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Marburg, Freitag, den 31. Mai.
1872
Oberhessische Zeitung.
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Deutsches Reich.
•» Berlin, 29. Mai. Die „Prov.-Corr." bestätigt das schon gestern verbreitete Gerücht von der Suspension des katholischen Feldpropstes NamszanowSki und ergänzt die Nachricht noch durch die Hinzufügung, daß gleichzeitig dem General-Vicar des Feldpropstes alle Funktionen untersagt seien. Er erklärt sich letzteres einfach aus dem Umstande, daß der General- Vicar die Stelle des Feldpropsten nur im Falle einer Vacanz oder im Auftrage des FeldpropsteS zu vertreten hat. Da nun aber eine Vacanz nicht vorhanden und der Feldpropst nach seiner Suspension vom Amte nicht berechtigt ist, dem General-Vicar einen Auftrag zu ertheilen, so versteht es sich von selber, daß auch die Funktionen des Letzteren ruhen müssen. Wenn die „Prov.Corr." noch von weiteren Schritten spricht, die in Verfolg dieser Maßnahmen bevorständen, so ist dabei u. A. wohl auch an eine sämmtlichen katholischen Militärgeistlichen zu ertheilende Weisung gedacht, etwaigen Befehlen des Feldpropstes oder des General-Vicars keine Folge zu leisten. Wie ich höre, ist diese Weisung bereits von hier abgegangen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß durch die Maßregel der Regierung der Conflict zwischen Staat und Kirche eine nicht geringe Verschärfung erfahren hat, aber die Regierung ist ja durch de» beispiellosen Uebermuth des katholischen Clerus zu solchem Vorgehen gezwungen worden, und dieser hat es einzig und allein sich selber zuzuschreiben, wenn gegenwärtig mit der Suspension des FeldpropsteS zugleich das ganze Institut und die Organisation der katholischen Feldgeistlichkeit überhaupt in Frage gestellt ist. — Die schon mehrfach erwähnte Conferenz, welche über die Hebung des Volksschul- wesens beabsichtigt ist, wird, wie nun festgestellt worden, in der zweiten Woche des Juni (wahrscheinlich am 11.) zusammentreten. Vorher soll aus dem Cul- tusmimsterium eine Denkschrift über die bisherige Entwickelung des Volksschulwesens und die dabei maß gebenden Gesichtspunkte zur Veröffentlichung gelange». Tic Absicht dcs Cultusmiiiistcrs, einige Seminare zu besuchen, scheint durch die neuesten Vorgänge auf dem Gebiete der kirchlichen Wirren hinausgeschoben zu sein; jedoch ist der Plan keineswegs aufgegeben, und es ist wahrscheinlich, daß der Minister in nächster Zeit schon ein schlesisches und ein sächsisches Seminar besuchen wird.
Bekanntlich läuft gegenwärtig die Landtagssession neben dem Reichstag fort, d. h. das Abgeordnetenhaus hat sich Ende März stillschweigend auf längere Zeit vertagt und hat seinem Präsidenten die Wiederanbe
raumung von Sitzungen überlassen. Man entschloß sich hierzu in der Voraussetzung, daß einerseits der Reichstag bis gegen Mitte Mai seine Aufgabe» erledigt haben, andererseits die KrciSordnungSkommisston beS Herrenhauses bis dahin mit ihren Arbeiten fertig sein werde. Beide Voraussetzungen sind nicht eingetroffen; vielmehr wird sich die Session des Reichstages jedenfalls bis in die zweite Hälfte des Juni erstrecken. Bei dieser Lage der Dinge würde die Durchführung der früher beabsichtigten Wiederaufnahme der Landtagssessio» neben oder nach der Reichstagssession jedenfalls zu parlamentarischen Berathungen bis weit in de» Juli hinein führen. Mit Rücksicht darauf ist erwogen worden, ob nicht die Früchte der bisherigen Arbeiten des Landtages in Bezug auf die Kreisord» nuug für den weiteren Verlauf auch ohne sofortige Wiederaufnahme der Session gesichert werden könnten. Ueber das fragliche Project erklärt nun die „Prov.- Corrcsp": „Dies würde möglich sein, wenn durch Einverständniß zwischen der Regierung und beiden Häusern eine Vertagung des Landtags bis zum nächsten Herbste zu Stande käme. Die alsdann wieder beginnende Session würde verfassungsmäßig als Fortsetzung der bisherigen Session gelten und könnte die Arbeiten in jeder Beziehung da wieder aufnehmen, wo sie jetzt stehen bleiben. Wenn in den beiden Häusern de» Landtags, welche voraussichtlich im Laufe der nächsten Woche auch noch auf andere» Anlaß zu Sitzungen berufen werden dürften, der Plan einer Vertagung im obigen Sinne zur Geltung gelangt, wird die Staatsregicrung auch von ihrem Standpunkte zu einer solchen Vereinbarung voraussichtlich ihre Mitwirkung nicht versagen. Sie muß dabei allerdings dringend wünschen, daß die Vorberathungen der Kreis- ordnungs-Kommission deö Herrenhauses inzwischen durch die Beendigung der zweiten Lesung einen Abschluß gefunden haben."
Die gestern telegraphisch signalistrte Auslassung der „Prov. Äon." über die Amtssuspension des kathol.Felv- probsteS lautet vollständig: „Ein »euerherausfordernder Schritt seitens der katholischen Kirche hat die preußische Staatsregierung so eben zu Maßnahmen der entschiedensten Abwehr veranlaßt. In Köln findet in der evangelischen Garnisonkirche zu St. Pantaleon seit 24 Jahren unter allseitiger Genehmigung auch der katholische Militär-Gottesdienst statt. Vor einigen Monaten beantragten die Altkatholiken in Köln, daß ihnen die Pantaleonskirche zu gewisse» Stunde» zum Gottesdienste überlasse» werde. Mit Zustimmmung des Kriegsministers wurde dies gestattet. Demzufolge
Mathilde.
Novelle von Heinrich Heusler.
(Fortsetzung.)
„Gnädiger Herri"
„Halt! Ehe du weiter sprichst, gebe ich dir die Versicherung, daß ich schon von Allem, was geschehen ist, die genaueste Kunde habe. Dein scharfes Auge, dein natürlicher Verstand, deine Treue und Ehrlichkeit sollen mir nur Gewißheit geben!"
„Gnädiger Herr! Ein treuer Diener muß viel sehen könne», und darf nur wenig reden!"
„Ganz recht, Hcilman»! Er darf nichts aus dem Hause tragen, — wenn aber der Herr fragt, dann gebietet die Pflicht, ihm zu antworten, und zwar die lautere Wahrheit, — verstehst du das?"
„Run, so fragen Sie mich, gnädiger Herr! Ich werde antworten was ich weiß."
„Es ist ei» Kind, das jetzt etwa zwei Monate alt ist, in dem Schlosse, — ist das wahr?"
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„Dieses Kind ist immer in dem Schlafzimmer der Gräfin, und wird sorgfältig vor Jedermann geheim gehalten?"
„Ja, das ist wahr!"
„Die Gräfin hat Dir auch den Auftrag gegeben, mit dem Schullehrer in Fieße» einen Vertrag in Deinem Namen abzuschließen, wonach derselbe ein Kind «US der Stadt sammt seiner Amme in sein Haus auf- »ehmcn solle, so wie ich nach Hause komme?"
„Nein! das ist nicht wahr!"
„Nicht? Besinne Dich wohl, Alter! Ist es nicht so?"
„Don Ihnen war nicht die Reoe, gnädiger Herr! Der Schullehrer muß das Kind zu jeder Zeit, wenn
es verlangt wird, aufnehmen, — Ihr Name wurde nicht ein einziges Mal dabei genannt."
„Schon gut! Ich weiß, wie das zu verstehen ist, wenn auch mein Name nicht gerade ausdrücklich genannt wurde. Die Gräfin war auch krank — wie war doch das?"
„Die gnädige Frau war wirklich recht krank, wohl ein Vierteljahr lang, und in der letzten Zeit verließ sie ihr Zimmer gar nicht mehr, und es durfte niemand zu ihr als eine Kammerfrau, welche sie erst während ihrer Krankheit angenommen Halle, und eine Wartfrau, welche erst ankam, als die Krankheit am gefährlichsten war. Vierzehn Tage darauf reisten diese beiden plötzlich wieder ab.
„Nun — und das Kind?"
Das Kind? Ja das Kind war dann da — niemand wußte, woher es kam."
„Welcher Doktor behandelte die Gräfin während ihrer so bedenklichen Krankheit?"
„Das war eben, was mich wunderte; die Frau Gräfin hatte gar keinen Doktor gebraucht."
„Und Du weißt weiter nichts? Und das alles ist die reine, lautere Wahrheit?"
„So wahr mit Gott helfe in der Stunde meines Todes!"
Bei diesen Worten legte der Förster seine Hand auf die Brust. Der Graf stand auf und sagte:
„Ich weiß jetzt genug; — ich will jetzt eilen, daß ich in das Schloß komme. Adieu, lieber Heilmann! Komme doch morgen um zehn Uhr in das Schloß zu mir — hörst Du? Sprich aber über das, was ich Dich gefragt habe, und was Du über den ganze» Vorfall erfahren hast, mit niemanden etwas — verstehst
untersagte der katholische Feldpropst Bischof Nams- zanowski ohne Anfrage bei dem Kriegsministcr dem katholischen Divisionspfarrer Lünnemann zu Köln die weitere Abhaltung des Gottesdienstes in der Panta- leonSkirche. Der Kriegsmiutster wies jedoch seinerseits den Feldpropst sofort auf die Ungehörigkeit seines Verfahrens und auf die Folgen desselben in Bezug aus seine Stellung hin und verlangte, daß der katholische Militär-Gottesdienst auch ferner in der genannten Kirche abgehalten werde, so lange das Kriegs- Ministerium nicht andere Entscheidungen treffe. Der Feldprobst gab seiner Weisung vorläufig keine weitere $clge, zeigte jedoch an, daß er über die Angelegenheit an den Papst berichtet habe, um sich zu vergewissern , inwieweit sein Verhalten vom päpstlichen Stuhle gebilligt werde. Dies geschah in den erste» Tagen des März. In voriger Woche aber (am 21. d. M.) untersagte der Feldprobst auf Grund der Billigung seine» Verhaltens seitens des Papstes dem Divisionspfarrer Lünnemann von Neuem die Ausübung aller geistlichen Akte in der Kirche St. Pantaleon so lange, als der Mitgebrauch der Kirche seitens der Altkatholiken nicht beseitigt sei. Die Staatsregierung hat sich durch dieses Vorgehen, in welchem nicht nur eine Verletzung der Rechte des Staats, sondern auch eine Verletzung der Amtspflichten des FeldprobfteS als Militärbeamte zu Tage liegt, veranlaßt gesehen, die Disziplinär Untersuchung gegen denselben und die einstweilige Suspension desselben vom Amte anzuordnen und gleichzeitig seinem General-Vikar die Ausübung aller Funktionen zu untersagen. Weitere Schritte in Verfolg dieser Maßnahmen stehen bevor."
Die „Prov.-Korresp." druckt heute das neue Programm der konservativen Partei im Reichstage ab und bemerkt dazu: „Dasselbe hat eine groß« Bedeutung einerseits als Grundlage erneuerter un^ fester Beziehungen der konservativen Partei zur Re gierung, andererseits als Ausdruck einer tieferen po iitischen Gemeinschaft der konservativen Bestrebungen in Nord- und L>üddeutschland." — Am 15. nächsten Monats feiert der Kultusminister Dr. Falk sein 25- jähriges Doktor-Jubiläum. — Der „Staatsanzeiger" schreibt: Nachdem der im Jahre 1863 zum Präsidenten des Ober - Kirchenrathes ernannte Wirkliche Geheime Rath Mathis aus Gesundheitsrücksichten seine Pen- sionirung nachgesucht, ist dieselbe Allerhöchsten OrteS in Gnaden bewilligt worben. Das Präsidium des Ober-Kirchenrathes führen gegenwärtig der General- Superintendent Dr. Hoffmann und der Ober - Konsi- ftorial-Rath Stahn.
Du — mit niemanden, wer es auch fei. Ich befehle es Dir! Schlafe wohl!"
Der Förster wollte ihn begleiten — der Graf lehnte es jedoch ab. „Ich kenne ja den Weg, den ich viele tausendmal zurücklegte, ganz genau. Doch »och eine Frage, Alter. Haft Du nicht während dieser Zeit einen Fremden bemerkt, welcher einige Male in dem Schloß war?"
„Der Herr von Dienstorff!"
Der Graf war feiner kaum mehr mächtig, er zitterte am ganzen Körper und konnte nur mühsam sich aufrecht halten. Nach einer minutenlangen Pause fragte er:
„Kam derselbe öffentlich am Tage — oder heimlich in der Nacht?"
„Ich habe ihn nur zweimal gesehen — er kam immer zur Nachtzeit und ging vor Anbruch des Tage- wieder weg. Er war in der Stadt abgeftiegen und hatte einen fremden Namen angenommen — ich kenne ihn aber recht gut, denn ich sah ihn öfter, als ich vor vier Jahren mit Ihnen in der Residenz war, — er kam da öfter zu Ihnen. Wissen Sie noch, der schöne junge Herr mit dem schwarzen Haare und Barte?"
Der Graf taumelte fort ■— den Tod im Herzen!
„Ja, ja!" murmelte er vor sich hin, „er ist mir wohl bekannt, — er machte sich damals viel um die Frau Gräfin zu schaffen, und hatte allerlei mit ihr zu verkehren! — Ist es denn möglich, daß ich auf eine so fürchterliche Weife getäuscht worden bin, — daß ich einer falschen Schlange mein häusliches Glück und meine Ehre anoertraute ? Wie fein wurde der ganze Betrug angelegt. — nicht ein Wort wurde mir von dieser Krankheit geschrieben, und — ja, ja, — ich sah damals schon, als ich vor vier Jahren in der