Wr 12L
Jliarölirg, Donnerstag, den 30. Mai
1872
Oterhessische Zeitung.
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Das conservalive Programm.
Das seinem wesentlichen Inhalte nach von unserem »»Correspondent erwähnte neue Programm, auf Grund dessen sich die conscrvative Partei deS Reichstages consolidirt hat, lautet solgendermabcn:
I. Im Hinblick auf die immer tiefer greifenden Tagcsfragen, die, ungelöst und falsch behandelt, Staat, Kirche und Gesellschaft zu erschüttern drohen, hält sich die conscrvative Partei des Reichstages für verpflichtet, die Grundsätze darzulegen, nach denen sie wie bisher, so in Zukunft im neuen deutschen Reiche Stellung genommen hat, resp. nehmen will.
Als politische Partei im deutschen Reich hat sie deutsche Interessen zu vertreten, und erkennt es als Nolhwendigkcit an, die gleichartigen Bestrebungen in allen deutschen Staaten in sich zu vereinigen.
Dieselbe wird nur dann gedeihlich zu wirken ver mögen, wenn sie cö als ihre Hauptaufgabe erkennt, und wenn es ihr gelingt, auf einer feftbestimmten Grundlage mit der Negierung zu stehen und mit ihr Hand in Hand in gegenseitigem Vertrauen zu handeln.
Auf der andern Seite kann aber auch die Regierung des Rückhalts einer conservativcn Partei um so weniger entbehren, als dieselbe für gewöhnlich nicht ohne und gegen die Majorität des Reichstages zu regieren vermag und ihr, in Ermangelung einer festen Basis der staatlichen Entwickelung, die zur Sicherheit ihrer Zukunft nothwendige Stätigkeit fehlen würde.
Diese Basis muß aber eben eine feste, d. h. eine solche sein, auf welche die Regierung sich verlassen und mit der sie in den bewegenden Fragen der Zeit mit Zuversicht und Vertrauen rechnen kann.
II. Die conscrvative Partei ist ihrem politischen Grundgctankcn nach die monarchisch-nationale Partei.
Als solchen sieht sie in einer starken Kaiserlichen Gewalt und in der weiteren staatlichen Ausbildung und Ausstattung des das Deutsche Fürstcnthum, so wie den Slaatsgedanken des Deutschen Reiches rcprä- sentirenden Bundcsrathes die Bürgschaft für die Einheit des Reichs und die gedeihliche Fortentwickelung und Selbstständigkeit seiner Glieder. Demgemäß wirt sie den Bestrebnngcn entgegcntretcn, welche einerseits auf die Herrschaften parlamentarischer Majoritäten hinzielen, und welche andrerseits, im Gegensatz zu der eigenartigen Entwickelung der einzelnen Deutschen Länder und Stämme, das Reich zum Einheitsstaat zu verkümmern trachten.
Mehr als irgendwo anders ist für das Deutsche Reich der monarchische Gedanke identisch mit dem nationalen, und es ist deßhalb eine tiefe Unwahrheit, wenn die Gegner des nationalen Gedankens sich als Vorkämpfer des monarchischen zu geberden versuchen — und umgekehrt.
Gleichmäßig sind alle Tendenzen zu bekämpfen, welche die monarchische Einigung Deutschlands wieder zu zerreißen, oder der Staatsgewalt auswärtige kirchliche Mächte zu coordinircn oder zu substituiren gedenken.
III. Die auö diesen Grundgedanken sich ergebende Stellung de» hervorragenden politischen Fragen gegenüber ist folgende:
1) Die Selbstständigkeit des Reiches auf finanziellem Gebiete fordert eine so vollständige Ausstattung des Rcichshauöhalts durch Reichssteucrn, daß derselbe von den direkten Zuschüssen der Einzelstaaten möglichst unabhängig wird. Es ist eine Forderung gerechter Steucrvcrtheilung an Stelle derjenigen Steuer Auflagen, welche einseitig einzelne Klassen der Bevölkerung belasten, Objekte zur Besteuerung heranzuziehen, die für die indirekte Besteuerung als Genuß- mittel, oder in ihrer Bewegung im Verkehrsleben sich besonders eignen.
2) Nicht minder hängt die Behandlung der socialen Frage mit der Stärkung der monarchischen Gewalt und mit der nationalen Entwickelung Deutschlands zusammen, nicht allein weil die Lösung nur im großen Maßstabe und durch den starken Arm einer den socialen Riächten überlegenen Regierung gelingen kann, sondern weil auch eine gesunde Entwickelung des deutschen Reiches nur möglich bleibt, wenn die selbe sich im Einklänge mit den Bedürfnissen und den berechtigten Anforderungen der Masse des Volks vollzieht.
3) Die Regelung dieserVerhältnisse erfordert daher gleichmäßige Rücksichtnahme auf die Interessen aller Berufs- und Erwerbszweige, deßhalb Beseitigung der Ungleichheit, welche für den Grundbesitz, das land wirlhschastliche Gewerbe und die produktive Arbeit aus der bestehenden Gesetzgebung hervorgegangcn ist, und zwar Alles dies unter dem Gesichtspunkte, die Staatsidee und das öffentliche Wohl gegenüber der individuellen Freiheit und dem egoistischen Interesse entschiedener zur Geltung zu bringen.
4) ES folgt daraus ferner die nachdrückliche Bekämpfung aller socialen Bestrebungen, welche sich nicht
auf der Basis der gegenwärtigen Staats- und Gesellschaftsordnung, oder im Gegensatz gegen die Nationalität vollziehen wollen.
5) Die Arbeiterbewegung insbesondere erfordert das Eingreifen der Staatsgewalt, um die Geltendmachung berechtigter Interessen des Arbeiterstandes in gesetzliche Bahnen zu lenken. Hierzu bedarf es staatlicher Fürsorge für diejenigen Einrichtungen und korporativen Bildungen, welche geeignet sind, die materielle und geistige Lage deS ArbeiterstandeS zu sichern und zu fördern, — sowie der Schaffung staatlicher Organe, welche die Verhütung und Schlichtung der Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf friedlichem Wege sich zur Aufgabe machen.
6) Für die Lösung der socialen Frage ist endlich selbstredend die Mitwirkung der Kirche von hervorragender Bedeutung. — Hier ist der evangelischen sowohl, wie der katholischen ein weites Arbeitsfeld eröffnet, und von letzterer bereits eifrig in den Bereich ihrer Thätigkeit gezogen. Die evangelische Kirche aber wird dem Staate erst dann in vollem Maße Handreichung zu lhun vermögen, wenn ihr die verheißene Selbständigkeit gewährt, und sie dadurch in den Stand gesetzt und genölhigt sein wird, sich auf sich selbst und die ihr innewohnenden geistigen und geistlichen Kräfte zu stützen.
7) Die praktische Aufgabe für diesen Zweck ist nicht Trennung von Kirche und Staat, welche überhaupt unmöglich ist, sondern Dcfinirung und Regelung de« Grenzgebiets, welche so bald als möglich auszuführen sind, weil die Voraussetzungen und Aussichten insbesondere für die evang. Kirche mit jedem Jahre ungünstiger zu werden drohen.
8) Unter den jetzt gegebenen Verhältnissen empfiehlt es sich, für die Verfassung der evangelischen itirche in Preuße» die relative Selbständigkeit, sowie den bestehende» Rechts- und Bekeuntnißstand der Provinzen zum Ausgangspunkt zu nehmen und für die Zusammenfassung des gejammten Kirchenwcsens eine der Ausdehnung nach dem Reiche hin fähige Instanz zu schaffen, welche die Selbständigkeit und Selbstverwaltung der Kirche in föderativem Sinne garantirt, und ein unabhängiges Organ, welches alle zwischen Staat und Kirche obschwebenden kirchenrechtlichen Fragen als Rechtsfragen zum Austrag bringt.
Deutsches Reich.
•• Berlin, 28. Mai. Das neue Programm der Conscroativen ist nunmehr der Öffentlichkeit über-
Mathilde.
Novelle von Heinrich Heusler.
(Fortsetzung.)
Alle Schwäche Mathildens war plötzlich bei diesem Rufe verschwunden — sie sprang rasch auf und lief den Weg hin, bis sic wirklich den Grafen sah, welcher ruhig einherschritt und das Maulthier am Zügel führte. Er wollte gerade mit einigen scherzhaften Worten daö glücklicherweise eingefangcne Thier seiner Gebieterin voeführen, als er die leichenhafte Bläffe bemerkte, welche ihr schönes Gesicht überzogen halte. Ter Zügel entfiel seiner Hand — er sprang zu ihr hin und wollte fragen — aber in demselben Augen blick war die Bläffe verschwunden, und tiefe Röthc an deren Stelle getreten.
„Gottlob, gottlob!" rief sie, „aber ich sah Sie doch von dem Felsen hinab in die Tiefe stürzen — war das ein Blendwerk?"
Also Thcilnahme war eS, was diesen lieblichen Farbenwechsel auf Mathildens Wangen bewirkt hatte — Sorge um ihn — Freude, daß ihm kein Unglück zugestoßen war! Das schien Maximilian unverkennbar, und diese Ueberzcugung rief beseeligcnde Gefühle in ihm hervor, und trieb auch ihm das Blut ins Gesicht.
„Ich bin zwar gefallen", antwortete er, „aber nicht tief hinab; ich sagte ja doch, daß der Weg. den ich nahm, nicht gefahrvoll sei. Ich war zu nahe an den Rand dcö letzten Felsens getreten, weil ich die nur schmale Kluft bis auf den Weg überspringen wollte — mein Fuß glitt jedoch aus, und ich mußte gegen meinen Willen in die Tiefe hinabspringen. Diese war aber nur unbedeutend, schnell kletterte ich an der andern Seite wieder hinauf und hatte meine Absicht erreicht, denn nur wenige Schritte oberhalb dieses Punktes kam mir der Flüchiling entgegen."
„Der aber immer noch ein Flüchtling sein würde", fiel der Rittmeister dem Grafen lachend in die Rede, „wenn nicht sein Führer ihn eben wieder eingefangen hätte. Somit erscheint der Nutzen des Ritterdienstes allerdings sehr problematisch, wenigstens wird der Lohn nach Verdienst unter Beide, welche so glücklich waren, das Maulthier wieder einzufangen, zu theilen sein."
So war es auch in der That, denn als der Graf, erschrocken über das Aussehen Mathildens, den Zügel fallen lassend, an deren Seite geeilt war, halte das Maulthier sich umgedreht, und war im Begriff, den Weg wieder hinabzulaufen, doch war es seinem Führer durch Zurufen und Nacheilen gelungen, seiner bald wieder habhaft zu werden. Nur Ernst hatte dies bemerkt — die ganze Scene mußte ihm höchst unange- nehm sein, und in seinem Aerger über die so sichtbaren Fortschritte seines Nebenbuhlers hatte er sich jene verletzende Aeußerung erlaubt.
Der Graf war im Begriff, etwas zu erwidern, seine blitzenden Augen ließen eine heftige Scene be fürchten, deßhalb antwortete Mathilde, schnell das Wort ergreifend.
„Du hast vollkommen Recht, lieber Veiter, und da es Dir gewiß höchst unangenehm sein würde, bei diesem kleinen Ereignisse allein unthätig und ein müßiger Zuschauer zu sein, so bist Du wohl so gefällig, den Führer abzulohnen, während ich dem Herrn Grasen hier dafür danke, daß er sein Leben wagte, um mir einen kleinen Dienst zu leisten. Es kann hier natürlich nur auf die Absicht ankommen, und sie ist es, welche mir diesen Vorfall sehr werth und unver geßlich uiachen wird "
Sie reichte dem Grafen mit freundlichem Lächeln die Hand, welcher sie mit freudestrahlenden Blicken ergriff und an seine Lippen drückte.
Aergerlich, daß er schon wieder den Kürzeren ziehen mußte, drehte der Rittmeister sich um, weil er den Dank nicht sehen mochte, den der Graf da vontrug.
5.
Der Graf Franz Ferdinand v. KauSberg war mit den Hilfstruppen, welche Deutschland dem Kaiser der Franzosen zur Unterjochung der Spanier stellen mußte, seit zwei Jahren aus der pyrenäischen Halbinsel, wo er durch rastlose Erfüllung seiner Pflichten in zahllosen blutigen Gefechten, welche der hartnäckige Widerstand der Eingeborncn fast täglich hcrvorrief, ruhmvolle Wunden, aber einen siechen Körper davongetragen hatte. Nur ungern legte er die Waffen nieder, und suchte Heilung seiner Wunden, Wiederherstellung seiner Gesundheit und Erholung von den außerordentlichen Strapatzen zweier Feldzüge in einem Bade deS südlichen Frankreichs.
Er hatte eine heißgeliebte Gattin daheim gelaffen, die schon im zweiten Jahre ihrer glücklichen Ehe zu verlassen die rücksichtslose Pflicht ihn nöthigte. Nur wenige Monate vor seiner Abreise hatte sie ihn mit dem erstcn Kinde beschenkt, und wenn auch sein Wunsch und seine Hoffnung einen Sohn als Erben seines berühmten Namens und großen Vermögens verlangst, und diese Hoffnung nach und nach bei ihm zu einer unbegreiflichen Uebcrzeugung sich gesteigert hatte, so fügte er sich doch mit Ergebung in dieses Schicksal, daS er nicht zu ändern vermochte — er tröstete sich mit der Hoffnung auf eine freundlichere, seinen Wünschen mehr entsprechende Zukunft. Die kleine Marie war ihm ein liebes Kind, und niemand, selbst nicht die Mutter, konnte ahnen, wie sehr er sich getäuscht fühlte.
Nur selten erhielt er einen Brief von der geliebten Gattin — mancher mochte in den allenthalben