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Mr. 107. JTlarfiurg, Mittwoch, den 8 Mai. 1872.
Oterhessische Zeitung.
Erscheint tätlich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für daS Quartal der Obrrhesfische» Zeitung mit Kreitblatt durch di« Expedition (Äoch'sch, Buchdruckerei) bezogen 22; ®gr., durch die Postämter 27 Ggr. rt Psg. (excl. Bestellgebühr und ind- Stempelsteuer), für das Ausland exd- Stempel 22 fegt.— Jnlertionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
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*" Deutsches «eich.
/X Berlin, 6. Mai. Die Reichstags-Verhandlungen vom 1. d. M. sind in mehrfacher Beziehung von besonderem Interesse. Es handelte sich bekanntlich um die Salzsteuer, die, wie der Abg. v.'Hoverbeck wollte, vom 1. Januar 1873 an mit der Hälfte des bisherigen Betrages erhoben werten, und wie die Adgg. Stumm und v. Webell (Malchow) beantragten, vom 1. Januar 1874 ab vollständig aufgehoben werden sollte und zwar unter Deckung des dadurch herbeigeführten Ausfalls durch Beschaffung entsprechender Mehrbeträge der Tabaköbesteuerung u. s. w. Dieser letztgedachte Antrag erscheint als der allein rationelle. Einmal waren die betreffenden Fraktionen des Reichstages der durchaus correclen Ansicht, daß mit dem Erlaffe der Hälfte der gedachten Steuer wie mit jeder halben Maßregel der Zweck, die Steuererleich terung der ärmeren Klaffen, in keiner Weise erreicht werden würde. Von derselben Seite erkannte man die Ausführungen des Fürsten Reichskanzlers und des Präsidenten de» Bundeskanzleramtes als durchaus be rechtigt an, wonach eS als Streben der Reichsregierung zu gelten habe, den Reichshaushalt unabhängig von dem Haushalte der Einzelstaaten zu machen. Die Consequenz dieses finanziell wie politisch durchaus als zutreffend anzuerkennenden Piinzips schließe aber in sich einmal die Rothwendigkeit, die bereits vorhandenen eigenen Reichseiünahmen, mithin z. B. die auS der Salzsteuer nur dann — dann aber auch als eine nicht etwa halbe Maßregel — aufzu heben, wenn eine Compenfation durch Erhöhung an derer bereit« bestehender oder durch Auflage neuer entsprechender Steuern staltfindcn würde. Daß eine solche Compensation aber nicht durch Erhöhung der Matrikularbeiträge als eine rationelle betrachtet werden kann, ergibt sich schon aus der einfachen, aus der ihatsächlichen Lage geschöpften Betrachtung, daß ein Hinaufschrauben der Matrikularbeiträge die finanziell am ungünstigsten gestellten Einzelstaaten zwingm würde, die schon hinlänglich drückend bei ihnen empfundenen direkten Steuern noch drückender zu machen. Wenn der Reichskanzler bei der gedachten Diskussion das
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Sine Erzählung aus dem Leben von ®. F. (Fortsetzung.)
Zu näherem Vetständniß dieser Worte möge bienen, daß ber Doctor am Morgen dieses Tages allerdings <ine Unterredung mit dem Affeffor gehabt hatte, als dstser ihn um die Erlaubniß gebeten, seine Frau am Abend abhvlen zu dürfen. Der Doctor hatte ihm allerdings erwidert, daß er Nichts dagegen einzuwenden habe, sondern eS dem Willen und Schicklich- keitSgefühl seiner Frau überlassen müsse, ob sie ohne ihn, ihren Gatten, jene Gesellschaft besuche. Allein er hatte noch ausdrücklich und mit drohendem Ernste hinzugesetzt: „Wenn meine Frau heute Abend mit Ihnen zu gehen einwilligt, so soll sie mein Haus nicht mehr betreten!"--
Tie Abendgesellschaft war vorüber Malwine hatte alle Rollen, welche ihr zugetheilt worden waren, mit ungemeiner Vollendung durchgeführt Namentlich hatte die ganze Zuschauermenge sie als Corinna mit athem- loier Bewunderung angeftaunt, und überrascht eine solche Tiefe des Ausdrucks bei ihr beobachtet, wo man stüher nur ein Ebenmaß schöner Züge und einen tadellosen Teint und Wuchs bemerkt hatte. Bewundernde» Flüstern und schnzrichelhastes Lob folgte ihr allenthalben nach Beendigung der Vorstellungen; allein sie regten kein wohlgefälliges Selbstgefühl in Mal wineir an, sondern gaben ihr eher Stiche in's Herz; sie sehnte sich darnach, ihrem Galten unter die Augen t» treten, und war froh, als man ihr anzeigte, daß ihr Wagen warte.
Der Affeffor Grahm begleitete sie wieder nach Hause. Er schien sehr aufgeregt, und überströmte von ^etheuerungen seiner Verwunderung. Sie dagegen antwortete ihm kurz und einsilbig, denn der Gedanke an ihren Gatten beschäftigte sie so sehr, daß sie fest
emphatische Eintreten der extremen Parteien für die „Nahrung des armen Mannes" als eine „politische Heuchelei" charakterisirte, so mußte die „sittliche Entrüstung," die solcher Bezeichnung gegenüber die Extremen zu betonen beliebten, bei allen Unbefangenen um so lächerlicher erscheinen, als Fürst Bismarck ganz offen sich dieser Art von Heuchelei hin und wieder selbst für schuldig erklärte. Es bezog sich die gedachte Aeußerung ganz einfach auf die hundertfältig in Parlamenten und in der Presse beobachtete Thatsache, daß man, um einem Antrag oder einer Behauptung besseren Eingang zu verschaffen, die dafür resp. dagegen (wenn es die Gegenpartei betrifft) sprechenden Stellen die zuweilen nur scheinbaren Gründe oft in maßloser, zuweilen aber auch in weniger starker Farbenaustragung übertreibt. In der Sprache der Rechtsanwälte, insbesondere der Vertheidiger nennt man das eine lieber treibung ad colosandam causam. — Die Stadt Düsseldorf, die bisher mit den benachbarten Landgemeinden einen einzigen Kreis bildete, ist jetzt in zwei Kreise, die Stadt- und die Landgemeinde, getheilt.
•• Berlin, 6. Mai. Die Ablehnung dcs Pap- stes, den Kardinal Hohenlohe als deutschen Gesandten in Rom zu empfangen, hat das Sachverhältniß dieser Angelegenheit, welches durch die katholischen Blätter in's Unklare gestellt worden war, in das richtige Licht gestellt; denn eS wird dadurch deutlich gezeigt, daß von einem Einlenken der Reichsregierung' in ihren Maßnahmen gegen die Hierarchie keine Rede sein kau», der Papst Hal ein solches Einlenken in der Wahl des Kardinals nicht erkannt, man wird also auch in ultra- montanen Kreisen dieses Einlenken nun verneinen müssen. UebrigenS ist durch diese Ablehiiiing der Reichsregierung freie Hand gebeten nickt nur in der Gestaltung der diplomatischen Verhältnisse Deutschlands zu Rom, sondern auch in dem allgemeinen Verhäli- nisse deS Vatikans zum deutschen Reich. Man sagt übrigens, daß der Beschluß des'Papstes nicht ohne Kampf erfolgt ist; es fallen die jesuitischen Elemente in Rom alle Anstrengungen gemacht haben, um die gefährliche Candidalur deS Kardinals Hohenlohe zu beseitigen, indem man diesen als Sendling der anti- christlichen und antikatholischen Politik Deutschlands geschildert.
Se. Maj. der Kaiser hat in einem Allerhöchsten Handschreiben an den König!. Stadtgerichts - Assessor Korn in KeMpten (Baiern) für die ihm aus genannter Stadt zu feinem Geburtstag zugekommenen Glück-
entschloffen war, noch an diesem Abend zu ihm zu eilen, um ihren Fehler reumüthig zu bekennen und eine Verständigung und Versöhnung anzustreben. Von diesem Gedanken ganz eingenommen, hatte sie die Richtung gar nicht bemerkt, welche der Wagen genommen hatte. Endlich hielt dieser, und Friedrich, der Kutscher des Doctors, öffnete den Schlag und fragte Herrn Grahm, ob er die Klingel ziehen solle?
Malwine blickte hinaus und sah, daß sie vor dem Hause ihres Vaters war. „Was soll daS heißen?" fragte sie barsch; „führt mich vor meine eigene Wohnung ! Was fällt Euch ein, Friedrich?"
»Ich thue nur, was mein Herr mich geheißen, yiaoame," war deS Dieners barsche Antwort. „Er hat mir den gemessensten Befehl gegeben, Sie hier abzusetzen!"
Der Ton in welchem der Kutscher zu ihr geredet, erfüllte Malwine mit Entrüstung; sie beherrschte aber ihren Zorn und erwiderte würdevoll: „Ihr wißt, Friedrich, daß mein Vater verreist und Niemand zu Hause ist, als feine alte Wirthschaftertn. Ich bin überzeugt, daß hier ein Mißverständlich obwaltet. Fahret also unverweilt nach Hause, und wenn Euer Herr alsdann noch auf seiner Weisung besteht, will ich mich darein ergeben!"
„Ich dalf's nicht wagen, Madame," sagte der Kutscher verlegen; „der Herr Doctor hat mir ausdrücklich gejagt, es koste mich meinen Dienst, wenn ich ihm nicht ausdrücklich gehorche!"
Malwine sank in den Wagen zurück und rief: „Barmherziger Golt! was soll aus mir werden! Mein Herz bricht vor Scham und Schmerz!"
Der Assessor beugte sick zu ihr hinüber und flüsterte ihr einige Worte in's Ohr. Sie aber sprang auf, als ob sie auf eine Schlange getreten wäre, eilte die Haustreppe hinauf und zog stürmisch an ber Klingel.
wünsche gedankt. — Kardinal Fürst Hohenlohe ist heute Mittag in längerer Audienz vom Kaiser empfangen worden. — Der Handelsminister Graf Jtzenplitz hat gestern fein 50jähriges Dienstjubiläum begangen. — Wie die „Germania" erfährt, ist der Seekadett Reinhardt in Kiel, der vor einiger Zeit zwei Civiliften verwundete, kriegsgerichtlich zu 6 Monaten Festung verurtheilt worden.
Der „Reichsanzeiger" bringt in feinem nichtamtlichen Theil folgendes Dementi: „Von dem auswärtigen Amt ergeht die Weisung, einem in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" vom 2. d. M. enthaltenen, in allen Thcilen willkürlich erfundenen Berichte aus Belgrad vom 28. April zu widersprechen. Der genannte Bericht hält einer Widerlegung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" gegenüber an der Behauptung fest, das Berliner Kabinet hege die Absicht, in ber Zwornikfrage zu Gunsten Serbien« zu inter- veniren. Der Korresponbent bemerkt: „Aus einer Quelle, bereu Lauterkeit nicht einen Augenblick angezweifelt werden kann, ist mir bekannt, daß Fürst Bismarck in der letzten an Hrn. v. Radowitz abgeschickten Note ausdrücklich befahl, die serbische Forderung zu unterstützen." Diese Mittheilung ist ihrem gelammten Inhalte nach erlogen. Es ist keine Note, keine Wei- |ung, keine Mittheilung dieser ober ähnlicher Art ergangen. Als biefe breiste Erfindung zum ersten Mal auflauchte, hat die darüber angestellte amtliche Ermittelung auf eine amtliche außerdMscken Kreisen nahestehende Quelle zurückgeführt, die wir einstweilen nicht öffentlich bezeichnen wollen. Der Korrespondent kennt ohne Zweifel diese Quelle und wird wissen, was er von der Lauterkeit derselben zu halten hat."
Die spanische Stacttsregierung hat auf geordnetem Wege anzeigen lassen, daß in Folge be« jetzt auSge» brochenen Aufstandes geheime Privatdepeschen (in Chiffern, einzelnen Buchstaben ober verabredeter Sprache abgefafjte Depeschen) zur Zeit auf den spanischen Linien nicht zugelassen werden. Nach einer Mittheilung der kaiserlichen General-Telegraphen-Direction können etwaige nach Portugal gerichtete Depeschen demnach bis auf Weiteres nur über die Linie Fail- mouth-Liffabon zur Beförderung gelangen.
Oesterreich - Ungarn.
Wien, 6. Mai. Die galizischen Abgeordneten Smolka, CzerkawSki und Grocholski sollen dem Vernehmen nach ihre Reichsmandate niederzulegen ent- schloffen fein. Demnach würde die extreme Fraction — Die Fensterläden am ganzen Hause waren geschloffen, nun aber öffnete sich rasch ein Laden im Erdgeschoß, und eine kreischende Weiberstimme tief: „Um’« Himmels Willen, wa« gibt’» denn in dieser späten Nachtstunde?" '7-.
„Ich bin’« — ich Malwine ..... Malwine Hermes!" war die Antwort. „Ich bitte Sie, Frau Braun, laffen Sie mich rasch ein, sonst sterbe ich hi« auf der Schwelle!"
Die Zeit, bis die Hausthüre geöffnet warb, dünkte Malwinen eine Ewigkeit, wie sie so dastand, leicht gekleidet, der kurze Opernmantel im Winde flatternd, sie selbst au allen Gliedern zitternd während die kalte Nachtluft ihre entblößleii Arme und den Nacken bestrich.
Der Affeffor war ihr schüchtern gefolgt, und bat nun demüthig: „Vergeben Sie mir, Madame; ich sehe, ich bin zu weil gegangen! . . . Sagen Sie mir, daß Sie mir verzeihen, ehe wir hier scheiden!"
Malwine stampfte in ohnmächtiger aberwitziger Wuth mit dem Fuße, wandte sich voll Verachtung von ihm ab und entgegnete: „Gehen Sie mir andern Wege! Bitten Sie den Himmel um Vergebung! — Sie bedürfen ihrer! — Gott mag Ihnen vergeben ; ich niemals!"
Die Thüre öffnete sich und fiel hinter der er« schütterten Frau wieder in's Schloß. Der Wagen rollte davon, und Eduard stieg die Stuten wird« herab und murmelte eine Verwünschung. Sein heuchlerisches , gewiffenloses Herz war für alle guten Regungen allzusehr abgestumvst, als daß er etwas Anderes gefühlt hätte, als Aerger über die Vereitelung feiner fein angelegten Plane und Furcht vor den Folgen und der Rechenschaft, die MalwinenS Gatte ober Vater über seine Handlungsweise von ihm begehren würde. (Fortsetzung folgt.)