Mr. 110
Marburg, Sonntag, den 12 Mai.
1872
Oierhessische Zeitung
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Pslitische Woche»-Ueb erficht.
Die Zurückweisung des Kardinals Hohenlohe als Botschaster Deutschlands beim heil. Stuhl seitens de- Papste» hat sich seit unserem letzten Wochenbericht amtlich bestätigt. — Die Fractionen und die Petitions- Kommission deS Reichstages haben sich in den letzten Tagen lebhast mit den Petitionen für und gegen den Zesuiten-Orden innerhalb der Gebietsgränzen des deut' schen Reiches beschäftigt. Die Petitions Kommission nahm von drei aus ihrer Mitte gestellten Anträgen tat bereits bekannt gewordenen Antrag des Abg. Gneist an. — Auf Anrathen der Acrzte wird Fürst Bismarck einen mehrmonatlichen Urlaub nehmen. — Am 3. Mai starb der Abgeordnete und Staatsminister a. D. Graf Max von Schwerin Putzar.
Der Kaiser von Oesterreich befindet sich seit dem 4. Mai auf einer Rundreise durch die ungarische Tiefebene, welche durch Ueberschwemmungen stark gelitten hat. — Zn den Bischofs Konferenzen, welche in Wien unter dem Vorsitze des Kardinals Rauscher in den ersten Maitagen gehalten wurden, hat eine Annäherung zwischen Regierung und EpiScopat stattgefunden; Rauscher's Ansichten waren maßgebend. Die Beschlüsse werden in Form einer Eingabe an das Ministerium gelangen. — Der ReichSrath hielt nach längerer Unterbrechung am 7. Mai wieder seine erste Sitzung. Der Schwerpunkt dieser Session wird namentlich in der Berathung der Versasiungsfrage liegen, zunächst im Ausgleiche mit Galizien, während die Frage wegen der direkten Wahlen auf den Herbst verschoben worden ist.
Das Ereigniß der Woche in Frankreich ist die Rede, welche der Chef der Fusionspartei, der Herzog d'Audiffret-PaSquier in der Sitzung der Nationalversammlung vom 4. Mai gehalten hat. Bekanntlich be richtete er über die Ankäufe von Kriegsmaterial rc. »ährend deS letzten Krieges und erging sich dabei im schärfsten Tadel gegen die Regierung deS Kaiserreichs, insbesondere gegen das Kabinet Palikao. — Das .Journal officiel" veröffentlicht jetzt die Gutachten der Kapilulationskommission, die fast alle einander auf's
Haar gleichen d. h. fast ebenso viele VerdammungSur- theile als Worte enthalten. — Der Marschall Bazaine wird am I.Juni ebenfalls vor dem Kriegsrath erscheinen.
Statt des zeitraubenden schriftlichen Verührs zwischen England und Amerika in Betreff der Alabamafrage haben die beiden Staaten feit kurzem begonnen ihre Meinungen auf telegraphischem Wege auozulauschen. Der Verlauf der Angelegenheit auf diesem neuen Wege war in Kürze zusammengefaßt folgender: Auf Weisung der amerikanischen Regierung halte der Gesandte Schenck dem Earl Granville mit- geiheilt, daß, wenn England sich gegen daS Princip der indirekten Schadenansprüche entscheide, Amerika einer solchen Emschcidung beipflichten wolle, daß aber die in Genf eingereichte amerikanische Prozeßschrift, obwohl durch dieses Uebereinkommen unwirksam gemacht, unverändert bleiben müsse. Lord Granville antwortete hiemuf, daß er dem vorgeschlagencn Neu- tralitätsprincip zustimme; doch müsse es auf Forde rungen beschränkt werden, die in ähnlicher Weise und unter ähnlichen Umständen entstehen würden, wie die im Washingtoner Vertrage behandelten. Auch verlangte er, daß Amerika auö seiner Klageschrift die indirekten Forderungen zurückziehe, indem England darauf be- stehen müsse, daß dieselben außerhalb des Vertrages ständen. Auf dieses letztere Verlangen der förmlichen Zurückziehung glaubte die amerikanische Regierung jedoch nicht eingehen zu können, und hier ist die neue Schwierigkeit, welche umgangen werden muß. Lord Russell hat seinen Antrag gegen die indirekten Forderungen auf Ersuchen des Ministers des Auswärtigen auf die nächste Woche vertagt; die Beschlußfassung über denselben wird ein Markstein in den beiderseitigen Verhandlungen sein.
Der carlistische Aufstand in Spanien scheint völlig niedergeschlagen zu sein. Am 2. Mai überschritt Don Carlos die französisch-spanische Grenze und zog in das navarresische Dorf Vera ein, wo ihn die Geistlichkeit und der carlistische Oberbefehlshaber unter Gleckengeläute empfingen. Am 4. erfuhr er bei Uru quieta eine Niederlage von Seiten des Generals Mo riones. Die carlistische Hauptarmec unter Aguirre und Carasa wurde in dem Treffen geschlagen; dem Prätendenten selbst gelang eö, über die Grenze nach Frankreich zu entkommen.
Die portugiesischen Cortes sind am 4. d. geschlossen worden.
In Rußla nd ist an Stelle des Generals Zelenoi der StaatSsecretär Walujew zum Minister der Do-' mänen und der römisch-katholische Bischof Fialkowski zum Erzbischof von Mohilew und Metropolitan der katholischen Kirche in Rußland ernannt worden. — In Charkow (Ukraine) kam es am 1. Mai Nachts zu einem nicht unbedeutenden Krawall, der, da Feuerspritzen nichts fruchteten, mit Gewehrsalven gedämpft werden mußte.
Der Fürst von Rumänien hat zwei der vom Schwurgerichte zu Buzeu verurtheilten Israeliten, dm Rabbiner BrandeS und den Kaufmann Goldschläger außer Verfolgung gesetzt, den drei anderen von den drei Zähren Gesänguiß, zu denen sie verurtheilt wurden, ein Jahr geschenkt.
In Serbien spukt noch immer die Frage, ob die Türken die kleine Festung Zwornik räumen werden oder nicht. Dieselbe hat gar keine poliiischc Bedeutung, und wenn gesagt wird, Fürst Bismarck habe sich ausdrücklich zu Gunsten der serbischen Forderung ausgesgrochen, so ist da« völlig erlogen, wie ber beut= fche „Reichs-Anzeiger" zu erklären ermächtigt wurde.
Deutsches «eich.
»» 9$erIhi,d10. Mai. Der „Karlsbader Sprudel" erzählte jüngst von einer für den Sommer projectirten Monarchen Zusammenkunft, und ist diese Nachricht in die meisten Blätter übergegangen. Der „Karlsbader Sprudel" pflegt gemeinhin beim Begiim der Saison mit dergleichen Neuigkeiten zu debutirm, die sich nachher jedesmal als ganz gewöhnliche „Enten" auS- weisen. Auch diesmal dürfte feine Nachricht unter diese SpecieS zu rangiren sein. — Ein bekannter Correspondent der „Weser-Ztg" begleitet die Deco- rirung deS Geheimenraths Krätzig mit dem Kronenorden 3 Klasse mit allerhand politischen Glossen; dieselbe documeutire den Einfluß, welchen die katholische Partei noch immer bei Hofe besitze rc. Unglücklicherweise ist Herrn- Krätzig "der Kronenordm mit dem rcthen Kreuze auf weißem Grunde und am Erinnerungsbande verliehen worden, und cS ist also nur ein Zeichen der Anerkennung für die seitens desselben während des Krieges entfaltete aufopfernde und erfolgreiche Thätigkeit. Dr Krätzig war bekanntlich Mitglied deS Central Comites der deutschen Pflegevereine. Die Deduciionen des scharfsichtigen Correspoudenten töseu sich daher in Nichts auf. — Von allen Seiten
Täuschuugcn.
tine Erzählung aus dem Hieben von ®. F. (Fortsetzung.)
Hier lebte sie nun, abgesperrt von allen Menschen, außer einem würdigen Seelsorger, welchen sie schon bald nach deS VaterS Tode hatte zu sich entbietm taffen, ein Leben bitterer Reue und tieffter Entsagung Aller Heuchelei abhold, wie es ihr stolzer thalkräftiger Charakter mit sich brachte, wollte sie auch nicht einmal den Schein einer solchen sich aufbürdeu, unv setzte deshalb niemals einen Fuß auS dem Hause. Frau Braun vermittelte allen Verkehr mit der Welt. Mal »ine ober bereute und stehle unter Thränen den Himmel um Befferung an; mit der Reue und der Einsicht in ihre Fehler und Jrrthümer lebte aber all- mählig auch wieher das Vertrauen auf die Vorsehung und die Hoffnung in ihr auf, wieder mit ihrem Gatten und ihren Kindern vereinigt zu werden. Sie versagte sich sogar den Anblick der Kleinen, welche der Doctor ihr zu wiederholten Malen zu senden versucht hatte, in so lange, al« die Vorsehung sie nicht für würdig erachten würde, auch dem Galten wieder vor die Augen zu treten. Sie fürchtete vor Allem die Frage aus dem Munde ihres Söhnchen«: warum fie von Papa weggegangen fei? Was hätte sie dem Unbefangenen Kinde auf eine solche Frage antworten »ollen? — Doch erhielt sie immer genaue Berichte über der Knidcr Befinden durch Fran Brann, welche mit einer der Wartefrauen in Verkehr zu inten ge »ußt hatte. Der fernen Mutter Gebet für das Wohl ihrer Kleinen schien der Kinder bester Schutzengel iU sein. 1
So kam der Sommer und ging zum größten Eheste. Die Kinder waren mit ber Großtante Eller i» Waldstein, ber Doctor noch immer auf Reisen gleichwohl erhielt Frau Braun allwöchentlich einmal kitten Brief von dort durch die stets reich beschenkte
Wartefrau, und jene pflegte die Briefe immer unxr- brochen an Malwine abzuliefern. Da kam eines Morgens im August auch ein Brief, dessen Inhalt wie gewöhnlich von dem gierigen Mutterauge rasch verschlungen ward. Aber diesmal machte er einen ganz anderen Eindruck. Malwine hatte ihn kaum gelesen, so sprang sie entsetzt auf und etwas von dem wilden Feuer früherer Tage flammte aus ihrem Auge; mit gerungenen Händen und unter lautem Schluchzen wankte sie im Zimmer auf und nieder, keines Wortes mächtig. Frau Braun nahm den Brief vom Boden auf und la«: „Am Sonntag, Nachts, wo wir Kirchweihe im Dorfe hatten, ist die kleine Helene von hef tigtn Krämpfen befallen worden. Babette, das Kindermädchen, war nicht da; sie war, wie sich nachher herauSstcllte, mit ihrem Liebhaber zum Tanze gegangen. Ich weckte Frau Eller und diese schickte die Köchin sogleich zum Arzt. Dieser kam und sprach sogleich beim Untersuchen der Kleinen die Vermuthung aus, daS Kind habe einen starken Schlaftrunk erhalten; und siehe da! als man am Morgen bei der Heimkehr der lcichtfirtigen Babette scharf zusetzte, gestand sie dem Doktor, daß sie dem armen Helenchen, das immer sehr unruhig schläft, heimlich einen starken Absud von Mohnköpfen vor Schlafengehen gegeben, damit das Kind fortschlafen und sie zum Tanz gehen könne. Mit Gottes Hülfe wurde die liebe Kleine gerettet, aber sie lag drei Tage sehr schwach und immer bewußtlos im BeNchen, und ist noch immer sehr unruhig. Die schlechte Person aber wurde sogleich fortgejagt.“
Mala ine war in einen Stuhl gesunken und rief in trostlosem Jammer und mit gen Himmel gerichteten gefalteten Händen: „Mein Kind, mein armes Kind! .... Meine kleine süße Helene beinahe vergiftet! — O barmherziger Vater im Himmel! habe Mitleid mit mir und führe mich wieder zu den Äleinen!“
Auf einmal sprang sie auf — ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf, wie eine Antwort de« Himmels aus ihr Gebet, denn ein brünstiges Gebet erzielt oft mehr, als die Leute dieser Welt ahnen mögen! Malwine eilte auf ihr Zimmer unv kleidete sich schnell jn ihre gröbsten und unscheinbarsten Kleider, eine alte Thibetrobe und einen schweren groben schwarzen Shawl und unscheinbaren Hut. Dann vertraute sie der Wirihschasteri», auf deren erprobte Treue und Verschwiegenheit sie bauen konnte, den Plan an, den ihr der Himmel etngtgeben, um wieder in die Nähe ihrer Kinder" zu gelangen, und verließ hastig das Haus. Mil raschen Schritten wanderte sie der Stadt zu, bi« sie eine der Vorstädte erreichte, wo sie sich nach einem Friseur umsah. Als sie einen solchen gefunden, trat sie in dessen ärmliche» Lade» und theiite der Frau, der sie ein schweres Goldstück in die Hand drückte, ihren Wunsch mit, sich mittelst einer falschen Haartour unkenntlich zu machen Tie Frau versprach ihre Mitwirkung, und im Hinterstübchen deS Lavens fielen bald ihre prächtigen reichen schwarzen Flechten unter der Schcere, so weit cs nöthig war, um durch Zurückbinden be« übrigen Haares dieses unter dem falschen Scheitel und ber übrigen Haartour von hellerer Farbe verstecken zu können. Dann mußte bie Frau ihr diese anlegen und als sie Malwinen noch überdies eine einfache Morgenbaube von dichtem weißem Stoff aufsetzte, hielt sich diese für ganz unkenntlich. Die Frau mußte ihr in eimm benachbarten Putzlaben noch ein Dutzend ähnlicher Hauben kaufen, unv Malwine verließ bann die Frau reich beschenkt und den kleinen Laden.
Ihr einziger Zweck, sich unkenntlich zu machen, war durch bie hellbraune Haartour erreicht. Aber noch fehlte ihr etwas weiteres Wesentlches zur Erreichung ihres Zweckes. Sie wußte, daß sie unmöglich ohne Zeugnisse ober Empfehlungen im Hause des DoctorS