Ul'. 118. Marburg, Donnerstag, den 23. Mai. 1872.
Oberhessische Zeitung.
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DnitscheS Reich.
•» Berlin, 21. Mai. Wie bereits der „ReichS- anzeiger" gemeldet, hat Fürst BiSmarck einen ihm für längere Zeit bewilligten Urlaub angetreleii, und wird dadurch die auch in diesen Blättern gegebene Mit- cheilung, daß der Gesundheitszustand des Reichskanzlers einer längeren Erholung dringend bedarf, bestätigt. Wie man hört, dürste jedoch der Fürst, sobald das Bedürfniß nach seiner Anwesenheit in Berlin heranlritt, sür kurze Zeit hierher komme». — Was den Gesundheitszustand de« seit einiger Zeit erkrankten ersten vertragenden RatheS im auswärtigen Amte, Geh. Rath Abeken, anbelangt, so soll dieser eine leichte Besserung erfahren haben, wenngleich das Leiden, ein Herzübel, in einem heftigen Charakter auf längere Zeit scsthalten wird, so daß eS höchst Unwahrschein Uch ist, daß Hr. Abeken, wie sonst,' Se. Majestät aus Reisen begleiten können wird. — Die Verhand lungen des Reichstages über die kirchliche Frage werden in der Prcste überall weitläufig erörtert; von verständiger Seite wird mit Recht darauf hingewiesen, daß der Reichstag mit richtigem Takt sich darauf beschränkt hat, ein Resolut und «keinen bestimmten Antrag zu stellen, wiewohl cs augenscheinlich ist, daß dieses Votum des Reichstages keine augenblickliche praktische Bedeutung haben kann; denn das Votum kann die Reichsregierung nicht zu irgend einer speciell bestimmten Maßnahme vcranlasien, das Votum drückt nur die Stimmung des Reichstages au«, die Regie rung bei ihrer Maßnahme gegen die clcricalen Agitationen zu unterstützen, und es möchte daher der Beschluß des Reichstages als ein Ausfluß der Kraft des nationalen Will-nS bezeichnet werden können, welche Bezeichnung um so mehr gerechtfertigt sein dürfte, als alle maßgebenden Parteien des Reichstages bei dem Beschluß zusammenstanden. Hervorzu- Heden wird heute noch sein,-daß der Antrag, in Folge dessen der Beschluß durch Compromiß aller Parteien zu Stande kam, von conservaliver Seite ausgegangen ist. — Die angekündigte und im Staatsministerium redigirte Zuschrift an den Bischof von Ermland, welche die Genehmigung des Kaisers erhalten hat, ist dem Vernehmen nach an den Bischof abgegangen und soll ganz in dem Sinne versaßt sein, wie ihn die „Prov. Corr." angedeutet hat. — Bekanntlich Halle der Cultus- minister die Regierungen aufgesordert, Vorschläge über
Mathilde.
Novelle von Heinrich Hensler.
(Fortsetzung.)
„Vor vielen Jahren — ich weiß nicht wie lange rt her ist — ich war damals noch bei meinen Eltern, und es wird somit wohl in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts gewesen sein, als fast in allen Ländern Krieg geführt wurde — da ging ich einmal in das Holz. So nannte man es bei uns, wenn wir Kinder armer Leute in den Gemeindrwald gingen und dürres Holz sammelten, das wir zur Feuerung nach Hause trugen. Meine Eltern waren nämlich gar arm, sie wohnten draußen im Reiche und nährten sich mühsam im Taglohn. Es war ein gar strenger Winter ein- getreten, der Schnee lag überall einige Fuß hoch, und in den Hohlwegen, wo der Wind ihn zusammengewrhl hatte,- konmen Menschen und Pferde nicht durchkommen. Wir jungen Leute — ich mochte wohl 16 oder 17 Jahre alt sein, vielleicht auch ein paar Jahre älter, ich weiß es, wie gesagt, nicht mehr recht, denn es ist schon lange her, und jetzt, da ich so alt bin verläßt mich oft mein Gedächtniß, — wir jungen Leute also mußten in jeder Woche zwei oder dreimal in den Wald, und da suchten wir über Aecker und Wiesen hin die besten Stellen aus, wo der Schnee am wenigsten ausgehäust war, weil eben der Wind ihn da weg und in die Hohlwege geweht hatte. In dem Walde angckommen, zerstreuten wir uns nach verschiedenen Richtungen hin und suchten emsig nach dürrem Holze. Ich war ttn munteres, rasches Ding und war bald in meinem Eifer den andern weit voran, als plötzlich lauter hülferuf aus weiter Ferne her in mein Ohr schallte Ich eilte ohne zu überlegen dem Rufen nach und kam an eine Stelle, wo eine hochbeladene, mit vier' Post- pserden bespannte Kutsche umgestürzt zu Boden lag Daneben stand der Graf und seine Gemahlin, der Herr des Dorfes, in dem meine Eltern wohnten Sie
die erforderlichen Mittel zur weiteren Verbesserung von Elementarlchrerbesoldungen abzugcben. Diese Vorschläge haben nicht der Absicht deö Cultusministers entsprochen und hat derselbe daher unterm 8. Mai d. I. an die königl. Regierungen eine Verfügung erlassen, in welcher unter Anweisung der Mittel für dauernde Verbesserungen und dauernde persönliche Gehaltszulagen, vorbehaltlich weiterer Ergänzung der Summen, soweit sich das Bedürfniß herausstellt, die Gesichtspunkte verzeichnet sind, welche bei der Verwendung der Mittel maßgebend sein sollen. Hiernach wird bestimmt, das Einkommen der Lehrer zu verbessern unter voller Heranziehung der eigenen Leistungsfähigkeit der Nächstverpflichtctcn, der subsidiarisch Verpflichteten oder der geeigneten Special- sonds, so daß das Gehalt der Stellen auf die Höhe allmälig gebracht wird, welche nach Zeit und Ort zum angemessenen Lebensunterhalt nothwendig ist. Für die Verbesserungen sollen nicht nur die alleinstehenden Lehrer resp. einzigen oder ersten Lehrerstellen in Betracht kommen, sondern auch die zweiten und folgenden Lchrcrstellcn, soweit das Bedürfniß es erfordert, wobei den sür verheiralhete Lehrer bestimmten Stellen ein Vorzug eingeräumt werden kann. Bei Bewilligung von persönlichen Zulagen ist Rücksicht auf zurückge- lcgte längere Dienstzeit besonders zu nehmen. Im Allgemeinen ist das Augenmerk auf die durchgreifende Verbesserung der Lehrerstellen in leistungsfähigen Gemeinden und auf Verbesserung der älteren Lehrer zu richten. Was die am Jahresschluß verbleibenden Bestände resp. Ersparnisse von den übrigen Fonds betrifft, so sollen diese niebt angesammelt werden, sondern ins nächste Jahr übertragen und auch in diesem verwendet werden; denn es ist nicht die Absicht der Staatsregierung, diese Ersparnisse für den allgemeinen Staats sonds in Anspruch zu nehmen; sie sollen vielmehr bedürftigen Elementarlehrern als einmalige Zuwendung bewilligt werden und werden besonders ihre Verwendung finden können bei Uebertragung von Ausfällen an dem festgesetzten Stclleeinkommen, zur einstweiligen Ergänzung der dauernd nöthig befundenen Stellenzu lagen. Es wird jedoch ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß diese Ersparnisse zum Ankauf von Schul- dienstlänbereien oder zu deren Naturalien, zur Ablösung darauf ruhender Lasten und zur Gewährung von Dotations-Capitalien ferner nicht mehr verwendet werden können.
waren in der Residenz, wo vor einigen Wochen die Beerdigung des alten Grafen stattgefunden hatte, und wollten die Trauerzcit zurückgezogen von dem Geräusche der Welt auf ihrem Schlosse Eulenbuch, daö etwa drei Stunden jenseits unseres Dorfes lag, zubringen. In der Stadt mochte man sich wohl keine Vorstellung davon machen, wie 20 Stunden weiter nach Norden hin daö Welter die Wege unfahrbar und gefährlich gemacht habe, sonst hätten sie die Reise mitten im Winter gewiß nicht unternommen. Der Postillon, welcher den Wagen führte, sah bald ein, daß er durch den Hohlweg nicht kommen könne, — er lenkte deshalb auf die Seite, um neben her zu fahren, hatte aber das Unglück, die Kutsche umzuwerfen. Die Frau Gräfin hatte dabei ein Bein gebrochen! Daher der Hülferuf des Postillons und des Bedienten."
„Der Herr Graf war in fürchterlicher Wulh, denn er war ungemein hitzig und jähzornig. Er lobte und schrie in einem fort, und drohte den Postillon zu erschießen, so daß dieser die Flucht ergriff, wodurch die Noth noch vermehrt wurde.
„Ich erhielt den Aufttag, gegen gute Belohnung so schnell wie möglich einige Leute zur Hülfeleistung herbeizurufen, sprang in das Dorf zurück, und erzählt» meinem Vater den Unfall. Während nun dieser mit einigen Nachbarn hinaus in den Wald nach der von mir genau bezeichneten Stelle eilte, lief ich in das einzige im Dorfe befindliche Wirthshaus, und bereitete besten Bewohner auf die bevorstehende Ankunst der hohen Gäste vor. Zinn Unglück — aber vielleich- zum Glück für mich — lag die Winhin krank zu Bette. Ich brachte deshalb auf Ersuchen der Frau die Oberstube in die Reihe, überzog das Bett mit frischem Linnen, fegte den Staub von Tisch und <stüh- len, und machte ein lustige» Feuer in den Ofen.
„Als endlich die Kutsche ankam, waren der Herr Graf und seine Gemahlin sehr erfreut, daß Alles so
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Fürst Bismarck hat in einem an das Reichstags- Präsidium gerichteten Schreiben mit Berufung auf den ihm vom Kaiser gewährten Urlaub erklärt, er muffe sich für einige Zeit von den Geschäften zurückziehen; Minister Delbrück werde ihn inzwischen vertreten.
Das „Militär-Wochenblatt" bringt einen intereffan- ten Artikel über den Munitionsverbrauch und die MunitionS - Ausrüstung der Feldartillerie im letzten Kriege. Danach zählte die preußische Feldartillerie, einschließlich beS 14. (badischen) Regimentes und der hessischen Abtheilung, 79 leichte, 78 schwere und 38 reitende Feld nebst 19 leichten und 10 schweren Re- serve-Batterieen zu je 6 Geschützen oder 816 8-Centi- ineter- und 528 9-Centimcter-Kanonen. Diese 1344 Geschütze haben während des ganzen Feldzuges zusammen 267,975 Schüsse gethan, die leichten Batterieen 112,770, die schweren 107,126 und die reitenden 48.079; es ergeben sich also durchschnittlich pro Geschütz 199 Schüsse, und zwar bei den leichten Batterieen 191, bei den schweren 203 und bei den reitenden 210 Schüsse pro Geschütz. Da nun die 8-Centimeter- Kanone mit 157 und die 9 - Centimeter - Kanone mit 133 Schüssen in den Protzen und Munitionswagen, beziehungsweise an den Laffetten der Batterieen ausgerüstet ist, so hat im Durchschnitte letztere 153 Procent, dagegen die 8 - Centimeter - Kanone bei de» leichten Batterieen nur 123 und bei den reitenden 134 Procent der von der Batterie selbst mitgeführten Schnßzahk verfeuert. Die baierische Artillerie bestand im letzten Kriege ans 12 leichten, 22 schweren und 2 Zwölf- pfünderbatterieeii mit zusammen 216 Geschütze», die im Ganzen 56,211, also pro Geschütz durchschnittlich 260 Schüsse abgaben. Sachsen stellte 6 leichte, 8 schwere und 2 reitende Batterieen, also 48 8-Centimeter- und 48 9-Ceiitimeter Kanonen in's Feld, von denen erstere 8007, letztere 7514 Schüsse verfeuerten. Dies ergibt sonach einen Durchschnitt von 167 pro 8-Centimeter und von 157 pro 9-Centimeter, ober als arithmetisches Mittel 162 Schüsse pro Geschütz, lieber den Munitionsverbrauch der würiembergischen Artillerie sind noch keine zuverlässigen Angaben dem Blatte bekannt geworden.
Hamburg, 21. Mai. Zur allgemeinen deutschen Lehrer-Versammtunz sind etwa 5000 Lehrer unb Lehrerinnen aus allen Theilen Deutschlands, sowie au«
gut eingerichtet und besonder«, daß die Stnbe schon warm war. Sie lobten mich sehr, und die Frau Gräfin wünschte mich zur Dienstleistung zu behalten, bis ihre Dienerschaft herbeigerufen wäre. Es war 1 nämlich eine andere Kutsche mit der Dienerschaft eine Stunde vorausgefahren, um früher in dem Schlöffe anzukommen, unb bas Nöthige zum Empfang der Herrschaft vorzubereiten. Alsbald waren zwei reitende Boten sortgeschickt worden, der eine um die Dienerschaft zurückzurufen, der andere um einen geschickten Doktor aus der Stadl herbeizuholen. Die Dienerschaft kam, ich wurde aber beibehalten, und — daß ieb es kurz mache: als die Frau Gräfin so weit her- gestellt war, daß sie zu Wagen nach ihrem Schlöffe gebracht werden konnte, nahm sie mich mit, und versprach, für mich zu sorgen. Ich war außerordentlich glücklich bei dieser Nachricht; ich konnte freilich das Unglück nicht ahnen, dessen Zeuge ich sein mußte, sonst wäre ich gewiß nicht mitgegangen!
„Ich hatte übrigens gute Tage da, wie seitdem nicht wieder, denn die Frau Gräfin war gar gut gegen ihre Leute. Ich wurde zuerst Stubenmädchen, und als später die Garderobejuiigfer heirathete, kam ich an deren Stelle.
„Wir blieben in dem Schlöffe Eulenbuch wohnen, denn der Herr Graf war im folgenden Jahre mit den deutschen HülfSvölkern nach Spanien gezogen. Wir alle freuten uns über feine Abwesenheit, denn so gerne wir die Fran Gräfin hatten, so sehr fürchteten wir den höchst leidenschaftlichen Mann, der, wenn er in Wnih gerieth, sich selbst nicht kannte und in diesem Zustande bei jedem geringfügigen Anlaffe die härtesten und ungerechtesten Strafen verfügte, was seiner guten Frau, welche ebenfalls darunter leiden mußte, gar vielen Kummer machte und viele Thräneu kostete.
(Fortsetzung folgt.)