen mußte. Die Spielerei ward von Jahr zu Jahr ernsthafter und leidenschaftlicher betrieben, und bie achtzehnjährige Jungfrau eine gewandte Reiterin.

So weit war alles erwünscht gegangen, aber plötz- lidj drohte ein Blitzschlag aus heiterem Himmel den so lchön angelegten unb bis daher so geschickt ausge­führten Plan zu zerstören. Der alte Herr war krank geworden und wurde nach feiner Wiederherstellung von seinem Arzte, um eine Nachkur zu gebrauchen,

Mathilde.

Novelle von Heinrich Heusler.

(Fortsetzung.)

ES war von den Gerichten eine Untersuchung auf Schloß Eulenbuch eingeleitet worben, welche jedoch wenig Anhaltspunkte bot, da die eigentlich Bethei­ligten unb diejenigen, welche etwas Näheres über diese ziemlich in Dunkel gehüllte Begebenheit anzu - geben gewußt hätten, theils tobt, theilS nicht bekannt, theils entflohen waren.

Zur selbigen Zeit erschienen der Gras Emmeran d. KauSberg unb der Rcichsrath Freiherr K. Fr. v. Rothensels, der Schwager der ermordeten Gräfin Augusta, zeigten eine Vollmacht des entflohenen Grafen Franz vor, wonach sie zu Testam.ntsexecutoreu er­nannt waren, unb gaben sich ebenfalls bie größte Mühe, das Dunkel zu lichten, jedoch mit bemfelben ungünstigen Erfolg.

Wir haben bereits Kenntniß von bem Testament deS Grafen Franz erhalten, so wie von bem Arran gement, welches zur Ehre der Familie getroffen unb von bem Landesherrn genehmigt wurde.

Graf Franz Ferdinand v. KauSberg war unmittel­bar nach bem Duelle abgereift und wollte wahrschein sich wieder in daö Bad gehen, das er so schnell ver­lassen hatte. Unterwegs ereilte ihn jedoch der Tod, alte Wunden waren wieder aufgebrochen, dazu die neue Wunde, bie für den so geschwächten Mann außer ordentlichen Anstrengungen der letzten Wochen, — endlich bie geistige Aufregung hatten vereint einen schnellen Tob bewirkt.

Rian suchte bie ganze Begebenheit so viel wie möglich zu verheimlichen, verschwieg deshalb den Tob deS Grafen anfänglich, und sorgte erst später dafür, daß der Körper wieder auSgegraben, und in bie Fa­miliengruft gebracht wurde.

Den Bestimmungen des uns bekannten Familien­vertrages zufolge war die jüngste Tochter der ermor­deten Gräfin Auguste unter dem Namen Elise von Armsheim dem Vormunde Freiherrn v. Rothensels übergeben und von diesem nach Süddeutschland ge­bracht worden, während allenthalben daS Gerücht von ihrem Tode verbreitet wurde, weil man glaubte, wenn aus diese Weise dieses Kind der Sünde verschwunden sein würde, dann werde um so leichter diese schreck­liche Begebenheit vergessen. Der Vormund nahm daö Kind in seine Familie auf und verwaltete sein bedeu­tendes Vermögen. Da immer die Zinsen zum Kapital geschlagen wurden, so war das Vermögen mit Ein­tritt der Volljährigkeit Elisens wahrhaft kolossal ge­worden, weßhalb der Vormund es seiner Familie zu erhalten wünschte. DaS gelang ihm, indem er veran­staltete , daß sein Sohn Theobald sich mit ihr ver­mählte. Leider starben beide Eltern frühzeitig und hinterließen nur ein Kind, das wir als Mathilce v. Rothenfels kennen gelernt haben. Der alte Frei­herr wußte es zu veranstalten, daß fein zweiter Sohn Eduard zum Vormund Mathildens ernannt wurde.

Natürlich nahm das Vermögen dieser ohnedies schon sehr reichen Erbin von Jahr zu Jahr immer mehr zu, und von Tag zu Tag wurde in ihrem Vor­mund der Wunsch lebhafter, dieses Vermögen aber­mals in der Familie zu erhalten. Er bestimmte des­halb schon frühzeitig feinen Sohn Emst zu ihrem künftigen Gatten. Dieser war sehr damit einverstan­den, eine so schöne und liebenswürdige reiche Erbin heimzuführen.

Er hatte sich deshalb zu dieser Partie ausgespart, mittlerweile aber sich keinen Genuß versagt, welchen das Leben in der Garnisonsstadt dem reichen und lebenslustige» jungen Manne in allen Gestalten des Lebens bot. Dabei machte eö ihm viel Vergnüngen,