Ur. 112 Marburg, Mittwoch, den 15. Mai. 1872.
Oberhessische Zeitung.
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' Deutsches Mich.
•* Berlin, 13. Mai. Das in den letzten Tagen ungünstige Befinden des Reichskanzlers soll sich wesentlich gebessert haben, so daß der Termin zum Antritt seines längeren Urlaubs verschoben ist; die beabsichtigte Pfingstreise nach Varzin jedoch dürfte erfolgen. Die Nachricht aber, daß der Fürst das Seebad Ohm bei Danzig besuchen wird, ist jedenfalls höchst voreilig. — Die „Nordd. Allg. Zig." enthält in ihrer heutigen Abcndnummer eine offizielle Notiz, nach welcher Dr. Falk in Sagan eine Conferenz zuu, Zweck der Revision und Kritik des Seminar- und Volks- schulwesens abhalten wird. Diese Notiz enthält zugleich die Miltheilung, daß Geh. Rath Stiehl, bevor diese Conferenz in sichere Aussicht genommen war, aus Gesundheitsrücksichten und um nicht der neuen Entwickelung hinderlich zu sein, seine Entlassung aus dem Staatsdienst erbeten hatte, daß diese aber nicht bewilligt worden ist. Der Geh. Rath Stiehl hat es demnach für seine Pflicht gehalten, sich der Aufgabe nicht zu entziehen, auf der Conferenz seine Ansichten zu vertreten. Es ist wohl natürlich, daß an diesen Brrathungen ein Beamter Theil nimmt, der bisher die Grundsätze über Schul- und Seminarwesen mit so »nerkennenswerther Energie vertreten hat. Die Revi sion dieser Materie wird jedenfalls zu dem Ergebniß führen, daß sich genau fcststelleii läßt, waS von dem Alten zu brauchen ist, aber ebenso auch, daß viele Punkte, welche die Presse als Forderung der Jetztzeit hinstellt, unausführbar sind. — Die Hvhenlohe'schc Affaire beginnt auch in der europäischen Presse Erör terungen herbeizuführen, welche aber alle mit richtigem Urtheil die Tragweite dieser Frage würdigen. Es sei hierbei bemerkt, daß die Beschuldigung der „Germania", der Borschlag des Reichskanzlers sei von der officiösen Presse von Hause aus als ein Schachzug bezeichnet worden, eine durchaus falsche ist; es ist niemals von der osficiösen Presse dergleichen gesagt worden und nur den Worten Ausdruck verliehen, die die „Pro».« Cvrrsp." in einem längeren Artikel erläutert hat. — Tie letzte Sitzung des preußischen SlaatSministeriumS Hst sich wesentlich mit der Frage der Bertheilung der triegSkontributon beschäftigt. Wie man hört, hat sich der Präsident der Staatskasse dahin ausgesprochen,
Eine Erzählung aus dem Leben von G. F.
(Fortsetzung.)
„Frau Eller hat Besuch und kann nicht abkorn- etn," sagte er; „vielleicht können Sie mir Ihr Anliegen mittheilen!"
Sie übergab ihm dm Brief wortlos, und als er sich zum Lichte wandte, um denselben zu lesen, wagte sie ihr Auge forschend auf ihn zu richten, und be. werkte, daß die Leidm der jüngst vergangenen Monate auf seinem Gesichte eben so starke Spuren von Gram und Verkümmerung zurnckgklassen hatten, als auf dem ihrigen.
I. „Es thut mir leid, Ihnen sagen zu müfien, daß Frau Eller bereits eine andere Person als Gouvernante engagirt hat," sagte Doktor Hermes, als erden Brief zu Ende gelesen; — „da aber mein Kind noch sehr angegriffen ift,. dürsten wir inzwischen noch eine weitere Wärterin für dasselbe brauchen, und wenn Sie daher geneigt sein sollten, einstweilen-aushülfs- weise als Kindermädchen bei uns in Dienst zu treten, fo will ich mit Frau Eller darüber reden. Falls Sie also Lust haben, belieben Sie morgen, — etwa um zwei Uhr Nachmittags — wieder hier vorzu- , sprechen!"
Malwine stand vom Stuhle auf, verbeugte sich stumm und wankte förmlich zur Thüre. Karl sprang herbei, um dieselbe zu öffnen, — ihre Blicke begegneten sich. Sie ward beinahe ohnmächtig und alles Blut stieg ihr in» Gesicht, so fest und forschend war der Blick, den er auf sie heftete. Besonders musterte ft ihr Haar, und seine Zuge nahmen dann wieder denselben traurigen, verdüsterten Ausdruck an, wie zuvor. Al« sie in'S Freie trat, wollte ihr Herz fast
daß specifisch preußischen Ansichten mit Rücksicht aus die höhere nationale Aufgabe letzterer weichen müßten, welche Auffaffung denn auch acccptirt wurde. Diese Haltung der preußischen Regierung hat im Schooßc des BundeSrathes einen günstigen Eindruck gemacht und eS steht eine Verständigung mit den süddeutschen Wünschen in Erwartung. — Dem BundcSraihe sind folgende Gesetzenwürfe vorgelegt worden: 1) Entwurf eines Gesetzes, betr. die dem ReichöhandelSgericht gegen Rechtsanwälte, Advokaten zustehenden DiSciplinarbc- sugnisse, 2) Entwurf eines Gesetzes für Elsaß - Lothringen, betr. das Verfahren bei Zuwiderhandlung gegen die Zollgefetze und die Gesetze über indirekte Steuern, welcher Entwurf wesentlich der preußischen Gesetzgebung zu Grunde liegt; 3) Antrag Preußen«, die Vereinfachung der Zollverwaltungskosten, Liquida tion, die Erhöhung der Pauschsuminenvergütung und die Gewährung einer Vergütung für die von der Zoll- vcreinsregierung bestrittenen mit der Zollverwaltung an den Grenzen verbundenen Ausgabe; 4) Entwurf eines Gesetzes, den Landeshaushallsetat für Elfaß- Lothringen auf das Jahr 1872 betr. Die Ausgabe beträgt 37,701,914 Frs. Die Einnahme beträgt dieselbe Summe. Von den Ausgaben sind 33,668,983 Frs. fortlaufende und 4,032,941 Frs. einmalige.
Berlin, 13. Mai. Die „Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht den Wortlaut des Schreibens des Geschäftsträgers Dcrenthal an den Cardinal Antonelli vom 1. Mai und die ablehnende Antwort Antonelli's vom 2. Mai. Das Blatt leitet die Schreiben ein: Der Geschäftsträger Dercnlhal hatte untern 25. April auf Anweisung den Cardinalstaatssecretär vertraulich benachrichtigt, daß der Kaiser den Cardinal Hohenlohe zum Botschafter beim römischen Stuhle zu ernennen geruht habe, sowie, daß Cardinal Hohenlohe demnächst nach Rom kommen werde, um sich persönlich zu vergewissern, baß seine Ernennung dem Papst genehm sei und um im günstigen Falle das mitgebrachte BeglaubigungS schreiben zu überreichen. Die Tage vom 25. April bis Anfang Mai vergingen ohne Rückäußerungen der Curie. Am 1. Mai erhielt der Geschäftsträger Befehl, amtlich anzufragen. Er ersuchte am nämlichen Tag den Cardinal staatSsecrelär ihm nach Einholung der päpstlichen Bc fehle zu notificiren, ob des Kaisers Wahl Seiner- Heiligkeit genehm sei. Hierauf antwortete Antonelli am 2. Mai. Er entschuldigte zunächst sein Stillschwei gen mit der Erwartung deö angekündigten Eintreffens des ernannten Botschafters; nach dem zweiten Schreiben habe er sich angelegen sein lassen, die Befehle veS Papstes einzuholen und eröffnet erhalten, daß vor Freude zerspringen, daß sie nicht erkannt worden sei. — Am andern Tag fand sie sich zur bezeichneten Stunde pünktlich ein und ward von Frau Eller in Dienst genommen.
7.
Der Herbst war nahezu vorüber. Es war noch einer seiner letzten schönen Tage, wo die Sonne wie mit sommerlicher Gluth auf die bunte Blätterpracht der Bäume herabschien, und die milden, vom letzten herbstlichen Blumenflor mit Duft geschwängerten Lüfte durch das Fenster spielten, an welchem Anna Hahn, die vermummte Malwine, mit der schlummernden Helene auf dem Schooße saß und gedankenvoll in die schöne, ländliche Gegend hinaus blickte. Das holde, kleine Mädchen hatten — schwächlich wie eS war — lange mit den Folgen jenes frevelhaften Leichtsinns seiner früheren Wärterin zu kämpfen gehabt und erst neuerdings wieder einen Rückfall gehabt. Gerade während dieses hatte Frau Eller und der Doktor, welcher seit der Heimkehr von der Reise auf dem Gute geblieben war, oft Gelegenheit gehabt, die namenlose Sorgfalt und Hingebung zu bewundern, womit die sogenannte Frau Hahn das schwächliche Kind pflegte. Die Heine Helene war auch so anhänglich geworden an ihre Pflegerin, daß sie sich niemals von derselben trennen wollte, so lange sie wachte, und daß Niemand als Frau Hahn sie in den Schlaf lullen konnte. Frau Eller äußerte oft ihre Ansicht dahin, das Kind würde sich von seinem Siechlhum niemals wieder erholt haben, ohne die so sorgsame, verständige Pflege der neugewonnenen Wärterin. Die übrigen Hausgenossen theilten diese Ansicht; nur Doktor Hermes äußerte Nichts, und schien von der neuen HauSgenossin so wenig als möglich Notiz zu nehmen Diese wirkte
Seine Heiligkeit, obwohl nicht unempfindlich für die Absicht Seiner Kaiserlichen Majestät, besten ungeachtet in der unangenehmen Lage sei, einen Cardinal der heiligen römischen Kirche, zumal bei den gegenwärtigen Umständen des heiligen Stuhles, nicht auloristren zu können zur Annahme eines so delikaten und wichtigen Amtes.
Der Reichstag begann und beschloß heute die 2. Bera- lhung des Brausteuergesetzes, nachdem die für die Vorbera- thung des Entwurfes gewählte Kommission acht Sitzungen abgehalle,r hat. Es gibt dreierlei Arten für die Erhebung der Brausieuer, nämlich vom Raum (Kessel), wie in den Südstaaten und dem Großher- zvgthum Hessen, oder vom Material, letztere Form war bisher, bei mancher Verschiedenheit im Einzelnen, in den meisten Staaten der Steuergemeinschaft gültig; ein drittes System, das unseres Wissens noch nirgends eingeführt ist, wäre bie Fabrikatsteuer, d. h. die Besteuerung des fertigen Fabrikates. Der von der Regierung vorgelegte Entwurf hat die Tendenz, in sämmtlichen Staaten deS deutschen Reiches, mit Ausnahme von Baiern, Würtemberg, Baden und dem Reichsland, eine einheitliche Brausteuer herbeizuführen, und zwar ausschließlich nach dem Prinzip der Materialsteuer. Dabei sollen auch die bisher unberücksich- ügt^ gelassenen sogenannten Surrogate (Reis, Stärke, Stärkemehl, Slärkegummi, Zucker aller Art, fest und getöft, Syrup), die nebenbei bemerkt in Baiern verboten sind, nach ihrem Brauwerth zur Besteuerung herangezogen werden. Die Kommission hat mit der Vorlage mehrfache Abänderungen vorgenommen, die wir, da wir unseren Lesern seiner Zeit die Regierungsvorlage vollständig mitgetheit haben, nachfolgend in Kürze zusammenfassen können. Im ersten Abschnitt der Vorlage, welcher die Bestimmungen über das Princip der Besteuerung, die Art, Höhe und Modalitäten derselben enthält, gingen die Ansichten bezüglich des Branwerthe« der Surrogate auseinander; die Mehrheit entschied sich für eine Herabsetzung der im Entwürfe für die Zuckerarten v'orgefchlagenen Sätze von l2/3 Thlr. auf 1 (3 Thlr., beziehungsweise von IV3 Thlr. auf 1 Thlr. Bezüglich des zweiten Hauptabschnittes, nämlich der sichernden Formen der Steuererhebung, wurden einige Milderungen zur Betried«- erleichterung für zulässig erachtet. Die Slrasbestim- mungen aber, im dritten Hauptabschnitt, sind einer nahezu gänzlichen Umarbeitung unterworfen worden; der enge Anschluß an da« Zollstrafgesetz sowohl in formeller wie in materieller Hinsicht wurde beseitigt. Zwischen dem Erlaß dieses letzteren und jetzt liegt still und ruhig im Hause, ließ sich mit Niemanden in,irgend welche Vertraulichkeit ein, und hatte sich während voller zwei Monate so demüthig und bescheiden benommen, daß keiner der übrigen Hausgenossen ihr abhold sein konnte. Nur der kleine Heinrich schien die Frau Hahn nicht leiden zu können, obwohl sie Alles aufbot, seine Zuneigung zu gewinnen. Sie lockte ihn oft schmeichelnd zu sich heran, allein er wich ihr entweder schüchtern aus, oder floh vor ihr bi« in’« fernste Eck, wo et, wenn et ihr nicht mehr länget ausweichen konnte, mißtrauisch und mit gerunzelter Stirn unter seinen langen Wimpern zu ihr aufblickte und tu seiner stolzen, unabhängigen, schelmischen Weise mit ihr schmollte
Der freundliche Nachmittag hatte Madame Eller veranlaßt, mit Heinrich aufs Land zu fahren, und Anna Hahn wat daher mit der kleinen Helene allein zu Hause oder glaubte wenigstens allein zu fein. So saß sie denn, wie gesagt, mit der Kleinen auf dem Schooße am Fenster und dankte Gott für die hohe Gnade, die er ihr erwiesen, indem et ihr verstauet, wieder um ihre Kinder zu sein, und ihr das gefährdete Leben ihres Töchterchens zu erhalten. Sie sah ein, daß die Vorsehung sie wunderbare Wege geführt hatte, um sie von Grund aus zu bessern. Sie war hier ganz auf sich selbst angewiesen, denn Madame Eller, die sie zuvor niemals gesehen, konnte sie nicht wieder erkennen, und der Doktor schien ebenfalls kei- nen Argwohn zu hegen, denn er kümmerte sich gar nicht um sie; sie sah ihn überhaupt nur zwei bis drei Ma. im Tage, weil sie nicht mit der Herrschaft am Tische, sondern im Vorzimmer mit den Domestiken fpeiete Da wandte sich denn ihr Hetz und Gemüth um so ungeteilter zu ihrem Kinde und dc» frommen