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JITarÖlirg, Sonntag, den 26. Mai.

1872

Oterhessische Zeitung. '

’ Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfischeu Zeitung mit Kreilblatt durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen 22; ®gr., durch die Postämter 27 Lgr. 6 Psg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 ®gr. — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Egr. sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Politische Wochen-Ueberstcht.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat am Vor- abend des Pfinstfestes seinen längeren Urlaub cmge treten. Seine Stellvertretung als Kanzler ist mit Genehmigung deS Kaisers dem Minister Delbrück über­tragen. Die Leitung des auswärtigen Amtes vertritt indessen v. Thile und die Obliegenheiten des preußi- ßischen Minister-Präsidenten jedesmal der älteste der in Berlin anwesenden Staats - Minister. — An den Bischof von Ermland ist am 21. d. ein strenger Er­laß der Staatsregierung ergangen, der die Erklärung des Bischofs, durch welche er seinen Gehorsam gegen die Landesgcsetze vom Ermessen seiner geistlichen Oberen abhängig macht, zurückweist und nicht nur die Forde­rung festhält, daß der Bischof durch amtliche Kund­gebung die Beeinträchtigung beseitige, welche die Ex- communicirten durch öffentliche Verkündigung des großen Bannes an ihrer Ehre erlitten, sondern auch von ihm die Erklärung verlangt, daß er hinfort den Staatsgesetzen im vollen Umfange gehorchen werde. — In Würtemberg ist am 17. Mai der Ober-Bürger- meister von Stuttgart und Vice-Präsident der Abge­ordnetenkammer, Hr. Sick, als Minister des Innern vereidigt worden.

In Oesterreich hat die Regierung ein Abkom­men getroffen mit dem EpiScopat; das Ergebniß ist noch unbekannt. — Der vielbesprochene Ausgleich mit Galizien ist bis zum Herbst verschoben. — In Un­garn führte die Wahlbewegung bereits zu Unordnun. gen. — Die Mutter des Kaisers, Erzherzogin Sophie, ist am TyphuS schwer erkrankt.

Die Ablehnung der revidirten Bundesverfassung der Schweiz in der Volksabstimmung erfolgte nach den neuesten Zählungsberichten mit 261,106 Stimmen gegen 252,816.

Frankreich wird in Bewegung gehalten durch die Petitionen gegen das Unterrichtsgesetz; aber die Bcra- thungcn der Commissionen über diesen Punkt rücken sehr langsam vor. Auch der Streit, ob der Präsident der Republik das Recht haben soll, seine Staatsrächc selbst zu ernennen, ist noch in der Schwebe. Die Versammlung nimmt das Recht für sich in Anspruch Rouhrr, der unter dem Kaiserreiche eine so große Rolle spielte, ergriff in der Versammlung das Wort, um die vom 28. August bis 4. September 1870 ab­geschlossenen Contracte zu vertheidigen. Die National- Verfammlung ging aber einstimmig über die Inter­pellation Rouher'S zur Tagesordnung über und Hal damit die etwaigen Hoffnungen Rouher'S auf eine Spaltung der Versammlung vereitelt. Der nächste zur Discussion gelangende Gegenstand ist das Kriegsdienst

gesetz. Darf man einem neuesten Telegramme Glauben schenken, so hätte sich Thiers mit der Commission über alle Punkte verständigt, mit Ausnahme der Stärke des in die active Armee einzureihenden Contingentes. — Der deutsch-französische Postvcrtrag wird bei uns seit dem 15. d. M. ausgeführt; in Frankreich wird er erst am 25. d. zur Ausführung kommen. — Seit dem 14. d. sitzt Marschall Bazaine in Versailles ge­fangen: sein Verhalten in Metz wird einer strengen Kritik ausgesetzt sein. Auch gegen den tapferen Ver- theidiger Straßburg's, General Uhrich, hat der Unter­suchungsausschuß fünf Rügen vorgebracht. Die Unter juchungen sind überhaupt gegenwärtig in Frankreich epidemisch.

Der König von Belgien ist am 20 d. aus England zurückgekchrt. — Die bevorstehenden Wahlen haben bereits in Antwerpen zu Excessen geführt, wo sich die Liberalen Hoffnung machen, die clericalen Führer der sogenannten alten antwerpener Bewegung zu stürzen.

Nachdem die deutsche Kaiserin England verlassen hat, ist der königliche Hof von Windsor nach Bal­moral in den schottischen Hochlanden übergesiedelt. — Es hat den Anschein, als sei die Alabamafrage in den Händen der Diplomaten und Politiker zur Rolle des ewigen Juden verurtheilt. Jeder Tag bringt „Neues" in der Sache und doch kann sie nicht zu Ende kommen.

Der italienische Uuterrichtsminister Correnti ist aus dem Cabinet ausgetreten. Derselbe war bei der Aufhebung der theologischen Lehrstühle und in manchen anderen das Unterrichtswesen betreffenden Fragen ziemlich radical verfahren.

~ Spanien steht wieder vor einer MinisterkrisiS. Sagasta scheint nach den »«testen Telegrammen seine Forderung, der Regierung einen geheimen Fonds von 500,000 Pesetas zur Verfügung zu stellen, nicht durchsetzen zu können und droht mit dem Rücktritte des Ministeriums. — Auf dem Kriegsschauplätze stehl die Sache günstiger für die Regierung.

Der schwedische Reichstag ist, nachdem er noch das Budget pro 1873 genehmigt hatte, am 16. Mai geschlossen worden. — Das norwegische Storthing ist am 18. Mai, an welchem Tage seine Session so wie so zu Ende ging, auf Befehl des Königs durch den Staatsrath Stang aufgelöst worden, nachdem es am 15. mit 63 gegen 47 Stimmen in einer eigene» Adresse an den König und Tags darauf bei der An­nahme des Armee-Budgets abermals erklärt hätte, es hege kein Vertrauen mehr zu den Räthen der Krone.

Der Sultan hat sich am 15. Mai in großer Versammlung der hohen Pforte vom Großvezir über

Mathilde.

Novelle von Heinrich Hensler.

(Fortsetzung.)

Mit diesen Worten reichte der Freiherr seiner Nichte ein Papier hin, welches dieselbe ergriff und entfaltete. Es war ein vor Notar und Zeugen er- richtetes Testament, in welchem der Graf Franz Fer dinand v. Kausberg erklärte:

,,Auguste Gräfin v. Kausberg, geborene Freiin v. Armsheim, hat während meiner Ehe mit derselben zwei Kinder zur Welt gebracht, nämlich die beiden Töchter Marie und Elise. Die ältere Tochter, Marie Gräfin v. Kausberg, e» kenne ich als meine in rechtmäßiger Ehe erzeugte Tochter an, und setze sie hiemit zu mei- uer Universalerbin ein. Alsbald nach meinem Tod soll mein Vermögen curatorisch verwaltet, für meine Tochter und Erbin standesgemäße Erziehung und Aus­bildung gesorgt, und nach Eintritt der Volljährigkeit oder bei ihrer früheren Verehelichung ihr das ge­jammte Vermögen übergeben werden. Zu TestamenlS- execuloren und Vormündern meiner Tochter Marie ernenne ich hiemit meinen Bruder Emmeran Grafen v. KauSberg und den ReichSralh Karl Friedrich Frei­herr» v. Rothenfels."

„Kraft meiner Eigenschaft als Senior meines gräf­lichen Hauseö bestätige ich diese letzte WillenSdiSposi- tion, und erhebe deren gesammten Inhalt hiemit zu einem unverbrüchlichen HauSgesetz rc."

Mathilde gab das Papier zurück und erklärte: „Ich muß gestehen, daß ich nicht begreife, in welchem Zusammenhang dieses Papier mit meiner Vermählung steht."

„Es wird Dir nach und nach Alles klar werden,"

sagte der Freiherr lächelnd, indem er seiner Nichte ein zweites Papier darreichte. Mathilde entfaltete eine mit mehreren Siegeln versehene Urkunde, die sie aufmerk­sam laS.

Die beiden in dem Testament zu Vormündern er­nannten Männer und die übrigen Agnaten des gräf­lichen HauseS Kausberg erklärten:

„Nachdem der Graf Franz Ferdinand v. Kausberg und seine Gemahlin Auguste, geborne Freiin v. ArmS heim, mit Tod abgegangen und zwei Kinder hinter lassen, nämlich Marie Gräfin v. Kausberg und Elise Gräfin v. Kausberg, gedachter Graf Franz Ferdinand jedoch sich bewogen gefunden, durch letzte Willensdis­position und Hausgesetz die Gräfin Marie zur allei­nigen Erbin seines Nachlasses einzusetzen und sie allein als rechtmäßige Tochter anzuerkennen, hiedurch aber, und wen» diese Anordnung zum Vollzug käme, ein steter Makel auf dieser Fanülie haften würde, indem die Nichtanerkennung der zweite» Tochter Elise dem Glauben, als ob dieselbe nicht ein Kind des Grafen Franz Ferdinand sei, vielmehr einem unerlaubten Ver- hältniß ihr Dasein zu danken habe, rechtlichen Vor- fchub in den Augen der Welt verleihen würde, dadurch auch das jedenfalls an dem obwaltenden Verhältniß ganz unschuldige Kind sein ganzes Leben lang die Strafe des etwaigen Vergehens seiner Eltern tragen müßte — als haben wir, die gesetzlichen Vormünder der Gräfin Marie v. Kausberg und die zu diesem Akte beigezogenen sämmtlichen Agnaten des gräflichen Hauses Kausberg einstimmig nachstehende Beschlüsse gefaßt und bereit Bestätigung bei Sr. Majestät dem König erwirkt:

1. Das vorerwähnte Testament und HauSgesetz

die allgemeine Lage des ottomanischen Reiches Vortrag halte» lassen. Dieser Jahresbericht constatirt, daß die Armee, die Reserve mit einbegriffen, auf 800,000 wohlbewaffnete und equipirte Mann nebst entsprechen­der Anzahl Kanonen gebracht worden ist, daß die im Marinewesen bewerkstelligten Fortschrite die Türkei zu einer der ersten Seemächte gemacht haben, daß die Gränzbefestigungen aufs thätigste betrieben worden und die Leistungen der Arsenale bedeutend sind. Der Bericht meldet ferner Verbesserungen und Erweiterun- gen im Justiz-, Schul- und Eisenbahnwesen, in der -Schiffahrt, im Bergbau und in der Bodenkultur. Der Finanzbericht gibt die bereits bekannten Daten. — Achmed Vesik Efendi wurde zum Unterrichts-Minister, Derwisch Pascha zum Präsidenten der Reformen-Com- mission und Safvet Pascha zum Mustaschar (Unter Staatssecretär) deS Großvezirs ernannt.

Der Senat zu Washington hat von seinem Ausschuß einen günstigen Bericht über den Nachtrags­artikel entgegengenommen, durch welchen man die Schwierigkeiten in der Alabamafrage beseitige» möchte; da aber zur Ratification die Zustimmung von zwei Dritteln der Senatoren erforderlich ist, so liegt die Entscheidung in der Hand einiger weniger amerikani­scher Politiker.

Deutsches «eich.

•• Berlin 24, Mai. Se. Majestät der Kaiser hat heute früh 27 Osfiziere empfangen, welche gestern hier eingetroffen waren »nb bie durch Schüsse im letzten Kriege beschädigten 27 Fahnen nach Berlin gebracht haben, damit diese hier bie nothwenbige Ausbesserung erhalten. Die Offiziere sind solche, welche sich im Kriege ganz besonders ausgezeichnet hatten; sie sind von Fahnenträgern begleitet und werden bis Montag Hierselbst verweilen. Wenn die AuSbefferung der Fahnen erfolgt fein wird, sollen wieder Offiziere commandirt werden, welche sie zu ihre» Regimentern zurückführen. Es ist ungefähr je die zehnte Fahne von feindlichen Schüssen getroffen worden. — In der Presse wird die Frage venlllirt, ob dem Reichstage ein Gesetz, betreffend den Beschluß deS Reichstages in der Ge- fandten-Angelegenheit, noch in dieser Session vorgelegt werden wird. Die „Deutsche Reichs-Corresp." berichtet, der Beschluß des Reichstages sei der Eommissio» für Ju­stizwesen überwiesen und das Resultat werde die Vorlage eines Gesetzes sein. Es ist diese Auffassung unzweifelhaft eine Verkennung der Sachlage und wird jedenfalls nicht zur Verwirklichung gelangen. Der Beschluß des Reichstages ist in Ueberrinstimmung mit den Ab­sichten der Regierung gefaßt und bekanntlich in so des Grafen Franz Ferdinand wird, da die Agnaten nicht — wie das Gesetz vorschreibt — dabei mitge­wirkt haben, dieselben vielmehr ihre Zustimmung ver­sagen, nicht in Vollzug gesetzt, und dasselbe bis auf Weiteres in dem Archiv des Hauses niedergelegt.

2. Der Gräfin Elife v. Kausberg wirb ein Drit­theil des Nachlasses des Grafen Franz Ferdinand, bis das vorliegende Verhältniß auS irgend einem ©runbe einen weiteren Aufschluß erhalten wird, nutz- nießlich zuerkannt, jedoch die Führung des NamenS Kausberg vor der Hand nicht gestattet, und deren Erziehung und späterer Aufenthalt in einer möglichst entfernten Gegend hiermit angeordnet.

3. Sollten in späteren Zeiten bei der Vermählung der Gräfin Elise, ober bei deren etwaiger Nachkom­menschaft, in irgend einer Beziehung Verhältnisse ein­treten, welche es nölhig ober wünschenswenh machen, von dem Testament und Hausgesetz des Grafe» Franz Ferdinand Gebrauch zu machen, so wird das gestattet und ertheilen die Agnaten demselben, aber nUr zu diesem Zweck, hiemit ihre Zustimmung."

„Auch diese Urkunde, liebe Nichte, wird Dir ziem­lich unverständlich sein", sagte der Freiherr, nach­dem Mathilde mit dem Lesen fertig war, in­dem er derselben ein drittes Papier hinreichte: „um so deutlicher wird dieses sprechen, und was »och fehlt, das bin ich bereit Dir mündlich zu erläutern."

Schon mochte die sichtbar ergriffene Jungfrau von dem, was dieses Papier enthalten möchte, etwas ahne», den» nur zögernd nahm sie es, und nur we­nige Zeilen hattte sie gelesen, als eS ihrer Hand ent­fiel, und sie in Ohnmacht sank.

(Fortsetzung folgt.)