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Marburg, Sonntag, den 19. Mai.

Ur 116

1872

ObeMWe Zeitung

V

dem zwischen der englischen Regierung und dem Präsidenten Grant ein Ausgleich so gut wie verein­bart ist. Das Auskunftsmittel ist nämlich ein Zusatz artikel zum Washingtoner Vertrage, welcher das Princip aufstellt, daß keine der beiden Nationen jetzt und in alle Zukunft die andere wegen indirecter Schadenansprüche belangen dürfe. Wird dieser Grund­satz internationales Recht zwischen beiden Staaten, so will Amerika die indirekten Forderungen vor dem genfer Tribunal zurückziehen. Einen Haken hat der Ausgleich jedoch noch, da die Zustimmung des ameri­kanischen Senats erforderlich ist. Diese Körperschaft ist bereits in Berathung über den vorgeschlagenen Zusatzartikel getreten, und man erwartet mit großer Spannung, wie sich die Senatoren entscheiden werdet

Im italienischen Senat wird gegenwärtig die Frage erwogen, ob ein einziger CassationShof im Königreich zu errichten oder das System der dritten Instanz einzuführen sei.

Der Carlisten-Aufstand in Spanien beschränkt sich gegenwärtig hauptsächlich noch auf Biscaya, wo­hin Serrano mit 20 Bataillonen abgerückt ist, um der Bewegung auch dort das Lebenslicht auszublasen. Wo sich Don Carlos befindet, weiß Niemand mit Sicherheit zu sagen. Im Kongreß hat der Kriegs­minister Zavala ein Heeres - Kontingent von 80,000 Mann verlangt und der Finanzminister Camacho sein Budget vorgclegt, welches ein Deficit von 114 Mil­lionen aufweist, zu dessen Deckung er mehrere neue Steuern beantragt. Eine königliche Verfügung be­gnadigt die im November v. I. wegen deö Tumults am Grabe Castanon's zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheilten 34 Studenten.

Die griechisch-katholischen Kirchengemeinden haben eine Synodal - Versammlung in Konstantinopel gehalten und sich für Einberufung einer außerordent­lichen Synode erklärt, welche nochmals über den der Exkommunikation verfallenen bulgarischen Exarchen verhandeln soll. - Hassun ist von der Pforte als armenischer Patriarch nicht anerkannt worden; es muß daher eine Neuwahl staltfinden. Die Anstifter der Judenhetze in Smyrna sind in Ketten nach Konstan­tinopel gebracht worden und sollen nach dem Willen des Sultans aufs strengste bestraft werden.

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Mathilde.

Novelle von Heinrich Hensler.

(Fortsetzung.)

Kaum hatte die alte Frau sich hinter einen Felsen gestellt, als sic mit Erstaunen ein Pferd vorbeisprengen sich, auf dem ein Weib saß. Dieses trieb das durch die fürchterliche Anstrengung sichtbar außerordentlich ermattete Thier zu fortwährend raschem und immer rascherem Laufen mit wiederholten Stockschlägen an. Zm Augenblicke war die flüchtige Erscheinung vor­über; die Alte kam mit schnellen Schritten auö ihrem nahen Verstecke hervor, als ob sie im Sinne habe, der Reiterin zu folgen: da durchzitterte die Luft ein heller Schrei, den das hundertfältige Echo der Felsen erst laut, dann schwächer und immer schwächer wiederholte, bis er endlich in weiter Ferne erstarb.

Hastig kletterte die Alte an einer Klippe in die Höhe, und strengte sich an, nach der Gegend zu sehen, wohin die Reiterin gesprengt, und woher der Schrei, der wohl jedenfalls damit in Verbindung stand, ge­kommen war. Sie befürchtete, bei dem unsinnigen Zagen auf der durch daliegende Steine und hervor­ragende Wurzeln sehr gefährlichen Straße werde sich wohl ein Unglück zugetragen haben. So war es auch, denn kaum konnte sie auf die Straße hinüber sehen, da- reiterlose Pferd wieder zurück rannte, und um Ecke biegend in wilde«, rasenden Sprüngen den «erg hinab tobte. Sief stieg so schnell sie konnte wieder herunter und nach der Gegend hin, wo daS

Politische Wocheu-Uederficht.

Der deutsche Reichstag verhandelte in den letzten Tagen über die zahlreich bei ihm ««gegangenen Pe­titionen für und wider die Jesuiten. Alle Fraktionen, außer dem Ccntrum, einigten sich schließlich zu dem modificirten Antrag der konservativen Partei auf Vor­legung eines Gesetzes, welches alle Verhältnisse der geistlichen Orden regelt. Das Befinden deS Fürsten Bismarck hat sich in neuester Zeit wieder so weil gebessert, daß die Frage wegen eines längeren Urlaubs etwas in den Hintergrund getreten ist; der Fürst wird die Feiertage auf seinen Besitzungen in Pommern zubringen.

Die BischofSconferenzen, die dieser Tage in Wien stattsanden, haben mit einer vollständigen Annäherung der kirchlichen Partei an die österreichische Re gierung geendet. In letzter Zeit sind besonders aus Mahren und Böhmen Petitionen an das Mi­nisterium gegen die Jesuiten eingelaufen. Die auf sechs Wochen berechnete Session des ReichSrathes hat bis jetzt noch nichts NennenswertheS zu Tage gefördert.

Die schweizerische Volks-Abstimmung am 12. Mai ist der Bundesrevision ungünstig ausgefallen. Nicht bloß die Cantone haben dieselbe mit 13 gegen 9 Stimmen verworfen, auch die Volks-Abstimmung ist mit 257,000 Stimmen gegen 252,000 für Ab­lehnung ausgefallen. In Betreff des Ständevotums stimmten: Bern, Zürich, Glarus, St. ©allen, Schass Hausen, Ba^el, Thurgau, Aargau, Solothun, neun Stimmen Ja; Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Appenzells Wallis, Gens, Waadt, Freiburg, Neuenburg, Graubünden, Tessin, 13 Stimmen Nein. Der Bundesrath hat beschlossen, die Bundes-Ver­sammlung auf den 27. Mai einzuberufen.

Die französische Nationalversammlung hat am 14. d. den Pvstvertrag mit Deutschland angenommen. In derselben Sitzung legte der Finanzminister den Budgetentwurf für 1873 vor. Das Budget wird 2,406,000,000 Frcs. betragen; das Deficit von 120 Mill, gedenkt die Regierung durch Zölle auf Roh­material zu decken. In dem Streit über die Er- Enennung der StaatSräthc, die Thiers für die Exe­cutive in Anspruch nimmt, ist trotz wiederholter Ver mittlungSversuche der Commission noch kein Einver­nehmen erzielt; eS fragt sich nun, ob es ThierS bei der dritten Lesung deS StaatsrathSgesetzeS gelingen wird, seinen Willen durchzusetzen. Die Ernennun­gen von de Noailles, Ferry, Gvbineau und Gabriac »iS Gesandte für Washington, Athen, Stockholm und den Haag sind dieser Tage erfolgt.

Die Aussichten in Betreff der Alabamafrage schwebten in der letzten Zeit fortwährend herüber und hinüber. Endlich scheint sich die Sache ihrer defini­tiven und zwar friedlichen Beilegung zu nähern, in-

teien des Reichstages darüber einig sind, daß ihren Wühlereien so bald wie möglich ein Ziel gesetzt wer­den muß. Der Beschluß, welchen der Reichstag ge­faßt, ist ein Vertrauensvotum für die Politik der Regierung und eine feierliche Bestätigung deS von Fürst Bismarck aufgestellten Programmes durch die Vertretung des deutschen Volkes. Es geschah gewiß nicht unabsichtlich, daß weder dieser selbst das Wort nahm noch auch irgend ein Mitglied des deutschen Regierungskörpers sich an der Debatte beteiligte. Der Reichstag sollte seine Meinung ohne irgend einen selbst auch nur moralischen Einfluß der Regierung kundge^ ben. Er hat derselben durch seinen Beschluß volle Actionsfreiheit ertheilt und ausgesprochen, daß sie allein in der Lage ist, mit Erfolg die kirchliche Frage in die Hand zu nehmen und zu lösen. Man hatte sich längst Besorgnissen über die durchaus langsame Behandlung, welche die Herrenhaus -Kommission dem Kreisordnungsentwurfe angedeihen ließ, hingegeben; indessen der Schneckengang, welchen die Berathungen nahmen, überspricht allen Erwartungen. Wie man hört, ist die erste Lesung des Gesetzes erst am 15. beendigt worden. Die zweite Lesung wird, da die Pfingsttage dazwischen treten, erst am 28. beginnen können, und auch wiederum mindestens 8 Tage in Anspruch nehmen, so daß die Berichterstattung erst zu einem weit späteren Zeitpunkte stattfinden wird, als man selbst noch vor Kurzem meinte. Das Verfahren der Kommission erfährt in Herrenhauskreisen eine sehr unliebsame Kritik und wünscht man allgemein, daß dem gegenüber endlich zu Mitteln gegriffen würde, um die Reform zu einem schnelleren Abschlüsse zu bringen. Die Presse beschäftigt sich in letzter Zeit vielfach mit der socialen Frage und brachte kürzlich auch die Nordd. Allg. Ztg." mehrere beachtenswerte Artikel über dies Thema, in welchen sie Vorschläge zur Herbei­führung gesunderer Verhältnisse zwischen Arbeitneh­mern und Arbeitgebern formulirt. Wenn auch in diesen Vieles praktisch sein möchte, so ist doch diese ganze Angelegenheit noch so kontrovers, daß man ge­wiß bei der Annahme nicht irrt, daß diese Ausfüh­rungen durchaus eines officiösen Charakters entbehren Der Wirkt. Geh. LegationSrath Abeken ist nicht unbedenklich erkrankt.

Gumbinnen, 17. Mai. Bei dem russischen Dorfe Romainischken fand ein größeres Gefecht mit Schmugglern statt, in welchem ein preußischer Unter» than aus dem Heydekruger Kreise durch eine russische Kugel getödtet wurde.

Stuttgart, 17. Mai. Der neuernannte Minister des Innern, v. Sick, wurde heute beeidigt. In seiner Anrede an denselben sagte der König:Ihre bisherige loyale Thätigkeit, sowie Ihre Wirksamkeit in der Kammer flößen mir volles Vertrauen ein. Ich em- pfehle Ihnen besonders die Pflege der volkswirth- WasserS gelang es ihr endlich, wieder Leben in die Ohnmächtige zu bringen; diese schlug die Augen auf, und sagte wild umherblickend:

Gerechter Himmeli Wo bin ich? WaS ist mit mir vorgegangen?" Sie sprang auf, sah sich nach allen Seiten ängstlich um, und fragte:Wo sind sie? Wo ist mein Pferd? Werden sie nicht hierher kom­men? Ich muß fort ich muß schnell weiter!"

Jetzt griff sie an ihre Stirne, die sie wohl schmerzte, und fühlte den Verband:Ach ja, ich bin gestürzt, das Pferd stieß an einen Stein und fiel, und ich"

Seien Sie ruhig, liebes Kind!" tröstete die Alte das klagende Mädchen:Ihre Verfolger sind da vor- beigeritten und wohl schon weit von hier. Die werden Sie gewiß nicht finden, wenn Sie bei mir bleiben und mit mir gehen wollen!"

Das Mädchen sah die Alte mit großen Augen an und sagte:Ich soll bei Euch bleiben und soll mit Euch gehen? Ihr wollt Euch meiner annehmen und mich schützen vor meinen Feinden? Kennt Ihr mich denn? Wißt Ihr, wer meine Feinde sind?"

»Zeh kenne Sie nicht, und eben so wenig Ihre Verfolger," antwortete die Alte;Sie sind unglück­lich Sie haben Hülfe nöthig mehr brauche ich nicht zu wissen. Ihr Name und Ihr Schicksal sind Nebendinge, von denen wir später einmal sprechen können, wenn es Ihnen recht ist, fragen werde ich weder jetzt »och später darum!"

Deutsches «eich.

*» Berlin, 17. Mai. Die Jesuitendebatte ist nunmehr abgeschlossen. Diejenigeti, welche auf beson­dere dramatische Effecte ober ein Eingreifen des Reichs­kanzlers gehofft hatten, haben sich allerdings nicht ge­täuscht; es ist nicht zu leugnen, daß die Verhandlun­gen gegen die ihnen voraufgegangenen bedeutend zu- rückitehen. Eins indessen haben sie mit unzweifelhafter Gewißheit ergeben, daß nämlich die Ultramontanen durchaus ifolirt dastehen und alle maßgebenden Par Unglück sich ereignet hatte. Kaum hundert Schritte von jener Stelle traf sie die Reiterin scheinbar leblos auf dem Boden liegend an.

Es war ein junges Mädchen, wenn das Auge nicht täuschte; die schönen regelmäßigen Züge des zarten blassen Gesichtes waren von braunen Locken umwallt, auö einer leichten Stirnwunde quoll Blut hervor und riefelte über die Wange der Ohnmächtigen, die nicht weiter verletzt, und nur von dem heftigen Sturze betäubt schien. Noch hatte die Alte ihre Untersuchung nicht beendet und eben so wenig Anstalten zur nöihi- gen Hilfeleistung getroffen, als ein entfernter Lärm, der von Secunde zu Secunde näher kam, sie aufmerk­sam machte. Sie hörte wieder flüchtigen Hufschlag sollte das Pferd wieder zurücklaufen? das war nicht wahrscheinlich der Hufschlag verdoppelte sich es waren mehrere Pferde - sie dachte sogleich an eine Verfolgung des schönen Mädchens, daS zu ihren Füßen lag, mit Aufwendung aller Kräfte hob sie die Ver­unglückte in die Höhe, schleifte sie aus dem Wege in ein nahes Gebüsch und legte sie da nieder, indem sie sich selbst, um nicht gesehen zu werden, daneben setzte. Kaum war daS geschehen, als sie zwei Reiter vorbei- sprengen sah.

Erst als ihr lauschendes Ohr keine Hufschläge mehr vernahm, beschäftigte sic sich wieder mit der Ge­retteten. Sie fand in einer Tasche derselben ein Tuch, mit welchem sie die Stirnwunde verband, nachdem sie dieselbe vorher ausgewaschen hatte. Mit Hülfe des