Mr. UM. Marburg, Freitag, den 17. Mai. 1872.
OberhesMe Zeitung.
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Deutsches Reich.
•• Berlin, 16. Mai. Fürst Bismarck Hal in der gestrigen Sitzung des Reichstages die leitenden Gesichtspunkte der deutschen Politik mit einer Klarheit und Entschiedenheit dargelegt, welche keinen Unbefangenen darüber in Zweifel lassen kann. Die Rede des Fürsten enthielt in großen Zügen das Programm, nach welchem die deutsche Regierung der katholischen Kirche gegenüber handeln wird. Zwei Punkte sind daraus besonders hervorzuhcben, erstens daß die Sßev- hältnisse durch die Gesetzgebung geordnet werden sollen, daß Deutschland allein Herr in seinem Hause sein will und zweiten- daß diese Gesetzgebung durch das Reich in Angriff genommen werden wird. Am meisten zu bewundern war die Mäßigung, wesche der Reichskanzler seinen Gegnern gegenüber entfaltete und welche diese sogar zwang, eine gewisse Dankbarkeit und Anerkennung für die von ihm dargelegte versöhnliche Ge finnung kundzugeben. Es darf wohl keinem Zweifel unterliegen, daß das von dem leitenden Staatsmann- ausgestellte Programm ohne Säumen verwirklicht werden wird. Damit steht cs auch im Zusammenhänge, daß die heutige „Provinzial-Correspondenz" noch einmal die ganze Angelegenheit des Bischofs von Erin land in ihrem Leitartikel rekapitulirt. Sie führt den Nachweis, daß der Bischof sich nicht nur mit der Verfassung und den SlaatSgesetzen, sondern mit seinem eigenen Eid im Widerspruch befindet, den er beim Antritt seines Amtes dem König geleistet und gelobt hat, nach Kräften die Tugenden in den Gemüthern, den Geistlichen und Gemeinden zu pflegen, welche in den Christen die guten Unterthanen bezeichnen. „Ich ver spreche dies Alles um so unverbrüchlicher zu halten", lautet schließlich der Eid des Bischofs, „als ich gewiß bin, daß ich mich durch den Eid, welchen ich Seiner päpstlichen Heiligkeit und der Kirche geleistet habe, zu Nichts verpflichte, wa- dem Eide der Treue und Unter- chänigkeit gegen seine königl. Majestät entgegen sein kann." Trotzdem behauptet jetzt der Bischof, daß die Kirchengesetze den Landesgesetzcn vorgingen. Wenn die „Provinzal-Correspondenz" endlich ankündigt, der Staat werde seine SouveränetätSrecht mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln wahren, so läßt sich annehmen, daß man auch bereits über diese Mittel riniger-
Tänschunge«.
Sine Erzählung aus dem Leben von G. F.
(Schluß.)
Abermals versuchte Frau Hahn, ihn zu unterbrechen, aber wiederum wehrte Hermes eS ihr und fuhr fort: „In dieser Nacht schickte ich sie ihrem Vater wieder in's Haus. Am anderen Morgen kam ein Brief von ihr an mich und erweichte mein Herz zur Berge bung und Versöhnung, denn ich war thöricht genug, ihren Unschuldsbezeugungen Glauben zu schenken. Ick schrieb eine Antwort, worin ich sie zur Rückkehr auf- forderte, und wollte mir" aus ihrem Schreibtische ein Briefcouvert zu meinem Antwortschreiben hole». Da sand ich dort eine Haarlocke von ihrem Liebhaber und einige Zeilen von ihrer eigenen Hand, worin sie ihn als solchen anerkannte. Gerechter Himmel! ich weiß nicht, waS mich noch aufrecht erhielt, als ich diesen Beweis ihrer Untreue in Händen hatte! — Sagen Sie mir, Frau, kann man solche Dinge verzeihen? Antworten Sie mir! Ist in dem Himmel, an welchen Sie glauben, noch Raum für solch' treulose, ver- rätherische Seelen?""
Frau Hahn war stehen geblieben und zitterte an allen Gliedern über des Dokiors leidenschaftliche Auf- ngung. — „ES war aber nicht so! der Schein täuschte Eie!" gab sie mit Nachdruck zur Antwort. „O, wie Mochten Sie dies von einem Wesen glauben, das nie- mal- einen anderen Mann auf Erden geliebt, als Sie? — Ich wußte nicht, daß es solch elende Men fchen unter der Sonne geben könne, wie jener nichtswürdige Asseffor Grahm sich gezeigt hat. Herr Herme-, ich kenne Ihre Frau; wenn ich Sic überzeuge, daß sie noch Ihrer Liebe werth ist, soweit ihre Treue Segen Sie in Betracht kommt, wollen Sie ihr alS-
maßen im Klaren ist. Wie man erfährt, finden gegenwärtig im Justiz- und im Cultusministerium Be- rathungen über die Durchführung derselben statt. — Unter den Mitgliedern der conservativen Partei finden augenblicklich vertrauliche Besprechungen statt, um eine Neugestaltung der Partei anzubahnen. Es dürften dieselben jedenfalls zum Ziele führen und auf daS Parteileben des Reichstages wie Abgeordnetenhauses von bedeutendem Einfluß sein. DaS eventuelle neue Programm würde vor allem auch darauf, sein Augenmerk richten, ein einträchtiges Zusammengehen mit der preußischen und deutschen Regierung zu ermöglichen. — Die Vorschläge, welche Graf Usedom in seiner Denkschrift betreffs der Verwaltung der Museen ge macht hat, haben mit der Berufung deS Prof. Eggers größere Aussicht auf Verwirklichung gewonnen. Fürs Erste sind dem Grafen auf die Dauer seines provifo rischen Kommissoriums bereits weitcrgehende Befugnisse zum Ankauf von Gemälden und Kunstwerken einge- räumt, als. sie bisher ein Director der Königl. Museen besaß.
Die „Nordd. Allg. Ztg." kommt bei Besprechung des socialen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer entbrannten Krieges, zu dem Schluffe, daß der dolose Bruch der zwischen dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer geschlossenen Arbeitsverträge, abgesehen von dem civil- rccht'ichen Schadenersätze, unter das Strafgesetz zu stellen sei. Die CoalitionSfreiheit werde dadurch nicht berührt. Der Stand der Dinge erfordere ein solches Spccialgcsetz.
Dem Vernehmen nach wird am 31. d. M. eine Verleihung des Ordens pour le merite (Friedensklasse für Wissenschaft und Kunst) stattfinden, da der Orden, den Immanuel Bekker getragen, Trendelenburg ver liehen wurde, dessen Tod jedoch die Verleihung aufgehoben hatte. Statutenmäßig dürfen nur 30 stimmfähige Ritter deutscher Nation vorhanden sein, die, nach Einvernehmen mir der Akademie der Wissenschaften und Künste, durch den Kanzler (zur Zeit Leopold v. Ranke) ihre Vorschläge einreichen. Die Verleihung erfolgt nur am 24. Januar, 31. Mai und 17. August, als den Tagen, an welchen Friedrich der Große geboren wurde, zur Regierung gelangte und starb. Der Orden selbst wurde von König Friedrich Wilhelm IV. gestiftet und besteht also jetzt 30 Jahre. Der erste Kanzler war Alexander v. Humboldt, ihm folgte Savigny, diesem Boeckh und diesem Ranke. Erster Vicekanzler war Peter v. Cornelius, der jetzige ist Dove.
Kiel, 15. Mai. Bezüglich der hiesigen Univer- sitätsverhältniffc schreibt man der „Spen. Ztg." von hier: „An die Allerhöchste Entscheidung über den Bau eines neuen UniversttätSgebäudeS hat sich eine nicht minder wichtige Anordnung des Unterrichts-Ministers gereiht. Derselbe hat eine auS drei Professoren und dem Universität-Syndikus bestehende Commission ernannt, welche über die weiteren nothwendigen Universitätsbauten in der Weise berichten soll, daß der Minister diese Vorlagen für daS nächstjährige Budget benutzen kann. Diese Bauten, seit einer Reihe von Jahren projectirt, theilweise auch schon genehmigt, sind: ein zoologisches Museum, eine Anatomie, ein physiologisches und ein chemisches Laboratorium und ein Bibliotheksgebäude. Die Bibliothek unserer jetzt 207 Jahre alten Universität ist lange von sehr geringem Umfange gewesen. Eine Zählung ergab vor 10 Jahren etwa 130,000 Bände; seitdem sind jährlich etwa 2000 hinzugekommen, und die Gesammtzahl beträgt daher mehr als 150,000. Bon Jahr zu Jahr wurden die vorhandenen Räume ungenügender, so daß ein eigenes Gebäude für die Bibliothek mit geeigneten Geschäftsund Lesezimmern ein stetS dringenderes Bedürfniß wird. Das zoologische Museum ist mit den Lokalen der Anatomie und deren Sammlungen in einem und demselben Hause so eng untergebracht, daß beide Institute nicht zur Geltung kommen können. Das jetzige chemi- fche Laboratorium ist gänzlich unbrauchbar und auch das physiologische Institut befindet sich in einem früher für ganz andere Zwecke verwendeten Raume. Der Neubau entsprechender Jnstitutsgebäude ist daher dringendes Bedürfniß, und das Vorgehen deS Ministers ist hier auf'S Freudigste begrüßt worben; man erwartet mit Sicherheit, daß nach Beseitigung dieser großen Mängel namentlich die medicinische Fakultät, welche schon jetzt eine fortwährende Frequenz zeigt, zu erfreulicher Blüthe kommen werde."
Osnabrück, 15. Mai. Wegen der in mehreren Artikeln der hiesigen „Neuen Volksblätter" und des „Kirchen- und Volköbvten" enthaltenen Behauptung, der Fürst-ReichSkanzler bezw. die Polizeibehörde, vertreten durch Hrn. Stieber, habe das „Westerwellesche Attentat" „in Scene gesetzt", um dasselbe als Manöver in den Herrenhaus - Debatten über den Schulaufsichts-Gesetzentwurf zu verwerthen, wurden beide Blätter in der Sitzung der hiesigen Strafkammer vom 12. d. deS Vergehens wider die öffentliche Ordnung und die „N. V. - Bl" daneben insbesondere der Ver- leumdung des Fürsten Bismarck für schuldig erklärt
dann verzeihen und sie wieder in Ihre Liebe und Achtung aufnehmen, wie sie cs verdient?"
„Ich will es, so wahr mir Gott helfe!" sagte er ernst.
Frau Hahn setzte sich wieder, beherrschte bcstmög- lichst ihre Aufregung und gab ihm nun eine vollständige erläuternde Darstellung über Alles, waS vorgefallen war. Als sie an die Haarlocke kam und ihm, noch immer in der dritten Person sprechend, die Mo tive erklärte, die seine Frau veranlaßt hatten, jene Locke einzuwickeln und in ihrem Schreibtische aufzu- bcwahren, rückte er ihr unwillkürlich näher, ergriff ihre Hand und drückte sie ungestüm in der (einigen, eeine Augen funkelten vor Aufregung und innigem Gefühl, und als sie zu Ende war mit ihrer Darstellung, drückte er sie stürmisch an seine Brust und schluchzte wie ein Kind, denn die Freude schien ihn beinahe aberwitzig gemacht zu haben.
„Malwine!" rief er, als sie sich ihm zu entwinden strebte, — „Malwine, Du darfst mich feinen Augenblick mehr verlasse»! Ich habe Dich wieder, mein gutes, reines, unschuldiges Weib! Möge der Himmel Dich segnen, und Dich so glücklich machen, wie Du mich in dieser Stunde gemacht! Kannst Du mir das Unrecht vergeben, welches ich Dir gethan habe?"
Sie schlang ihre Arme um ihn, lehnte ihr armes, schmerzendes Haupt an feinen Busen und bat auch ihn um Vergebung. O, eS war eine heilige, selige Stunde. — Als der erste Sturm ihrer Gefühle sich gelegt, fragte ihn Malwine, bei welchem Theile ihrer Grschjchte sic sich ihm denn verrathen habe.
„Arme Malwine," versetzte er; „wähnst Du denn, Du habest mein forschendes, wachsames Auge jemals täuschen können? Ich erkannte Dich, meine Liebe,
auf den ersten Blick, als Du, mit Helenens Empfehlungsschreiben in der Hand, auf dieses Häuschen zu kamst und zitternd auf seiner Schwelle standest I Ich kannte Dich, und schon hundert Male seitd.m war ich auf dem Punkte, Dir meine Liebe zu verrathen O mein, theureS Weib! Ich danke dem Himmel für das Mißgeschick, das unsere Herzen geläutert und unsere Liebe einander enthüllt hat!"
Und Beide hatten wahrlich allen Grund, dem Himmel dankbar zu sein; denn nur selten ereignet eS sich, daß, wenn Stolz, Eifersucht und Argwohn sich tn zwei Herzen einnisten und sie von einander trennen, eine spätere Wiedervereinigung und Versöhnung daS Unkraut ganz ausrotten kann, das unter dem verderblichen Einflüsse jener einmal hier seine Wurzel geschlagen. Häufiger erweitert und verschlimmert sich der Riß mit den Jahren, und Jedes kommt so weit, daS Andere für den Urheber zu halten, und daraus entsteht eine vollständige Vereinzelung, welche so entsetzlich anzusehen ist. Derartige Beispiele hat die sogenannte gute Gesellschaft gar viele aufzuweisen, und wenn nur in jedem einzelnen Falle die erste Schuld auf ihren Ursprung zurückgeführt werden könnte, so würde die Aussöhnung leichter fein, und die Ursache sich kaum als eine erheblichere ergeben, wie die in unserer Erzählung angeführte —
Tante Eller ward vor Schreck beinahe zur Salz- säule, als sie bei ihrer Rückkehr die schüchterne und demüthige „Frau Hahn" scheinbar ganz zufrieden und vertraut in ihres Neffen Armen erblickte. Doctor Hermes versuchte keine Erläuterung in Worten, sondern nahm Malwinen nur die Haube und die falsche Haartour ab, und als nun MalwinenS dunkles Haar aus ihre Schultern herabfiel, konnte die Tante unmöglich die Aehniichkeit des seitherigen Kindsmädchens mit