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Ur. 119. Marburg, Freitag, den 24. Mai. 1872.

DterhesMe Zeitig.

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De«tschkS Reich.

•» Berlin, 22. Mai. Wenngleich die Regierung, wie bekannt, allen Ernstes feste Position gegen die clericalen Wühlereien und gegen die Excommunicationen der Bischöfe genommen hat, so scheint man doch in den Kreisen der katholischen Geistlichkeit nicht Willens zu sein, sich der Staatsgewalt zu fügen; die „Germania" erklärt wenigstens heute in dürren Worten, daß die Dogmen der katholischen Kirche für jeden Katholiken maßgebend seien und daß diesen die staatsrechtlichen Begriffe weichen müßten. Vielleicht will man hinter diesen Worten des extremsten Ultramontanismus ein- lenken, vielleicht will man dadurch zu fernerem Wider­stand anfeuern, wer kann die« reiften? Der Staats- regierung kann es einerlei sein, sie hat nur die eine Verpflichtung, ihren Angehörigen das Recht des Bürgers zu wahren. Das wird wohl auch die „Germania" fühlen, denn den Trost für ihre Worte sucht sie auS democratisch - particularistischen Quellen zu schöpfen, sie reproducirt mit großem Wohl­gefallen Stellen aus der „Frankfurter Zeitung", durch welche ihre Behauptungen Wahrheit und Bestätigung erhalten sollen. — Verschiedene Organe bemühen sich anzugeben, daß die Erledigung der Kreisordnungs­vorlage wenig Aussicht habe, da die längere Dauer der ReichSlagS-Session und die Abwesenheit des Fürsten Bismarck große Hindernisse für die Zuendeführung deS Reformwerkcs seien; es wird daher angerathen, den Landtag bis zum Herbst zu vertagen, damit auch, wie die Kreuz-Zeitung" sich ausdrückt, die Parforce-Arbeil vermieden wird. Wie man hört, stammen diese An gaben aus Abgeordnetenkreisen, die in den Regierungs­kreisen wohl keine weitere Erwägung finden dürften, da eine solche Vertagung des Landtages auf zu viel Hindernisse stößt, als daß sich dieselbe durchführen ließe. Die Regierung soll vielmehr, wenn der in Aussicht genommene Termin des Reichstagsschlusses aufrecht zu erhalten ist, der Ansicht sein, daß auch für das Zustandekommen der KreiSordnung die Möglich­keit gegeben ist, und daß dieses denn auch im Kreise des zu Erstrebenden liegt. — Das Befinden des Wirkt Geheimen Legatiousrathes Abecken hat sich bedeutend gebessert, so daß Hoffnung vorhanden ist, daß derselbe nicht allzulange seinem Amte entzogen werden wird. — Der Geh. Ober-RegierungSrath v. Wolff, der zum Regierungs-Präsident in Trier ernannt ist, soll, nach Miltheilung mehrerer liberaler Blätter, im Ministerium des Innern das Decernat in Polizeisachen gehabt haben. Dieses ist nicht richtig;

MathilSr.

Novelle von Heinrich Heusler.

(Fortsetzung.)

„So blieb es einige Jahre — ich entsinne mich nicht mehr wie viele, eS kommt ja auch nicht darauf an — da irat ein entsetzliches Ereigniß ein. Noch heute nach einem ganzen Menschenalter kann ich nicht ohne Schrecken daran denken. In einer Nacht —ich werde sie nie vergessen, es ist mir gerade so, als ob cs erst gestern geschehen wäre — stürzte die Kammer­frau der gnädigen Gräfin aus dem Schlafzimmer der- felben, lief mit gerungenen Händen und dem grauen­haften Ruf: „Mord! Mord!" durch unsere Stube und in dem ganzen Schlosse umher. Die ganze Dienerschaft lief zusammen — die Gräfin lag wirklich ermordet in ihrem Belte, ein Dolch stack ihr in der Brust! Ich warf mich, meiner Sinne kaum mächtig, laut weinend auf die Leicbe der geliebten Frau Gräfin, und küßte ihre Wangen und ihre Hände; — sie war mir eine gütige Herrin, ja sie war mir sclbst eine liebevolle Mutter gewesen.

„So lag ich noch, als der Dorsrichter herbcikam, und "daö Schloß mit SichcrheitSwache besetzte. Später kam daö Criminalgericht und verhaftete die ganze Dienerschaft. Ich mußte mehrere Wochen in dem Ge fängniffe zubringen, dann wurde ich entlassen; - die Untersuchung war beendct, ohne daß ich erfahren konnte, welches Resultat sie gehabt hatte.

»Ich erhielt die Weisung, in mein Hermathsdorf zu meinen Eltern zurückzukehren. Etwas Anderes blieb mir auch vorerst nicht übrig, wiewohl ich ent­schlossen war, mir wieder einen ähnlichen Dienst bei einer hohen Herrschaft zu suchen, denn ich glaubte da­mals den niederu und harten Arbeiten, wie ich sic zu Hause verrichten mußte, nicht mehr gewachsen zu sein.

Herr v. Wolff hatte das Decernat in hohen Perso­nalien und Verwaltungsorganisationen; der Geh. Ober Regierungsrath von Wehler hat nach wie vor daö Decernat in Polizei fachen.

Die „Prov.-Korresp." schreibt: „Unser Kaiser hat auch in der letzten Woche mehrfach den FrühjahrS- Uebungen der Garnisonen von Berlin und Potsdam beigewohnt und namentlich vom Garde-Füstlier-Regi- ment die vorläufig nur bei diesem versuchsweise einge­führten Abänderungen des bisherigen Infanterie-Exer­zier-Reglements ausführen lassen. Die Tage des Pfingstfestes brachte der Kaiser auf Schloß Babels berg zu, woselbst er auch in nächster Zeit vielfach refi- diren dürfte. Gegen Mitte Juni wird Se. Majestät voraussichtlich die Badereise antreten. — Laut dem „Reichsanzeiger" ist Justizminister Dr. Leonhardt von hier nach Wildbad Gastein abgereist. — In Inster­burg ist am 22. d. der Vicepräsident des dortigen Appellgerichtes Morgenbesser in Folge eines Schlages gestorben. — Die „Nat-Ztg." schreibt: Aus Straß­burg geht uns die zuverlässige Mittheilung zu, daß an der Hm. v. Aufseß zu Theil gewordenen Mißhand­lung „gar keiner der Straßburger oder fremden Professoren bethciligt war."

Der Minister für landwirthschaftliche Angelegen heilen hat die aus Anlaß des letzten Krieges gegen Frankreich gewonnenen Urtheile über die Brauchbar­keit des preußischen und französischen Pferdes zu­sammenstellen und veröffentlichen lassen. Diese Urtheile beruhen auf den Auslassungen der Truppentheile der Cavallerie, der Artillerie und des Trains, nachdem die Leistungsfähigkeit der dänischen und österreichischen Pferde 1864 und 1866 gleichfalls in dieser Weise beurlheilt worden war. Die jetzt geforderten Urtheile haben jedoch eine um so größere Bedeutung, als die Militärpferde große Anstrengungen und Strapazen eines Winterfeldzuges durchzumachcn hatten, und an« dererseils die Fortschritte der französischen Pferdezucht in neuerer Zeit als bedeutende nnd vorzügliche ange­geben worden waren. Das Gesammturtheil stellt sich nun dahin, daß einstimmigen Urtheilen der Truppen theile zufolge das aus der Provinz Preußen stam­mende Pferd, namentlich das von edlerer Abkunft, sich vor allen Pferden, besonders als Reitpferd, vorzüglich bewährt hat. Die Pferde im Alter von 7—14 Jahren waren die leistungsfähigsten, der jüngste Jahrgang der Rcmonten hat den Anforderungen nicht durchweg genügen können und mehr gelitten. Die übrigen preu ßischen Provinzen haben im Ganzen gute Pferde ge-

„Mein Vater erzählte mir nun die schreckliche Ge­schichte. Der Graf wäre in jener Nacht ganz unve» muthet und plötzlich aus Spanien zurückgekehrt und habe — wie man sich wenigstens allenthalben in die Ohren raune - seine Frau in einem Anfalle wülhen- der Eifersucht, indem er sie der Untreue überwiesen, ermordet, habe am andern Tage ihren Liebhaber im Duelle erschossen und sei dann entflohen. Man er­zähle sich auch, er habe durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gemacht. Das letzte ist mir allerdings glaub­lich, denn der Graf war so verliebt in seine Frau, daß ihm nach diesem Ereignisse das Leben zur Last sein mußte. Er soll aber noch vorher ein Testament gemacht und den Gerichten eingeschickt haben, — ich weiß es nicht, und habe nie wieder etwas von ihm gehört.

„Es war allerdings nicht Alles richtig in dem Schlosse, aber ich will niemand schuldig sprechen, denn wir sind allzumal Sünder. Der Graf mochte wohl Ursache zur Eifersucht haben, seine blinde Leidenschaft und fein sträflicher Jähzorn ließen ihm aber nicht Zeit, Alles gehörig zu untersuchen, ehe er zu der fürchterlichen Thal sich hinreißen ließ. Nun — er hat sich selbst gerichtet und dadurch vor später und fruchtloser Reue bewahrt. Ich könnte mehr sagen — wozu soll daS aber führen? Ich war meiner Herrschaft treu, und wenn sie auch längst schon Beide im kühlen Grabe ruhen, so habe ich doch kein Recht, Geheimnisse ouSzuplaudem, die ich in meinem Dienste erfuhr, und die doch in der Hauptsache nichts ändern können. In der andern Welt werden wir wohl wieder zusammen- kommen, da wird Alles klar werden, was seit einem halben Jahrhundert mit einem dichten Schleier bedeckt ist, denn die Untersuchung ging damals aus, man wußte nicht wie. Es hieß, die gräflichen Verwandten

liefert, doch sind hierüber bie Urtheile nicht so aus­nahmslos günstig. Die Augmentationspserde waren durchweg nicht so bewährt, wie die Stammpferde, und dabei besser als Zug- denn als Reitpferde zu ver- werthen. Hinsichtlich der erbeuteten und requirirten französischen Pferde stellt sich das Urtheil beinahe ein­stimmig dahin, daß sie meist zu schwer und zu lang­sam, deßhalb mehr als Zugpferde in langsamer Gang­art, denn als Reitpferde für den Cavalleriedienst sich eigneten. Die Africaner- und Berbcrpferde waren zähe und ausdauernd, doch meist zu schwach und von zu wenig Masse. Einzelne Pferde arabischer Abkunft, falls sie nicht zu klein waren, haben sich gut bewährt. Eben so haben sich in einzelnen Fällen Pferde aus der Normandie als brauchbar gezeigt, desgleichen Pferde, in welchen englisches Blut war. Der Minister be­merkt in seinen Schlußfolgerungen, daß, wenn es auch nicht Aufgabe der Landes-Pferdezucht sei, sich auf die Zucht eines tüchtigen Soldatenpferdes zu beschränken, sondern auch andere Gebrauchszwecke gebührend zu berücksichtigen, sich doch aus den Leistungen des Sol­datenpferdes ein Unheil über den Zustand der Lan­des-Pferdezucht im Allgemeinen werde ableiten lassen, da sich in den verschiedenen Kategorieen des Soldatcn- pferdes zugleich überwiegend die Verwendbarkeit des Pferdes zu seinen verschiedenen wirthschastlschen Ge­brauchszwecken vertreten finde.

Frankfurt, 22. Mai. Nach einem gestern ge­faßten Beschlüsse der ständigen Deputatian des deutschen Juristentages und im Einverstänkniß mit den hiesigen Behörden wird der zehnte deutsche Juristentag im Au­gust Hierselbst abgehalten werden.

Darmstadt, 22. Mai. Die „Darmst. Ztg." theilt mit, daß das Hagelwetter vom vorigen Freitag die eigentliche Bergstraße, Zwingenberg, Auerbach und Bensheim verschont habe. Dagegen wurden die Orte Alsbach, Hähnlein, Bickenbach, Pfungstadt, Eberstadt, Arheilgen und die Gemarkung der Stadt Darmstadt selbst von dem Unwetter schwer heimgesucht.

Hamburg, 22. Mai. In der gestrigen ersten Hauptversammlung der deutschen Lehrer hieß Senator Dr. Versmann Namens des Senates die Versamm­lung herzlich willkommen.

Oesterreich - Ungar«.

Wien, 22. Mai Laut dem gestern Morgen über das Befinden der Erzherzogin Sophie auSgege- benen Bulletin war die Nachtruhe derselben durch einige leichte gastrische Zufälle gestört und fühlte sich die Kranke vor Morgens etwas matter; doch sind bis

seien zusammengetreten und hätten den König um Niederschlagung der Untersuchung gebeten, und das sei bewilligt worden, der reichen und angesehenen Familie zu lieb, und weil der schuldige Theil doch nicht beizubringen gewesen wäre."

„Seitdem sind, wie gesagt, viele viele Jahre ver­flossen — ich habe aber nichts mehr von der ganzen Geschichte gehört. Ich kam zu einer Herrschaft, die mich mit sich nahm und weit von meiner Hcimath zu Hause war, und seitdem kam ich nie mehr in jjene Gegend. Bei meiner neuen Herrschaft blieb ich noch zehn oder elf Jahre, dann heirathete ich einen Förster, der aus erster Ehe einen Sohn hatte, — das ist der Mathes. Ich selbst hatte keine Kinder, der MalheS wollte nicht heirathen, da starb mein Mann und ließ mich in großer Noth zurück. Wir hatten kein Ver­mögen, — was sollten wir ansangen? Meine Eltern waren längst tobt; doch schrieb ich nach Hause an Verwandte, — sie antworteten mir zwar, sie waren aber eben so arm und ich war sogar noch besser daran als sie, denn ich hatte doch keine Kinder zu ernähren! Da kam eine böse Zeit, liebes Kind! der Himmel bewahre Sie und jeden Christenmenschen davor, daß er nicht erfahre, was Hunger ist! Alle meine Versuche, wieder einen Dienst zu erhalten, schlugen fehl; — niemand wollte eine alte Frau in Dienst nehmen, da überall junge Leute genug zu haben sind. Grobe Ar­beiten im Taglohn konnte ich nicht verrichten, — ich war zu schwach, und meine Hände solche Arbeiten nicht gewohnt! Mein Stiefsohn hielt getreulich zu mir und brachte mir immer seinen geringen TaglohnSver- bienst — und da die paar Kreuzer für die Ernährung zweier Menschen nicht hinreichten, so hungerte er oft­mals mit mir. Wozu follte das aber zuletzt führen? Das schlechte und wenige Essen entkräftete den armen