1872
Marburg, Mittwoch, den 22 Mai.
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Die Pfalzen und die Ruhestätte« der Karolinger.
Von Oskar Schwebe!.
Die Zeit der deutschen Herrscher auS karolingischem Geschlechte hat sich in der deutschen Sage und Litera-
sctzt, tiefe Seufzer hoben seine Brust, es verhüllte mit seinen kleinen, weißen Händen das Gesicht und ließ den gewaltsam hervorbrechenden Thränen freien Lauf.
So mochte wohl eine halbe Stunde vorübcrge- gangen sein, da hörte cs auf dem Vorplatz sprechen, und bald darauf trat die Alte mit einer Schüssel dampfender Suppe herein, und hinter ihr ein großer, kräftig aussehender Mann, der zwischen 40 und 50 Jahre alt sein mochte, und einen grauen Rock mit grünem Kragen und Aufschlägen anhatte.
„Mein Sohn!" sagte die Frau, worauf sich alle Drei um den Tisch setzten. Das Mädchen fand die Suppe zwar recht schmackhaft, aß aber nur wenig davon.
Nach dem Esten führte die Alte ihren Gast in die Kammer, wo in einer Ecke ihr Bett stand und in der anderen Ecke ein Lager von Stroh, Laub und Moos aufgeschüttet war. Sie legte einen Teppich darauf und einige Stücke ihres Bettes und bereitete so ein weich.s Lager für das Mädchen.
2.
Martha, so hieß die Alte, trocknete zum Theil die gesammelten Kräuter, zum Theil bereitete sie daraus, indem sie dieselben kochte und mit allerhand Ingredienzien vermischte, Salbenpflaster und sonstige Arze- ncimittel, denn sie war in der ganzen Gegeng als eine vielcrfahrene Heilkünstlerin seit einer langen Reihe von Jahren bekannt. Es wurden ihr deshalb von allen Seiten täglich Lebensmittel, so viel sie deren bedurfte gebracht, und gegen ihre Heilmittel ausgetauscht, wäh rend es ihr auch nicht an Geld fehlte. Ueberhaupt lebte sie bester, als es der dürftigen Wohnung nach,
Deutsches Reich.
Berlin, 20 Mai. Während des vorgestern vom Reichskanzler angetretenen Urlaubs wird in allen Angelegenheiten des Reichskanzleramts mit kaiserlicher Genehmigung der Präsident des Kanzleramts Minister Delbrück den Kanzler vertreten; die Leitung des auswärtigen Amts verbleibt dem Staatssekretär v. Thile, den Vorsitz im preußischen StaatSininisterium übernimmt der Anciennetät nach der älteste in Berlin anwesende Minister. — Der Justizminister Dr. Leonhard, welcher sich einige Tage lang hier aufgehaltcn, ist nach Hannover, wo er auf dem Lande seiner Kräftigung entgegensieht, zurückgekehrt. Er war ledig lich hicrhergekommen, um seine schwer erkrankte Gattin zu besuchen, welche in Folge der vielen Anstrengungen und Nachtwachen bei dem erkrankten Minister fast hoffnungslos darn'ederlag. Dcr Kronprinz hatte seinen Leibarzt gesandt, um bei der Herstellung der Frau Minister Leonhard mitzuwirken. Die Gefahr ist jetzt gründlich gehoben und die Kranke geht der Genesung entgegen,
In der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 17. d. fand die feierliche Einführung der neugewählten Bürgermeister Hobrecht und Dunker statt. Oberpräsidcnt v. Jagow führte dieselben in ihr neues Amt ein, indem er sie mittelst Handschlages verpflichtete. Der Vertreter der Regierung fügte sodann noch einige Worte hinzu, in welchen er auf die großen Verluste, die Berlin gerade in dieser Zeit, wo immer neue Ansprüche an die Verwaltung herantreten, erlitten, hinwies, der Stadt Glück wünschte, daß ihre Vertreter die Wahl auf 2 Männer gelenkt, welche reiche Erfahrungen aus dem Gebiete der Communal- verwaltung gesammelt und denen große Erfolge zur Seite ständen und sprach zum Schluffe die Hoffnung aus, daß die neuen Vertreter, in deren sichere Hände das Wohl der Stadt Berlin gelegt sei, stets das rechte Vertrauen und die Unterstützung der Stadtverordneten finden werden, damit ihr gesammlrs Streben und Wirken von Erfolg gekrönt werde. Hierauf nahm Hr. Obcrbürgermcister Hobrccht das Wort und richtete ungefähr- folgende Ansprache an die Versammlung: Meine Herren! Ich verspreche, die Pflichten des Amtes nach bestem Wissen und Willen zu erfüllen, Seiner Majestät dem Könige Treue zu bewahren, die Ver- sastung gewissenhaft zu beobachten und innerhalb der Gesetze nach bestem Misten und mit allen meinen Kräften für das Wohl dieser Stadt zu sorgen. Wenn ich Sie hierin um ihre freundliche und nachsichtige Unterstützung bitte, so ist das nicht blos die Wieder holung einer hergebrachten Floskel. Ich kenne aus
scherzte selbst darüber, daß er für einen demonstri» renden Dcutschenfeind gehalten worden fei. Auch bezeugen der Portier upd dessen Frau, die unmittelbar nach dem Vorfall zur Hülfeleistung herbeigeeilt waren, daß Herr v. Aufseß weder irgendwie bedenklich erregt, noch gar ohnmächtig gewesen sei. Am folgenden Morgen erklärte er mir, daß er bester als in den vorhergehenden Nächten geschlafen, und beharrte, obwohl ich ihn einlud, sich noch einige Tage Ruhe zu gönnen, auf dem schon vor dem Ereignisse gefaßten Entschlüsse, abzureisen. Er trat die Rückreise Morgens 9 Uhr an, nachdem ich ihm die Versicherung gegeben hatte, ihm sowohl als mir selbst Genugthuung verschaffen zu wollen. Die einige Tage darauf eingc- troffene Nachricht von dem Tode meines verehrten Freundes war mir eben so schmerzlich als unerwartet." Das zweite Schriftstück enthält folgende rein sachlichen Mitthcilungen des Dr. Schauenburg in Quedlinburg in seiner amtlichen Eigenschaft als Kreis- physikus: „Ich befand mich am Abend des 1. Mai zufällig auf dem Altan des Schlosses, als im Treppen- Hause Lärm entstand und nach einem Arzte gerufen wurde. Ich fand Herrn v. Aufseß bereits wieder aufrecht stehend, von der Frau des Portiers gestützt. Er machte mich darauf aufmerksam, daß er blute, und schien darüber besonders besorgt, während er im Uebrigen über keine Schmerzen klagte. Ich bemerkte in der That eine kleine gerissene Hautwunde aus der Höhe des HinterkopfcS — die dadurch entstanden schien, daß er im Falle sich an das Treppmgeländer angestoßen hatte —, die aber bereits kein Blut weiter ergoß und nach Zusammenlegung der kleinen Wundlippen eines speciell«, Verbandes nicht bedürftig war. Demgemäß verordnete ich nur für einige Zeit kalte Aufschläge und Ruhe im Bette und gab dem Herrn Baron meine Erklärung dahin ab, daß der gesammte Zufall ein derartig unerheblicher sei, daß er seine Abreise, die er auf den folgenden Tag festgesetzt hatte, getrost antreten könne. Er schien über den Vorfall vollständig beruhigt, und meines Erachtens hat derselbe in der Thal keinen nachhaltigen schlimmen Einfluß auf das körperliche Befinden des Barons ausgeübt." — Die „Straßb. Ztg " fügt noch folgend Einzelheiten hinzu, für deren Zuverlässigkeit sie bürgen zu können glaubt: „Während der deutsche Gesangverein am Abende des 1. Mai bei der Beleuchtung des Münsters vor einem zahlreich versamelten Publikum auf dem Schloßplatze einige Lieder vortrug, ertönte aus dem einen Pavillon des Schlostcs ein fortgesetztes schrilles Pfeifen. Dasselbe war nicht nur auf dem Altane des Schiostes, sondern auch unten
langjähriger Leitung eines großen Gemeindewesens den Boden, auf welchem wir zu arbeiten haben und weiß, daß die städtische Verfassung die Möglichkeit der schönsten Erfolge bei feinem Zusammenwirken ebenso enthalte, wic die große Gefahr von Kämpfen um gegenseitige Machtbefugnisse. Ich gebe mich der Hoff nung hin, daß wir durch achtungsvolle gegenseitige Rücksichtsnähme jede Gefahr umschiffen werden. Gelingt es uns, selbst Freude am Zusammenwirken zu haben, dann haben wir die Gewißheit, daß die Interessen der Bürgerschaft am Besten gewahrt sind und dann werden wir auch den richtigen Weg zur Lösung unserer Aufgabe finden, Berlin zu einer ausreichenden Wohnstätte eines fleißigen und gesitteten Volkes zu machen. Bürgermeister Dunker warf einen Rückblick auf das letzte Viertcljahrhuudert und sprach die Hoffnung aus, daß Berlin in den nächsten 25 Jahren in der gleichen glänzenden Fortentwickelung bleiben wird. Er verspreche hierzu mit seinem besten Willen beizur tragen und wünsche sich Muth, Kraft und Ausdance und die Nachsicht der Versammlung. Hierauf begrüßt- der Stadtverordnetenvorfteher Kochhann die Neuge- wähltcu in längerer Rede.
Darmstadt, 21. Mai. Das vorgestern Nacht stattgehabte Hagelwetter hat längs des größten Theils der Bergstraße, hier und im Ried die Getreide-, Obst- unb Weinernte zerstört.
Straßburg,, 20. Mai. Die „Straßb. Ztg." theill zur Aufklärung der öffentlichen Meinung über den den Freihcrru v. Aufseß betreffenden Vorfall zwei Schriftstücke mit. In dem einen erklärt der Ober-Bi- bliothckar Dr. Barack, dessen Gast Freiherr v. Aufseß war, Folgendes: „Freiherr v Aufseß kam am 29. April hier an, nachdem er mir schon vorher brieflich seine Zweifel ausgedrückt hatte, ob ihm sein Gesundheitszustand die Reise gestatten würde. In der That Mächte es ihm sein körperliches Befinden, das sich durch die Anstrenguiigeu der Reise und eine hinzugetretene Erkältung noch verschlimmert hatte, unmöglich, sich in irgend einer Weise an der Univer sitätSfeier zu betheiligen. Als ich am Abend deS 1. Mai in Begleitung eines andern Gastes nach Hause kam, fah ich Herrn v. Aufseß im Bette liegen. Er erzählte mir, ohne eine besondere Aufregung zu be künden, den Hergang des Vorfalls in der Weise, daß er in dem offenen Treppenhause, als er durch Pfeifen das Dienstmädchen herbeizurufen suchte, von zwei unbekannten Herren angegriffen und gcschlagm worden sei. Als er erfuhr, daß ein Mißverstäiidniß vorgelegen habe und daß die Angreifer Deutsche gewesen seien, nahm er die Sache durchaus heiter auf und
Mathilde.
Novelle von Heinrich Hensler.
(Fortsetzung.)
DaS ist meine Wohnung", sagte die Alte, nachdem sie eingetreten waren. „Ihrer Kleidung, Ihren zarten Händen und dem feinen Gesichte sehe ich an, daß Sie Besseres gewöhnt sind, — im Fall der Noch kann man sich aber auch mit Wenigem begnügen, und ich kann cS nicht besser bieten, als ich es selbst habe. Satt zu essen und nicht von dem Schlechtesten sollen Eie bekommen und sicher vor Verfolgung sind Sie auch hier; Sie können so lange hier bleiben, als es Ihnen gefällt, und können fortgehen, wann sie wollen. Ich will jetzt eine Suppe kochen zum Nachtessen; — mein Sohn wird auch bald kommen und recht hungrig sein!"
Sie sah zuerst nach der Stirnwunde ihres Schützlings und legte einen frischen Verband an. „DaS hat keine Bedeutung", sagte sie, „und wird in ein paar Tagen geheilt sein, ohne eine Spur zurückzulassen." Dann ging sie in den Vorplatz, wo ein kleiner Herd aus übereinander gelegten Steinen gebildet war, über welchem ein Kessel hing, unter dem bald ein helle« Feuer loderte.
Das Mädchen sah sich jetzt in dem Stübchen um; eS waren die Wände ganz roh, der Boden festgestampfte Erde, ein kleines Fenster notdürftig eingepaßt In der Ecke stand eine gezimmerte Bettstelle, ebenso waren ein kleiner Tisch und einige alte Stühle da. Diese höchst ärmlichen Gegmstände und noch ein Kasten bildeten jämmtlichen Hausrath; doch herrschte überall große Reinlichkeit.
Auf einen der Stühle hatte sich das Mädchen ge-
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zu schließen den Anschein hatte, und so war auch die Schlafkammer — in welche freilich außer ihr und dem Mädchen Niemand kam — bester eingerichtet als die Wohnstube, und enthielt namentlich ein ganz gutes Bette.
ES vergingen mehrere Tage. Das Mädchen juchte feiner Retterin sich so gefällig wie nur immer möglich zu bezeigen, und half ihr bei allen Arbeiten mit vielem Geschicke. Die Nachmittage saßen sie vor brr Hütte auf einer Rasenbank, und oft erzählte die Alte allerlei Geschichten aus längst vergangenen Tagen, besonders aus ihrer Jugendzeit, die sie in ferner Gegend zugebracht hatte, denn der Norden Deutschlands war eigentlich ihre Hennath. Sie suchte auf diese Weise ihren jungen Gast zu zerstreuen, der so unglücklich zu sein schien. Das arme Mädchen wälzte sich Nachts fast immer schlaflos aus seinem Lager umher, und so oft cS am Tage allein war, brachen unaufhaltsam Thränen aus seinen Augen hervor, und vielfache, schwere Seufzer, welche sich ihrer gepreßten Brust entrangen, sowie eine beständige, fieberhafte Unruhe waren unverkennbare Beweise ihres gedrückten SeelenzustandeS. Sie schenkte jedoch diesen Erzählungen der gutmütigen Alten nur eine sehr geteilte Aufmerksamkeit, und nur einmal wurde ihr Interesse in hohem Grade erregt, als sie ihr nachstehenden Vorfall mittheilte:
(Fortsetzung folgt.) ' '<
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