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Sr. 122

Marburg, Dienstag, den 28. Mar

1872

^dcrhcsjijche Zkitniig.

«rscheint t«glich außer den Buchdruckerei) bezogen

Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Obrrheffische« Zeitung mit Lreitblatt durch die Expedition (Koch'sche 8t; Lar., durch die Postümter 87 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 82 Lgr. JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sümmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Mai. DieKreuzztg." schreibt: Die Kriegs-Akademie, in welche bisher alljährlich höchstens 60 Offiziere eimraten, wird, um den An­sprüchen der vergrößerten Armee genügen zu können, in Zukunft alljährlich etwa 90 Offiziere aufnehmen müssen. Dies ist ohne Theilung der bestehenden drei Cotten in Parallelcoeten nicht durchführbar, wenn nicht die wissenschaftlichen Erfolge dieser ersten Mili- tär-BildungSanstalt in Frage gestellt werden sollen. Demgemäß macht sich die Nothwendigkeit geltend, für das Institut ein anderes Dienstgebäude zu erlangen, zu welchem Zwecke die Baulichkeiten der vereinigten Artillerie- und Jngenieurschnle iu Aussicht genommen find. Die Kosten des Umbaues werden auf etwa 100,000 Thlr. veranschlagt. Von der Badereise, welche Justizminister Dr. Leonhardt nach Gastein unternommen hat, versprechen sich die Aerzte dessen voll­ständige Wiederherstellung. Der Minister wird in seinem Ressort durch den Unter-Staatssecretär de Rsge ver- treten. Die großen juristischen Reichsgesetze: Civil-, Strafprozeßordnung rc., welche unter specicller Leitung des Justiz-MinisterS in Angriff genommen worden waren, sollen bis zu seiner Rückkehr gänzlich ruhen. Der Erbprinz von Ratibor ist, wie dieKreuzztg." hört, seit einiger Zeit aus jeder Lebensgefahr und fchreitet in der Besserung zusehends fort. Der Wirkt. Geh. Legationsrath Dr. Abelen befindet sich seit einigen Tagen in der Besserung.

Wiesbaden, 26. Mai. Se. Königliche Hoheit Prinz Carl von Preußen feierte hier am 23. d. M. sein 50jährigeS Jubiläum als Chef des 2. Brande» burgischen Grenadier-Regiments Nr. 12. Die Kapelle des Hessischen Füsilier - Regiments Nr. 80 brachte Abend« 5 Uhr dem hohen Jubilar ein musikalisches Ständchen.

Oesterreich - Ungar».

Wien, 26. Mai. Im Landwehr-Ausschusse des Reichsraths begründete vorgestern der Minister für Landesverlheidung die Regierungsvorlage betr. die Re­organisation der Landwehr, mit der Erklärung, daß die Folgen des letzten Krieges zwischen Deutschland und Frankreich in allen europäischen Staaten eine weitere Anspannung der Wehrkräfte des Landes be-

Mathilde.

Novelle von Heinrich Henslcr. (Fortsetzung.) 4.

An einem hellen Junitag früh Morgens bei Auf­gang der Sonne verließen einige Badegäste das von einer großartigen Alpennatur umgebene reizende Ischl zu Wagen, um einen größeren Ausflug zu machen. Hallstadt und seine Umgebungen, besonders der roman­tische alterthümliche RudolphSthurm waren für dies­mal zum Ziele ausersehen. Es war der Freiherr Eduard von RothenfelS und seine schöne Nichte Ma­thilde von Neuburg, sie nahmen den Rücksitz des be­quemen Wagens ein, während zwei junge Männer ihnen gegenüber saßen. Der Eine war der Sohn des Freiherrn, der Rittmeister Ernst v. Rothenfels, der andere Graf Maximilian von Werdenberg.

Ein ruhiger Beobachter. konnte nicht bezweifeln, daß die beiden jungen Männer eifrig bemüht waren, sich dem schönen und liebenswürdigen Mädchen beson­ders gefällig zu bezeigen, und daß einer von ihnen ein Ziel, wenn auch vielleicht noch nicht erreicht, dem­selben jedoch sich bedeutend genähert habe, das der Andere vergebens zu erringen strebte.

Nach zweistündigem Fahren war man in Hallstadt angekommen und frühstückte in dem Wirlhshause, das eine wundervolle Aussicht auf den 600 Fuß tiefen mit 6000 Fuß hohen Bergen umgebenen See gewährt.

Also da hinauf wollen wir gehen?" fragte die an dem Fenster stehende Jungfrau, mit ängstlichen Blicken in die Höhe schauend:Könuen wir denn nicht noch eine Strecke weit fahren?

Allerdings," antwortete Graf Werdenberg,noch etwa eine halbe Stunde bis zur Gosaumühle, und zwar gibt das eine ganz interessante Wasserparthie auf diesem schönen See. Dann haben wir noch eine kurze Strecke bis zum Gosauzwange zu gehen, und müssen unS von da an auf unsere Füße verlassen. Es darf Ihnen aber nicht bange sein, mein Fräulein. Wie Sie wissen, war ich erst vor einigen Wochen

dingen. Die Vorlage bezwecke eine festere Organisa tion der cisleithanischen Landwehr. Der Mehrauf­wand an Kosten werde eine Million betragen, jedoch das Ordinarium und Extraordinarium für 1873 zu­sammen sich nicht höher, als in diesem Jahre belaufen. Hinsichtlich der von einzelnen Mitgliedern des Aus­schusses ausgesprochenen Wünsche versprach der Mi­nister Ausweise über den completen Landwehrstand und die Landwehrkosten vorzulegen.

Schweiz.

Ber», 25. Mai. In Folge der Ablehnung der revidirten Verfassung wird die diesjährige Feier des bekanntlich sonst regelmäßig wiederkehrenden eidgenössi­schen Offiziersfestes unterbleiben. In dem dicserhalb vom Central-Comito des genannten Vereins erlassenen Circular heißt es:Wir und mit uns die Mehrzahl der Offiziere erblickten in den revidirten Artikeln über das Militärwesen, welche Heeresinstruction und Ver waltung in die Hände der Centralgewalt legten, eine Grundlage, aus welcher unser Militärwesen denjenigen Fortschritt machen könne, den wir bei der Gränz- bcsetzung von 1870 bis 71 so sehr wünschen lernten und den wir im Interesse der Ehre und Sicherheit unseres Vaterlandes zu fordern uns berechtigt fühlen. Durch Verwerfung der revidirten Verfasfung ist uns die Basis der Fortentwickelung unserer militärischen Einrichtungen genommen, aus welche wir schon seit dem Kriege von 1866 gehofft hatten, und wir stehen immer noch mit einer veralteten Heeresverfassung vor dem vorgeschrittenen Europa. Dieser Zustand hat in uns ein so schmerzliches Gefühl erweckt, daß wir uns nicht entschließen können, im gegenwärtigen Moment ein militärisches Fest zu feiern, ein Fest unter eid­genössischem Banner, das sich so eben vor dem Banner deS ParticularismuS zusammengefaltet hat."

Frankreich.

Paris, 25. Mai. Das Gutachten des KriegS- rathes über Straßburg lautet:Nach Einsicht der die (Kapitulation von Straßburg betreffenden Documente; nach Einsicht des Wortlautes der Capitulation; auf den Bericht hin, der ihm gemacht wurde; nach An­hörung des Divisionsgenerals Uhrich, Ex-Obercom- mandanten des Platzes Straßburg; des Generals Barral, Ex-Commandanten der Artillerie von Straß­

auf diesen Höhen, und ich kann Ihnen die Versiche­rung geben, daß ein ganz bequemer und durchaus ge­fahrloser Weg uns in etwa zwei Stunden bis zum Rudolphsthurme hinaufführt, während fast ein jeder Schritt durch die schönsten Aussichten auf den See belohnt wird!"

Das erzählt sich ganz gut," erwiderte Mathilde, und hört sich im Zimmer auf weichem Lehnsessel ganz charmant an; anders ist es aber, was ich schon oft empfunden habe, in der Wirklichkeit, und ich kenne das, was die Herren einen ganz bequemen Gebirgs weg und zwei mäßige Stunden nennen. Ich könnte die steilen Naturschönheiten, von denen Sie mit so vielem Entzücken sprechen, nur dann mit ganzer Seele genießen, wenn es mir möglich wäre, sie ohne allzu­große körperliche Ermüdung in mir aufzunehmen, aber ein mehrstündiges Herumklettern auf diesen steilen Bergen wird mir sicherlich das halbe Vergnügen im Voraus wegnehmen. Denke ich mir aber, wie herrlich es sein müßte, auf einem sicheren Thiere sitzend, diesen bequemen und harmlosen Weg" in Gesellschaft dieser Herren hinaujzurciten, so überfällt mich eine wahre Sehnsucht nach meiner lieben Juno, die wohl auch ttaurige Tage zu Hause in ihrem Stalle verlebt und Verlangen nach ihrer Herrin hat."

Hätte ich nur daran gedacht," warf der Ritt meister hier ein,so hätte ich vor einigen Tagen nach Hause geschrieben und Dein Pserd hierherbringen lassen. Daß Du aber auch gar nichts davon gejagt hast, Mathilde! Das wäre ein herrlicher Spaß ge­wesen, auf Ehre!"

Warum nicht gari" sagte Mathilde lachend,das verlohnte sich der Mühe. Was wäre auch damit ge­wonnen, wenn mein Pferd hier wäre? Glaubst Du denn, ich würde der guten Juno zumuthcn, mich den ungewohnten Gebirgsweg hinanszutragen? Das würde ich wohl bleiben lassen nein, daö war nichts, lieber Vetter; ich hätte aber gedacht, Du hättest we­nigstens für ein Maulthier gesorgt, das mich hier er­warten würde, da Du weist, wie gern ich reite, und

bürg; des Baron Pron, Ex-Präfecten deS Unterrheins; des Contre-Admirals Excelmans, Excommandanten des nördlichen SeetoreS; deS Obersten Maritz, Ex-Com- mandanten deS Genies von Straßburg, des Generals Ducasse, Ex-Platzcommandanten von Straßburg; des Obersten Sabatier, Ex-Direktors der Festungswerke von Straßburg t des Generals Blot, Ex Commandan- ten des 87. Infanterie-Regiments zu Straßburg, des Generals Morsno, Ex-Commandanten des Unter* Militärdistrikts des Niederrheins; des Obersten Men- gin, Ex-Commandanten der Artillerie des Platzes von Straßburg; des Obersten Rollet, Ex Commandanten der Citadelle von Straßburg; des Herrn Morny, Mitglieds des Gemcinderaths von Straßburg; nach seiner Berathung drückt der Rath wie folgt, sein mo- tivirtes Gutachten über die genannte Capitulation aus: Der Rath glaubt feststellen zu müssen, daß im Augenblicke, wo der Herr Divistonsgeneral Uhrich da« Ober-Commando über den Platz von Straßburg über­nahm, die Garnison, in so fern es ihre Stärke und Zusammensetzung betrifft, für die Vertheidigung deS Platzes nicht hinreichend war. Später vermehrte sich diese Garnison durch Abtheilungen organisirter Corps, durch die in Hagenau zusammengezogene Reserve und durch eine Menge isolirter oder flüchtiger Soldaten, welche sich nach der Schlacht von Froschweiler in den Platz flüchteten, und stieg auf 16,000 Mann; aber diese Flüchtigen brachten die Keime zur Undisciplinirt- heit so wie zur Feigheit vor dem Feinde mit, die sich in ernsten Thatsachen kundgaben, welche der Ober- Commandant nicht zur Warnung für Andere exem­plarisch bestrafte. Die angesessene Nationalgarde, welche zuerst den besten Willen kundgegeben, verlor im Augen­blick des Bombardements und der Feuersbrünste schnell den Muth und verließ ihre Posten, um über die Er­haltung ihres Eigenlhums zu wachen. Die Artillerie hatte eine genügende Anzahl von Geschützen und Mu­nition, aber der Vorrath an Brandbomben, der vor Beginn der Belagerung schon sehr gering war, wurde noch durch den Verlust von 30,000 derselben, die bei dem Brande der Citadelle zu Grunde gingen, bedeu­tend verringert; mit mehr Vorsicht hätte man sie in Locale unterbringen können, wo sie geschützt gewesen wären. Dieser Verlust hat einen starken Einfluß auf

welche Anthipathie ich vor dem Bergsteigen Habel" Der Rittmeister eilte zur Thüre hinaus.

Sie trauen sich jedenfalls viel zu wenig zu," sagte nun der Graf zu Mathilden.Ich bin über­zeugt, wenn Sie an Ort und Stelle find, und recht lebhaft den Wu-ffch nach einem Reitthiere äußern, so wird der Geist dieser Berge galanter sein wie wir, die wir unverantwortlicherweise nicht daran dachten. Gewiß wird er Ihnen diesen bescheidenen Wunsch gern erfüllen."

Ich möchte doch an dieser Bereitwilligkeit zwei­feln", erwiderte Mathilde lächelnd,und so werde ich mich bequemen müssen, den Versuch zu machen, wie weit meine Füße mich tragen."

Indem kam Ernst eilig zurück und berichtete, et habe einen köstlichen Ausweg gefudnen. Zuerst habe er den Wirth gefragt, ob nicht solch ein dienstbares Thier in der Stadt ober doch vielleicht in der Mühle zu haben fei, derselbe habe jedoch leider die Frage verneint, dagegen die Versicherung gegeben, dafür seien seine Sesselträger da, welche das Fräulein bis auf den RudolphSthurm hinauf tragen würden, und er habe sogleich zwei tüchtige Leute bestellt.

Und Du glaubst, ich würde mich von Menschen hinaustragen lassen?" fragte Mathilde voll Erstaunen; hast Du auch nur einen Augenblick zweifeln können, daß ich nur scherzte?" Ich dächte doch, Du hättest Beweise genug, daß ich, in den Hochlanden erzogen, eine ganz rüstige Fußgängerin bin, und wenn auch das Reiten allerdings eine Liebhaberei von mir ist, und eS mir demnach wirklich Spaß machen würde, mich durch ein tüchtiges Maulthier da hinaustragen zu lassen, so bin ich doch ein abgesagter Feind jeder Sklaverei, und als solche würde ich es ansehen, wenn ich durch Menschen mich sollte hinauftragen lassen. AllerwenigstenS würde es mir ganz gewiß kein Ver­gnügen machen. Du wirst deßhalb gut daran thun, wenn Du Deine Bestellung wieder zurücknimmst."

Dabei blieb es trotz mehrfacher Einwendungen; die Gesellschaft brach aus und schon nach einer