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Marburg, Sonnabend, den 18 Mai.

1872.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da« Quartal der Oberhesfischen Zeitung mit KrriSblatt durch die Srvedition MlZ »uchdruclerei) bezogen 22; «gr., durch die Postämter 27 Sgr. 6 Pfa. (excl. Bestellgebühr und incl Stempelsteuer), für das Auslan" exclStempel 22 »ar -

Jnferlwusgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Amioncen-Büreaus nehmen Inserate an. 8 '

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Mai, Vorgestern vollendete Prof. Friedrich v. Raumer sein 91. Lebensjahr und erfreut sich noch großer geistiger und körperlicher Rüstigkeit. Obgleich er seit zwei Zähren keine Vorlesungen mehr hält, gehört er dennoch der Lehrkörperschafl unserer Universität an. Auch Leopold v. Ranke ist vom Halten der Vorlesungen dispensirt^ aber auch noch schrist- stellerisch thätig. — Die „Spen. Zig." schreibt: Dem Vernehmen nach hat die Regierung für deu nächsten Etat die Bewilligung von Servis an sämmtliche Beamte in größeren Städten in Aussicht genommen, und zwar soll derselbe in ähnlicher Weise, wie bei den Militärs, nach dem Rang und der Höhe de« Ge­haltes bemessen werden. Wird ein solches Beamter demnächst in eine kleine Stadt versetzt, so fällt diese Mehrzahlung fort. Die bisher den Beamten gewährten Zulagen haben sich als ganz ungenügend erwiesen und sind m den meisten Fällen von den betreffenden Hauswirthen für erhöhte Miethszahlungen in An­spruch genommen, so daß ihnen für die Theuerung der übrigen Lebensbedürfnisse fast gar nicht« übrig verblieben ist.

Köln, 16. Mai. Die Kaiserin Augusta traf gestern früh 4 Uhr 45 M. mit dem Brüsseler Schnell- zug hier ein und setzte alsbald die Reise mittelst EptrazugeS nach Koblenz und nach vierstündigem Aus- eulhatte daselbst weiter über Mainz und Ludwigshafen nach Karlsruhe und Baden-Baden fort.

EmS, 16. Mai. Der Kaiser ist für Ende Mai offiziell angemeldet. Am 25. d. werden die Erbprin- zessin von Hohenzollern und am 26. die Prinzessin Oskar von schweben, Herzogin von Ostgothland, beide mit großem Gefolge, zum Kurgebrauch hier ein­treffen und in den „Vier Lhürmen" Wohnung neh­men. Der Fremdenzufluß ist sehr bedeutend.

Karlsruhe, 16. Mai. Die deutsche Kaiserin ist gestern Nachmittag hier eingetroffen und vom Großherzog, sowie von der Großherzogin am Bahn­hofe empfangen worden. Die Kaiserin reiste Abends nach Baden-Baden weiter.

München, 16. Mai. Der Zustand des Prinzen Otto hat sich dem Vernehmen nach in seinen, Nym­phenburger Aufenthalt erheblich gebeffert. Auf das Zureden de« HofratheS Dr. Soldorig hat sich der

Prinz, dessen bisherige Leiden eine starke gemüthliche Affektion herbcigcführt hatte, zum Beginn einer gründ­lichen Cur entschlossen und wird sich zu diesem Be- huse demnächst an den Corner See begeben. — Der Bischofsstuhl von Speyer ist noch immer nicht befini tiv besetzt. Der Abt Dr. v. Haneberg hat, nach dem mit dem erzbischöflichen Ordinariat in Verbindung stehenden „Baierischcn Kurier", erklärt, die seitens der Regierung auf ihn gefallene Wahl nur dann annehmen zu können, wenn der Papst diese Annahme nicht nur billigen, sondern direkt wünschen werde.

Stuttgart, 16. Mai. Die Ernennung des hie­sigen Oberbürgermeisters Sick zum Minister des In­nern ist heute erfolgt. Der „Staatsanzeiger" meldet zugleich, daß er bereits Audienz beim König gehabt habe.

Straßburg, 16. Mai. Wie die „Darmst. Ztg." erfährt, hat Kaiser Wilhelm alle Festkosten — etwa 30,000 Thlr. — auf seine Kasse übernommen. — Laut Verfügung des Hrn. Ober-Präsidenten von Elsaß- Lothringen ist Hr. Al. Heßler aus Torgau, ehemaliges Mitglied der Hosbühne zu Weimar, zuletzt Regisseur am Freiburger Stadt-Theater, zum Direktor des kaiserlich concesstonirtcn Theaters, verbunden mit den Theatern in Metz, Mühlhausen, Colmar und Hagenau ernannt worden. Der erwählte Direktor erhält eine sehr bedeutende Staatssubvention, wofür er verpflichtet ist, große Oper, deutsches Schauspiel, Ballet und auch französisches Schauspiel zu stellen, da die Regierung der Bevölkerung diese Concession machen will. Die deutsche Gesellschaft wird in Straß­burg ihren Sitz haben, die französische Truppe in Metz. Die deutschen und französischen Künstler werden abwechselnd in den genannten 5 volkreichsten, durch Eisenbahnen in naher Verbindung stehenden Städten theatralische Vorstellungen geben.

Oesterreich - Ungar».

Wien, 16. Mai. Die Mutter des Kaisers, Erz­herzogin Sophie, ist seit vorgestern schwer erkrankt. Aus Anlaß dieser Erkrankung ist Prinz Leopold von Baiern hierherbcrufen worden; die Ankunft der Kai serin wird heute Morgen erwartet. Das Befinden der Erzherzogin war laut ausgegebenem Bulletin letzte Nacht 11 Uhr unverändert. — Auf der Fahrt von Wien nach Schönbrunn stieß der Wagen des Kaisers mit einem leeren Ziegelwagen zusammen, wobei der Kaiser

von der Deichsel desselben am Arme leicht gestreift wurde. Die Verletzung ist unbedeutend. Bei der gestern Nachmittag erfolgten Fahrt des Kaisers in die Hofburg eilte eine große Menschenmenge dem Kai­serlichen Wagen entgegen und brachte anläßlich der glücklichen Rettung des Kaisers bei dem erwähnten Unfälle stürmische Hoch aus. — Der böhmische Dichter Moritz Hartmann ist am 13. Mai Nachmittags hier gestorben. — Der Kaiser hat den Königgrätzer Bischof Hanel anläßlich der Feier deS 40. Jahrestages seiner Jnvestirung als Bischof in den Freiherrnstand erho­ben. Bischof Hanel hatte bei den letzten Wahlen mit der Verfassungspartei gestimmt.

Schweiz.

Genf, 15. Mai. Unlängst wurde hier eine schauerliche Thal entdeckt. Seit dem 26. April näm­lich war der 65jährige Geschäftsagent Vioget hier au« seinem Haufe verschwunden. Seine lange Abwesenheit wurde endlich der Polizei angezeigt, welche das Haus überwachen ließ. Am 30. April endlich kam ein In­dividuum, welches in die Wohnung Vioget's treten wollte. Zur Rede gestellt, erklärte der Mann, Herr Vtoget sei nach Paris verreist und habe ihm den Auftrag gegeben, seine Sachen zu überwachen. Zur Bekräftigung seiner Aussage wies er eine gefälschte Vollmacht Vioget's vor, in welcher stand, daß er für ein Vierteljahr nach Paris verreise. Die Polizei nahm nun eine Haussuchung bei dem Arrestanten vor und fand dabei in einem Wandkasten abgeschnittene Theile eines menschlichen Körpers vor: ein Bein, einen Fuß, einen Arm und eine Hand, so wie in einem Zuber die Leber, die Eingeweide und das Blut. Im Ofen stieß sie auf verkohlte Knochen, Rippen und einen Thcil des Kopfes. Ein großes Stück Eisen­blech war voll geronnenen Blutes, eben so ein Eimer. Der Angeklagte erklärte, er habe Vioget unter dem Vorwande, mit ihm ein Geschäft abzumachen, in seine Wohnung gelockt. In Streit gerathen mit ihm sei er mit einem Beile auf ihn losgegangen (dasselbe ist aufgefunden worden) und habe ihn erschlagen. Nach­her habe er den Leichnam zersägt und zerschnitten, um ihn ohne Aufsehen durch Verbrennen im Ofen zu beseitigen. Er habe diese That aus Rache verübt, weil- ihn Voiget, der ihm Geld zu Wucherzinsen geliehen; gerichtlich habe betreiben und so an den Bettelstab

Mathilde.

Novelle von Heinrich Hensler.

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Tie glühende Sonne eines Julitages warf fast senkrechte Strahlen auf das Plateau eines hohen Berggipfels in dem baierischen Hochland. Wenig niedriges Wachholder-, Schwarzdorn- und Schlehen- Gebüsch steht auf einzelnen Punkten, während nur hie und da ein zwerghaft verkrüppelter Tannenbaum sich über dasselbe erhebt. Auf der einen Seite dieser bei­nahe sterilen Fläche ziehen sich graue, vielfach verwit­terte von keinem Laub und keinem Gras umgrünte Felsen wild und rauh in fast unübersehbarer Strecke fort, während sie auf dem Plateau selbst regellos auf- -rthürmt die sonderbarsten Gestatten bilden und in furchterregenden Massen über und unter einander lle­send ihre nie besuchten schweigsamen Gipfel im Schooße dunkler Wolken verhüllen, obgleich dieses gerade heute bei flatem Himmel nicht der Fall, und der seltene Blick ganz unbeschränkt auf die höchsten Spitzen ge­stattet ist, wie sie aus dem Grau der Luft gleich einem ewigen Winterland weiß und katt hervortreten. An mehreren Stellen kommen sie so nah zur Straße heran, daß man erkennen kann, wie dort oben ein dichter Schnee sich zwischen den Klüften und Schluch­ten auf die Felsblöcke und Bergplatten legt, während unten im Thale die Sonne das Gras sengt.

Je tiefer der Berg sich hinabzieht, desto enger «eten die wilden Gebirgsmaffen zusammen, und bilden -wischen sich Schluchten, die in die Tiefe reichen, und chge Spalten, die sich in seltsamen Biegungen durch die zerrissenen und vielfach zerklüfteten Felsen ziehen. *nf der anderen Seite dieser kleinen Hochebene stürzt siu Waldbach von deu beschäumten Höhen herab, seine brausenden Wellen durch eine enge Oeffmmg hervor­drängend, von Fels zu Fels mit Ungestüm den tiefen Fall herabschäumend, die untere Gegend mit thauigern Gestöber tränkend. Nur so weit dessen Wasser daS «Md berührt, keimt frisches, lieblich grünendes Gras dttvor, und wachsen einige Pflanz« mit weißen und

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farbigen Blüthen, bi« endlich thalabwärts nach und nach eine üppigere Vegetation den Uebergang zur fruchtbaren Landschaft vermittelt. Die Felsen treten hier immer mehr zurück, und dunkle Tannen und Fichten stehen erst einzeln, dann gruppenweise, dann dichtgedrängt, schweigend und düster zu beiden Seiten der Straße, welche in vielfachen Windungen in ine Ebene hinabführt.

Aus einer jener finstern Schluchten trat eine alte, ärmlich gekleidete Frau hervor, gebückt, mit lang­samem Schritt mnhergehend, hin und wieder etwas aufhebend und in einen alten, zerbrochenen, vielfach auägebefferten Weidenkorb legend. Jetzt kam sie auf den Vorsprung. des Berges und sah hinab in das Thal, das in bläulicher, ungewisser Tiefe unter ihr lag.

Eine Weile blieb sie so stehen, anhaltend hinab sehend, indem sie ihre Augen durch Vorhalten der Hand vor den blendenden Strahlen der Sonne schützte, — dann murmelte sie vor sich hin: „So oft ich auf die Höhe komme, finde ich, daß meine Augen schwä­cher werden, denn immer weniger reichen meine Blicke hinab in das Thal und bald wirb ein undurchdring lichcr Schleier mir Alles verhüllen, was mich sonst ergötzte! — Nun, wie Gott will, — es hat ja auch dieses seine Vortheile, denn wenn ich die schöne und fruchtbare Gegend da unten nicht mehr sehe, da be­schleicht auch die Sehnsucht danach nicht mehr mein Herz, und ich kann keinen Vergleich mit früheren Zeiten a»stellen, was mich doch jederzeit schmerzte und oft unzufrieden mit meiner Sage machte, die zu ändern einmal nicht in meiner Macht liegt. Nun, wie der liebe Gott will, ich bin ja zufrieden und murre nicht, sondern bin dankbar, daß es mir in meinen alten Tagen so gut geht; die paar Jahre, die ich vielleicht noch zu leben habe, werbe ich wohl zu bringen können, ohne bie Gegeub zu sehen, bie ich doch nur einmal im Jahre besuchen konnte! Ich darf nicht länger säumen, wenn ich nach Hause will, ehe der Abend herbeikommt; ich bin müde von dem Berg­

steigen, aber das Herabklettern fällt mir doch noch schwerer, und leicht könnte ich mich verspäten!"

Jetzt drehte sich bie Alte um unb begann in bie Schlucht zurückzusteigen, aus welcher sie heranfge- kommen war. Plötzlich blieb sie jeboch stehen, richtete sich aus ihrer gebückten Stellung hoch auf unb lauschte mit zurückgehattenem Äthern nach der rechten Seite hinab.

„Ich höre noch bester, als ich sehe," fuhr sie laut zu denken fort, „unb ich setze meinen so mübsam ge­sammelten schönen Kräutervorrath zum Pfanbe, in einigen Minuten kommt ein Reiter hier vorbei. Ganz deutlich höre ich den weitauSholendeu Hufschlag eines Pferdes. Da möchte ich doch Wiste», was den in diese unwirthbare Gegend heraus bringt, und wohin er will, eile muß er haben, denn das geht in Hellem Galopp, und dazu den steilen Berg herauf! Wie schnell geht das voran, und wie der Wind kommt es näher und näher! Ich will mich doch verbergen, denn man kann nicht wissen, wer es ist, — mit rechten Dingen geht daS nicht zu!"

(Fortsetzung folgt.)

Bilder a«S dr» Elsaß.

Von Ferdinand Sieffenbad).

(Schluß.)

Die den Herren von Rappoltstein, auch darum „die Spielgrafen" genannt, lehnspflichtigen Pfeifer des Eisastes bildeten für sich eine besondere Zunft ober Brüderschaft, der Jeder angehören mußte. Egenolph von Rappoltstein schreibt 1577: „Daß fein Spiel­mann, der sey ein Pfeifer, Trummelschläger, Geiger, Zinkenbläser, ober was ber ober bie sonsten für Spiel und Kurzweil treiben khennen zwischen dem Hauen- stein obwenoig Basel unb bem Hagenauer Forst den ganzen Bezirk eingeschlosten, weder in Stätt, Dörfern oder Flecken ober sonsten zu offenen Deutzen, Gesell­schaften, Gemeinschaften, schiessen ober anberen khurtz- wcylett nit soll zugelasten sein, er seyne denn in die