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Nr. 123. Marburg, Mittwoch, bett 29. Mai. 1872.

Oberhessisthe Zeitung.

Srftfieint täglich außer ben Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischeu Seihtttg mit KreiSblatt durch die Expedition (Roch'sche Buchdruckerei) bezogen 22; Lgr., durch die Postämter 87 Ggr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und ind. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 88 Lgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sümmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

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Deutsches Reich.

•• Berlin, 27. Mai. In verschiedenen Zei­tungen wird berichtet, daß Fürst Bismarck in der zweiten Hälfte des MonatS Juni nach Berlin kommen werde, um sich an den Reichstagsverhandlungen zu betheiligen. ES ist dies eine bereits früher gegebene Notiz, nur in etwas veränderter Form, die aber heute durchwegs keinen sichereren Boden hat, als früher; denn eine Bestimmung über die Rückkehr de» Reichs kanzler» ist noch nicht getroffen. — In katholischen Blättern und Vereinen wird gegenüber der Stellung der Regierung zu dem agitatorischen Treiben deS ka­tholischen Clerus darauf hingewiesen, daß die Regie­rung zu diesem Vorgehen hauptsächlich durch den Frei­maurer-Orden, der ein Feind der katholischen Kirche sei, getrieben worden und in Consequenz dieser Auf" fassung wird dann weiter ausgeführt, Fürst Bismarck sei ein besonderer Beschützer des Ordens. Dem gegen­über möchte doch zu bemerken sein, daß der Fürst dem Orden weder angehört, noch zu demselben eine besonders befreundete Stellung hat. Das Vorgehen der Regierung gegen die Agitationen der katho­lischen Geistlichkeit ist «»fach dictirt durch das Bedürfniß des Staates, Abwehr gegen die Bestrc. bungen, die sich über die Gesetze des Staates stellen, in der Hand zu haben. — Die Vertagung der Land­tags-Session hat eine bestimmte Aussicht auf Ver­wirklichung erhalten, da die in dieser Angelegenheit geführten Verhandlungen bereits soweit gediehen sind, daß das zunächst dabei interessirte Ressort, das Mi­nisterium des Innern, dem Projecte keinen besonderen Widerstand entgegensetzen dürfte. Das Staats-Mi­nisterium wird in der morgen stattfindendcn Sitzung über diese Sache Beschluß fassen und es steht zu er­warten, daß sich dasselbe der Ansicht des Ministers des Innern anschließen wird. Eine Einberufung beider Häuser des Landtages steht alsdann bevor. In der daun eintretenden parlamentarischen Pause wird cS wohl möglich sein, daß die Herrenhaus-Commission für die Kreisordnung den Bericht erstattet. — Eine besondere Feier in Brandenburg zur Erinnerung an die Vereinigung des Netze-DistrictS mit dem König­reich Preußen wird kaum stattfinden, vielmehr wird wohl dieselbe mit der Feier in Westpreußen verbunden »erben. — CS werden von Paris aus Mittheilungen laut, daß die Verhandlungen über bestimmtere Ter­mine zur Abzahlung der Kriegscontribution und be­

schleunigteren Räumung des noch occupirten Terri­toriums im Gange seien und guten Fortgang hätten. Soviel hier bekannt, ist diese Angelegenheit in letzter Zeit amtlich nicht zur Sprache gekommen; es haben nur vertrauliche Erörterungen zwischen Graf Arnim und Hrn. Thiers stattgefunden, die aber über die Grenzen solcher nicht hinauSgegangen find.

Köln, 27. Mai. Der katholische Feldpropst, Bischof Namszanowski, davon benachrichtigt, daß mit Genehmigung des Kriegs-Ministers die Altkatholiken hier Gottesdienst in der Garnisonskirche zu St. Pan taleon halten, untersagte, ohne Genehmigung des Kriegs - Ministeriums dem Divisionspfarrer Lünne mann die Benutzung der Kirche zu seinen priesterlichen Functionen und beauftragte ihn, sich um einstweilige Ueberlassung einer anderen Kirche an das erzbischöf­liche Vicariat zu wenden. Der Hr. Gouverneur, Ge­neral-Lieutenant v. Frankenberg, bestand indessen da­rauf, daß Divisionspfarrer Lünncmann in der ihm vom Staate überwiesenen und nun 24 Jahre lang von der katholischen Militär-Gemeinde hier benutzten Kirche seinen Gottesdienst halte, so lange das Kriegs- Ministerium nicht andere Entscheidungen treffe. Bischof Namszanowski wurde vom Kriegs-Minister hiervon in Kenntniß gesetzt. Hierauf hat Bischof Namsza-^ nowski an den Papst berichtet und unter dem 21. d. ohne Zuziehung oder Kenntniß der Militärbehörde dem Divisionspfarrer Lünnemann die Ausübung aller priester­lichen Functionen in St. Pantaloen so lange, als der Mit gebrauch dieser Kirche seitens der Altkatholiken nicht durch amtliche Mittheilung inhibirt sei, bei Strafe der Suspen­sion untersagt. Der Gouverneur, der Ansicht, daß der katholische Militär - Gottesdienst in St. Pantaleon Statt zu finden habe so lange, als das Kriegs-Mi­nisterium darüber nicht anders entscheide, gestattete aus besonderer Rücksicht für Divisionspfarrer Lünne­mann , daß der betreffende Gottesdienst am bevor steheiiden Sonntag ausfalle, da voraussichtlich die Entscheidung des KriegS-Ministeriums in den nächsten Tagen eintreffen werde.

Dresden, 27. Mai. Der Wasserstand der Elbe ist in Folge der Wolkenbrüche in Böhmen seit gestern Abend mehr als 6 Ellen gestiegen und steht jetzt 51/2 Ellen über Null noch int Wachsen. Die Überschwemmung hat in den Elbniederungen große Verheerungen angerichtet. Die Dampfschifffahrt ist

Mathilde.

Novelle von Heinrich Hensler.

(Fortsetzung.)

Man kam endlich zu dem RudolphSthurm, den ein gar freundlicher Bergmeister bewohnt und worin viel keltische Alterthümer aufbewahrt sind, auch schön geschliffene Marmorarbeiten, Amoniten und sonstige Versteinerungen mannigfacher Art. DaS intereffan- teste ist jedenfalls die wundervolle Aussicht von der Terrasse.

Der Bergmeister lud die Gesellschaft ein, das Bergwerk zu besteigen, waS jedoch der Freiherr ab- lehnte, indem es mit allzn vielen Unbequemlichkeiten verknüpft sei, während sie erst vor Kurzem das Salz­werk in dem Jschler Berg ganz genau besehen hätten, — doch schlug Maximilian vor, wenigstens bis zu dem nur 720 Fuß höher liegenden Berghause auf zusteigen, wo jedenfalls die Aussicht noch lohnender sein würde.

„Das überlaste ich Euch jungen Leuten," sagte der Freiherr; ich besorge, bei meiner Schwäche mir ohnedies schon zu viel zugemuthet zu haben. Ich bleibe einstweilen hier und laste mir von dem Berg­meister erzählen, wo und wie man die 266 großen menschlichen Gerippe ohne Särge, mit Waffen zur Seite, in einem Hügel aufgefunden hat: das interessirt mich mehr."

Mathilde bestieg wieder das Maulthier und be­gann mit den beiden jungen Männern und dem Führer den immer steiler werdenden Weg aufwärts zu ziehen. Erst nach einer Stunde erreichten sie die Höhe, fan­den sich aber in so weit getäuscht, als immer noch hohe Berge fie ringö umstarrten, und jede Fernsicht versperrten. Sie entschlossen sich deshalb nach einiger Ruhe zur Rückkehr.

„Ich wollte fast wetten," sagte Ernst, „dort oben auf jener Felsenspitze müßte man besser in die Ferne

sehen können, denn dort steht der bedeutende Vor sprung jenseits des Weges nicht mehr grade vor uns, und es scheint auch hinter demselben eine höhere Fels­wand nicht mehr aufgethürmt zu sein."

„Das ist leicht möglich," entgegnete Mathilde, „und verdient wenigstens eine Probe, — es sollte mir leid sein, wenn wir den beschwerlichen Weg um­sonst zurückgelegt hätten."

„Ich mache den Versuch", rief der Rittmeister und eilte nach dem bezeichneten Platz.

„Da will ich hier an der andern Seite hinauf­steigen", sagte Maximilian, „denn wenn eine Fernsicht hier oben möglich ist, so kann man auf diesem Vor­sprung des Felsens jedenfalls weiter sehen als auf der andern Seite — er zieht weiter hinaus und ist etwas höher gelegen wie der andere."

Beive kamen aber bald wieder zurück, indem sie nur eine höchst beschränkte, die mühsame Besteigung deS Felsens keineswegs lohnende Aussicht gefunden hatten.

Mittlerweile war der Führer deS Maulthiers von Mathilde veranlaßt worden, eine von ihr entdeckte Blume vom Felsen herabzuholen. Ernst war früher zur Stelle als Maximilian, — er stand auf dem letzten Felsen, welcher ihn noch von Mathilden trennte, etwa zehn Fuß hoch über ihr, und ehe sie es sich versah, war er gerade neben sie herabgesprungen. Sie schrie laut auf vor Schrecken, — darüber so wie über die plötzliche Erscheinung eines Mannes neben ihm wurde das nahe dabei stehende Maulthier wild, — es riß sich los, und sprang den Weg hinab. Der Rittmeister lief ihm einige Schritte nach, blieb aber dann stehen und lachte über die possierlichen Sprünge des ThiereS, jede weitere Verfolgung als nutzlos aufgebend.

Maximilian, welcher ebenfalls von der erklomme­nen Höhe wieder herabgestiegen war, hatte den ganzen Vorfall bemerkt, — er sah gleich, daß er den gerade

eingestellt, da sämmtliche Landungsbrücken wegge­nommen sind.

Mönche«, 27. Mai. Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Italien sind gestern früh 5 Uhr hier eingetroffen Dieselben haben heute über Leipzig ihre Reise nach Berlin, resp. Potsdam fortgesetzt. — Abt Haneberg hat sich in Folge einer am 23. d. er­haltenen telegraphischen Weisung aus Rom definitiv entschlossen, die Mitra von Speyer anzunehmen.

Stuttgart, 27. Mai Gestern ist der Neckar fast in seinem ganzen Laufe aus den Ufern getreten. Die Rottenburger Brücke wurde zerstört. In Cann- stadt beträgt der Wasserstand 13 Fuß über der Nor­malhöhe. Seit heute Früh sind die Gewässer in der Abnahme begriffen. Auch in Oberschwaben haben Ueberschwcmmungen stattgefunden. Bei Friedrichs­hafen tonnten die Bahnzüge nicht passtreu.

Oesterreich - Ungar«.

Wien, 27. Mai. Nach dem Bulletin von gestern Morgen haben während der vorletzten Nacht im Zu­stande der Erzherzogin Sophie die Erscheinungen tiefster Schwäche und Schlafsucht wesentlich zngenommen.

Prag, 27. Mai. In Folge von Wolkenbrüchen hat eine furchtbare Ueberschwemmung mehrerer Land­gebiete statlgefunden. Viele Menschenleben sind zu beklagen. Die Feldfrüchte sind meilenweit verwüstet. Viele Dörfer sind ganz weggeschwemmt.

Schweiz.

Bern, 27. Mai. In der heutigen Sitzung der Bundesversammlung sagte der Präsident des National- raths: Die Revisionsfrage hat zum zwölften Male keine definitive Lösung gefunden; dieselbe rückt in den Vordergrund der eidgenössischen Politik und muß die­selbe beherrschen, bis ein neues Jahr 1848 jene Be­strebungen einem glücklichen Ende zuführt. Ein Re­sultat ist erzielt werben; das ist die Ausscheidung zweier eidgenössischer Parteien mit bestimmten Grund­sätzen, davon die Eine größere nationale Einigung, eine Armee, ein Recht anstrebt, die andere den Schwerpunkt der schweizerischen Entwickelung in die cantonale Souveränetät legt und dafür Garantie ver­langt. Bei den bevorstehenden Nationalrathswahlen werden beide neuerdings ihre Kräfte messen.

Chur, 27. Mai. Aus unserem Canton (Grau­bünden) meldet man einen neuen Wolla-AuSbruch. Glücklicher Weise haben bis jetzt die Thalsperren ge­halten. Die Erde ist bodenlos, überall voll Wasser, hier in einer sehr krummen Linie abwärts ziehenden Weg abschneiden und dem flüchtigen Thiere znvor- kommen könne, wenn er es wagen würde, die ganze Strecke hinab über kleine und große Felsen wegzu« klettern. Ohne sich lange zu besinnen, trat er die gefährliche Wanderung an und war schon die halbe Strecke hinabgekommen, als Mathilde, die sich nach ihm umgesehen hatte, eS bemerkte und ihm zurief:

„Um des Himmels Willen, was fällt Ihnen ein ? Wie mögen Sie einer so geringfügigen Ursache halber Ihr Leben wagen? Das ist wahrhaft tollkühn!"

„Ich fühle mich glücklich, daß Sie um mich be­sorgt sind," rief der Graf zurück. „Uedrigens ist keine Gefahr dabei!" Und er setzte rasch seinen Weg fort.

„Es ist gewiß nicht möglich, daß Sie hinüber kommen," fuhr Mathilde fort. „Ich bestehe darauf, daß Sie zurückgehen."

„Seien Ste nur unbesorgt," erwiderte der Graf, „ich komme glücklich hinüber, und viel leichter, als ich den Weg wieder zurückgehen könnte."

Das sah nun die angsterfüllte Jungfrau sehr wohl ein, und war deßhalb still, — sie wendete ober kein Auge von dem kühnen Kletterer, der bald an dem letzten Felsen angekommen war. Jetzt stand er auf der Spitze und sah hinab in die letzte Spalte, die ihn noch von dem Wege trennte; eS mußte schwierig sein, da hinüber zu kommen, denn er zögerte einige Augen­blicke. Mathilde zitterte, als sie dieses sah; — jetzt hielt der Graf sich an einem hervorstehenden Zacken fest und versuchte rückwärts hinabzusteigen, — daS gelang ihm nicht; er suchte sich nun wieder in die Höhe zu schwingen, da — ein gellender Schrei durch­zitterte die Luft, und Mathilde sank zu Boden. Der Graf war ausgeglitten und in die Tiefe hinabgestürzt.

Ernst hatte die Dahingesunkene aufgehoben und nebenan an einen breiten Stein gelehnt, — er fragte den Führer, welcher mit den Blumen herbeikam, nach